Die Geschichte des österreichischen Films der Nachkriegsära beginnt mit der Besetzung Österreichs durch die vier Alliierten Siegermächte des Zweiten Weltkriegs, USA, Sowjetunion, Großbritannien und Frankreich. Die späten 1950er-Jahre brachten mit der Einführung des Fernsehens erstmals einen ernst zu nehmenden Konkurrenten für das Kino hervor, der diesem in den folgenden Jahrzehnten auch einen großen Teil des Publikums abspenstig machte. Die späten 1950er-Jahre sind zudem geprägt von einer Hochkonjunktur der Musikkomödien und Heimatfilme. In den 1960er-Jahren kommt es zu einem Niedergang dieses wenig abwechslungsreichen Genres und es dauert bis Ende der 1970er-Jahre, dass sich in Österreich eine neue Generation von Filmschaffenden vielfältigeren Themen annehmen kann und somit dem österreichischen Film zu einer Erholung verhilft. Diese neue Ära wird als „Neuer Österreichischer Film“ bezeichnet.
Im besetzten Nachkriegsösterreich, 1945 bis 1955 FilmproduktionAbendfüllende (Ton-)Spielfilme Jahr Anzahl 1946 2 1947 13 1948 25 1949 25 1950 17 1951 28 1952 19 1953 28 1954 22 1955 28 Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Befreiung vom Nationalsozialismus war Österreich von den Alliierten besetzt, und die Filmindustrie kam aufgrund der Kriegsfolgen wie Zerstörung, Armut und Hunger nur sehr schleppend wieder ins Laufen. Es fehlte etwa an Personal, Kohle zum Heizen und Rohfilmmaterial. Die Stromversorgung kam regelmäßig zum Erliegen, und die Lebensmittel waren rationiert. Viele Ateliers, Kinos, andere Gebäude und Straßen waren zerstört.
Eine Orientierungs- und Ratlosigkeit in der Suche einer erfolgreichen österreichischen Filmdramaturgie kennzeichnete diese Jahre, in denen vielfach Erfolgsproduktionen der 1930er-Jahre nachgeahmt wurden. Es entstanden jedoch auch Filme, die sich mit den vergangenen, durch Krieg und Antisemitismus geprägten, Jahren auseinandersetzten. Diese trafen jedoch häufig nicht den Geschmack des breiten Publikums. Selbst Regisseur Willi Forst spricht Ende 1947 von einem „Fiasko des Wiener Films“. Die Produktionen seien nicht mal durchschnittlich.J. Schuchnig: G. W. Pabst. Dissertation, Wien, 1976, S. 33 In diesen Jahren erschienen noch acht Filme, die während des Nationalsozialismus hergestellt oder begonnen wurden – so genannte „Überläufer“.
Nicht zuletzt wegen fehlender Höhepunkte der Filmproduktion der ersten Nachkriegsjahre fiel auch der Absatz und Vertrieb im Ausland schwer. Einzig in die Schweiz gelang der Export reibungslos. Noch 1946 war der Export von Filmen nach Deutschland fast unmöglich. Die Lage besserte sich um 1947 wieder. 1948 jedoch verhandelte Westdeutschland eine Einfuhrquote mit Österreich, die ein Verhältnis von 1:4 zugunsten Westdeutschlands vorsah.
Ab 26. Oktober erschien die beliebte Filmzeitschrift „Mein Film“ wieder – jedoch nur in beschränktem Umfang, da es neben vielen anderen Gütern auch an Papier mangelte. Ab 1949 erschien „Filmkunst – Zeitschrift für Filmkultur und Filmwissenschaft“. Diese 1997 eingestellte Filmzeitschrift war die am längsten bestehende deutschsprachige Filmzeitschrift.
Filmwirtschaft Die größte Filmgesellschaft auf österreichischem Boden, die Wien-Film, wurde als „deutsches Eigentum“ von den Alliierten beschlagnahmt. Nachdem Wien in vier Besatzungszonen aufgeteilt worden war, stand zudem fest, dass die Filmstudios in Sievering sowie die Zentrale in der Siebensterngasse der amerikanischen Verwaltung zugeordnet waren, während die Filmateliers am Rosenhügel im sowjetischen Sektor lagen. Die Sievering-Filmstudios sollten von den US-Amerikanern liquidiert werden. Die Vereinigten Staaten verfolgten zudem das Interesse, den Hollywood-Produktionen keine Konkurrenz zu machen.
Während die Sowjetunion von den Potsdamer Beschlüssen Gebrauch machte, und als Reparation sämtliche ehemals „deutsche“ Unternehmungen übernahm, verzichteten die westlichen Besatzungsmächte USA, Frankreich und Großbritannien auf diese Maßnahme. Dies bedeutete für die neu gegründete Wien-Film, dass sie mit den Filmstudios in Sievering und Schönbrunn weiterarbeiten konnte, jedoch auf die Rosenhügel-Filmstudios verzichten musste. Diese wurden in die sowjetische USIA eingegliedert und als „Wien-Film am Rosenhügel“ weiterbetrieben.
Schon am 16. August 1945 wurde mit der Cziffra-Film Produktionsgesellschaft der erste Schritt für einen Neuanfang getan. Die Gesellschaft mit Sitz in der Wiener Neubaugasse 28 gehörte zu 40 % Géza von Cziffra. Hauptteilhaber war der Kaufmann Carl-Albert Loewenstein, der intensive Geschäfte mit der sowjetischen Besatzungsmacht betrieb und so auch für das notwendig Filmmaterial beschaffen konnte. Gefeiert wurde die Gründung der Gesellschaft mit einer Party, an der auch die zuständigen US-Offiziere teilnahmen. Nach der Produktion des ersten Films Glaub an mich zerbrach die Kooperation zwischen den Gesellschaftern. Loewenstein schied aus und gründete 1946 die Löwen-Film Produktionsgesellschaft, die dann bis 1950 weitere Filme abdrehen ließ.
Allen Schwierigkeiten zum Trotz wurden 1946 weitere Filmproduktionsgesellschaften gegründet – oder wiedereröffnet. So erstand Ende 1946 mit der „Sascha-Film-Verleih- und -Vertriebs-Ges.m.b.H.“ die frühere Sascha Filmindustrie wieder auf. Ebenfalls in diesem Jahr gründeten Elfi von Dassanowsky und Emmerich Hanus die Belvedere-Film – um den Wiener Musikfilm wiederauferstehen zu lassen. Am 3. Juli 1947 gründete Karl Hartl die Neue Wiener Filmproduktionsgesellschaft unter Patronanz der Creditanstalt, die auch am Sascha-Filmverleih sowie an der vier Monate später gegründeten Österreichischen Filmgesellschaft m.b.H. (ÖFA) beteiligt war. Sitz war Salzburg, wo zwei Atelierhallen errichtet wurden. Eine Niederlassung befand sich in Innsbruck. In der Nähe, in Thiersee, adaptierte man das Passionsfestspielhaus zu einer großen Atelierhalle. Diese wurde jedoch 1954 wieder aufgelassen, als sich geeignetere Ateliers zur Nutzung anboten.
1949 wurde in Graz die Alpin-Film-Austria gegründet. Sie verfügte im Stadtteil Thalerhof über einen Hangar als Aufnahmehalle, die mit 80 × 40 Metern die damals größte Österreichs war. 1953 begann in Wels die Bergland-Film mit ihrer Produktionstätigkeit, die 1960 jedoch bereits wieder eingestellt wurde. Zur Verfügung stand ihr in dieser Zeit eine der Ausstellungshallen am Welser Volksfestgelände, welches zu einem Filmatelier umgestaltet wurde. 1954 gründete Erich Pochlatko die Epo-Film, die seither in Wien und Graz tätig ist.
Im Gegensatz zu großen internationalen Filmproduktionsgesellschaften verfügten österreichische Filmproduzenten über keine langfristigen Absatzverträge. Für jeden Film musste die Prozedur der Sicherung der Absatzvertretung, der Aufbringung der finanziellen Mittel und die Anmietung der Ateliers neu geregelt werden. Auf diese ökonomisch nicht sehr effiziente Weise entstanden in der Regel jährlich nur ein bis zwei Filme pro Filmproduktionsgesellschaft. Heimische Filmproduzenten waren nicht ganz unverschuldet vollständig vom deutschen Verleih und Vertrieb abhängig. Denn um kein finanzielles Risiko einzugehen, richtete man die kommerziellen Heimatfilme und Komödien vielfach nach den Wünschen der deutschen Verleiher aus. Aus den kommerziellen Erfolgen heraus, die Anfang der 1950er-Jahre vermehrt gelangen, entstand durchaus eine gewisse Finanzstärke der größten Wiener Produktionsgesellschaften. Dennoch wagte man sich kaum, etwas Neues auszuprobieren oder anspruchsvollere Filme herzustellen. Für Konflikte sorgten hierbei Abrechnungsmodalitäten und die jährlich neu zu verhandelnde Einfuhrquote nach Deutschland.
Die ersten Nachkriegsproduktionen Anfang des Jahres 1946 begann Marte Harell ihre Nachkriegskarriere in der Produktion von Glaub an mich. Der Film ersetzte die düstere Atmosphäre der Nazi-Heimatfilme durch größere Leichtigkeit und es kam zur Verbindung von Motiven des Heimatfilms mit jenen der Komödie. Das fehlende Rohfilmmaterial konnte von der Sowjetunion beschafft werden, die im Gegenzug jedoch die Verwertungsrechte am Film verlangte. Marte Harell, Ewald Balser und Rudolf Prack spielten die Hauptrollen – Senta Wengraf ihre erste Rolle. Das Drehbuch zu dieser von der Loewen-Film produzierten Liebeskomödie stammte von Kurt Nachmann und Géza von Cziffra, der auch Regie führte. Als Kameramann fungierte Hans Schneeberger. Es war der erste österreichische Film, der in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg gezeigt wurde. Die Kritiken standen dieser Liebeskomödie angesichts des zu jener Zeit schwierigen Lebensumfeldes ablehnend gegenüber.
Am 27. September prämierte Schleichendes Gift – ein Aufklärungsfilm der „Standard-Film“, der sich mit den vielfach auftretenden Geschlechtskrankheiten der Nachkriegsjahre auseinandersetzte. Gedreht wurde im Allgemeinen Krankenhaus von Wien, wo auch die Stromversorgung besser war, als etwa in den Filmstudios. Auch bei dieser Produktion wurde sowjetisches Rohfilmmaterial verwendet. 1946 inszenierte J. A. Hübler-Kahla den Star-Film Die Welt dreht sich verkehrt. Hans Moser reist darin durch die Epochen der österreichischen Geschichte, um am Schluss zu erfahren: „Die gute Zeit liegt immer vor einem, und für die Tatsache, ob sie wirklich gut wird, sind nur wir selbst verantwortlich zu machen.“ Es war dies der erste Hans Moser-Film nach 1945. Bereits 1946 produzierte die Tirol-Film Innsbruck gemeinsam mit der Zürcher Omnia-Film Erde (Uraufführung 1947) nach Karl Schönherrs gleichnamiger Tragikomödie. Es spielten einige Schauspieler der Exl-Bühne unter der Regie von Leopold Hainisch.
Auch die Komödie Triumph der Liebe der Wiener Mundus-Film mit den Hauptdarstellern O. W. Fischer, Judith Holzmeister, Paul Kemp und Inge Konradi erschien 1947. Regie führte Alfred Stöger. Ebenso die erste Produktion der Belvedere-Film, Die Glücksmühle, unter Regie von Emmerich Hanus, sowie der von Géza von Cziffra inszenierte Film Das unsterbliche Antlitz mit O. W. Fischer in der Hauptrolle. In Seine einzige Liebe griff die Belvedere-Film ein altbewährtes Thema des österreichischen Films auf: Die Verfilmung des Lebens eines bekannten Musikers. In diesem Fall jenes von Franz Schubert, der von Franz Böheim gespielt wurde. Regie führte erneut Emmerich Hanus. Singende Engel hingegen wurde von Gustav Ucicky inszeniert. Darin wirkten die Wiener Sängerknaben sowie Gustav Waldau als Joseph Haydn mit. Die Reaktionen der Kritik auf eine erneute Auflage solcher Musiker-Verfilmungen waren durchwegs, dass dies „nicht der richtige Weg der Wiener Filme“ sei.
Wenig später jedoch erschien einer der größten Kinoerfolge der österreichischen Nachkriegszeit: In Der Hofrat Geiger, für die Fürst Film von Willi Forst und Paul Hörbiger produziert, sang Waltraut Haas ein Lied, das zum Schlager der Jahre 1947 und 1948 wurde: „Mariandl“. Der in der Wachau spielende Film basierte auf einem musikalischen Lustspiel von Martin Costa und Hans Lang. Neben Produzent Paul Hörbiger spielten auch noch Hans Moser und Maria Andergast Hauptrollen in dieser als erster Reise- und Heimatfilm geltenden Produktion. Die Funktion des Films bestand darin, die Bewohner der zerbombten Städte an einer unversehrten Landschaft zu erfreuen, und ihnen einen Kurzurlaub im Kinosessel zu ermöglichen. Der auch im Ausland gezeigte Film war zudem eine effektvolle Werbung für den Fremdenverkehr. Die Filmzeitschrift Mein Film schrieb hierzu in ihrer Kritik: „Die drei Hauptdarsteller Paul Hörbiger, Maria Andergast und Hans Moser sind also wieder in einen geeigneten Rahmen gestellt worden, der es ihnen ermöglichte, die alte Beliebtheit der verkörperten Typen aus dem österreichischen Volkstum wieder neu zu beleben und damit dem österreichischen Unterhaltungsfilm endlich wieder im Ausland jene Geltung verschaffen zu helfen, die nun wohl genügend schlechte Filme vergeblich zu erreichen versucht haben.“Mein Film. Nr. 23, 6. Juni 1947, S. 8 In österreichischen Kinos erreichte der Film bis zum 30. April 1951 eine außergewöhnlich hohe Besucherzahl von 2.548.000.