Systemarchetyp ist ein vom US-Amerikaner Peter M. Senge kreierter Begriff zur systemischen Beschreibung und Darstellung von generischen Strukturen häufig beobachtbarer Verhaltensmuster von Menschen. Als derart veranschaulichte Muster sollen sie die jeweils zugrunde liegende Dynamik allgemein verständlich und über den Lerneffekt mögliche Folgen bestimmter Handlungen vorhersagbar machen. Insbesondere soll die Eigendynamik der Verhaltensmuster nachvollziehbar werden, um unerwünschte, bzw. unbeabsichtigte Auswirkungen des eigenen Handelns vermeiden zu können.

Die Systemarchetypen sind als leicht verständliche Modelle zur Systemanalyse konzipiert. Auch wenn es Senge vordergründig um die Anwendung auf der Ebene von Management und partizipativer Unternehmensgestaltung gehtSENGE, P.M.: Die Fünfte Disziplin. Kunst und Praxis der lernenden Organisation. Klett-Cotta 2006, ISBN 3-608-91379-3, so zeigt die populärwissenschaftliche Literatur (z. B. O’Connor/McDermott)O’CONNOR J. und McDERMOTT, I.: Die Lösung lauert überall. Systemisches Denken verstehen und nutzen. VAK 2006, ISBN 3-932098-29-3 an zahlreichen Beispielen die Übertragbarkeit der Systemarchetypen auf alltägliche Interaktionsphänomene im unterschiedlichen Kontext.

Begriffliche Herleitung/Intention In der Literatur wird nicht deutlich, ob Senge bei der Verwendung des Begriffes Archetyp vom ursprünglichen philosophischen Sinne oder von der tiefenpsychologischen Bedeutung inspiriert wurde. Da es ihm aber um die Bereitstellung einfacher Hilfsmittel geht, mit denen wir uns bisher nicht bewusste Verhaltensmuster bewusst machen können, ist eine gewisse Anlehnung an den psychologischen Begriff naheliegend. Deutlicher Unterschied: Senge geht es nicht um die Ergründung komplexer seelischer Tiefenstrukturen, sondern um eine Bewusstseinsarbeit über unsere mentalen Modelle.

Insofern fallen die Arbeiten Senges in das Gebiet der Systemischen Beratung, mit dem Ziel, bestehende Glaubenssätze, Erwartungen und Wertvorstellungen zu hinterfragen. Da unsere Urteilsbildungen meist auf einer selektiven Wahrnehmung beruhen, sind sie oft von Verzerrungen und Verallgemeinerungen geprägt: passende Ansichten werden verstärkt, unpassende abgeschwächt (Kognitive Dissonanz); Gewöhnung und Zeitdruck führen zu Pauschalisierungen („Das war schon immer so!“ … „Das machen doch alle so!“). Systemarchetypen sollen helfen, diese Muster zu überwinden, indem einfache und wirksame Hebel zur Lösung gefunden werden.

Grundstruktur Alle bisher entwickelten Systemarchetypen basieren auf verschiedenen Kombinationen der beiden elementaren Rückkopplungskreisläufe aus der Systemtheorie; Senge nennt sie verstärkende (reinforcing) und balancierende (balancing) Rückkopplung. Ständige Hilfsmittel zum Verständnis der Kreisläufe sind die Veranschaulichung von Zeitverzögerungen und beeinflussenden limitierenden Faktoren.

Typologie

Die folgenden zehn Systemarchetypen sind die am besten dokumentierten generischen Strukturen. Bevor eine bestimmte schwierige Situation mithilfe dieser Analysetechnik bearbeitet werden kann, muss das entsprechend wirksame Muster identifiziert werden. Das folgende Flussdiagramm soll helfen, sie zu finden. Die aufgezeigten Verknüpfungen sind als Wegweiser gedacht; möglicherweise bestehen noch weitere subtile Verknüpfungen in der zu analysierenden Situation. Dies ist systemtheoretisch immer möglich. Sie werden aus Gründen der Übersicht hier nicht eingezeichnet.

Diagramm der Systemarchetypischen Problemanalyse|alternativtext=

Zeitverzögerte Balance right|Statusdiagramm für die Zeitverzögerte Balance (orig.: Balancing process with delay), weitere Übersetzungen: Gleichgewichtsprozess mit Zeitverzögerung

Struktur: Hier handelt es sich um eine balancierende Rückkoppelung, wobei ein angestrebter Zustand (Pegel) erst mit zeitlicher Verzögerung erreicht wird, vergleichbar mit einer Amortisierungsphase. Die Graphik zeigt einen solchen Regelkreis, und was passiert, wenn die Verzögerung nicht beachtet wird.

Dynamik: Oft fragen wir uns: "Warum passiert hier nichts, obwohl ich das augenscheinlich Richtige mache?". Die Dauer einer zeitlichen Verzögerung wird dann als störend empfunden; der ausbleibende angestrebte Zustand wird als nicht ausreichende Eigenaktion gedeutet. Das kann dazu führen, dass die Aktion unnötigerweise verstärkt wird und letztendlich über das Ziel hinausschießt, wodurch eine ungewollte verstärkende Rückkopplung entsteht (Overshoot).

Beispiele: Um die steigende Nachfrage nach einem Produkt zu befriedigen, werden die Produktionskapazitäten erhöht. Wenn die erhöhte Produktion nach einiger Zeit angelaufen ist, ist die Nachfrage schon wieder gesunken und es entsteht ein Überangebot. Eine Dusche benötigt etwas Zeit, bis das Wasser heiß ist. Der Heißwasserhahn wird immer weiter aufgedreht, weil das Wasser am Anfang kalt ist. Schließlich kommt kochend heißes Wasser aus der Dusche.

Lösung: Die Dauer der Verzögerung kann durch das Verständnis der beeinflussenden Faktoren besser eingeschätzt werden (laufende Marktinformationen, technische Zusammenhänge). Dies wiederum ermöglicht ein vorsichtigeres Dosieren eigener (Re-)Aktionen.

Eskalation right|Statusdiagramm für die Eskalation (orig.: Escalation)

Struktur: Dieses Muster entsteht durch eine unheilvolle Verknüpfung zweier an sich balancierender Rückkopplungen. In ihrer Gesamtwirkung wachsen sie zu einer verstärkenden Rückkopplung zusammen, weil die Gesamtbalance permanent gestört ist. Dies erinnert an die verzweifelte Aussage: "Erst wenn die anderen aufhören, kann ich auch aufhören!"

Die Graphik zeigt aus der Perspektive von A (im Uhrzeigersinn), dass sein Erfolg sofort das Handeln von B verstärkt, wodurch der relative Erfolg von A wiederum postwendend gesenkt wird; aus der Perspektive von B eine Wiederherstellung der Balance (grüner Pfeil oben rechts). Durch die vorgeschaltete Bewertung des relativen Erfolges wird die interne balancierende Rückkopplung auf A's eigenes Handeln (grüner Pfeil unten links) in eine verstärkende Rückkopplung umgewandelt, wodurch auch B's Handeln eskaliert (rote Pfeile unten). Das Gesamtmuster kann als (theoretische) Endlosschleife einer liegenden Acht (∞) gelesen werden.

Dynamik: Bei der Eskalation streben zwei Konkurrenten aus rein subjektiver Sicht danach, eine dominantere Position als der andere zu erreichen. Die Einschätzung, dass eine (Re-)Aktion des anderen zu dessen Vorsprung geführt hat, wird als bedrohlich für die Balance empfunden. Die eigene (Re-)Aktion zielt somit auf eine scheinbare Wiederherstellung der Balance, was von der anderen Seite wiederum als provokative Störung empfunden wird. Die isolierte, rein subjektive Perspektive beider Seiten verhindert ein tatsächliches Gleichgewicht, bzw. die Wahrnehmung eines solchen. Bleibt das Muster ungelöst (s. Lösung), reißt es schließlich durch Gewalt oder durch das Ausbleiben limitierender Ressourcen ab ("Ich gebe nicht zuerst nach!", "Es ist zu spät, um aufzuhören!").

Beispiele: Ein Preiskampf zwischen Unternehmen, der dazu führt, dass die Konkurrenten ihre Preise immer weiter senken und so ihre Gewinne reduzieren. Ein Wettrüsten, das immer mehr Ressourcen der Beteiligten verschlingt.

Lösung: Die Eskalation kann nur dann vorzeitig beendet werden, wenn beide Seiten eine neutrale Perspektive einnehmen und sich auf eine gemeinsame zukunftsfähige Strategie einigen. Subjektive Einschätzungen einer Dysbalance können dadurch überwunden werden.

Erfolg den Erfolgreichen right|Statusdiagramm für den Erfolg den Erfolgreichen (orig.: Success to the successful)

Struktur: Hierbei handelt es sich um die Kombination zweier Kreisläufe, die sich alleine selbst balancieren können. Erst durch ihre Verknüpfung entsteht das Muster einer verstärkenden Rückkopplung in beiden Kreisläufen, aber mit jeweils umgekehrtem Vorzeichen. Dieser konträre Verlauf resultiert aus einem prädeterminierten Ungleichgewicht der Startbedingungen; die Verknüpfungsstelle ist ein von außen einseitig gelenkter limitierender Faktor. Aus anderer Perspektive könnte dieses Muster also ebenso Misserfolg den Erfolglosen heißen.

Die Graphik zeigt, wie A durch Bevorzugung "von selbst" immer erfolgreicher wird (grüne Pfeile); gleichzeitig wird B immer erfolgloser. Insgesamt verstärken sich gegenseitiger Erfolg und Misserfolg (rote Pfeile).

Dynamik: Hierbei konkurrieren zwei Wettbewerber um begrenzte Unterstützung oder Ressourcen. Wenn einer der beiden mehr der limitierten Unterstützung/Ressourcen erhält, kann er einen Vorsprung entwickeln, der ihm scheinbar nicht mehr zu nehmen ist. Das führt dazu, dass der zweite weniger Unterstützung/Ressourcen erhält (siehe Nullsummenspiel). Durch das Mehr an Ressourcen wird der erste Wettbewerber noch erfolgreicher und erhält noch mehr Ressourcen, während der zweite noch weniger erhält. So wird der zuerst Bevorzugte immer erfolgreicher. In der Psychologie wird in diesem Zusammenhang oft von einer "sich selbst erfüllenden Prophezeiung" gesprochen, sobald die Betreffenden dieses Systemmuster auf ihre eigenen Qualitäten zurückführen.

Beispiele: Zwei Produkte einer Firma konkurrieren um Finanz- und Managementressourcen. Ein Produkt erweist sich sofort als Renner und zieht so weitere Ressourcen an. Schüler, die von Beginn an aktiver sind, erhalten von Lehrern mehr Aufmerksamkeit als stillere Schüler. Staatliche Schulen in England erhalten nach der Höhe der Schülerzahlen Gelder von den Kommunen. Eine Schule, die höhere Schülerzahlen hat, bekommt mehr Geld und kann so ein besseres Lernumfeld bieten. Dadurch melden sich dort mehr Schüler an und die Schule erhält noch mehr Geld.

Lösung: Eine Auflösung dieses einseitig tragischen Musters kann entweder auf der Makroebene durch eine faire Regelung des limitierenden Faktors erreicht werden, oder durch Mobilisierung eigener Ressourcen auf der benachteiligten Seite, wie Kreativität und Empowerment.

Grenzen des Wachstums right|Statusdiagramm für die Grenzen des Wachstums (orig.: Limits to growth)

Struktur: Bei diesem klassischen Systemarchetyp wird ein sich verstärkender Kreislauf zeitverzögert mit Sicherheit an einen balancierenden Kreislauf gekoppelt. Erst dann ist das Muster als solches wirksam. Verantwortlich für die Zeitverzögerung sind limitierende Ressourcen, die stetig abnehmende Zuwachsraten erzeugen (Logistisches Wachstum).

In der Graphik ist die zeitlich verzögerte Mitkopplung der limitierenden Ressource durch den roten Pfeil veranschaulicht.

Dynamik: Der sich verstärkende Kreislauf wird solange sukzessive genährt, bis ein mitgekoppelter limitierender Faktor (=genutzte Ressource) einen balancierenden Kreislauf hinzufügt. Solange also die entsprechende Ressource nicht aufgebraucht ist, bleibt der balancierende Kreislauf offen (= entkoppelt) und damit unwirksam. Sobald jedoch die Nutzungsgrenze erreicht wird, kann der andere Kreislauf nicht mehr verstärkt werden; jeder weitere Energieeinsatz verpufft, so als würden Gaspedal und Bremse zugleich betätigt ("Ich habe das Gefühl, auf der Stelle zu treten!").

Beispiele: Das Wirtschaftswachstum eines Landes nimmt so lange zu, bis mindestens eine der dafür benötigten Ressourcen nicht mehr im gleichen Tempo regeneriert werden kann. Limitierende Ressourcen begrenzen das Wachstum. Quantitativ lässt sich dies durch langfristig abnehmende Zuwachsraten darstellen. Ein Schüler macht mit einer bestimmten Lernmethode beständig Fortschritte, bis die zusätzlichen Erfolge (= Lernzuwachsraten) messbar abnehmen. Die limitierende Ressource ist in diesem Fall das in einem bestimmten Zeitraum erreichbare Lernpensum. Über den Quotienten aus Lernpensum pro Zeitspanne lassen sich abnehmende Zuwachsraten nachweisen; mehr kann der Schüler in diesem Zeitraum mit dieser Methode nicht lernen.