mini|Ehemaliger Verladebahnhof unterhalb der Stollen Goldfisch und Brasse, heute Lagerhalle in Obrigheim mini|Eingang zum Stollen Brasse
Das KZ Neckarelz war zunächst ein Konzentrationslager, das im März 1944 in einer Schule in Neckarelz (heute ein Ortsteil von Mosbach) eingerichtet wurde. Die KZ-Häftlinge wurden im Rahmen der Untertageverlagerung kriegswichtiger Produktion als Arbeitskräfte gebraucht. Weil der Bedarf an Arbeitskräften immer weiter zunahm, wurden bald Ableger (sogenannte Unterkommandos) des KZ Neckarelz errichtet, darunter auch ein zweites KZ in Neckarelz.
Somit wird heute das KZ Neckarelz I (Schule) unterschieden vom KZ Neckarelz II (Bahnhof). Die beiden KZ in Neckarelz und weitere sogenannte „Neckarlager“ in der Region waren Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof. Ferner gab es in der Region zahlreiche Lager für Zwangsarbeiter.
Die KZ-Häftlinge mussten zusammen mit Zwangsarbeitern gegenüber von Neckarelz, auf der anderen Seite des Neckars, zwei Stollen in einem Berg bei Obrigheim ausbauen. In den Stollen mit den Decknamen Goldfisch und Brasse sollte das Flugzeugmotoren-Werk der Daimler-Benz-Motoren GmbH in Genshagen untergebracht und dort weiterbetrieben werden. Das Untertage-Motorenwerk bei Obrigheim wurde ebenfalls Goldfisch genannt und als Goldfisch GmbH in das Handelsregister von Mosbach eingetragen.
Heute erinnern ein Museum in der KZ-Gedenkstätte Neckarelz und der Goldfisch-Pfad bei Obrigheim an die Neckarlager und die Untertage-Fabrik. Der Goldfisch-Pfad ist ein Geschichtslehrpfad, der unter anderem zu den Eingängen der Stollen Goldfisch und Brasse führt.
KZ Neckarelz I Das erste KZ Neckarelz wurde in der Schule von Neckarelz eingerichtet. Dort wurden fünf Klassenzimmer zu Schlafräumen für etwa 800 Häftlinge umfunktioniert. Durch den Schichtbetrieb in der Fabrikanlage waren immer nur die Hälfte der Häftlinge in den Räumen. Der Schulhof war nun Appellplatz. Darum wurde ein Stacheldrahtverhau errichtet. Noch 1944 wurden zusätzlich in dem Bereich Baracken gebaut.
Häftlinge Die ersten 500 Häftlinge kamen aus dem KZ Dachau, sie kamen am 15. und 21. März 1944 an. In mehreren Schüben wurden immer mehr Häftlinge nach Neckarelz geschickt, im Mai 1944 beispielsweise 600 Häftlinge aus dem KZ Sachsenhausen. Mit einer Belegschaft von 2500 Personen war das Lager in Neckarelz das größte der Neckarlager. Die offizielle Lagerstärke betrug 3000 Plätze. Die genaue Zahl konnte nach dem Krieg aber nicht rekonstruiert werden.
Nicht alle Häftlinge waren in den Stollen beschäftigt. Baukommandos mussten in der Umgebung mehrere Barackenlager errichten, teils als Erweiterung des KZ Neckarelz, teils zur Unterbringung von weiteren Zwangsarbeitern.
Vinzenz Rose (1908–1996) war der einzige Häftling, der fliehen konnte.
Lagerkommandanten Lagerkommandanten waren vom 15. März bis zum 15. Mai 1944: Franz Hößler danach bis zum 15. Oktober 1944: Franz Hofmann danach bis März 1945: der Luftwaffenhauptmann Wilhelm Streit, der erst im September 1944 der SS beigetreten war
Der KZ-Komplex Neckarelz Innerhalb eines halben Jahres entstanden in Neckarelz und benachbarten Orten fünf weitere Lager, die dem KZ Neckarelz als Unterkommandos zugeordnet waren. Dadurch wurde aus dem einzelnen KZ Neckarelz der aus sechs Lagern bestehende „KZ-Komplex Neckarelz“.
Diese sechs Lager werden auch als Neckarlager bezeichnet. Die Bezeichnung Neckarlager bezieht sich – jedenfalls im fachsprachlichen Gebrauch – nur auf die sechs Lager des KZ-Komplexes Neckarelz und nicht auf andere Außenlager des KZ Natzweiler, die in der Nähe des Neckars errichtet wurden.Dorothee Roos: Das Beispiel Neckarelz. Vortrag beim Kolloquium zum Thema KL Natzweiler in Paris, 2015, online bei gedenkstaetten-bw.de, S. 4.
Weitere Neckarlager Schon kurz nach der Eröffnung von Neckarelz I wurden fünf weitere „Neckarlager“ in der näheren Umgebung gebaut:Der KZ-Komplex am Neckar kz-denk-neckarelz.de KZ Neckargerach: Eröffnung im April 1944. Gegen Ende des Jahres 1944 wurde das KZ Neckargerach zunehmend zum Krankenlager. Kranke Häftlinge aus den anderen fünf Lagern wurden nach Neckargerach verlegt. KZ Neckarelz II: am Alten Bahnhof, Aufbau ab Juli 1944 Kommando in Asbach. Das Baukommando sollte 32 Baracken für Zwangsarbeiter bauen. Jedoch wurden nur zwei Baracken fertiggestellt, in denen dann die 150 KZ-Häftlinge des Baukommandos einquartiert wurden. Kommando in Neckarbischofsheim: Von den geplanten 18 Baracken wurden nur wenige fertiggestellt. „Baulager“ in Bad Rappenau. Dieses Lager war nicht am Projekt Goldfisch beteiligt, wegen Austauschbeziehungen zu den anderen Lagern wird es dennoch zum Komplex der Neckarelz-Lager gezählt.
Aufgrund der unmenschlichen Bedingungen wurden viele Häftlinge krank und zahlreiche Tote waren zu beklagen. Der teilweise Einsturz eines der Stollen im September 1944 forderte 20 Menschenleben. Im Herbst 1944 führte eine Typhus-Epidemie zu weiteren Todesfällen.
Nähe zur Kommandantur des KZ Natzweiler Nach der Evakuierung des Stammlagers Natzweiler im Elsass befanden sich die SS-Kommandantur und die Verwaltung der zahlreichen Natzweiler-Außenlager von Ende November 1944 bis Anfang März 1945Markowitsch und Rautnig, 2005, S. 185. in Guttenbach und in Binau. Beide Dörfer sind nur einige Kilometer von Neckarelz entfernt. Kommandant Friedrich Hartjenstein hatte sich für diese Standorte wegen der Nähe zum Lagerkomplex in und um Neckarelz entschieden. In der Folge konnten diese Lager von der Natzweiler-Kommandantur effektiv verwaltet und überwacht werden.Geschichte kz-denk-neckarelz.de, siehe Abschnitt Verlagerung der Kommandantur nach Guttenbach und Binau.
Evakuierung Als amerikanische Truppen in den Neckarraum vorrückten, wurde der Betrieb in den Stollen am 23. März 1945 eingestellt. Ab dem 26. März wurden die KZ-Häftlinge aus den Neckarlagern sowie aus Heppenheim, Auerbach und Mannheim in Neckarelz und Neckargerach zusammengezogen. Sie wurden in Gehfähige und Gehunfähige eingeteilt.Georg Fischer: Erinnerung an den Hessentaler und Kochendorfer Todesmarsch (online bei gedenkstaetten-bw.de), S. 2: Abschnitt Nach Dachau.
Die rund 2400 gehfähigen Häftlinge wurden in Marschgruppen fortgeschickt. Sie kamen bis nach Schwäbisch Hall und wurden von dort mit der Eisenbahn zum KZ Dachau weitertransportiert. In Dachau wurden rund 2300 ankommende Häftlinge registriert. Wie viele der Fehlenden umkamen oder fliehen konnten, ist nicht bekannt.
Die etwa 850 bis 900 gehunfähigen Häftlinge wurden in einen Zug verladen, der ebenfalls nach Dachau fahren sollte, aber am 31. März schon in der Nähe von Osterburken abgestellt wurde, weil eine Weiterfahrt nicht möglich war. Die Wachmannschaft setzte sich ab, die Häftlinge harrten am Zug aus. Erst am 4. April wurden sie von amerikanischen Truppen befreit. Bis dahin waren 18 Häftlinge gestorben. Die anderen wurden in Osterburken in Gasthäusern und der Schule und in Privathäusern untergebracht. In den Tagen nach der Befreiung starben nochmals 16 Häftlinge; an sie erinnert ein Gedenkstein auf dem Alten Friedhof in Osterburken. Etwa 300 Häftlinge aus dem Krankenzug mussten in zwei Lazaretten in Osterburken versorgt werden, die in Gasthäusern eingerichtet wurden. Ende April 1945 wurden die Lazarette aufgelöst.Angaben der KZ-Gedenkstätte Neckarelz auf einer Infotafel zum Krankenzug.
Das Goldfisch-Projekt Planung mini|Bahnnetz bei Neckarelz damals und im Jahr 2006, Straßen heute
Die Daimler-Benz Motoren GmbH hatte seit 1941 in ihrem Flugzeugmotorenwerk in Genshagen die 1500 PS starken Zwölfzylinder-Flugzeugmotoren DB 603 und DB 605 gefertigt. Anfang 1944, als die Luftangriffe auf Genshagen häufiger wurden, beschloss der Jägerstab (eine Koordinationsstelle aus SS, Luftwaffe, Rüstungsministerium und Rüstungsbetrieben), die Produktion in unterirdische Stollen zu verlegen.
Die Gipsgruben Friede und Ernst im badischen Obrigheim boten sich nach einer Erkundung im Februar 1944 hierfür an. Sie waren in Süddeutschland vermeintlich sicher vor gegnerischen Bomben. Die Stollen der Gipsgruben waren im Karlsberg versteckt. Die Eingänge lagen vom Wald verborgen in einem Seitental des Neckaruferhangs, der Luttenbachschlucht. Die (heute nicht mehr bestehende) Neckarbrücke zwischen Neckarelz und Obrigheim bot einen weiteren Vorteil: die Anbindung an mehrere Bahnstrecken bei Neckarelz. Die beiden Stollen der Gipsgruben erhielten Tarnnamen: Goldfisch (der Stollen der Grube Friede) und Brasse (der Stollen der Grube Ernst).
Am 7. März gaben Daimler-Benz und die SS dem Stuttgarter Architekten Kiemle den Planungsauftrag für eine 50.000 m² große unterirdische Produktionsfläche im Stollen Goldfisch, die binnen sieben Wochen errichtet werden sollte. Etwas später wurde im benachbarten Stollen Brasse zusätzlich eine 9000 m² große Produktionsstätte geplant. In das Handelsregister von Mosbach wurde eine Goldfisch GmbH eingetragen.
Umsetzung Für den Betrieb der Goldfisch GmbH wurden sehr viele Arbeiter gebraucht. Insgesamt waren es etwa 10.000 Menschen, davon rund 5000 KZ-Häftlinge aus den Neckarlagern und rund 5000 weitere Arbeitskräfte. Die weiteren Arbeitskräfte waren überwiegend Zwangsarbeiter, die in eigenen Lagern untergebracht wurden. Für die Goldfisch GmbH waren aber auch freie Arbeiter tätig, beispielsweise Mitarbeiter aus dem Flugmotorenwerk in Genshagen, die zusammen mit den Maschinen ins Neckartal geschickt wurden.Die Firma „Goldfisch“ kz-denk-neckarelz.de, siehe Abschnitt Motorenproduktion.
Den Weg von Neckarelz zu den Stollen in Obrigheim mussten die Häftlinge täglich zu Fuß über die damals bestehende Eisenbahnbrücke zurücklegen. Die Aufgabe der ersten Häftlinge war es, die Zufahrtswege zu den Stollen auszubauen und den weiträumigen Tunnelboden zu befestigen und zu ebnen, Stromleitungen zu verlegen, um dort schnellstmöglich Maschinen betreiben zu können. Das benötigte Baumaterial (die Firma Hochtief, die die Arbeiten organisierte, rechnete mit circa 750 Tonnen Eisen und 3200 Tonnen Zement) musste auf dem Rücken über 40 Höhenmeter eine schmale Treppe hinauf transportiert werden.
Unter unmenschlichen Bedingungen und strengem Termindruck wurden die Stollen ausgebaut, wobei weitere Verbindungs- und Belüftungsstollen zu graben waren. Außerhalb der Stollen entstand der Heizbunker Kesselhaus, ein starker Bunker-Vorbau am Stollen Goldfisch mit Flak-Geschütz, diverse Küchen- und Unterkunftsbaracken am Eingang zum Stollen Brasse. Für die Versorgung der Stollen wurde parallel zur Bahnstrecke am Hang entlang der nicht-öffentliche Haltepunkt „Finkenhof“ und ein Ladegleis erbaut, das sich teilweise geschützt im zweigleisig ausgelegten, aber bisher nur eingleisig genutzten 147 m langen Kalksbergtunneloffiziell von der Bahn vergebener, aber eigentlich fehlerhafter Name des Tunnels, da der unterquerte Berg der Karlsberg ist befand. Der Gleisabschnitt zwischen Neckarelz und Obrigheim und einiges umgebendes Gelände wurde zum Sperrgebiet erklärt, so dass in den durchfahrenden Zügen das Öffnen der Fenster nicht gestattet war. Ein- und Ausfahrt auf den umliegenden Straßen wurden durch Wachen kontrolliert.
Bereits am 26. Juni 1944 wurden die ersten 21 Maschinen aus Genshagen antransportiert. Im Juli 1944 befanden sich circa 1.400 Häftlinge und 400 Mann Arbeiter beziehungsweise Wachpersonal in Neckarelz und Obrigheim. Da der Ausbau der Stollen schwieriger war als geplant, konnte die Produktion nur schleppend anlaufen, so dass erst im Oktober 1944 die ersten Flugzeugmotoren ausgeliefert wurden. Die Planungen sahen monatlich 500 Motor-Neubauten und 350 -Instandsetzungen vor, diese Zahlen wurden allerdings nie erreicht.