Fritz Arlt (* 12. April 1912 in Niedercunnersdorf;Frank Mecklenburg: Karriere des Fritz Arlt. In: Jürgen Matthäus, Klaus-Michael Mallmann (Hrsg.): Deutsche, Juden, Völkermord. Der Holocaust als Geschichte und Gegenwart. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2006, ISBN 3-534-18481-5. † 21. April 2004 in Seeg) war als deutscher nationalsozialistischer Funktionär in führender Funktion an ethnischen Säuberungen in Polen beteiligt, Leiter der Freiwilligen-Leitstelle Ost, Leiter der Flüchtlings-Leitstelle und nach 1945 Arbeitgeberverbandsfunktionär in Jugendbildungswerken.Mecklenburg: Karriere des Fritz Arlt: „Arlt sollte nie Beamter oder Staatsangestellter werden, sondern bis 1945 in den Diensten der Partei bleiben.“

Leben Fritz Arlts Elternhaus war konservativ-pietistisch, ein Teil der Verwandtschaft stammte aus Oberschlesien. Von 1926 bis 1932 wurde er in einem christlichen Internat erzogen und war in der Deutschen Freischar aktiv. Im Jahr 1929 trat er von den Jungsozialisten zur HJ über.Arlt 1995, S. 143.

1932 mit Schelsky zur SA Arlt trat zum 1. November 1932 in die NSDAP (Mitgliedsnummer 1.376.685)Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/661451.Bogdan Musial: Deutsche Zivilverwaltung und Judenverfolgung im Generalgouvernement. Wiesbaden 1999, S. 380. und – zusammen mit dem gleichaltrigen Helmut Schelsky – in die SA ein. Die Machtübergabe an die NSDAP erlebte er als Student, gegen den wegen einer SA-Schlägerei ein von der Polizei angestrengtes Relegationsverfahren lief (gemäß NSDAP-Darstellung gehörte er „beim Umsturz der Hilfspolizeibereitschaft Hauptmann Rost an.“). Das Relegationsverfahren wurde im April 1933 eingestellt. Arlt studierte Philosophie bei Arnold Gehlen in Leipzig, er promovierte im Jahr 1936 bei diesem und Otto Reche. Er gehörte hier einer Studentengeneration an, welche die spätere Elite im Reichssicherheitshauptamt bilden sollte.Michael Wildt: Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes. Hamburg 2002. Zum 10. November 1934 verließ er die SA. Im Dezember 1934 wurde er unbezahlter Mitarbeiter des in diesem Jahr gegründeten Rassenpolitischen Amtes (RPA).

1933 Vorsitzender des Studentenwerks. 1934 Leiter des Kreisamtes für Rassen- und Bevölkerungspolitik des Kreises Leipzig. Beginn der Erhebungen zur Bevölkerungsstruktur der Juden in Leipzig, seinem Dissertationsthema von 1935/36.

Zu seinem Freundeskreis gehörten – so eine spätere Selbstaussage – Hans-Joachim Schoeps, Joachim Wach und Fritz Borinski.

1936 mit „Volksbiologischen Studien“ zum SD 1936 schloss Arlt sein „Volksbiologische Untersuchungen“ in Leipzig ab. Diese waren eine detaillierte Aufschlüsselung der Wohnortverteilung von Menschen, welche in der Volkszählung von 1933 angegeben hatten, sie seien jüdischen Glaubens, sowie solchen, die Arlt aufgrund weiterer Ausforschungen einem Teil der „jüdischen Rasse“ zuordnete. Daten dieser Menschen registrierte Arlt auf Karteikarten und stellte die von ihm gefundene Wohnortkonzentration georeferenziert dar – eine Vorgehensweise, welche eine Selektion der Daten des einzelnen Menschen zuließ und beim SD als Vorbild für Eichmanns Aufgabe aufgenommen wurde (ein Kontaktgespräch mit dem SD ist im Folgenden dokumentiert):

Im August 1936 zog Arlt nach seinem Studium von Leipzig nach Breslau; im dortigen Rassenpolitischen Amt im Gau Schlesien wurde er Amtsleiter und Gauschulungsleiter, später war er Lehrbeauftragter für „Rassenkunde“ an der Universität Breslau. Er war dort auf Vorschlag von Martin Staemmler als dessen Vertreter ins Gauamt für Rassen- und Bevölkerungsfragen berufen worden. Neben Familienpolitik und rassistischer Propaganda führte er Sonderaufträge für den Oberpräsidenten Wagner in der Grenzlandpolitik durch.

Arlt publizierte seine rassistischen Thesen unter anderem in Der Weltkampf, einer antisemitischen Zeitschrift, die später von der Hohen Schule der NSDAP unter dem technischen Leiter Kurt Wagner erworben wurde.

1937 Einstellung in den Führungsstab der Höheren SS- und Polizeiführer 1937 wurde der polnischsprechende Arlt bei der SS eingestellt, hier arbeitete er im Führungsstab der Höheren SS- und Polizeiführer (HSSPF) Oberschlesien. Er trat der SS im Rang eines SS-Untersturmführers zum 12. September 1937 bei (SS-Nummer 367.768).Bundesarchiv R 9361-III/514766 Zeitgleich begann seine Zusammenarbeit mit der Dienststelle Canaris.

Ab 1937 wurden beim SD Informationen für einen möglichen Krieg gegen Polen gesammelt. Ein Sonderfahndungsbuch Polen, das etwa 61.000 Namen polnischer Intelligenz umfasste, war angelegt worden. Franz Six baute im Amt II die Zentralstelle II P (Polen) auf. Vor der Einrichtung der Zentralstelle II P (Polen) des SD hatte sich Herbert Hagen Gedanken über „Verbindungsmöglichkeiten nach Polen“ gemacht und notiert, „daß es darauf ankomme, in Polen Personen zu kennen, die genaue Auskünfte zu einer vollständigen Erfassung des Judentums in Polen geben können“.Zitiert nach: Gerhard Paul: Von Judenangelegenheiten hatte er bis dahin keine Ahnung.

Heirat mit Ida Maria Hübsch.Arlt 1995, S. 144.

„Rasse, Volk und Erbgut in Schlesien“ Anfang 1938 beschwerte sich der Gauleiter des Gau Schlesien Josef Wagner beim Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, dass die Rassenzusammensetzung Schlesiens in populären und halbwissenschaftlichen Darstellungen oft falsch sei: Schlesien sei „nordisch“, nicht „ostisch“, dies sei durch Untersuchungen des Breslauer Professor für Rassenkunde Egon Freiherr von Eickstedts und seiner Mitarbeiter wissenschaftlich belegt. Er forderte, solche Darstellungen in Zukunft zu unterbinden. Für weitere Auskünfte sei Fritz Arlt zuständig.

Das Reichsministerium beauftragte die Publikationsstelle in Berlin-Dahlem in Zusammenarbeit mit der Nordostdeutschen Forschungsgemeinschaft (NODFG), die für die Kontrolle der wissenschaftlichen Publikationen im Bereich Ostforschung zuständig waren, sich sachkundig zu machen. Johannes Papritz von der Publikationsstelle fragte bei Rassenkundlern wie Otto Reche und Fritz Lenz sowie bei Hermann Aubin, dem Breslauer Vertreter der NODFG, um Beurteilung der Schlesienuntersuchung nach. Arlt hatte 1938 zusammen mit Heinrich Tewes eine Heftreihe „Volk, Rasse, Erbwert“ in Schlesien begonnen, später aber zusammen mit Tewes an der Herausgabe der Eickstedtschen Schlesienuntersuchung: „Rasse, Volk, Erbgut in Schlesien“ mitgewirkt und vermutlich auch praktische und organisatorische Hilfen geleistet.

Die Beurteilung fiel aufgrund persönlicher Animositäten gegenüber Eickstedt und berechtigten methodischen Kritikpunkten, die vor allem Lenz, aber auch Otmar Freiherr von Verschuer beisteuerten, negativ aus. Das Reichsministerium verschleierte seine Quelle und fügte eine Stellungnahme des „Beauftragten für die gesamte geistige und weltanschauliche Schulung der NSDAP“ bei. Arlt wurde auf Anweisung aus Berlin 1943 durch Wagners Nachfolger Fritz Bracht zum Rückzug aus dem Projekt gezwungen.

Eine Zensur oder ein Einziehen der Heftreihe wurde nicht als nötig befunden, auch weil Martin Staemmler sich für sie starkgemacht hatte. Der Zensurversuch zur Rassenkunde Schlesiens, den die Gruppe um Arlt versuchte, scheiterte damit durch amtliche und parteiamtliche Erlasse.Detlev Franz: Der politische Kontext der Schlesienuntersuchung. In: Arbeitskreis Universitätsgeschichte 1945–1965 (Hrsg.): Elemente einer anderen Universitätsgeschichte. Mainz 1991.

Diese Schlesienuntersuchung, die z. B. auch die Verkartung von Kirchenbüchern durch den NSLB integrierte, ist das Gegenstück zu Arlts Rassenkunde an „Fremdrassigen“.

1938 „Volksbiologische Studien“, Anleitung zur Massenabschiebung 1938 wurde Arlt Gaubeauftragter des RPAs im Gau Schlesien. Im selben Jahr wurden Arlts „Volksbiologische Untersuchungen“ veröffentlicht. In diesen schlug er vor, die Leipziger Juden als Ausländer auszuweisen und nach ihren Herkunftsorten in Polen zu deportieren.

Die von Arlt vorgeschlagene Vorgehensweise wurde 1938 in einem Zusammenspiel von deutscher und polnischer Regierung durch Abschiebungen massenhaft ausgeführt. Die Reaktionszeit der polnischen Regierung im Rahmen dieser ersten Massenabschiebungen 1938 machte deutlich, dass auch die Regierung von Polen über – nach Religion und Muttersprache selektierbare – fortgeschriebene Volkszählungsdaten von 1931 verfügte.

Am Abend des 29. Oktober 1938 hatte die polnische Regierung angeordnet, deutsche Bürger aus Posen und Pommerellen abzuschieben. Die deutsche Regierung argumentierte, dass die Abschiebung von Ariern den Konflikt verschärfen würde, worauf die polnische Regierung nur jüdische Deutsche abschob.

miniatur|Reichsgaue und Generalgouvernement im Juni 1941

1939 „Bevölkerungswesen und Fürsorge“ im Generalgouvernement Noch im August 1939 erarbeitete Arlt in Breslau die sogenannte Judenkartei, wofür er den jüdischen, später nach Auschwitz deportierten und ermordeten Historiker Willy Cohn durch Vorladung verpflichtete und sich dessen Kenntnisse zunutze machte. Er requirierte auch „gegen Ehrenwort“ einschlägige Bücher aus dessen umfangreicher Bibliothek.Vgl. Willy Cohn: Kein Recht, nirgends. Tagebuch vom Untergang des Breslauer Judentums 1933–1941. Bd. 2, S. 673 f., S. 876 f. Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2006 (Neuere Forschungen zur Schlesischen Geschichte 13.2), ISBN 3-412-32905-3.

Arlt nahm beim Überfall auf Polen bei einem Brieger Bataillon teil. Beim Überfall auf Polen konfiszierte der SD die Daten der Volkszählung in der Universität in Warschau. Im Oktober 1939 wurde Arlt Leiter der Abteilung „Bevölkerungswesen und Fürsorge“ unter dem Besatzungsregime des Generalgouverneurs von Polen, Hans Frank.Zum Wirken des Gehlen-Schülers Arlt in Krakau und zur Einbindung seiner Forschungen in den Kontext damaliger sozialwissenschaftlicher Bevölkerungsforschung siehe auch: Hansjörg Gutberger: Volk, Raum und Sozialstruktur. Sozialstruktur- und Sozialraumforschung im „Dritten Reich“. Lit-Verlag, Münster u. a. 1996, ISBN 3-8258-2852-2, S. 425–432; Sonja Schnitzler: Soziologie im Nationalsozialismus zwischen Wissenschaft und Politik. Elisabeth Pfeil und das „Archiv für Bevölkerungswissenschaft und Bevölkerungspolitik“. Springer, Wiesbaden 2012, ISBN 978-3-531-18611-5, S. 298–301.

Aus dem Warthegau wurden unter maßgeblicher Beteiligung von Arthur Greiser im Frühjahr 1940 monatlich 15.000 Polen in das Generalgouvernement abgeschoben. In einem Filminterview für die BBC„The Nazis. A Warning from History“ The first 20 month in Poland v.youku.com äußerte sich Arlt 1997 in der 31. Minute des 48:20 Minuten dauernden Filmes zu den Opfern dieser Deportationen, welche nach ihrer Ankunft unter seiner Verantwortung als Leiter des Amtes für „Bevölkerungswesen und Fürsorge“ im Generalgouvernement standen:

30:49 Fritz Arlt: Nacht für Nacht kamen Evakuiertenzüge, die die sogenannte Umsiedlungszentrale, deren Chef Herr Eichmann war, in das Generalgouvernement die Leute wurden raus geschmissen aus den Zügen, ob auf dem Marktplatz, auf dem Bahnhof, wo es irgend wo war, und es kümmerte sich Niemand darum.

31:13 So wir bekamen also einen Telefonanruf von dem Kreishauptmann, das ist der Landrat etwa. Der sagte jetzt ich weiß nicht mehr was ich machen soll.

Da sind wieder so und so viele daher gekommen, ich habe weder Wohnung, noch zu Essen, noch sonst Etwas.

32:25 Wenn ich an Frank denke, so muss ich sagen: war eine tragisch komische Figur. Der Frank war ein hoch intelligenter Bursche, war ein guter Musiker, Pianist. Herr Frank war einer, der auf Präsentation und auf Repräsentation sehr viel Wert legte. Weshalb man spöttischer Weise den König von Polen nannte.

35:12 Dr. Fritz Arlt: half beim Umgang mit dem Problem von nicht umsiedlungswilligen Baltendeutschen

35:19 In unserem Interview mit ihm betonte Dr. Arlt, dass er der besetzten Bevölkerung helfen wollte.

35:29 Aber dieser Brief über die ethnisch deutschen Bauern zeigt einen anderen Charakter von Arlt.