miniatur|Dreifaltigkeitskirche in Warschau Die Evangelisch-Augsburgische Kirche in Polen () ist eine evangelisch-lutherische Kirche mit Sitz in Warschau. Sie hat etwa 61.000 Mitglieder und ist Mitglied im Lutherischen Weltbund, in der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa und im Ökumenischen Rat der Kirchen und gehört zum Polnischen Ökumenischen Rat. Sie wurde 1945 als Nachfolgerin vorheriger evangelisch-lutherischer Kirchen in Polen gegründet.
Laut der polnischen Volkszählung 2021 beträgt die Zahl der Lutheraner 65.407 Personen, was etwa 0,17 % der Gesamtbevölkerung entspricht.
Name Der Name der polnischen evangelisch-augsburgischen Kirche nimmt Bezug auf die von Philipp Melanchthon für den Reichstag zu Augsburg im Jahre 1530 verfasste „Confessio Augustana“, die zusammen mit der Apologie Melanchthons die Grundlage der evangelisch-lutherischen Lehre formuliert.
Kirchenstruktur Organisation miniatur|hochkant|Der Altar der evangelisch-augsburgischen Gnadenkirche in Teschen Zur Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen gehören heute etwa 61.000 Gemeindeglieder, von denen die Mehrheit im Teschener Schlesien wohnt. 149 Geistliche betreuen 133 Gemeinden, die in sechs Diözesen zusammengefasst sind.Mały stystyczny rocznik Polski 2017 (Kleines Statistisches Jahrbuch Polens), S. 115 (Angaben für 2015).
Leitendes Bischofsamt Das geistliche Oberhaupt der Kirche ist der Leitende Bischof der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen. Er ist auch Präses des Konsistoriums. Amtsinhaber ist Jerzy Samiec. Bischofssitz ist Warschau (00-246 Warszawa, ul. Miodowa 21). Die dortige Dreifaltigkeitskirche (Kościół Św. Trójcy) ist die Haupt- und Bischofskirche.
Amtsinhaber
Die Bezeichnung „Bischof“ wurde erst 1938 eingeführt; zuvor war die Amtsbezeichnung Generalsuperintendent, und „Bischof“ war nur ein Ehrentitel.
1849–1874: Adolf Theodor Julius Ludwig 1875–1895: Paul Woldemar von Everth (m.d. Ehrentitel „Bischof“) 1895–1904: Karl Gustav Manitius 1904–1942: Juliusz Bursche 1945–1951: Jan Szeruda 1951–1959: Karol Kotula 1959–1975: Andrzej Wantuła 1975–1991: Janusz Narzyński 1991–2001: Jan Szarek 2001–2010: Janusz Jagucki 2010–: Jerzy Samiec
Synode Die erste Synode nach dem Zweiten Weltkrieg tagte im Jahr 1950. Die Synode, deren Amtszeit fünf Jahre beträgt, entscheidet über alle wichtigen Angelegenheiten der Kirche, setzt die Ziele und wacht über die Rechtgläubigkeit. Sie ist Verfasserin aller Gesetze und Ordnungen der Kirche, die die Tätigkeit auf Gemeindeebene, der Diözesanebene und der Gesamtkirche regeln.
Nach jahrelangem Ringen wurde im Oktober 2021 von der Synode die Verfassung dahingehend geändert, dass auch Frauen als Pfarrerin ordiniert werden können.
Präsides der Synode
1950–1952: Karol Kotula 1952–1957: Zygmunt Michelis 1957–1965: Woldemar Gastpary 1965–1975: Bischof Andrzej Wantuła 1975–1991: Bischof Janusz Narzyński 1991–1992: Bischof Jan Szarek 1992–1995: Manfred Uglorz 1995–1998: Andrzej Hauptman 1998–2002: Tadeusz Szurman 2002–2007: Jan Gross 2007–2009: Jerzy Samiec 2009–2012: Waldemar Pytel 2012–2017: Grzegorz Giemza 2017–: Adam Malina
Konsistorium Das Konsistorium übt die höchste Verwaltungs- und Administrationsgewalt aus. Sitz ist Warschau (00-246 Warszawa, ul. Miodowa 21). Vorsitzender des Konsistoriums ist der Leitende Bischof, stellvertretender Vorsitzender ist augenblicklich Adam Pastucha.
Diözesen/Diözesanbischöfe In territorialer und in administrativer Hinsicht ist die Evangelisch-Augsburgische Kirche in sechs Diözesen aufgeteilt. Jede Diözese wird durch eine Diözesansynode mit dem Diözesanbischof und dem Diözesanrat vertreten. Der Diözesanbischof ist das Oberhaupt aller in der Diözese arbeitenden Geistlichen.
Es gibt folgende Diözesen: Diözese Breslau (Wrocław), Bischof Marcin Orawski in Breslau Diözese Katowice, Bischof Marian Niemiec in Kattowitz Diözese Masuren (Mazurska), Bischof Paweł Hause in Allenstein Diözese Pommern-Großpolen (Pomorsko-Wielkopolska), Bischof Marcin Hintz in Zoppot Diözese Teschen (Cieszyn), Bischof Adrian Korczago in Bielsko-Biała Diözese Warschau (Warszawa), Bischof Jan Cieślar in Pabianice
Gemeinden Die administrative Grundeinheit der Evangelisch-Augsburgischen Kirche ist die Gemeinde (polnisch: „parafia“), die als örtliche Kirche alle Merkmale der Kirche Jesu Christi besitzt. Sie ist das Volk Gottes und zum Zeugnis des Glaubens berufen. Die geistlichen Leiter der Gemeinden sind die Pfarrer.
Die meisten lutherischen Gemeinden gibt es im Teschener Schlesien. Dort lebt insgesamt etwa die Hälfte der Gläubigen. Darüber hinaus gibt es kleinere Gemeinden in Oberschlesien und in Masuren. Die übrigen Gemeinden sind in den großen Städten ansässig.
Evangelische polnischsprachige Gemeinden, die zur Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen gehören, gibt es auch im Ausland. Gottesdienste in polnischer Sprache werden regelmäßig in England,http://luteranie.pl/strona_glowna/polskie_nabozenstwa_za_granica/polskie_nabozenstwa_w_wielkiej_brytanii.html Deutschland,http://luteranie.pl/strona_glowna/polskie_nabozenstwa_za_granica/polskie_nabozenstwa_w_niemczech.html Kanada,http://luteranie.pl/strona_glowna/polskie_nabozenstwa_za_granica/polskie_nabozenstwa_w_kanadzie.html Irland und den Niederlanden gehalten.
Einrichtungen/Dienste miniatur|hochkant|Die evangelisch-augsburgische St.-Peter-und-Paul-Kirche in Pabianice miniatur|Die evangelische Christophorikirche in Breslau
Gustav-Adolf-Bruderhilfe Polnische Evangelische Gesellschaft Gesellschaft für pastorale Beratung und Psychologie Vereinigung von Pfarrern und Katecheten Diakonie der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen; Präses ist Bischof Ryszard Bogusz (Breslau), Generaldirektorin ist Wanda Falk. Diakonissen-Mutterhaus Eben-Ezer in Dzięgolów bei Teschen Zentrum für Mission und Evangelisation der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen Zentrum für Mediation und Beratung Verein Evangelischer Unternehmer (Stowarzyszenie Przedsiębiorców Ewangelickich – SPE) Seelsorgedienste der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen: Jugendseelsorge Militärseelsorge Polizeiseelsorge Feuerwehrseelsorge Seelsorge für Motorradfahrer Internetseelsorge Gefängnisseelsorge Seelsorge im Ausland Gehörlosenseelsorge Hochschulseelsorge Christlich-Theologische Akademie in Warschau Augustana-Verlag in Bielitz (Bielsko-Biała) Zwiastun Ewangelicki (Evangelischer Bote, Halbmonatszeitschrift, erscheint seit 1863)
Arbeitsschwerpunkte Bekanntmachung der kirchlichen Angebote und Bündelung auf einer Homepage „Kirche im Netz“. Vorbereitung und Durchführung der Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes in Krakau 2023. Evangelisation mit Einzelveranstaltungen, Kirchentagen, Missionsfesten und der zentralen Evangelisationswoche in Dzięgielów (Diözese Teschen) Religionsunterricht in Schulen oder – während der Ferien – in „Tagen der guten Nachricht“ für Kinder und Sommerlager für Jugendliche Sorge für Alleinstehende und Kranke in Pflegeheimen in Dzięgelów, Bielitz (Bielsko-Biała), Beuthen-Mechtal (Bytom-Miechowice), Breslau (Wrocław), Konstancin, Węgrów, Zagórów, Nikolaiken (Mikołajki) und Ukta.
Ökumene Die Evangelisch-Augsburgische Kirche in Polen gehört seit 1947 dem Lutherischen Weltbund (LWB) an, einer Gemeinschaft von etwa 150 lutherischen Kirchen in mehr als 70 Nationen. Außerdem ist sie Mitglied der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa und des Ökumenischen Rates der Kirchen.
Zwischen der Evangelisch-Augsburgischen Kirche, der Evangelisch-reformierten Kirche und der Evangelisch-methodistischen Kirche in Polen besteht eine Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft.
Die Evangelisch-Augsburgische Kirche ist außerdem Mitglied des Polnischen Ökumenischen Rates, zu dem sich bereits 1946 die Minderheitskirchen Polens zusammengeschlossen haben.
Mit der römisch-katholischen Kirche Polens gibt es eine – immer noch ausbauwürdige – Zusammenarbeit.
Partnerschaften Es gibt Partnerschaften zwischen der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen und deutschen Landeskirchen: Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) Evangelische Kirche von Westfalen (EKVW)
Zudem bestehen Partnerschaften zwischen polnischen Diözesen und deutschen Landeskirchen: Diözese Breslau und Diözese Pommern-Großpolen mit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland Diözese Breslau mit der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz
Darüber hinaus gibt es Partnerschaften zu folgenden Kirchen: Lutherische Synode der Protestantischen Kirche in den Niederlanden Diözese Uppsala der Schwedischen Kirche Evangelische Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in der Slowakei Schlesische Evangelische Kirche A.B. in der Tschechischen Republik Deutsche Evangelisch-Lutherische Kirche in der Ukraine Synode Oregons der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Amerika
Geschichte Lutherische Gemeinden im 16. Jahrhundert
Wahrscheinlich wurden bereits 1518 die ersten lutherischen Predigten in Danzig gehalten. In den folgenden Jahren bildeten sich lutherische Gemeinden zuerst in den Städten Königlich-Preußens (Danzig, Thorn, Elbing) mit überwiegend deutscher Bevölkerung und in den größeren Städten Großpolens. Getragen wurde sie von Bürgern, Gelehrten, einigen Adligen und Teilen der einfachen Bevölkerung. Im Herzogtum Preußen, das lehnsrechtlich zum Königreich Polen gehörte, führte Herzog Albrecht bereits 1525 als erster Landesherr überhaupt die Reformation ein. Auch im Herzogtum Pommern, das damals zum römisch-deutschen Reich gehörte, wurde 1534 die Reformation eingeführt.
Der polnische König Sigismund I. versuchte mit mehreren Edikten reformatorische Aktivitäten im Königreich Polen zu unterbinden. Nach 1548 verbesserten sich die öffentlichen Betätigungsmöglichkeiten für Protestanten in Polen unter dem neuen König Sigismund II. August. Weitere Adlige traten zum lutherischen Bekenntnis über und bildeten mit den reformierten (calvinistischen) Vertretern sogar eine Mehrheit im Sejm.
1573 wurde das Toleranzedikt der Konföderation von Warschau verabschiedet, das allen Personen in Polen-Litauen volle Religionsfreiheit gewährleistete.
1555 kam es in Kozminek zu einer Vereinigungssynode von Reformierten und Böhmischen Brüdern; dem Zusammenschluss folgten bald die Lutheraner. Insgesamt kam es jedoch nicht zu einer dauerhaften Einigung.Wolf-Dieter Hauschild: Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte. Band 2. Gütersloh 1999, S. 254.
Gegenreformation im 17. und 18. Jahrhundert Seit 1575 stellten sich die Könige wieder eindeutig auf die katholische Seite und drängten die protestantischen Gemeinden in Polen-Litauen zurück. 1717 wurde deren Religionsausübung auch gesetzlich eingeschränkt. 1724 kam es in Thorn zu Hinrichtungen widerständiger Lutheraner. Die Konföderation von Thorn suchte 1767 die Forderungen der lutherischen und reformierten (calvinistischen) Adligen zu formulieren, was mit zum Warschauer Traktat von 1768 führte, das ihnen wieder weitgehende Religionsfreiheit zusicherte. In dieser Zeit entstand die Dreifaltigkeitskirche in Warschau, in der wieder lutherische Gottesdienste stattfinden konnten.
Lutherische Gemeinden außerhalb Polen-Litauens