mini|500px|Erstdruck (Titelblatt und zeitgenössische Einbände) Titan ist der Titel eines von 1800 bis 1803 in vier Bändenbei Karl Matzdorff in Berlin publizierten, im Stil zwischen Erhabenheit und Satire oszillierenden, Bildungs- und Gesellschaftsromans von Jean Paul. Die Haupthandlung spielt in den Jahren 1791 und 1792 zur Zeit der Französischen Revolution im kleinen fiktiven Fürstentum Hohenfließ. Der Protagonist Albano wird während seiner Entwicklungs- und Reifezeit vom idealistischen, empfindsamen Jüngling zum gereiften Mann in höfische Intrigenhandlungen und Liebesbeziehungen verwickelt.
Handlung Vorgeschichte Der Roman ist eine Mischung aus der komplizierten Hofintrigenhandlung und der Entwicklungsgeschichte Albanos, der im Laufe der Zeit in verschiedene tragische Liebesbeziehungen verstrickt wird und am Ende seine wahre Identität entdeckt. Dabei entspricht sein jeweiliger Informationsstand im Wesentlichen dem des Lesers, der erst im letzten Kapitel die Hintergrundhandlung erfährt:
Die Herrscher der beiden kleinen Fürstentümer Hohenfließ und Haarhaar sind miteinander verwandt und haben gegenseitig Anspruch auf die Erbfolge, wenn eines der Länder keinen Thronfolger hat. Fürst Justus von Hohenfließ und seine Frau Eleonore befürchten einen Mordanschlag auf den kränklichen Erbprinzen Luigi und auf weitere Nachkommen. Da die Fürstin und ihre Freundin, die Gräfin de Cesara, gleichzeitig schwanger sind, vereinbaren sie einen Kindstausch. Auf Isola Bella gebärt die Gräfin die Tochter Severina (später Linda genannt) und die Fürstin das Zwillingspaar Albano und Julienne. Albano wird aus Sicherheitsgründen offiziell als Sohn des Grafen ausgeben und man dokumentiert die Situation, um sie später im Krisenfall rückgängig machen zu können. Als Gegenleistung soll Albano einmal nach der Offenbarung seiner wahren Identität die Cesara-Tochter heiraten. Der spanische Graf und Ritter vom Goldenen Vlies Gaspard de Cesara ist als Diplomat und Berater des Fürsten sehr einflussreich und hat hohe Ambitionen: Nachdem sein Versuch, in das Haarhaar-Haus einzuheiraten, abgelehnt wurde, soll seine Tochter Fürstin von Hohenfließ werden. Voraussetzungen für das Gelingen des Plans sind die frühe Trennung der angeblichen Geschwister durch den Umzug der Gräfin und ihrer Tochter nach Sevilla, Prophezeiungen über Albanos künftige Braut, das Auftauchen Severinas als Mündel des Grafen unter dem Namen Linda Romeiro in der Hohenfließer Residenzstadt Pestitz (2. Jobelperiode, 16. Zykel) und ihre durch geheimnisvolle Vorzeichen vorbereitete Bekanntschaft mit Albano.
Drei Jahre lebt Albano de Cesara im Palazzo Borromeo auf der Insel Isola Bella im Lago Maggiore. Dann wird er von seiner offiziellen Familie getrennt und zur besseren Überwachung ins Fürstentum zurückgeholt. 17 Jahre lang wächst er in Blumenbühl bei dem Landschaftsdirektor Wehrfritz und seiner Frau Albine zusammen mit seiner Pflegeschwester Rabette auf. Für seine vielseitige Ausbildung zum Prinzen engagiert der Hof mehrere Lehrer: Magister Wehmeier, Tanz- und Zeremonienmeister Falterle, Landbaumeister Dian, Titularbibliothekar Schoppe und Lektor von Augusti. Albano steht im 20. Lebensjahr, als ihn Don Gaspard zu einer ersten Begegnung nach Isola Bella ruft.
Erster Band (1. bis 9. Jobelperiode, 1. bis 52. Zykel)
Besuch auf Isola Bella Der Roman beginnt am Gründonnerstag 1791 mit der Ankunft des 19-jährigen Albano (Der Erzähler nennt ihn auch Zesara, Cesara oder Graf), begleitet von dem Künstler und Landbaumeister Dian und dem Bibliothekar Peter Schoppe, auf der Insel. Nicht nur die Erwartung der Begegnung mit der von ihm bewunderten vermeintlichen Vaterfigur, sondern auch das italienische Klima und die südliche Landschaft versetzen Albano in eine überreizte, erhabene Stimmung. Er ist ein idealistischer, empfindsamer Jüngling mit „Durst nach allem Großen“. Einerseits verbindet sich sein „Fieber der jungen Gesundheit“ mit dem „besonderen Trieb nach Zertrümmern“. Er mag bedächtige, vorsichtige Leute nicht, sondern die feurigen „Streit- und Donnerrosse“ und denkt wie der gesellschaftskritische Satiriker Schoppe, der Höfe hasst. Andererseits ist er zu Tränen gerührt über die Begegnung mit den Orten seiner Kindheit und versinkt beim einsamen Gang durch die Parkanlagen, in „jene unnennbare Wehmut […], worein das Übermaß der Wonne den Schmerz der Grenzen kleidet“. In dieser Stimmung entdeckt er, als schicksalhafte Vorausdeutung, an einem indischen Bäumchen einen Zettel mit dem Namen „Liane“.
Am Karfreitag trifft Graf Gaspard de Cesara zusammen mit dem Hofbeamten Augusti aus Rom ein, wo er einige Zeit mit dem Erbprinzen Luigi und dessen Vertrauten und Abgesandten Haarhaars beim Papst Bouverot zusammen war. Wie der Leser späterim 37. Zykel durch den Lektor Augusti und in der 35. Jobelperiode, 142. Zykel aus Eleonores Brief erfährt, hat dieser „deutsche Herr“ und „Kreuzherr“ Luigi bei seinen Bildungsreisen nach Italien zum Verkehr mit an Syphilis erkrankten Prostituierten verleitet, um ihn nach der Strategie Haarhaars, und vermutlich mit Wissen des Grafen, gesundheitlich zu ruinieren und zeugungsunfähig zu machen. Auch ist er gerade dabei, die Ehe des Thronfolgers mit der Haarhaar-Prinzessin Isabella zu arrangieren. Für seine Dienste hat man ihm die Heirat mit Prinzessin Idoine versprochen, die diese allerdings ablehnt. Zeitgleich mit dem Grafen kehrt Prinz Luigi von Rom nach Hohenfließ zurück, weil seine Mutter gestorben ist und der Tod des Vaters befürchtet wird.
Don Gaspard tritt Albano gegenüber freundlich und zgl. weltmännisch-kühl auf und spricht von der privaten Situation nur in rätselhaften Andeutungen. Er zeigt ihm zwei Vexierbilder von Mutter und Schwester mit den Inschriften: „Wir sehen uns nie, mein Sohn“ bzw. „Wir sehen uns einst, mein Bruder“. Er werde eines Tages eine Botschaft erhalten, die ihm – auf einem sehr ausgeklügelten Weg – ein Schriftstück in die Hände spiele, „aus dem der Christbaum seines ganzen Lebens wachsen soll.“ Der Vlies-Ritter ordnet weiter an, Albano wohne künftig in Pestitz, der Residenzstadt von Hohenfließ, die er bisher nicht betreten durfte. Dort werde er Jura studieren, beim Minister „von Froulay […] Kenntnisse des Regierung- und Kammerwesens“ erwerben und bei Hof Erfahrungen im Umgang mit der adligen Gesellschaft und den Diplomaten sammeln: „Nur durch Menschen besiegt und übersteigt man Menschen, nicht durch Bücher und Vorzüge.“ (5. Zykel)
In der folgenden Nacht begegnet Albano im Garten des Palazzo Borromeo einem gespenstischen Mönch. Dieser grüßt ihn: „Gedenke des Todes“ und tituliert sich als „Vater des Todes“. Er ist ein „Zahuri“, denen „wird bekanntlich die Kraft zugetraut, Leichname […] in der tiefen Erde zu erblicken.“ Der Mönch prophezeit, Albanos Schwester werde zu dieser Nachtstunde in Spanien sterben, gleich danach werde er ihre Stimme hören und ihre Gestalt auf dem Wasser sehen. Albano fährt mit dem Mönch in den See hinaus. Über ihnen ertönt eine Stimme: „Nimm die Krone, nimm die Krone – ich helfe dir.“, sodann: „Liebe die Schöne, liebe die Schöne, ich helfe dir.“ Gleichzeitig mit der Stimme „Liebe die Schöne, die ich dir zeige...“ gewahrt Albano für „wenig Sekunden“ ein über dem Wasser schwebendes Mädchen. Wieder an Land, verkündet der Zahuri: „Am künftigen Himmelfahrttage [Albanos Geburtstag] in deiner Geburtstunde wirst du neben einem Herzen stehen, das in keiner Brust ist, und deine Schwester wird dir vom Himmel den Namen deiner Braut verkündigen.“ Dieser Auftritt ist Bestandteil des Plans, den sich der Graf ausgedacht hat, um sein Ziel zu erreichen und sich zugleich an Haarhaar zu rächen („… denn er lachte sehr, wenn die Menschen sehr hübsch betrogen werden“). Sein Bruder Peppo, ein Illusionist, soll das Interesse des phantasievollen und für übernatürliche Erscheinungen und Träume empfänglichen Jünglings auf seine Tochter lenken. Der Magier, Bauchredner und Stimmenimitator tritt im Laufe Handlung in verschiedenen Masken, mit Lichteffekten, Theater-Requisiten und Wachspuppenautomaten auf, um Albano mit surrealen Erscheinungen und Prophezeiungen seiner zukünftigen Frau in seine Richtung zu lenken. Dementsprechend ist der Wassergeist nach der Gestalt Lindas modelliert, wie Albano später in Pestitz durch einen Vergleich mit einem Bild des Mädchens feststellt: „[E]s war ganz die Gestalt, welche in jener Zaubernacht aus dem Lago maggiore aufstieg, …“ (59. Zykel).
Don Gaspard verlässt am nächsten Morgen die Insel ohne Abschied. Albano kehrt mit Schoppe und Augusti nach Hohenfließ zurück, während Dian im Auftrag des Fürsten nach Rom reist, um Kunstgegenstände für seine Sammlung zu erwerben. Kurz vor Pestitz erinnert sich Albano beim Anblick Blumenbühls an seine Kindheit. Mit der 2. Jobelperiode beginnt ein Rückblick2. Jobelperiode, 1. Zykel bis 4. Jobelperiode, 27. Zykel auf Albanos Zeit bei der Familie Wehrfritz und auf seine Informationen über die Ereignisse in der Residenzstadt, die ihm wegen seiner Ähnlichkeit mit dem Fürsten verschlossen ist.
Rückblick auf Albanos Kindheit in Blumenbühl