Die Grüne Huschspinne (Micrommata virescens) ist eine Spinne aus der Familie der Riesenkrabbenspinnen (Sparassidae). Sie ist paläarktisch verbreitet, dabei jedoch als xerophile (wärmeliebende) in den südlichen Breiten ihres Vorkommensgebiets häufiger und bewohnt bevorzugt trockenwarme Habitate (Lebensräume). Ferner ist die Grüne Huschspinne die einzige in Mitteleuropa natürlich vorkommende Riesenkrabbenspinne. Die Art ist eine mittelgroße Spinne und erhält ihren Trivialnamen durch die vor allem beim Weibchen ausgeprägte Grünfärbung, während das Männchen vermehrt olivgrüne bis gelbe wie auch rote Farbelemente aufweist.
Bei der Grünen Huschspinne handelt es sich wie bei allen Huschspinnen (Micrommata) und somit im Gegensatz zu den meisten anderen Riesenkrabbenspinnen um eine tagaktive Art, die sich bevorzugt in niedrigem Gebüsch oder höheren Gräsern aufhält, wo sie aufgrund ihrer Färbung gut getarnt ist. Sie ernährt sich wie alle Spinnen räuberisch und erlegt wie für Riesenkrabbenspinnen üblich Beutetiere freilaufend und somit ohne ein Fangnetz. Der Paarung geht eine ausgeprägte Balz voraus und ein begattetes Weibchen fertigt im Sommer einen Brutgespinst an, in dem es seinen Eikokon deponiert. Es betreibt Brutpflege und bewacht sowohl das Eigelege als auch die frisch geschlüpften Nachkommen, ehe diese sich selbstständig verstreuen und selbstständig über mehrere Fresshäute (Häutungsstadien) heranwachsen.
Die Arachnologische Gesellschaft kürte die Grüne Huschspinne zur Spinne des Jahres 2004. Damit sollte u. a. auf die Gefährdung der Art durch den Rückgang ihrer Lebensräume aufmerksam gemacht werden. Eine ernstzunehmende Gefahr für den Menschen geht von der Spinne nicht aus.
Merkmale mini|Männchen Das Weibchen der Grünen Huschspinne erreicht nach Peter Jäger (2023) eine Körperlänge von 9,2 bis zu 17,8 und das Männchen eine von 8,2 bis zu 10 Millimetern. Damit handelt es sich wie bei allen Huschspinnen um einen mittelgroßen Vertreter der Echten Webspinnen (Araneomorphae). Der grundsätzliche Körperbau der Art entspricht dem anderer der Gattung. + Maße und Attribute der Grünen Huschspinne nach Jäger Geschlecht Länge des Prosomas (Vorderkörpers) in Millimetern Länge des Opisthosomas (Hinterleibs) in Millimetern Anzahl an pomarginalen (vorne seitlichen) und retromarginalen (hinten seitlichen) Zähnen an den Cheliceren (Kieferklauen) Anzahl an Setae (chitinisierten Haaren) an den ChelicerenMännchen3,8 bis 4,43,7 bis 5,62 bis 4/66 bis 9Weibchen3,8 bis 5,65,4 bis 12,22 bis 4/76 bis 9
Sexualdimorphismus Die Grüne Huschspinne weist wie viele Spinnen einen ausgeprägten Sexualdimorphismus (Unterschied der Geschlechter) auf. Dieser macht sich neben den Dimensionen bei der Farbgebung beider Geschlechter bemerkbar.
Männchen mini|Nahaufnahme eines Männchens Das Männchen hat eine blass gelblich-braune Grundfärbung, wobei die Segmente der Beine in distaler (von der Körpermitte entfernt gelegener) Lage dunkler ausfällt. Der Carapax ist im lebendigen Zustand grün gefärbt, wobei die Farbe nach dem Exitus verblasst, und weist ein dunkles medianes (mittleres) Band sowie undeutliche laterale (seitliche) und marginale (randseitige) Bänder auf. Das Opisthosoma besitzt dorsal (oben) ein an das Carapax anknüpfendes, jedoch undeutliches und dunkles Medianband. Es ist mit Ausnahme des für Huschspinnen (Micrommata) typischen Herzmals mit weißen bis gelblichen und kristallförmigen Flecken bedeckt. Im lebendigen Zustand ist das Opisthosoma des Männchens gelb gefärbt. Außerdem besitzt es ein rotes Medianband und jeweils beidseitig einen breiten roten Lateralstreifen.
Die Beinformel (absteigende Längenformel der Beinpaare) des Männchens lautet 2-4-1-3 anstelle wie bei den meisten Spinnen 4-1-2-3. Die Klauenglieder der Cheliceren weisen je zwei pro- (vorne) und vier oder fünf retromarginale (hinten seitliche) Zähne auf. Dentikel (zahnartige Gebilde) fehlen gänzlich, dafür besitzen die Glieder jeweils sechs Setae zur Leitung.
+ Maße eines einzelnen von Jäger vermessenen und bei Weimar gefundenen Männchens in Millimetern nach Jäger Gemessener Bereich WertKörpermaßeGesamtlänge7,1Länge des Prosomas3,9Breite des Prosomas3,1Anteriore Breite1,5Länge des Opisthosomas3,8Breite des Opisthosomas2,1Durchmesser der AugenAnterior median0,15Anterior lateral0,22Posterior median0,16Posterior lateral0,18Abstand der AugenAnterior median zueinander0,14Anterior median-Anterior lateral0,03Posterior median zueinander0,28Posterior median-Posterior lateral0,2Anterior median-Posterior median0,38Anterior lateral-Posterior lateral0,17Abstand der anterioren Augen zu den ChelicerenAnterior median-Cheliceren0,39Anterior lateral-Cheliceren0,4 + Längen der Beine des von Jäger vermessenen Männchens in Millimetern Beinpaar Femur Patella Tibia(Schiene) Metatarsus(Fersenglied) Tarsus(Fußglied) Gesamt-länge Pedipalpen 1,4 0,6 1 0 (hier nicht vorhanden) 1 (hier der Bulbus) 4,4 1 4 1,6 4 3,8 1,3 14,7 2 4,2 1,6 4,3 4,1 1,4 15,6 3 3,6 1,3 3,4 3,2 1,2 12,7 4 4,3 1,3 4 4,5 1,4 15,5 + Anordnung der Beinstacheln des von Jäger untersuchten Männchens Beinpaar Femur Patella Tibia Metatarsus Tarsus Pedipalpen 1-3-1 1-2-0 2-1-0-1 - 1-1-1-2 (hier der Bulbus) 1 3-2-3 1-0-1 2-0-2-4 1-0-0-4 - 2 3-2-3 1-0-1 2-0-2-4 1-0-0-4 - 3 3-2-3 1-0-1 2-1-2-4 3-0-2-4 - 4 3-(2)-2-1 1-0-1 2-1-2-4 3-0-3-7 -
Weibchen mini|Nahaufnahme eines Weibchens Das Weibchen hat eine hellgelblich-braune Grundfarbe, die an den Metatarsen und Tibien der Beine etwas dunkler ausfällt. Der Carapax weist undeutliche, dunkle Streifen aus dunklen Borsten auf. Die Färbung des Opisthosomas fällt ventral vor den Spinnwarzen dunkler aus. Im lebendigen Zustand erscheint das Weibchen leuchtend grün. Junge Weibchen sind hellgelblich bis grünlich gefärbt und besitzen zahlreiche roten bis braune Flecken.
Die Beinformel des Weibchens lautet 4-2-1-3 und weicht somit, ebenso wie jene des Männchens, von der Norm ab. Die Fangfurchen haben hier jeweils zwei anteriore (vordere) und drei oder vier retromarginale Zähne. Auch dem Weibchen fehlen wie beim Männchen Dentikel, es hat dafür jeweils sieben oder acht Leistungssetae an den Fanggliedern.
+ Maße eines einzelnen von Jäger vermessenen und bei Weimar gefundenen Weibchens in Millimetern nach Jäger Gemessener Bereich WertKörpermaßeGesamtlänge12Länge des Prosomas4,5Breite des Prosomas3,7Anteriore Breite2,2Länge des Opisthosomas7,7Breite des Opisthosomas4,2Durchmesser der AugenAnterior median0,15Anterior lateral0,2Posterior median0,16Posterior lateral0,17Abstand der AugenAnterior median zueinander0,2Anterior median-Anterior lateral0,05Posterior median zueinander0,41Posterior median-Posterior lateral0,27Anterior median-Posterior median0,46Anterior lateral-Posterior lateral0,25Abstand der anterioren Augen zu den ChelicerenAnterior median-Cheliceren0,44Anterior lateral-Cheliceren0,4 + Längen der Beine des von Jäger vermessenen Weibchens in Millimetern: Beinpaar Femur Patella Tibia Metatarsus Tarsus Gesamtlänge Pedipalpen 1,3 0,7 1 0 (hier nicht vorhanden) 1,6 4,6 1 4,1 1,8 3,8 3,7 1,3 14,7 2 4,5 1,8 4,1 3,8 1,4 15,6 3 3,8 1,6 3,1 2,9 1,2 12,6 4 4,6 1,7 3,9 4,2 1,4 15,8 +Anordnung der Beinstacheln des von Jäger untersuchten Weibchens Beinpaar Femur Patella Tibia Metatarsus Tarsus Pedipalpen 1-3-0 1-2-1 2-1-2-1 - 1-0-1-3 1 3-2-3 - 1-0-2-4 1-0-0-4 - 2 2-2-3 - 2-0-1-4 1-0-0-4 - 3 3-2-3 - 2-1-2-3 3-0-2-4 - 4 2-(1)-2-1 - 2-1-2-3 3-0-3-7 -
Genitalmorphologische Merkmale mini|Frontale Detailansicht eines Männchens mit erkennbaren Bulbi mini|links|hochkant=0.7|Ventralansicht eines Weibchens mit erkennbarer Epigyne
Das Männchen der Grünen Huschspinne hat an den Tibien der Pedipalpen je eine retrolaterale Apophyse (Fortsatz), die ventral (unterhalb) betrachtet zum Cymbium (erstes und vorderes Sklerit bzw. Hartteil) eines einzelnen Bulbus (männliches Geschlechtsorgans) hin spitz zuläuft. Der basale (an der Basis gelegene) Teil des Spermophors (Samenschlauchs) ist mäßig breit und kann entweder breiter oder gleich breit wie die basale Windung des Tegulums (zweites und mittleres Sklerit des Bulbus) sein. Insgesamt erstreckt sich der Spermophor in retrolaterale bis retrolaterodistale (hinten seitliche & von der Körpermitte entfernt liegende) Richtung. Die teguläre Dentikelfläche ist schwach ausgebildet. Der Embolus (drittes und letztes Sklerit des Bulbus) ist vergleichsweise groß, von sichelförmiger Gestalt und verfügt über einen sägezahnförmigen am prolatero-proximalen (vorne seitliche & zur Körpermitte gelegenen) Rand. Er ist zweigeteilt und besteht entsprechend aus zwei distal (von der Körpermitte entfernt) gelappten Platten und bedeckt ventral betrachtet den distalen Rand des Tegulums.
Die Fläche der Epigyne (weibliches Geschlechtsorgan) und das mediane Septum (Trennwand) sind deutlich breiter als lang. Das Septum hat außerdem vier bis sechs radiale (strahlenförmig) verlaufende Furchen. Seine anteriore Öffnung ist außerdem mit ausgeprägten Rändern versehen. Die Spermatheken (Samentaschen) sind deutlich voneinander getrennt und die Kopulationsgänge in posteriore Richtung breiter werdend und besitzen posterolateral einen S-förmig verlaufenden Abschnitt. Die Drüsenanhänge sind oval.
Verbreitung und Lebensraum mini|Weibchen im Gehölz, gefunden in Albiano innerhalb der italienischen Provinz Trient Das Verbreitungsgebiet der Grünen Huschspinne umfasst Europa, die Türkei, Kaukasien, Russland (von Europa bis zum Föderationskreis Ferner Osten), den Iran, Kasachstan, Zentralasien, China, Korea und Japan. Ein einzelner Nachweis erfolgte 2023 in Algerien. Auch in Europa ist die Spinne vertreten; Nachweise innerhalb Kontinentaleuropas fehlen lediglich aus der Oblast Kaliningrad und aus der russischen Doppelinsel Nowaja Semlja, Franz-Josef-Land, der Inselgruppe Spitzbergen, Nordirland, Sizilien und Kreta. In Kaukasien fehlen Nachweise aus Armenien. Die Art ist xerophil (wärmeliebend) und bevorzugt lichte trockene bis frische Wälder und Waldränder als Habitat (Lebensraum). Daneben bewohnt die Art Weinberge, Zwergstrauchheiden, Moore und stark beanspruchte sowie brache Feuchtwiesen und Magerrasen.
Die Grüne Huschspinne ist der einzige flächendeckend in Europa natürlich vorkommende Vertreter der Riesenkrabbenspinnen (Sparassidae), deren Verbreitungsschwerpunkt die Tropen und Subtropen bilden. Darüber hinaus kommen in den milderen Gebieten Europas wie dem Mittelmeerraum noch einige Arten, darunter die mit der Grünen Huschspinne gattungsverwandte Ligurische (M. ligurina) und die Hübsche Huschspinne (M. formosa) vor. Die einzige neben der Grünen Huschspinne auch in anderen Teilen Europas etablierte Riesenkrabbenspinne ist die ursprünglich in Asien heimische und mittlerweile weltweit eingeschleppte Warmhaus-Riesenkrabbenspinne (Heteropoda venatoria), die dort jedoch nur in menschlichen Bauwerken anzutreffen sowie überlebensfähig ist und feste Populationen aufbauen kann.
Lebensweise mini|Getarntes Weibchen in der Vegetation Die Grüne Huschspinne ist wie alle Huschspinnen (Micrommata) und somit im Gegensatz zu den meisten Riesenkrabbenspinnen (Sparassidae) tagaktiv. Sie hält sich vorzugsweise in bodennaher Vegetation wie niedrigem Gebüsch oder höherwüchsigem Gras auf. Dort ist die Spinne aufgrund ihrer der Tarnung dienenden grünen Färbung, was insbesondere auf das Weibchen zutrifft, schwer zu entdecken. Auch das Männchen der Art ist dort trotz seiner im Vergleich zum Weibchen auffälligen Färbung in der Vegetation gut getarnt. Lediglich sein Opisthosoma ist dort leicht zu sehen, jedoch nicht unbedingt als Teil der Spinne wahrnehmbar. Da die Grüne Huschspinne wie alle Riesenkrabbenspinnen nomadisch lebt, findet Spinnenseide bei ihr kaum Verwendung. Diese dient neben dem Kokonbau nur für das Anlegen temporärer Unterschlüpfe.
Jagdverhalten und Beutespektrum mini|links|Weibchen mit Drosophila melanogaster (Schwarzbäuchige Taufliege) als Beute