mini|Schrägluftbild des Sievekingplatzes, um 1920: links Ziviljustizgebäude (noch ohne Erweiterungsbau von Fritz Schumacher), rechts Strafjustizgebäude und mittig das Gebäude des Oberlandesgerichts, davor das nicht mehr vorhandene Wasserbassin
Das Justizforum in Hamburg ist ein zwischen 1879 und 1907 erbautes repräsentatives Gebäudeensemble am Sievekingplatz, benannt nach dem ersten Präsidenten des Hanseatischen Oberlandesgerichtes, Ernst Friedrich Sieveking. Es besteht aus drei U-förmig angeordneten Gebäuden; den Mittelpunkt der Anlage bildet das Oberlandesgerichtsgebäude, in dem auch das Hamburgische Verfassungsgericht tagt, flankiert von den beiden einander gegenüberliegenden Bauten Ziviljustizgebäude und Strafjustizgebäude. Letztere werden sowohl vom Landgericht Hamburg als auch vom Amtsgericht Hamburg(-Mitte) genutzt.
Anlass für den Bau der Anlage war die Neuordnung des Hamburger Justizwesens nach der Reichsgründung 1871: Da in der dichtbebauten Innenstadt nicht genug Platz für die erforderlichen Neubauten vorhanden war, wurde ein weiträumiger Bauplatz in den Wallanlagen vor dem ehemaligen Holstentor gewählt. Die Gesamtplanung des Ensembles stand im Zusammenhang mit der Neuanlage des angrenzenden Gorch-Fock-Walls, der etwa zeitgleich mit „Reichsfolgebauten“ für das Post-, Versicherungs- und Zollwesen bebaut wurde. Die seinerzeit ebenfalls neuangelegte Kaiser-Wilhelm-Straße wurde als Hauptausfallstraße und Sichtachse bewusst auf das neue Justizforum ausgerichtet.
Oberlandesgericht mini|Hanseatisches Oberlandesgericht und Sitz des Verfassungsgerichts Das Gebäude (Sievekingplatz 2, 20355 Hamburg) wurde von 1907 bis 1912 als Abschluss der Bauten am Sievekingplatz von den Architekten Lundt & Kallmorgen für das Hanseatische Oberlandesgericht errichtet, das gemeinsame Oberlandesgericht der drei Freien Hansestädte, das für Lübeck noch bis 1937 und für Bremen bis 1947 zuständig war. Neben dem Oberlandesgericht für den Stadtstaat Hamburg hat dort auch das Hamburgische Verfassungsgericht seinen Sitz.
Fassade und Kuppel An der Fassade befindet sich im Fries der Leitsatz für eine gute und gleiche Rechtsprechung:
Oberhalb des Frieses ist Justitia in der Gestalt einer Seherin dargestellt. An jeder Seite des Frieses befindet sich eine Sphinx-Figur als Symbol für die Gerechtigkeit. Die 52 Meter hohe Kuppel des monumentalen Bauwerks erhebt sich über der ausgedehnten Innenhalle, von der zwei Treppenaufgänge in das erste Stockwerk führen. Besonders prachtvoll gehaltene Räume sind Plenarsaal und Bibliothek im ersten Stockwerk.
Mahnmal mini|Mahnmal Hier + Jetzt Eine unauffällige Gedenktafel links von der Eingangstür zum Oberlandesgericht erinnert an die Zeit des Nationalsozialismus:
Beim Verlassen des Oberlandesgerichts fällt gegenüber dem Eingang eine große Zahl 1933 auf einer grauen Betonmauer ins Auge. Diese Mauer ist Teil des im Auftrag der Justiz- und der Kulturbehörde von der Künstlerin Gloria Friedmann 1997 vor dem Oberlandesgericht erstellten Mahnmals für die Justizopfer des Nationalsozialismus. Auf der anderen Seite der Betonmauer befindet sich eine farbige Großaufnahme Hamburgs. Davor sind 90 Eisenstelen angeordnet, auf denen verschiedene Pflanzen in Töpfen wachsen, zum Beispiel Rosen neben Brennnesseln oder Heilkräuter neben giftigen Pflanzen. Dadurch sollen verschiedene Kulturen, Religionen, soziale Milieus und Nationen symbolisiert werden.
Eine Tafel erläutert:
Strafjustizgebäude mini|Strafjustizgebäude Das Gebäude für die Strafgerichtsbarkeit, Sievekingplatz 3, wurde 1879–1882 nach Entwurf von Hans Zimmermann errichtet, auf den neben der Ausführung von Straf- und Ziviljustizgebäude auch die städtebauliche Planung des Justizforums zurückgeht. Die palastähnliche Anlage im Stil der Neorenaissance nimmt speziell Formen der sogenannten „deutschen Renaissance“ auf. Der ursprünglich dreiflügelige Bau wurde in zwei Bauabschnitten (Nordostflügel 1895–1896) nach Osten zu einem vollen Rechteck (1911–1914) erweitert. Es dient, ebenso wie das Ziviljustizgebäude, dem Hamburger Landgericht und dem Amtsgericht. Das Haus ist zudem mit der nördlich dahinter liegenden Untersuchungshaftanstalt Hamburg verbunden.
Ziviljustizgebäude mini|Ziviljustizgebäude Das Gebäude für die Zivilgerichtsbarkeit am Sievekingplatz 1 wurde 1898–1903 ebenfalls von Hans Zimmermann als Pendant zum gegenüberliegenden Strafjustizgebäude errichtet. Die Bronzefiguren über dem Eingangsportal zeigen bedeutende Hamburger Juristen, so Vincent Moller (1560–1621), der von 1599 bis 1621 Hamburger Bürgermeister war, den Ratsherrn Matthäus Schlüter (1648–1719), Georg Arnold Heise (1778–1851), dem ersten Präsidenten des Oberappellationsgericht der vier Freien Städte in Lübeck, dem Vorgänger des Hanseatischen Oberlandesgerichtes und Hermann Baumeister (1806–1877), dem Präsidenten des Obergerichts und der Hamburgischen Bürgerschaft.
Spätestens in den 1920er Jahren erwies sich das Gebäude als zu klein, auch seine inzwischen reichlich altmodische Gasbeleuchtung wurde bemängelt. Während einige Abteilungen 1927 an die Drehbahn (Justizbehörde) verlagert wurden, entstand unter Verkleinerung der Parkanlage zwischen 1928 und 1930 der südlich abgerückte halbrunde Erweiterungsbau (u. a. für das Grundbuchamt) mit seinen Klinkerfassaden nach Entwurf von Oberbaudirektor Fritz Schumacher in Zusammenarbeit mit Baudirektor Christoph Ranck. Die darin entstandene Grundbuchhalle, eine Treppenhalle in Stahlbeton mit Glasoberlicht, wurde mit farbigen keramischen Brüstungen und einem fünf Meter hohen Figurenbrunnen von Richard Kuöhl ausgestattet und wird heute für verschiedene Veranstaltungen genutzt.Aus richterverein.net - Hamburgischer Richterverein: Die Grundbuchhalle, Freunde der Grundbuchhalle e. V. - Geschichte, Pläne, Bilder Das Gebäude beherbergt heute nach wie vor Teile des Landgerichts und des Amtsgerichts Hamburg.
Figurengruppen mini|Figurengruppe Technik, Handel und Industrie von Arthur Bock Von der 1912 geschaffenen Brunnenanlage auf dem Sievekingplatz mit zwei Figurengruppen an der Kopfseite eines großen U-förmigen Wasserbassins sind heute nur noch die Figuren von Bildhauer Arthur Bock erhalten. Die Anlage wurde im Rahmen der Umgestaltung des Grünzugs der ehemaligen Hamburger Wallanlagen (Teil des Parkes Planten un Blomen) für die Internationale Gartenbauausstellung 1963 aufgelöst.
In den Wallanlagen vor der Ostfassade des Ziviljustizgebäudes wurden 1930 auch einige Elemente des Hamburger Kaiser-Wilhelm-I.-Denkmals neu aufgestellt, das 1903 auf dem Rathausmarkt enthüllt worden war und ein Jahrzehnt nach dem Ende der Monarchie und wegen des stark gestiegenen Straßenverkehrs dort störend wirkte. Wie das Gebäude wurde auch das Denkmal im Zweiten Weltkrieg beschädigt und zur IGA 1963 abgebaut. Das Reiterstandbild versetzte man an den nahen Holstenwall; die dazugehörigen Figurengruppen wurden 1985 verstreut am Sievekingplatz aufgestellt, bevor sie 1997 wieder um den Kaiser gruppiert wurden.
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Einzelnachweise
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