mini|Adolf Kußmaul rahmenlos|zentriert|150px Adolf Kußmaul oder Adolf bzw. Adolph Kussmaul (* 22. Februar 1822 in Graben bei Karlsruhe; † 28. Mai 1902 in Heidelberg) war ein deutscher Internist und Gastroenterologe. Er wirkte unter anderem als Lehrstuhlinhaber in Freiburg und Straßburg, war zudem Dichter und gilt als Miturheber des Begriffs Biedermeier.

Familie Er stammte aus einer badischen Medizinerfamilie. Sein Vater Philipp Jakob Kußmaul (1790–1850) war Physikatsarzt des Bezirks Wiesloch, sein Großvater Johann Georg Kußmaul Chirurg in Söllingen (Pfinztal) bei Durlach. Seine Mutter Luise Böhringer war die jüngste Tochter des Direktors der Glashütte Buhlbach, Johann Georg Böhringer.

Kußmaul heiratete 1850 Luise Amanda geborene Wolf. Das Paar hatte einen Sohn und vier Töchter. Zwei seiner Kinder starben bereits in jugendlichem Alter. Seine Tochter Luise heiratete den bedeutenden Krebsforscher und Professor der Chirurgie Vincenz Czerny.

Seine Frau starb am 25. Januar 1898 und ist an der Seite ihres Gatten in der Familiengrabstätte auf dem Bergfriedhof Heidelberg (Abt. V) beigesetzt.

Leben mini|hochkant|Adolf Kußmaul, 1868 Versetzungen des Vaters, der auch in WürzburgAdolf Kußmaul: Ein Heft meines Vaters aus Schoenleins Klinik 1819–1820. In: Adolf Kußmaul: Jugenderinnerungen eines alten Arztes. 3. Auflage. Adolf Bonz & Co., Stuttgart 1899, S. 17–21. (1819/1820 als Schüler von Johann Lukas Schönlein)Andreas Mettenleiter: Das Juliusspital in Würzburg. Band III: Medizingeschichte. Herausgegeben vom Oberpflegeamt der Stiftung Juliusspital Würzburg anlässlich der 425jährigen Wiederkehr der Grundsteinlegung. Stiftung Juliusspital Würzburg, Würzburg 2001, ISBN 3-933964-04-0, S. 236. tätig war, führten Kußmaul nacheinander an die Gymnasien in Wertheim, Mannheim und Heidelberg. Das Medizinstudium in Heidelberg (ab 1840) war von der Unruhe des Progress gekennzeichnet. Kußmaul nahm regen Anteil an den Aktivitäten der studentischen Verbindungen und gehörte von 1841 bis zum Herbst 1844 dem Corps Suevia Heidelberg an.Nicht in den Kösener Corpslisten 1844 wurde er Mitglied der Burschenschaft Allemannia Heidelberg.Verzeichnis der Alten Burschenschafter nach dem Stande vom August 1893. Leipzig 1893, S. 76. 1846 legte er das Staatsexamen ab und wurde Assistent von Karl von Pfeufer. Die Jahre 1847 und 1848 verbrachte er mit weiteren Studien in Wien und Prag. Hier informierte er sich bei Carl von Rokitansky, Josef von Škoda, Ferdinand von Hebra, Ignaz Semmelweis, Johann von Oppolzer und Franz Freiherr von Pitha über die neuesten Erkenntnisse der Wiener Medizinischen Schule.

In der Revolution von 1848/49 im Kaisertum Österreich kehrte er in die Heimat zurück und diente zwei Jahre als Militärarzt der Badischen Armee im Schleswig-Holsteinischen Krieg. In Kandern, einem kleinen Schwarzwaldstädtchen, ließ sich Kußmaul im Frühjahr 1850 nach der Entlassung aus dem Militärdienst als praktischer Arzt nieder und heiratete. Drei Jahre übte er hier die anstrengende Tätigkeit des Landarztes mit Krankenbesuchen zu Fuß, im Wagen und zu Pferde über oft weite Entfernungen aus. 1853 entschloss sich Kußmaul nach einer schweren Erkrankung, die Arztpraxis aufzugeben und die akademische Laufbahn einzuschlagen.

Kußmaul begab sich 1853 zur Vorbereitung seiner Doktorarbeit an die Julius-Maximilians-Universität Würzburg und studierte dort 1854 bis 1855 bei Albert von Kölliker, Franz von Leydig, Heinrich von Bamberger, Nicolaus Friedreich, Cajetan von TextorAndreas Mettenleiter: Das Juliusspital in Würzburg. Band III: Medizingeschichte. Herausgegeben vom Oberpflegeamt der Stiftung Juliusspital Würzburg anlässlich der 425jährigen Wiederkehr der Grundsteinlegung. Stiftung Juliusspital Würzburg, Würzburg 2001, ISBN 3-933964-04-0, S. 162. und Rudolf Virchow, der ihn nach Kräften förderte. Seine Dissertation behandelt den Einfluss der Blutströmung des Kopfes auf die Bewegungen der Iris. Im Herbst 1854 hielt er sich für ein halbes Jahr an der Illenau auf, wo er den dortigen Hilfsarzt Bernhard von Gudden, den späteren Leibarzt von König Ludwig II. von Bayern, traf. 1855 arbeitete er im Labor des Würzburger Mediziners und Chemiker Johann Joseph von Scherer und wurde von Cajetan von Textor im Rigorosum geprüft.Andreas Mettenleiter: Das Juliusspital in Würzburg. Band III: Medizingeschichte. 2001, S. 513 und 612–613. Kußmaul habilitierte sich im selben Jahr in Heidelberg, in Anerkennung seiner früheren Preisschrift.

Zunächst las er über Arzneimittellehre, dann zusätzlich über Toxikologie, Psychiatrie, Gerichtsmedizin, Anthropologie und Biologie. Darüber hinaus arbeitete er im chemischen Laboratorium und veröffentlichte Arbeiten über die Totenstarre, die toxischen Wirkungen des Fliegenpilzes und Entwicklungsstörungen der Gebärmutter.

1857 wurde er zum außerordentlicher Professor in Heidelberg berufen. 1859 folgte er dem Ruf der Universität Erlangen auf den Lehrstuhl für Innere Medizin. Dort entstanden Publikationen über Quecksilbervergiftung und experimentelle Psychologie. 1863 wechselte er als Ordinarius an die Universität Freiburg und 1876 an die neue Kaiser-Wilhelms-Universität Straßburg. Im Jahr 1886 erhielt er die Cothenius-Medaille der Leopoldina. Er war Mitglied der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte.Mitglieder der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte 1857

1888 emeritiert, lebte Kußmaul fortan in Heidelberg. Hier wurde er zum Geheimrat (1891) und Ehrenbürger (1899) von Heidelberg ernannt., in: Königlich privilegierte Berlinische Zeitung, 22. Februar 1902.

Ärztliches Wirken Kußmaul war ein vielseitiger Mediziner, insbesondere als Kliniker. Er befasste sich mit Epilepsie, Anomalien des Uterus, dem Seelenleben des Neugeborenen, der Technik der Thorakozentese, der Pockenimpfung, Tetanie und Sprachstörungen. Gleichzeitig war er ein glänzender Feuilletonist und Lyriker. Als praktischer Arzt trat er für die Anwendung altüberlieferter Heilmittel ein: „Die Natur ist eben immer unsere Lehrmeisterin und der rechte Arzt immer Naturarzt, denn nur aus ihrem unerschöpflichen Born stammt alle Heilkunst.“

Im Jahr 1844 errang Kußmaul als Heidelberger Student den Preis für eine medizinische Preisaufgabe (goldene Karl-Friedrich-Medaille). In der ausgezeichneten Arbeit Die Farbenerscheinungen im Grunde des menschlichen Auges beschrieb er die physiologischen Grundlagen der Sichtbarmachung des AugenhintergrundesVgl. H. H. Mark: The first ophthalmoscope? Adolf Kußmaul 1845. In: Arch. Ophthal. Band 84, 1970, S. 520–521.Vgl. auch Julius Hirschberg: Geschichte der Augenheilkunde. In: Theodor Saemisch, Alfred Graefe (Hrsg.): Handbuch der gesammten Augenheilkunde. 2. Auflage. Band 12–15 (in 9 Teilbänden), Leipzig 1911, Band 14, S. 384–388. und erkannte damit die Voraussetzungen (unter anderem die Verwendung einer plankonkaven Linse, die der Wölbung der Hornhaut entspricht und der Konzeption des Kontaktglases von Köppe und Goldmann sowie der Hruby-Linse von Karl Hruby vorausging) für die 1850 entwickelte Ophthalmoskopie mit dem Augenspiegel, deren Nutzen er vorsah.Wolfgang Jaeger: Die Erfindung der Ophthalmoskopie, dargestellt in den Originalbeschreibungen der Augenspiegel von Helmholtz, Ruete und Giraud-Teulon. Eingeleitet und erläutert von Wolfgang Jaeger. Hrsg. von Dr. Winzer. Chemisch-pharmazeutische Fabrik Konstanz. Brausdruck GmbH, Heidelberg 1977, insbesondere S. 8–9.

Seit 1860 befasste er sich mit Arbeiten über die Periarteriitis nodosa (mit Rudolf Robert Maier), führte nach älteren Vorbildern die Magensonde zu therapeutischen ZweckenPaul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 43. sowie die Magenpumpe in die klinische Praxis ein (1867) und die Thorakozentese bei Pleuritis, Empyem und Pneumothorax. Es folgten weitere Veröffentlichungen zum paradoxen Puls (1873), zur progressiven Muskelatrophie, Diabetes mellitus und zu Sprachstörungen.

Kußmaul setzte die Magenpumpe zur Behandlung der Magenausgangsstenose (-Verengung) ein, beschrieb eine Operationsmethode dieser Stenose, führte Entnahmen von Magensaft zur Untersuchung und Versuche zur Magenspiegelung durch.

1877 beschrieb er als erster, unter der Bezeichnung „Wortblindheit“, die Legasthenie.

Eponyme Kussmaul-Maier-Syndrom (1866) Klassische Beschreibung der „Periarteriitis nodosa“ durch Kußmaul und Maier. Kussmaul-Puls (1873) Beobachtung des paradoxen Pulsphänomens (Pulsus paradoxus) bei Patienten mit schwieliger Mediastino-Perikarditis, die er als entzündlichen Prozess unterschiedlicher Genese mit Bildung derber bindegewebiger Stränge und konsekutiver Adhäsionen von Perikard und Mediastinum beschrieb. Bei peripherer Pulstastung verschwindet der Puls in kurzen Intervallen, um gleich darauf mehrere Male wiederzukehren, die scheinbare Unregelmäßigkeit ist an die Atemphasen gebunden (bei Inspiration wird der Puls kleiner, bei Exspiration größer). Kussmaul-Aphasie (1877) Totale sensorische (kortikale) Aphasie (Kussmaul-Alexie, Alexia corticalis) mit Beeinträchtigung der „inneren Sprache“, des Leseverständnisses und Schreibens sowie der Unfähigkeit nachzusprechen. Die Kontrolle der Spontansprache und der Redefluss sind gestört, syllabäre und verbale Paraphasie treten auf. Andererseits wird darunter auch der psychogene Mutismus subsumiert („Stummheit“ bei intaktem Sprechorgan, psychogenem Stupor und Schrecklähmung). Kussmaul-Atmung (1874) Kußmaul beschrieb erstmals Beobachtungen an drei komatösen Diabetikern die „große Atmung“ (Kussmaul-Kien-Atmung, Azidoseatmung) mit Azetonbildung im Blut. Die Kussmaul-Atmung gilt seither klinisch als charakteristischer Atemtypus beim Coma diabeticum: pausenlose regelmäßige, sehr tiefe Atemzüge, wobei die Atemexkursion unter Zuhilfenahme der Atemhilfsmuskulatur stark vergrößert ist. Kussmaul-Koma Kardinalsymptom des hyperglykämischen diabetischen Komas mit Kussmaul-Atmung, starker Bewusstseinstrübung, Oberbauchschmerzen, Exsikkose, vermindertem Turgor (verminderte Spannung) der Haut, Blutzucker­anstieg und Azetongeruch der Atemluft. Kussmaul-Lackrachen (1861) Lackartige, kupfer- bis brandrote, entzündliche Rötung der Rachen- und Gaumenschleimhaut als Teilerscheinung der Stomatitis mercurialis bei akuter Quecksilbervergiftung. Kussmaul-Landry-Syndrom (1859) Kussmaul beschrieb gleichzeitig mit Jean Baptiste O. Landry (1826–1865) und unabhängig von diesem die aufsteigende, schlaffe symmetrische Lähmung, die schwerste Form des Guillain-Barré-Syndroms (Polyradikulitis-Syndrome, Landry-Paralyse, Polyneuritis acuta ascendens) mit charakteristischem Liquorbefund (Eiweißvermehrung ohne entsprechende Zellvermehrung): schlaffe Beinlähmung mit erloschenen Sehnenreflexen, rasches Aufsteigen der Lähmung über die Muskulatur des Beckengürtels nach oben, Lähmungen der Hirnnerven und Exitus innerhalb kurzer Zeit durch periphere und zentrale Atemlähmung. Kussmaul-Magenschlauch (1867) Kußmaul führte die Methodik der Magenpumpe zu diagnostischen und therapeutischen Zwecken als alltägliches medizinisches Rüstzeug in die klinische Praxis ein. Kussmaul-Tenner-Versuch (1857) Ein Krampfanfall kann durch beidseitige Subklavia- und Karotisunterbindung im Tierexperiment ausgelöst werden.

Adolf-Kußmaul-Preis Die Süddeutsche Gesellschaft für Gastroenterologie vergibt seit 1991 jährlich den derzeit mit 5000 Euro dotierten Adolf-Kußmaul-Preis an junge Wissenschaftler bis 32 Jahren. Der Preis wurde von der Falk Foundation gestiftet.

Kußmaul-Medaille Die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie verleiht seit 2006 in jedem Jahr die Kußmaul-Medaille an herausragende Persönlichkeiten, die mit ihrem Lebenswerk oder mit einer bedeutsamen Einzelleistung die Rheumatologie in Deutschland entscheidend geprägt haben.

Weitere Würdigungen