Die Ausgewanderten. Vier lange Erzählungen ist der Titel einer Sammlung des Autors W. G. Sebald, die zuerst 1992 erschienen ist. Die Erzählungen zeichnen die Lebensläufe von vier Männern mit jüdischem Familienhintergrund nach, die sich infolge ihres Fremdwerdens in der Welt in hohem Alter selbst auf die eine oder andere Weise auslöschen.

Übersicht Die Lebensläufe der Hauptfiguren sind durch Pogrome, den Holocaust, die Auswanderung und das stille Fortwirken dieser Traumata oder auch durch eine verheimlichte HomosexualitätIn Sebalds Die Ringe des Saturn spielt die Homosexualität zweier Protagonisten eine ihre Persönlichkeit eher stärkende Rolle. (Vergleiche ebenda, S. 165, 168, 252.) bestimmt. Zu diesen vier schließlich innerlich und sozial Ausgewanderten tritt der Ich-Erzähler immer wie zufällig in eine persönliche Beziehung, in der sich die Einsicht in die Zwangsläufigkeit der persönlichen Dramen entwickelt. Allen vier sich im Umfang steigernden Erzählungen ist ein Motto vorgesetzt, in dessen viertem („Im Abenddämmer kommen sie und suchen nach dem Leben“) auch das lange, selbstzerstörerische Schweigen der Hauptfiguren aufscheint.

Der Erzähler rekonstruiert die vier Biografien auf der Grundlage eigener Begegnungen, aus Gesprächen mit Verwandten und Freunden der Hauptfiguren, aus Tagebüchern und Fotoalben sowie nach späteren Besuchen der Schauplätze. Sebald kombiniert diese verschiedenen Lebensläufe als Bausteine für seine Figuren, eine Methode der „Bricolage“ oder „Collage“, „aber es erscheint doch recht außergewöhnlich, dass die jüdischen Hauptfiguren in der Hälfte der Geschichten auf Nichtjuden basieren.“Angier bezeichnet die Methode als Bricolage oder Collage. „Es ist seltsam genug, dass die Vorbilder für Sebalds jüdische Figuren so oft Nichtjuden sind.“ Carole Angier: W. G. Sebald. Nach der Stille. Biografie, S. 110, 118, 354 ff., 513 . Neben den Erzähler treten GesprächspartnerSebald, Die Ausgewanderten, S. 63ff., 111ff., 246 ff. und Tagebuchschreiber,Sebald, Die Ausgewanderten, S. 186 ff., 289 ff. die in ihrem eigenen Stil belassen erscheinen und dem Text einen Anstrich von biografischer Forschung und Multiperspektivität geben.„Hier stieß ich zum ersten Mal auf das, was ich immer wieder bei den Vorbildern für seine [Sebalds] Fiktionen entdecken sollte: Sie waren alle wütend. Menschen, die sich für Zwecke der Kunst benutzt fühlen, sind es fast immer. (…) Ich sehe nur eine Antwort: Er wollte, dass die Leser seine Geschichte glauben. “ Carole Angier: W. G. Sebald. Nach der Stille. Biografie, S. 41, 43. So entsteht ein Sebaldscher „Sound“,Sebald habe nur durch Rückgriff auf eine vorzeitige Sprache die Schrecken des 20. Jahrhunderts beschreiben können. „So kommt es zu jener schwindelerregenden, fast schizophrenen Sebald-Tonart, die avanciert und altmodisch, preziös und grauengeladen zugleich ist.“ Vergleiche Mangold. der dem Leser demonstriert, wie sich nachdenkend die richtigen Schlüsse aus den an der Oberfläche sichtbaren Spuren ziehen lassen. Das Erzählen im Gestus der Erforschung biografischer Leidenslinien zeigt die Möglichkeit des Zugangs zu meist verschwiegenen und verschütteten Geschichten – das Grauen der Opfer und seine Erforschung könnte schon hinter der Tür eines Nachbarn beginnen.

Trotz der Titelergänzung „Erzählungen“ überschreiten mehrere Hinweise auf Daten aus der Biografie des Autors den fiktionalen Charakter.Sebald, Die Ausgewanderten, S. 7, 29, 45, 219, 263. Die Texte sind außerdem mit insgesamt 80 Fotos oder Faksimiles illustriert,Sebald, Die Ausgewanderten, S. 41, 275. Sebalds Strategie des Fotoeinsatzes untersucht Waller, S. 43 ff. die den Anspruch der Tatsächlichkeit des Erzählten unterstreichen. Die mit den Texten veröffentlichten Fotos verschieben die Erzählung in Richtung einer Dokumentation. Ein Großteil der Fotos könnte „echt“ sein, aber z. B. wird auch der Blick eines kurzsichtigen Selbstmörders aus der Froschperspektive auf die Schiene unter seinem Kopf nachbebildert oder fabriziert und eine der Figuren weist explizit auf die Fälschung einer historischen Aufnahme hin: „Hier werden wir stutzig. Wie kann er uns einerseits mit der Realität seiner Fotos schockieren wollen und uns gleichzeitig daran erinnern, dass es sich um Fälschungen handelte könnte? Diese Frage ist nicht aufzulösen.“Carole Angier: W. G. Sebald. Nach der Stille. Biografie, S. 355. Diese schwebende Zuordnung zu einem Genre nutzt Sebald auch in Austerlitz und in Die Ringe des Saturn, aber „Die Ausgewanderten [bilden] den Hauptschauplatz von Sebalds Mischung aus Fakten und Fiktion.“Carole Angier: W. G. Sebald. Nach der Stille. Biografie, S. 496. „Die Gattungsbezeichnung (...Erzählungen...) hilft nicht wirklich weiter“, man hat es „mit dieser Genre-Unbestimmtheit zu tun.“ Vergleiche Mangold.

Dr. Henry Selwyn Hersch Seweryn wandert als Siebenjähriger mit seiner Familie 1899 aus Litauen nach London aus, gewinnt als sehr guter Schüler mehrere Stipendien und ändert seinen Namen zu Henry Selwyn. Nach seinem Medizinstudium begeistert er sich in der Schweiz für das Bergsteigen und für einen sehr viel älteren Bergführer, dem „er von Anfang an sehr zugetan gewesen sei“ und dessen tödlicher Unfall bei ihm eine tiefe Depression auslöst.Sebald, Die Ausgewanderten, S. 23, 25. Er heiratet dennoch eine wohlhabende Schweizer Fabrikantentochter, der er das Geheimnis seiner Herkunft aber „noch sehr lange“ verschweigt.Sebald, Die Ausgewanderten, S. 34 f.

Der Erzähler trifft Selwyn auf der Suche nach einer Unterkunft auf dem Anwesen seiner Frau. Selwyn wohnt seit Längerem in innerer und im Sommer auch in äußerer Trennung von ihr in einer kleinen Eremitage, mehr und mehr belastet vom Verlust seiner Identität,Sebald, Die Ausgewanderten, S. 20, 31. den er dem Erzähler gegenüber als „Heimweh“ und als ein Gefühl anspricht, seine Seele verkauft zu haben.Sebald, Die Ausgewanderten, S. 30, 34. Nach der Auflösung seiner Praxis fand er seine fast einzige Ansprache, wie er dem Erzähler offenbart, in den Pflanzen des verwildernden Gartens und bei den drei Pferden, denen er ein Gnadenbrot gewährt. Wenige Wochen nach einem letzten Gespräch erschießt sich Selwyn und nach wieder einiger Zeit gibt der Gletscher nach 72 Jahren die menschlichen Reste von Selwyns verschollenem Geliebten frei – es haben, „wie mir in zunehmendem Maße auffällt, gewisse Dinge so eine Art, wiederzukehren, unverhofft und unvermutet“, kommentiert der gegen das Verdrängen erzählende Erzähler.Sebald, Die Ausgewanderten, S. 36. Wie eine Erklärung für den bitteren Lebensweg Selwyns und als Kompass für die Lebenden mahnt das Motto auf dem Titelblatt der Erzählung in lyrischer Setzung:

                                                                        Zerstöret das Letzte

                                                                        Die Erinnerung nicht

Die Hauptfigur wird vom Erzähler eingebettet in eine Textur der Kraftlosigkeit, des Verfalls und des versäumten Lebens: da erscheint der großgewachsene Selwyn seiner „bittstellerischen Haltung“ wegen „wie ein ganz kleiner Mensch“,Sebald, Die Ausgewanderten, S. 10. da lässt er den früher von ihm vielgenutzten Tennisplatz und die Gewächshäuser verfallen, weil er zu spüren glaubt, wie sich Garten und Park gegen die aufgezwungene Ordnung wehren,„Auch diese Szene ist Teil einer großen Parabel über das Weiterleben auf den Ruinen des eigenen Lebens.“ Vergleiche nma in der FAZ. da gibt es im Herrenhaus eine Vielzahl von Stiegen hinter den Wänden, von denen aus die herrschaftlichen Zimmer für eine große Dienerschaft in dauerndem Getriebe erreichbar waren,Sebald, Die Ausgewanderten, S. 17. Carole Angier: W. G. Sebald. Nach der Stille. Biografie, S. 31: „Wir befinden uns in einer Traum- oder Albtraumwelt, in der durch die Ruhe und Schönheit, die den Erzähler anziehen, etwas anderes dahinter hindurchschimmert.“ da pflegt seine im Gegensatz zu ihm geschäftstüchtige Ehefrau noch immer ihre Beziehungen in die Schweiz.Sebald, Die Ausgewanderten, S. 18, 20. Trotz des inzwischen ungebändigten, beispielhaften Wachstums im Garten und der Qualität seiner FrüchteSebald, Die Ausgewanderten, S. 13 f. gelingt es Selwyn nicht, früher aus seiner komfortablen Ordnung auszubrechen und z. B. an die beflügelnden Erlebnisse einer Kreta-Reise und ihre Perspektiven anzuknüpfen.Sebald, Die Ausgewanderten, S. 26 ff. All diese allegorischen Aufbrüche können das der Untröstlichkeit zutreibende Leben Selwyns nicht retten.

Paul Bereyter Der Erzähler erfährt vom Selbstmord seines ihn Anfang der 50er Jahre unterrichtenden Volksschullehrers, wird neugierig und rekonstruiert das Leben der Titeltfigur. Nach einer ersten Annäherung durch seine Schüler-Erinnerungen an den UnterrichtSebald, Die Ausgewanderten, S. 45 ff. beginnt der Erzähler, mehrere Gespräche mit einer Freundin Bereyters und das ihm überlassene Fotoalbum in seine Untersuchung einzubeziehen und das Lebensbild einer zunehmenden Vereinsamung entstehen zu lassen.Sebald, Die Ausgewanderten, S. 63 ff. Dieses Prinzip des Grabens von der Oberfläche in die Tiefe, das er als erzählerische Bewegung nachformt, hat der Erzähler als Kind bei seinem Volksschullehrer in einem die Neugier entfachenden Unterricht hartnäckigen Suchens außerhalb der Schule erlebt.

Das Ausgegrenzt-Werden des viertel-jüdischen Lehrers aus der heimatlichen Gesellschaft wird in einer Reihe von korrelierenden Facetten deutlich: in seiner Entfernung aus dem Schuldienst 1935, in der Ermordung seiner jüdischen Geliebten, in seinem Lieblingsstandort während des Unterrichts in der Klasse in einer Fensternische, zwischen Drinnen und Draußen,Sebald, Die Ausgewanderten, S. 52. in der dauernden Abwesenheit von seinem Wohnort,Sebald, Die Ausgewanderten, S. 43, 55. in seiner durch Musik plötzlich hervorgerufenen Traurigkeit,Sebald, Die Ausgewanderten, S. 62. in seinem „in zunehmendem Maße auffällig fremde(-n) Verhalten“.Sebald, Die Ausgewanderten, S. 43.

Als Kind hatte Bereyter die Vielfalt und Offenheit einer jüdisch-bürgerlichen Welt noch im Kaufhaus seines VatersSebald, Die Ausgewanderten, S. 75 ff. kennen gelernt, die vom Holocaust und der deutschen Nachkriegsgesellschaft ausgelöscht wurden. Das „unüberwindliche Gefühl der Niederlage“Sebald, Die Ausgewanderten, S. 72. durch dieses siegreiche Ordnungskonzept der Kriegs- und Nachkriegsgesellschaft trieb ihn schließlich dazu, sich vor einen Zug zu legen, diesem Symbol einer scheinbar ehernen Ordnung, der auch seine jüdische Geliebte zum Opfer gefallen war.Sebald, Die Ausgewanderten, S. 71 ff., 90, 92.

Was es mit dieser Untröstlichkeit auf sich hatte, das einigermaßen zu ergründen gelang mir erst, als ich meine eigenen, bruchstückhaften Erinnerungen einordnen konnte in das, was mir erzählt wurde von Lucy Landau, die, wie sich im Verlauf meiner Nachforschungen in S. herausstellte, das Begräbnis Pauls auf dem dortigen Friedhof arrangiert hatte.Sebald, Die Ausgewanderten, S. 63. Oft sind es Sätze wie dieser, die durch Einschübe und Unterbrechungen, im Gestus der Selbstkorrektur und Ergänzung berichten und die Erzählung durch Archaismen, mundartliche Besonderheiten oder Fremdworte noch weiter aus der Umgangssprache hinausrücken.Sebald, Die Ausgewanderten, S. 48, 53, 56, 74,75; 176, 179, 344 f. Für Mangold ist Sebalds Sprache eine „höchst manierierte Kunstsprache (...) als sei sie im Gespräch mit Adalbert Stifter und Johann Peter Hebel entstanden.“ In dieser zweiten Erzählung ist im Vergleich zu den anderen der Stil extrem aufgelöst, in den anderen vielleicht auch durch die längeren Passagen mit den Stimmen anderer Erzähler flüssiger als in dieser.

Ambros Adelwarth