mini|Typisches Firmenschild der Firma H. Voit & Söhne an der Orgel der Friedenskirche Kirkel-Neuhäusel mini|Briefkopf von H. Voit & Söhne auf Rechnung von 1913
H. Voit & Söhne war ein Orgelbauunternehmen in Durlach, das überwiegend Orgeln für den südwestdeutschen Raum, aber auch in das internationale europäische Ausland lieferte. Das Unternehmen hat seine Wurzeln bereits im ausgehenden 17. Jahrhundert und firmierte von 1890 bis zur Firmenaufgabe im Jahr 1932 unter diesem Namen.
Geschichte Frühgeschichte
Das Familienunternehmen Voit stammte ursprünglich aus Franken und war vor der Umsiedelung nach Durlach bereits in der vierten Generation tätig. Als Firmengründer gilt Johann Georg Voit, der die Firma 1670 in Schweinfurt gründete und bis 1701 führte. Dessen Sohn Johann Bernhard Voit war daraufhin Inhaber der Firma bis zum Jahr 1730. Von 1730 bis 1771 wurde das Unternehmen durch Johann Rudolf Voit in der dritten und ab 1771 durch Johann Michael Voit in der vierten Generation geführt.Peter Blum: Die Voit-Orgel in der Stadthalle Heidelberg: Orgelrestaurierung – ein Beitrag zur Kulturgeschichte. Heidelberg 1993.
Johann Volkmar Voit (1772–1806), Sohn von Johann Michael Voit, hatte vier Brüder, darunter Carl Friedrich Voit und Johann Christian Voit. Johann Volkmar Voit siedelte 1794 von Schweinfurt nach Durlach (heute Stadtteil von Karlsruhe) über, wo er im selben Jahr Katherina Friederike Stein, die Tochter des Durlacher Orgel- und Klavierbauers Georg Marcus Stein (1738–1794), heiratete und nach dem Tod des Schwiegervaters das Unternehmen übernahm. Nach dem frühen Tod von Johann Volkmar Voit, den Kurfürst Karl Friedrich 1804 zum Badischen Hoforgelmacher ernannt hatte, heiratete die Witwe den Orgelmachergesellen Johann Ludwig Wilhelm Bürgy (1761–1838). Er bildete seinen Stiefsohn Louis Voit (1802–1883) zum Orgelbauer aus und machte ihn 1835 zu seinem Teilhaber und Nachfolger. Louis Voit hatte die Leitung der Firma von 1835 bis 1870 inne.
Inhaber Heinrich Voit mini|Ehemaliges Fabrikportal (2005)
1870 wurde Louis’ Sohn Heinrich Voit (* 18. März 1834 in Durlach; † Oktober 1914 ebenda) Geschäftsführer und firmierte ab 1890 zusammen mit seinen Söhnen Emil (1865–1924) und Siegfried (1870–1939) als H. Voit & Söhne. Des Weiteren waren auch die jüngeren Söhne Heinrich Voit jun. (1871–1926) und Julius Voit (1883–1955) im Familienunternehmen tätig.
Unter Heinrich Voit erlebte das Unternehmen bis zum Ersten Weltkrieg seine Blütezeit. In das Jahr 1890 fällt die erste Voit-Orgel mit pneumatischer Traktur. Zu Heinrich Voits Zeit wurde 1899 ein der amerikanischen Rooseveltlade ähnliches, sehr reaktionsschnelles pneumatisches Windladensystem entwickelt. Angesichts der bereits ab etwa 1885 von Voit vereinzelt gebauten Scheibenlade, so in der Kirche Bühl-Neusatz erhalten, muss hinterfragt werden, ob Voit sich wirklich an dem US-Vorbild orientierte, wie in der spärlich vorhandenen Literatur vereinzelt behauptet wird.Gerhard Wagner u. a.: Die Voit-Orgel in der Stadthalle Heidelberg. Orgelrestaurierung – ein Beitrag zur Kulturgeschichte. Heidelberg 1993. Da die Scheibenlade gewissermaßen eine mechanische Version des 1899 von Voit patentierten pneumatischen Windladensystems ist, könnte sie durchaus ebenso als Vorbild gedient haben. Die ersten Versuche mit elektrischer Traktur fanden bereits 1885 in der Kirche St. Barbara in Forst (Baden) statt. Allerdings bezog Voit seit mindestens 1887 elektropneumatische Trakturen von M. Welte & Söhne, die Zusammenarbeit ist nicht erforscht.M. Welte & Söhne.
In der Evangelischen Stadtkirche und der Kirche St. Bernhard, beide in Karlsruhe, wurden Hochdruckregister disponiert.
Eine Spezialität des Unternehmens waren großzügig gebaute Konzertsaalorgeln. 1903 baute Voit für die Stadthalle Heidelberg nach den Plänen des Heidelberger Universitätsmusikdirektors Philipp Wolfrum eine große Konzertorgel mit dem ersten fahrbaren elektrischen Orgelspieltisch in DeutschlandVgl. Wagner, S. 19. Der Begriff „elektrischer Spieltisch“ ist hier nicht ganz korrekt, da sich im Spieltisch pneumatische Relais befinden.. Die Instrumente in der Stadthalle Heidelberg und im Prager Smetanasaal sind auf den Ursprungszustand restauriert erhalten. Die Konzertorgel des Kurhauses in Baden-Baden war ausgelagert, wurde 2022/23 restauriert und in der Pfarrkirche Erbendorf aufgebaut. Im Jahr 1912 lieferte Voit eine dreimanualige Orgel mit 50 Registern an die Privatresidenz des Grafen de la Révelière (nicht erhalten).Rupp gibt die Disposition in französischer Sprache wieder, gleichwohl waren die Orgeln von denen Cavaillé-Colls im Klang deutlich zu unterscheiden. Eine Besonderheit stellt der Fall der nicht mehr erhaltenen, großen Voit-Orgel im Franz-Liszt-Konservatorium in Budapest dar. Diese Orgel war 1967 durch eine Walcker-Konzertorgel im neobarocken Stil ersetzt worden. In den Jahren 2017–2018 wurde die Voit-Orgel durch die Firma Klais bis ins kleinste Detail (Spieltischanlage, Elektrik) originalgetreu rekonstruiert, so dass das zuvor verlorene Voit’sche Opus maximum nun wieder vorhanden ist.
Heinrich Voit belieferte auch verschiedene kleinere badische Orgelbauer mit Orgelteilen und Pfeifen, so zum Beispiel seinen ehemaligen Lehrling Mathias Burkart (1838–1922) in Heidelberg-Kirchheim oder Wilhelm Schwarz & Sohn in Überlingen.
Viele Voit-Orgeln wurden im Krieg zerstört, andere wurden später abgebaut, da sich der Zeitgeist in Abkehr von den sehr grundtönig und warm klingenden Instrumenten Voits hin zu barocken Vorbildern gewandelt hatte, und die Voit’schen pneumatischen und elektropneumatischen Windladen sehr anfällig für klimatische Einflüsse waren (so wurde die erhaltene Voit-Orgel im Volkshaus Jena noch in den 1980er Jahren durch einen Neubau ersetzt). Ein bedeutendes Instrument in einer Kirche steht in der Lutherkirche Mannheim; sie besitzt 3 Manuale und 40 Register und wurde nach Kriegsbeschädigung und neobarocken Umbauten nahezu auf den Ursprungszustand restauriert; sie ist die größte erhaltene Kirchenorgel der Firma unter Heinrich Voit.
Hans Voit (1904–1994), Sohn von Heinrich Voit jun., gründete 1930 in Stendal einen eigenen Betrieb.
Niedergang des Unternehmens mini|Heutiges Kulturzentrum Orgelfabrik (2005) Der Erste Weltkrieg schwächte das Unternehmen beträchtlich. Ab 1914 wurden bis zu Kriegsende beinahe alle Arbeiter eingezogen, Carl Hess (1879–1943), langjähriger Betriebsleiter und Intonateur, hielt zusammen mit Emil und Siegfried Voit in Durlach den Betrieb notdürftig aufrecht. Nur wenige der erfahrenen ehemaligen Mitarbeiter kehrten nach Kriegsende wieder heim.
An vielen der nach 1918 neu gebauten Orgelwerke waren bereits bei der amtlichen Abnahme schwerwiegende technische Mängel vorhanden. Den 1927 misslungenen Umbau der Orgel in Mannheim-Feudenheim nahm der für Baden tätige evangelische Orgelbauinspektor Walter Leib zum Anlass, öffentlich vor den Arbeiten von Voit zu warnen.
Unternehmensaufgabe und Nachfolge
Betriebsleiter Carl Hess gründete 1920 in Durlach einen eigenen Orgelbaubetrieb und förderte systematisch den Niedergang seines ehemaligen Arbeitgebers. Im Frühjahr 1932 gab Siegfried Voit das Unternehmen auf. Die bis dahin noch bei Voit verbliebenen Orgelbaumeister Reinhold Sauder (als Intonateur) und Wilhelm Wagner (als Windladenschreiner) machten sich selbstständig. Die oft verbreitete Anmerkung, Hess habe sich in Voits Werkstätten eingerichtet, ist allerdings unbelegt und nicht haltbar. Bereits in den 1930er Jahren baute Carl Hess vereinzelt Schleifladen.
Nach dem Tod von Carl Hess führte die Witwe Anni Hess geb. Meyer (1900–1981) den Betrieb bis zum Jahresbeginn 1961 weiter. Dann erlosch auch die Firma Hess.
Werkliste (unvollständig)
Kursivschreibung zeigt an, dass die Orgel nicht mehr oder nur noch der Prospekt erhalten ist. In der sechsten Spalte bezeichnet die römische Zahl die Anzahl der Manuale, ein großes „P“ ein selbstständiges Pedal. Die arabische Zahl gibt die Anzahl der klingenden Register an. Die letzte Spalte bietet Angaben zum Erhaltungszustand und zu Besonderheiten sowie Links mit weiterführender Information.
Johann Rudolf Voit (1730–1771) Jahr Ort Gebäude Bild Manuale Register Bemerkungen1730MainstockheimSt. Jakobuszentriert|160x160pxI/P121730MailesLukaskirchezentriert|160x160pxI/P81751Königsberg in BayernSt. BurkhardI/P91751BurgpreppachEvangelische KircheI/P111973 Erweiterung um ein Rückpositiv auf II/19 durch Gerhard Schmid (Kaufbeuren)1758WeichtungenSt. JosefI/P13Prospekt aus dem Jahr 1630; erhalten1766GollhofenSt. Johanniszentriert|160x160pxI/P12→ Orgel
Johann Michael Voit (1771–1794) Jahr Ort Gebäude Bild Manuale Register Bemerkungen1776EscherndorfSt. Johannes Baptistzentriert|160x160pxI/P11erhalten~ 1780RödelseeEvangelische Bartholomäuskirchezentriert|160x160pxI/P1786HelmershausenEvangelische Kirche (Dom der Rhön)zentriert|160x160pxII/P26erhalten1791WetzhausenSt.Martinzentriert|160x160pxI/P14erhalten
Johann Volkmar Voit (1794–1806) Jahr Ort Gebäude Bild Manuale Register Bemerkungen1801KleinlangheimSt. Georg und Mariazentriert|160x160pxI/P13erhalten1801BauschlottEvangelische Kirchezentriert|160x160pxI/P121882 ersetzt durch eine neue Orgel von Louis Voit; alte Voit-Orgel von 1801 umgesetzt in die Evangelische Kirche von Schönau (Pfalz), 1971 dort durch Oberlinger um ein Rückpositiv auf II/17 erweitert.1802Langensteinbach (Karlsbad)Evangelische KircheIIP111871 ersetzt
Louis Voit (1835–1870) Jahr Ort Gebäude Bild Manuale Register Bemerkungen1836FeldbergSt. UlrichI/P8verändert erhalten → Orgel1840KnittelsheimSt. Georgzentriert|160x160pxII/P18technisch verändert erhalten1840ZeiskamSt. Bartholomäuszentriert|160x160pxII/P221910 durch einen Neubau der Firma Link ersetzt, dieser wiederum 1980 durch einen Neubau von Gerhard Kuhn (Esthal) ersetzt; Gehäuse erhalten1841GrünwettersbachEvangelische KircheI/P12restauriert durch Firma Vier → Orgel1844GuttenbachEvangelische KircheI/P10erhalten1846Wartenberg-RohrbachEvangelische KircheI/P111846SembachProtestantische KircheI/P131848NüstenbachEvangelische KircheI/P6erhalten1849MeckesheimEvangelische KircheTechnischer Neubau einer älteren Orgel; 1937 ersetzt durch einen technischen Neubau der Firma Walcker1850Neunkirchen (Baden)St. BartholomäusI/P15erhalten1851MückenlochEvangelische KircheI/P61931 durch einen Neubau der Firma Walcker ersetzt, dabei wurden einige Pfeifen wiederverwendet.1853FriedrichshofSt. Maria RosenkoenigI/P9restauriert durch Vleugels 19931860GerolzahnSt. MarienI/P4restauriert durch Vleugels 19741860Schönbrunn (Baden)Evangelische Kirche1921 durch einen Neubau der Firma Voit ersetzt; Gehäuse erhalten1861KnielingenEvangelische KircheII/P231908 Umbau und Erweiterung durch Voit; 1983 durch einen Neubau von Georges Heintz (Schiltach) ersetzt, dabei wurde zahlreiches Pfeifenwerk wiederverwendet.1864Baden-BadenEvangelische StadtkircheII/P30nicht erhalten1865Hartheim am RheinSt. Peter und PaulII/P20verändert erhalten, erbaut für Sulz bei Lahr → Orgel1867Baden-BadenSt. Bonifatiuseinige Register erhalten1868LadenburgSt. Galluszentriert|160x160pxIII/P41seit 2005 Alexanderkirche Marbach → Orgel1869WeidenthalChristuskirchezentriert|160x160pxII/P24erhalten, restauriert 1997 durch Gerhard Kuhn, Esthal
Heinrich Voit & Söhne (1870–1932)