mini|Minya Diéz-Dührkoop (Selbstporträt, 1908) Minya Diez-Dührkoop (geboren als Julie Wilhelmine Dührkoop; * 21. Juni 1873 in Hamburg; † 17. November 1929 ebenda) war eine deutsche Fotografin.
Leben Julie Wilhelmine DührkoopAuch wenn die Fotografin in einigen Abzügen ihrer Aufnahmen mit „Diéz-Dührkoop“ signierte, ist der korrekte Name Diez-Dührkoop. Begründung: 1. Meldekarte Staatsarchiv Hamburg K4369 (Mikrofilm, Originalkartei vernichtet): Der Name des aus Málaga stammenden Ehemannes ist mit "Diez Louis" angegeben. 2. Im Spanischen schreibt sich der Nachname Diez, abgeleitet von Díaz, häufig Díez mit Akzent auf dem ‚i‘, aber auch ohne Akzent Diez als deutsche Adaption. Diéz ist als Fehler anzusehen, da die Betonung im Spanischen auf dem ‚i‘ liegt. 3. Auch das spanische Wort diez für zehn wird ohne Akzent geschrieben, wobei die Betonung beim Sprechen auf dem ‚e‘ liegt. wurde als zweite Tochter des renommierten deutschen Porträtfotografen Rudolf Dührkoop geboren. Weder über ihre Mutter Maria Louise Caroline Dührkoop geb. Matzen noch über ihre ein Jahr ältere Schwester Hanna Maria Theresia ist etwas bekannt.Odette M. Appel-Heyne: Rudolf Dührkoop.…, S. 9. Ihr Vater war bei einer Eisenbahngesellschaft beschäftigt; er entschloss sich nach einer kurzen kaufmännischen Berufszeit, Fotograf zu werden. Als Autodidakt gründete er 1883 ein Atelier für Porträtaufnahmen.
Im Jahr 1887 begann Minya Dührkoop vierzehnjährig als Assistentin in seinem Atelier zu arbeiten. Ihre Karriere war eng verknüpft mit der des Vaters. In dessen Atelier wurde sie zur selbstständigen Mitarbeiterin ausgebildet. Das Atelier Rudolf Dührkoop lebte hauptsächlich von Porträtaufnahmen, war aber auch für Reportageaufnahmen bekannt. 1894 heiratete Minya Dührkoop den aus Málaga stammenden Fotografen Luis Diéz Vazquez. Über eine berufliche Zusammenarbeit der Eheleute ist nichts bekannt. Als die Ehe 1901 geschieden wurde, behielt Minya Diez den Ehenamen bei.Gabriele Betancourt Nuñez: Die Fotografinnen im Hamburg der zwanziger Jahre, S. 291.
1899 wurde Rudolf Dührkoop durch die Teilnahme an einer internationalen Ausstellung für Fotografie in Hamburg einer größeren Öffentlichkeit für seine „ungewöhnlichen“ Porträtaufnahmen bekannt. Er porträtierte außerhalb eines Ateliers, verzichtete auf jegliche Retusche, wählte ungewohnte Ansichten und nannte es „künstlerische Kamerabildnisse“. Im Herbst 1901 traten Minya und Rudolf Dührkoop ihre erste Reise nach England an. Es folgten 1904/1905 Reisen nach Amerika.Odette M. Appel-Heyne: Rudolf Dührkoop …, S. 67. Die Reisen waren zum einen Ausstellungsbesuchen und eigenen Ausstellungen gewidmet, zum anderen dienten sie der Kontaktpflege mit anderen Fotografen.
Am 22. September 1906 wurde Minya Diez-Dührkoop Gesellschafterin von „Rudolf Dührkoop“.„Rudolf Dührkoop. Julie Wilhelmine, geb. Dührkoop, ges. Diez, zu Hamburg, ist als Gesellschafterin eingetreten; die offene Handelsgesellschaft hat begonnen am 22. September 1906. …“ – Eintragungen in das Handelsregister. In: »Hamburgischer Correspondent«, 28. September 1906, Morgenblatt, 3. Beilage, S. 4 Dazu überließ er seiner Tochter das neu angemietete Hamburger Atelier am Jungfernstieg 34 im Heine-Haus, um ab Dezember ein Atelier in Berlin zu betreiben.Anzeige in »Berliner Tageblatt«, 5. Dezember 1906, S. . Nach dem Tod des Vaters im Jahr 1918 führte Minya Diez-Dührkoop das Hamburger Atelier weiter. Ab 1926 wurde das Atelier unter dem Namen „Minya Dührkoop“ geführt.
Minya Dührkoop heiratete 1926 erneut. Ihr zweiter Ehemann Fritz Karl Gustav Schulz führte nach ihrem Tod das Atelier fort.Eintrag ins Handelsregister aus dem Jahr 1930: Fritz Karl Gustav Schulz, genannt Elard(?), Kaufmann zu Hamburg sei Eigentümer geworden. Ab 1935 war Antonio Machado, ein langjähriger Mitarbeiter, Inhaber der „Dührkoop Werkstätten“.
mini|Minya Diez-Dührkoop, 1910 porträtiert von ihrem Vater Rudolf Dührkoop Künstlerisches Netzwerk: Reisen und Vereinsbeitritte In einer Zeit, in der die Fotografie dank des technischen Fortschritts zum herausragenden Massenmedium avancierteFranz Günter Zehnder (Hrsg.): Schafgans. 150 Jahre Fotografie. Wienand Verlag, Köln 2004, S. 35. und die Amateure in der Kunstfotografie mehr und mehr Einfluss erlangten, waren nur noch wenige Berufsfotografen öffentlich präsent.Rudolf Herz, Brigitte Bruns: Hof-Atelier Elvira 1887–1928 …, S. 136. Minya und Rudolf Dührkoop konnten sich durch die hohe künstlerische Qualität ihrer fotografischen Arbeiten durchsetzen. Zudem war die kontinuierliche Pflege und Erweiterung ihres künstlerischen Netzwerks von entscheidender Bedeutung für ihren Erfolg.
Minya Diez-Dührkoop sammelte selbst zeitgenössische Kunst. Sie besaß beispielsweise ein Gemälde der Malerin Alma del Banco. Sie bewegte sich in Hamburger Künstlerkreisen, in ihrem Atelier im Jungfernstieg 34 verkehrten zahlreiche Literaten und Künstler. Sie wurde 1910 passives Mitglied der expressionistischen Künstlergemeinschaft „Brücke“.Gabriele Betancourt Nuñez: Die Fotografinnen im Hamburg der zwanziger Jahre, S. 292. Sie pflegte Kontakte zu Literaten wie Richard Dehmel und seiner Frau IdaOdette M. Appel-Heyne: Rudolf Dührkoop …, S. 71. und bildenden Künstlern wie Max Pechstein, Franz Radziwill und Karl Schmidt-Rottluff.Gabriele Betancourt Nuñez: Die Fotografinnen im Hamburg der zwanziger Jahre, S. 291 f.Gerhard Wietek: Franz Radziwill …, S. 194.
Auch Begegnungen in Übersee prägten ihre Arbeit. Ein Höhepunkt in Minya Diez-Dührkoops künstlerischem wie gesellschaftlichem Leben war die USA-Reise im Jahr 1911, die auf Einladung der Photographers Association of America stattfand. Vater und Tochter Dührkoop wurden gebeten, einige Lesungen und praktische Demonstrationen ihrer Arbeit in Saint Paul (Minnesota) zu halten, was beweist, dass ihre Porträts auch international hohe Anerkennung fanden.Odette M. Appel-Heyne: Rudolf Dührkoop …, S. 101. In den Vereinigten Staaten machten die beiden Bekanntschaft mit berühmten Fotografen wie Gertrude Käsebier. George Eastman ließ sich von Diez-Dührkoop porträtieren.Odette M. Appel-Heyne: Rudolf Dührkoop …, S. 101 ff. Auch mit dem Schweizer Fotografen Helmar Lerski fand in den USA ein professioneller Austausch statt.Odette M. Appel-Heyne: Rudolf Dührkoop …, S. 67.
Abgesehen vom künstlerischen Netzwerk, das sie in dieser Zeit knüpften, war die Konferenz der Photographers Association of America selbst kein großer Erfolg für Vater und Tochter, weil ihre Fotografien durch Zoll-Kontrollen zu spät eintrafen. Minya und Rudolf Dührkoops internationaler Ruhm wuchs durch verschiedene Reisen kontinuierlich.Odette M. Appel-Heyne: Rudolf Dührkoop …, S. 65, 84f und 102. Die beiden reisten 1901 und 1908 auch nach England, um dort berühmte Fotografen wie Emil Otto Hoppé und Alvin Langdon Coburn zu treffen. Damals wurden sie als einzige Berufsfotografen aus Deutschland in den elitären Kreis der Brotherhood of the [Linked Ring] aufgenommen, sonst waren nur Amateure zugelassen worden, die damals das höhere künstlerische Prestige besaßen.Odette M. Appel-Heyne: Rudolf Dührkoop …, S. 47, 85f.
Seit 1919 war Minya Diez-Dührkoop eines der ersten Mitglieder in der Gesellschaft Deutscher Lichbildner (GDL). Die GDL, die sich heute Deutsche Fotografische Akademie nennt, war 1919 von dem Porträtfotografen Kurt Schallenberg (1883–1954)Fritz Kempe: Vor der Camera …, S. 89. mit dem Ziel der „Veredlung der Berufsarbeit des Lichtbildners“ gegründet worden und war zum damaligen Zeitpunkt eine Vereinigung der führenden deutschen Berufsfotografen. Die GDL entwickelte sich während der 1920er-Jahre zu einer Einrichtung, die die klassischen Werte der ästhetischen Fotografie zu wahren suchte. Die Berufung der Mitglieder erfolgte nach einer Qualitätsprüfung mittels Abstimmung durch die Vereinsmitglieder. Minya Diez-Dührkoop, die zur Zeit der Vereinsgründung aufgenommen wurde, setzte neben Hugo Erfurth und Franz Grainer die Maßstäbe für das Leistungsniveau der nachkommenden Beitritte. Das Fachorgan der Gesellschaft Deutscher Lichtbildner war die Zeitschrift Das Atelier des Photographen.Gesellschaft Deutscher Lichtbildner. In: Harald Olbrich (Hrsg.): Lexikon der Kunst, 2. Aufl., E. A. Seemann, Leipzig 2004, Band 2 (Cin – Gree), S. 720.
1920 wurde Minya Diez-Dührkoop Mitglied im Kunstbund Hamburg, der von Rosa Schapire und Wilhelm Niemeyer ins Leben gerufen worden war. Von Niemeyers Malerfreund Franz Radziwill und seiner Frau Inge Johanna schuf Diez-Dührkoop 1922 mehrere Porträtfotos. Dass auch hier ein reger künstlerischer Austausch stattfand, bezeugen einige aquarellierte Postkarten Radziwills an Diez-Dührkoop, die im Kunsthandel auftauchten.Gerhard Wietek: Franz Radziwill …, S. 28, 30f und 194, Abbildungen S. 22–27.
Ab 1927 war Minya Diez-Dührkoop Beirätin für Fotografie im – gleichfalls von Rosa Schapire (mit Ida Dehmel) geschaffenen Bund Hamburgischer Künstlerinnen und Kunstfreundinnen, einem Vorläufer der GEDOK.
mini|Minya Diez-Dührkoop: Bild einer Intimität, 1900/1910 mini|Die Malerin und Bildhauerin Elena Luksch-Makowsky vor ihrem Gemälde Adolescentia mini|Minya Diez-Dührkoop: Gertrud Falke, 1908
Künstlerisches Schaffen Theoretischer Hintergrund: Piktorialistische Fotografie 1898 wurde die deutsche Fotografenwelt erstmals auf Minya Diez-Dührkoop aufmerksam, allerdings nicht als Fotografin, sondern als Modell, denn ihr Vater präsentierte bei der 27. Jahres-Ausstellung des Deutschen Photographen-Vereins Porträts seiner Tochter. Entgegen der klassischen Porträt-Stilistik lichtete er sie in alltäglichen Posen ab, weil er durch ungezwungene Natürlichkeit die Persönlichkeit meinte herausarbeiten zu können.Odette M. Appel-Heyne: Rudolf Dührkoop …, S. 23, Abbildung 12. Rudolf Dührkoop wollte – angeregt durch die malerischen Tendenzen der Kunstfotografie – wie verschiedene andere Fotografen der damaligen Zeit die Porträtfotografie von den zwanghaften Rahmenbedingungen des Studios befreien. Nach den Programmen Alfred Lichtwarks und Ernst Juhls, welche nicht nur konkret für die künstlerischen Grundsätze der Dührkoops, sondern wegweisend für die gesamte internationale Entwicklung waren,Odette M. Appel-Heyne: Rudolf Dührkoop …, S. 32. sollte beispielsweise auf die herkömmlichen Atelierrequisiten verzichtet werden und durch natürliches, diffuses Licht Naturtreue im Porträt erreicht werden. Zu starke Kontraste wurden durch weicharbeitende Druckverfahren gemildert, um der Fotografie mittels malerischer Mittel einen Kunststatus zu verleihen. Dies war das erklärte Ziel des Piktorialismus (bzw. der piktorialistischen Fotografie), der sich zwischen 1890 und 1910/1915 durchsetzte. Anfangs setzten insbesondere Amateure die beschriebenen Konzepte um, einige Berufsfotografen übernahmen sie schließlich unter zunehmendem wirtschaftlichem Druck und setzten auf eine künstlerische Nobilitierung ihrer Arbeit.Rudolf Herz; Brigitte Bruns: Hof-Atelier Elvira 1887–1928 .…, S. 136 und 148. Dies war auch das Ziel von Minya Dührkoop. Ihr fotografisches Programm bestand zu großen Teilen aus den piktorialistischen Zielsetzungen, künstlerisch statt kommerziell zu arbeiten und mit der Kamera Charakteristisches und Wesenhaftes anstatt inszenierter Posen einzufangen.Rudolf Dührkoop: Werkstatt für das künstlerische Kamera-Bildnis, S. 24.
Arbeitsweise der Dührkoops Bei Dührkoop kostete ein Bildnis im Format 13 × 18 cm etwa 50 ℳ, während man Billigporträts bereits für 10 ℳ bekam. Für dieses Geld erhielt der anspruchsvolle Kunde eine Sitzung in einem der Aufnahmeräume der Dührkoops, die unterschiedlich eingerichtet waren. Es gab Damen- und Herrenzimmer, deren wohnliche Inneneinrichtung die von den Kunstfotografen propagierten „Heimaufnahmen“ ermöglichen sollte. Rudolf Herz; Brigitte Bruns: Hof-Atelier Elvira 1887–1928 …, S. 148.