miniatur|hochkant=1.4|Der bewaldete Höhenzug des Burgbergs mit dem Römerlager; im Vordergrund die Werra miniatur|hochkant=1.4|Wall und Graben (rechts) von „Lager I“, das seit langem als „Hünenburg“ bekannt war
Das Römerlager Hedemünden gilt als eine frührömische Befestigungsanlage, deren Überreste sich nahe dem Unterlauf der Werra auf dem heute bewaldeten Burgberg am Rand des Ortes Hedemünden, einem Stadtteil Hann. Mündens, in Niedersachsen befinden. Archäologischen Untersuchungen zufolge lässt das reichhaltige Fundmaterial römischer Herkunft auf ein während der Augusteischen Germanenkriege errichtetes römisches Militärlager zur Zeit um Christi Geburt schließen.
Es handelt sich neben Kalkriese, dem Fundplatz Bentumersiel, dem Römischen Marschlager von Wilkenburg und dem Fundareal am Harzhorn um eine der wenigen römischen Fundstellen in Niedersachsen.
Lage mini|Schauplatz der Augusteischen Germanenkriege mit der Lage von Hedemünden (grüner Kreis); rote Linie als Verlauf des späteren Limes
Das Römerlager Hedemünden liegt etwa 1,8 Kilometer nordwestlich vom Hedemündener Ortszentrum auf der Hochfläche des 215 Meter über Normalnull hohen Burgberges, einer größtenteils bewaldeten Erhebung am Nordufer der Werra. Gegenüberliegend auf der anderen Flussseite befindet sich der Kaufunger Wald. An dieser Stelle, mit einem etwa 250 Meter breiten Flusstal, treffen die Großlandschaften des nordhessischen Fulda-Werra-Berglandes mit dem südniedersächsischen Leine-Weser-Bergland zusammen.
miniatur|hochkant=1.3|Blick von der Spiegelburg im Kaufunger Wald bei Laubach in das Tal der Werra mit der B 80 nach Hedemünden. Links der Burgberg mit dem Römerlager Hedemünden, rechts die Werraschleife.
Der Burgberg mit dem Waldgebiet des Sudholzes liegt in einer Landschaft, in der sich das Tal der Werra in einen etwa 3 × 3 Kilometer großen Talkessel bei Hedemünden aufweitet. Die als Hedemünder Talbecken bezeichnete Großmulde passiert die Werra in einem etwa 50 Meter breiten Flussbett; sie fließt direkt auf den Burgberg zu und knickt unmittelbar vor ihm ab. Der vom gegenüberliegenden Ufer einmündende Hüttenbach hat hier einen Schwemmkegel ausgebildet, der den Fluss an den Südhang des Burgberges drängt. An der scharfen Flussbiegung führt eine historische Furt durch den Fluss. Sie beruht auf einer Untiefe, an der heute eine Flusstiefe von 0,3 bis zu einem Meter herrscht, während flussabwärts bei Lippoldshausen die Wassertiefe etwa 1,5 Meter beträgt, bedingt auch durch den Rückstau eines Wehres. Zum 90 Meter tiefer gelegenen Ufer der Werraschleife fällt der Burgberg an seiner Südflanke sehr steil ab. Durch neuzeitliche Steinbrucharbeiten finden sich an ihm Klippen. Der geologische Untergrund des Berges besteht aus mittlerem Buntsandstein, der an der Kuppe als rotbrauner Sandstein zutage tritt. Auf dieser Anhöhe findet man noch heute sichtbare Wallanlagen, die sogenannte Hünenburg.
Der Burgberg mit seiner erhabenen Lage bot damals günstige fortifikatorische und verkehrsmäßige Voraussetzungen für die Anlage des Römerlagers. Es wurde auf seiner Hochfläche zwischen 180 und 215 Metern über Normalnull eingerichtet. Schutz boten an der Süd- bzw. Ostflanke die rund 50 bzw. 25 Meter hohen Steilabhänge.
Die historische Furt direkt unterhalb des Berges war Teil einer vermutlich bereits seit der Bronzezeit bestehenden Altstraße vom heutigen Nordhessen ins heutige Südniedersachsen. Das Hedemünder Talbecken wird als eine seit dem Mittelneolithikum bestehende Siedlungskammer betrachtet, Hinweise sprechen für eine eisenzeitliche germanische Besiedlung auch während der Anwesenheit der Römer. Der Fluss war in damaliger Zeit ein wichtiger Verkehrsweg für den überregionalen Handel, sodass unterhalb des Burgberges eine wichtige Verkehrskreuzung bestand, deren Bedeutung erst im Mittelalter nachließ.
Entdeckungsgeschichte miniatur|Lageplan der Hünenburg im Sudholz von Carl Schuchhardt (1894), heutige Bezeichnung als Geländekomplex „Lager I“. Blau eingefärbt die Werraschleife vor dem Burgberg miniatur|Blick vom Burgberg auf die Werraschleife
Der oberirdisch sichtbare Ringwall auf dem Burgberg ist im Laufe des 19. Jahrhunderts als solcher erkannt worden. Er wurde als Fliehburg der jüngeren vorrömischen Eisenzeit angesehen, die der Annahme nach im 11. und 12. Jahrhundert eine mittelalterliche Nachnutzung in gleicher Funktion erfahren hat.
Bereits 1854 wurde im weiteren Umfeld des Burgberges östlich von Hedemünden ein Schatzfund mit römischen Münzen in einem Tongefäß gemacht. Der Fundort liegt zwischen Hedemünden und Ellerode „Im Eichholze“ auf der Trasse eines früheren Fernweges. Bis auf zwei Stücke sind die Typen unbekannt geblieben, denn der restliche Münzfund wurde eingeschmolzen.Frank Berger: Die Fundmünzen der römischen Zeit in Niedersachsen. Band 2, Berlin 1988, S. 151 Nr. 7039. Erwähnt sind lediglich ein Stück der Gens Minucia und eines der Gens Mamilia. Bei letzterem muss es sich um den Denartyp Cra 362/1, geprägt von C. Mimilius Limetanus in Rom im Jahr 82 v. Chr., gehandelt haben. Dieser Typ ist ein Serratus, der unter den römischen Fundmünzen aus der Zeit des Augustus, in der Fundregion Kalkriese zum Beispiel, durchaus gängig war.
Um 1900 setzte eine wissenschaftliche Diskussion über die Geschichte der Gegend in frühgeschichtlicher, römischer und mittelalterlicher Zeit ein. Grundlage waren neben dem genannten Fund römischer Münzen und dem Ringwall auf dem Burgberg ein Fund bronzezeitlicher Gegenstände nahe dem Ringwall Kring 1881 sowie die Entdeckung von Hügelgräbern 1871 beim Bau der Eisenbahn im Westen des Ortes Hedemünden.
miniatur|links|Zeichnung der von Carl Schuchhardt als Kreuzaxt beschriebenen Dolabra (1894) Carl Schuchhardt beschrieb den Ringwall auf dem Burgberg 1894 als Hünenburg im Sudholze. Eine Kreuzaxt, die damals beim Durchstich eines Walls beim Wegebau gefunden wurde, sah er als unbedeutend für eine Datierung der Anlage an. Sie ging später im Provinzialmuseum Hannover verloren, wurde aber im Nachhinein als römische Dolabra identifiziert.
Um die alte These einer Fliehburg auf dem Burgberg zu bestätigen, fand 1965 eine kleine Probegrabung statt. Sie brachte germanische und importierte römischer Keramik zutage. Eine C14-Datierung von aufgefundener Holzkohle bestätigte die Einordnung in die Eisenzeit. Wie sich später herausstellte, stammte die Holzkohle aus einer eisenzeitlichen Vorgängersiedlung auf diesem Terrain, die einheimischer germanischer Bevölkerung zuzurechnen war.
1998 erhielt die Kreisarchäologie Göttingen durch den Numismatiker Frank Berger davon Kenntnis, dass Raubgräber das Gelände auf dem Burgberg bereits seit 1992 mit Metalldetektoren untersucht hätten. Dabei seien römische Metallgegenstände und vor allem Münzen verschleppt worden. Sofortige Nachuntersuchungen seitens der Denkmalpflege ergaben, dass Löcher von Raubgrabungen vorhanden waren und eiserne Fundstücke zurückgelassen worden waren. Die eigene fachliche Metalldetektorsuche führte zum Auffinden von eisenzeitlichen Metallteilen und im Jahre 2000 zum Fund eines Pilums als römischem Waffenteil. Bei der folgenden systematischen Suche in den Jahren 2001 bis 2003 kam es zu zahlreichen Metallfunden römischer Militaria, darunter Katapultspitzen und Zeltheringe. Da zunehmend der Verdacht auf ein römisches Lager aufkam, fand im Herbst 2003 eine Probegrabung mit einem Schnitt durch einen Wall mit vorgelagertem Graben statt. Dabei wurden eine Dolabra und römische Drehscheibenkeramik entdeckt. Bei der archäologischen Prospektion im Umfeld des Ringwalls bis zu einem Kilometer Entfernung wurden weitere umhegte Bereiche und Terrassierungen festgestellt, die auf Befestigungsanlagen hindeuteten. Weitere Ausgrabungen mit entsprechenden Funden im Winter 2003 und Frühjahr 2004 bestätigten die Vermutung, dass es sich um ein Römisches Militärlager handeln könnte.
Ausgrabungen mini|Grabungsschnitt durch einen Wall des Römerlagers, 2004 Die Ausgrabungen und Prospektionen legten insgesamt sechs Geländekomplexe offen. Zwischen 2003 und 2011 wurden 62 Grabungsschnitte in den Lagerbereichen I, II und IV auf Flächen zwischen zwei und 90 m² ausgehoben. Auf größere flächenhafte Ausgrabungen wurde verzichtet, vor allem wegen der Schwierigkeiten durch den Baumbewuchs. Rund 4,3 % der Fläche sind archäologisch untersucht worden, dabei der größte Anteil mit etwa 1.300 m² im „Lager I“.
2018 gab der niedersächsische Landesarchäologe Henning Haßmann bekannt, dass keine weiteren Ausgrabungen geplant seien und die bisherigen Bodenaufschlüsse für die Forschungsdiskussion genügen.Schätze des Römerlagers bleiben im Boden auf Göttinger Tageblatt vom 26. Mai 2018, abgerufen am 22. Mai 2022. Untersuchungen würden nur noch vorgenommen, wenn der Boden durch Stürme, Tiere oder Forstarbeiten aufgerissen sei.Archäologen lassen Römerlager erst mal in Ruhe bei ndr.de vom 26. Mai 2018
2020 wurde bekannt, dass das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege auf Antrag der Stadt Hann. Münden beabsichtigt, das Areal des Römerlagers auf etwa 10 Hektar durch Verordnung zum Grabungsschutzgebiet zu erklären. Damit sollen die noch im Boden liegenden Bodendenkmale unbefristet geschützt werden. Durch die Unterschutzstellung ist gewährleistet, dass eine archäologische Erforschung in der Zukunft mit verbesserten technischen Möglichkeiten erfolgen kann.Ausweisung eines Grabungsschutzgebietes für das Römerlager Hedemünden beabsichtigt beim Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege
Eine monografische Gesamtdarstellung, einschließlich der Vorlage aller Funde, Befunde und naturwissenschaftlichen Ergebnisse, erschien im Herbst 2012.Klaus Grote: Römerlager Hedemünden: Der augusteische Stützpunkt, seine Außenanlagen, seine Funde und Befunde. Dresden 2012, ISBN 978-3-95498-003-1; . In: Göttinger Tageblatt vom 26. Oktober 2012; Fundstücke aus dem Römerlager in Hedemünden. In: Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 1. November 2012.
Geländekomplexe Lager I miniatur|Gesamtplan der Anlage mit den Lagerkomplexen I bis VI
Das „Lager I“ (als Ringwall „Hünenburg“ lange bekannt, aber bis 2003 als germanische Fliehburg angesehen) ist eine länglich ovale Anlage von 300 mal 125 Metern bei einer flachwelligen Innenraumfläche von 3,2 Hektar. Dieses Areal umgibt eine Wall-/Grabenanlage von 760 Metern Länge, in der vier Tore zwischen drei und fünf Meter Breite nachgewiesen wurden. Sie befinden sich jeweils in der Mitte der West-, Ost- und Südflanke sowie im Südosten. Ein zusätzliches Tor im Norden ist nicht nachweisbar. Wall und Graben wurden durch Profilschnitte überprüft. Der Wall hat heute eine Basisbreite von fünf bis sechs Metern und eine Höhe von 0,8 bis 1,2 Metern. Er war vermutlich einst als eine sogenannte Holz-Erde-Mauer konstruiert, das heißt, die Außenfront des Walles war durch eine senkrechte Pfosten- und Bohlenwand verbaut. Die Gesamthöhe, von Grabenbasis bis Wallkrone, wird auf 3,5 Meter geschätzt. Unter dem Wall fanden sich an verschiedenen Stellen sechs eiserne Pionieräxte (Dolabrae), zwei Hämmer und eine Pionierschaufel. Es wird von bewussten Deponierungen der Geräte während der Wallaufschüttung ausgegangen, was bisher ein einmaliger Befund bei römischen Anlagen ist. Eine Interpretationsmöglichkeit ist die Ablage eines Bauopfers.„Sensationeller Fund“ im Römerlager. Pionieraxt als Beweis für rituelle Bauopfe in: Göttinger Tageblatt vom 11. August 2010
An insgesamt drei Stellen des Walls befinden sich auffällige rechteckige Steingruppierungen, auf denen vermutlich Holztürme errichtet wurden. miniatur|Grabungsstelle im „Lager I“ mit Reihen von Sandsteinblöcken, die als Fundament von Holz-Lehm-Bauten dienten, 2004