mini|hochkant=1.5|Spindlers Fabrik im Jahr 1881 Das Unternehmen W. Spindler (kurz für Wilhelm Spindler) war ein Wäscherei- und Färberei-Unternehmen, das 1832 von Wilhelm Spindler in Berlin gegründet und später durch seinen Sohn Carl Spindler geleitet wurde. Es hatte zunächst in Alt-Berlin einige Dienstleistungseinrichtungen eröffnet. Ab 1873 wurde der Hauptsitz nach Oberspree nahe Köpenick, später Spindlersfeld genannt, verlagert. Dort firmierte es als Anstalt zur chemischen Reinigung, Wäscherei und Färberei. Es war zu seiner Zeit der größte deutsche Wäschereibetrieb und der Vorreiter der chemischen Reinigung in Deutschland. Anfang der 1920er wurde es von der Schering AG übernommen und bildete zu DDR-Zeiten das Stammwerk des VEB Rewatex, später, unter Mitwirkung der Treuhandanstalt, Rewatex AG. Mitte der 1990er erfolgte die endgültige Schließung am Standort Spindlersfeld.

Anfänge des Unternehmens Die Geschichte des Unternehmens begann in Berlin-Mitte mit der Gründung einer kleinen Seidenfärberei durch Wilhelm Spindler am 1. Oktober 1832 in den Kellerräumen in der Burgstraße 3.Karl-Heinz Audersch: ‚Trockene Wäsche‘ für zarte Stoffe. Vor 130 Jahren in der Wallstraße: Spindler eröffnete erste chemische Reinigung. In: Neues Deutschland, 24./25. März 1984. 1841 erwarb er in der Nähe des Spittelmarktes in der Wallstraße 12 ein Grundstück für eine Färberei und Wäschereifabrik. Weitere Filialen wurden in der Folgezeit in der Poststraße 11, in der Friedrichstraße 153a und in der Leipziger Straße 36 eröffnet.

Als erster in Deutschland führte Wilhelm Spindler 1854 die chemische Reinigung ein. Bei diesem Verfahren wurde die Kleidung mit Benzol bzw. Benzin unter Ausschluss von Wasser (also „trocken“, daher auch „Trockenreinigung“) in einem Bad gesäubert. Dies bewirkte eine schonende Behandlung der Kleidung und zugleich ein hohes Arbeitsaufkommen, wodurch Spindlers Unternehmen kontinuierlich wachsen konnte. Spindlers Söhne William und Carl traten frühzeitig in die Fußstapfen des Vaters, wurden um 1870 Unternehmensteilhaber und beteiligten sich unter anderem an der Entwicklung neuer Färbetechniken und Waschverfahren.

Das Werk in Spindlersfeld

Der Standort mini|Lageplan des Fabrikareals im Jahr 1896 Die Grundstücke in Alt-Berlin erwiesen sich bald für die steigenden Anforderungen als zu klein. Spindler kaufte deshalb im Jahre 1871 ein etwa 50 Hektar großes Gelände auf der Köpenicker Feldmark, die der brandenburgischen Provinzialregierung gehörte. Er fasste nun seine verschiedenen Dienstleistungen als Großwäscherei, die Anstalt zur chemischen Reinigung, Wäscherei und Färberei, zusammen. Köpenick mit seiner unmittelbaren Lage am Wasser bot sich als Standort der neuen Fabrik besonders gut an, da das Wäschereigewerbe in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hier bereits zu einem der Hauptwirtschaftsfaktoren geworden war; 200 kleine und mittlere Wäschereien gab es 1855 dort.Die industrielle Revolution. koepenick.net; abgerufen am 12. April 2012. Auch andere namhafte Berliner Unternehmen zogen zum Ende des 19. Jahrhunderts in das Berliner Umland, weil sich dort auf billigem Baugrund expandieren ließ und die zu leistenden Steuern geringer als in Berlin waren.

Die Anwohner nannten das bis dahin namenlose Gebiet gegenüber der Köpenicker Altstadt bald Spindlersfeld nach dem neuen Großunternehmen; die Bezeichnung war jedoch noch nicht offiziell. Vor der Übergabe des Gutsbezirks Köpenick von der brandenburgischen Provinzialregierung an die Stadt Köpenick legte sich diese im Frühjahr 1873 darauf fest, dass das Areal keinen gesonderten Namen tragen solle. Spindlers Söhne setzten sich jedoch dafür ein, dass der Name Spindlersfeld amtlich wird. Sie argumentierten damit, dass das Spindlersche Unternehmen zu dem Zeitpunkt als „W. Spindler – Wäscherei, Färberei und chemische Reinigung – Berlin C und Spindlersfeld bei Coepenick“ landesweit bekannt war und sich Spindlersfeld zu einem vollwertigen Stadtteil entwickle und deshalb auch einen eigenen Namen tragen solle. Am 29. Dezember 1873 bestätigte die brandenburgische Provinzialregierung den Namen Spindlersfeld als offiziell und dass dieser auch in Zukunft beibehalten werden soll.

Nordwestlich des Betriebsgeländes ließ sich Carl Spindler 1876 am Spreeufer im heutigen Eiselenweg 10 die Villa Spindler errichten, die, nachdem sie im Zweiten Weltkrieg durch einen Bombentreffer beschädigt worden war, in den 1950er Jahren zu einem Kinderheim umgebaut wurde und später Verwaltungsräume der Deutschen Reichsbahn beherbergte. 2002 wurde die Villa in ein Mehrfamilienhaus umgewandelt. In der heutigen Oberspreestraße 176 befindet sich ein von den Spindlers vor 1896 errichtetes mehrstöckiges Wohnhaus.

Das Werk mini|Spindlers Fabrik um 1896 Der erste Flügel des Hauptgebäudes wurde am 24. April 1873 eingeweiht und die Wollfärberei dorthin verlegt. Nachdem Wilhelm Spindler am 28. April 1873 verstorben war, führten seine beiden Söhne die Geschäfte weiter. Im Jahre 1896 waren in der Spindlersfelder Fabrik 1886 und in den weiteren Niederlassungen in Berlin und anderen Städten 281 Beamte und Arbeiter beschäftigt. Das Unternehmen besaß zum damaligen Zeitpunkt folgende Abteilungen (nach Berlin und seine Bauten):

I. Färberei und Druckerei seidener Garne, II. Färberei und Druckerei wollener Garne, III. Färberei, Druckerei und Bleicherei baumwollener und Chinagrasgarne, IV. Färberei und Appretur wollener, baumwollener und seidener Stückwaren, V. Zeugfärberei (Sammelname für die Abteilung, die sich mit dem Färben, Reinigen, Waschen, Auffrischen und der Appretur von Stoffen und Kleidungsstücken aller Art sowie von Möbelstoffen, Gardinen, geflochtenem Stroh, Putzfedern und Daunen, Pelzwerk usw. beschäftigte.)

mini|hochkant=1.0|Wilhelm, Carl und William Spindler; Fabrik mit Eisenbahn-Zufuhrstraße, 1900 Zum Betrieb der Anlage standen 35 Dampfkessel, 22 Dampfmaschinen und zehn Dampfpumpen zur Verfügung. Für die Beleuchtung gab es eine eigene Gasanstalt und neun Dynamomaschinen. (Die Gasanstalt lieferte gleichzeitig auch Gas für die umliegende Gegend in Spindlersfeld.) Die Räume wurden mit Dampf beheizt und die Belüftung der Räume erfolgte zum einen durch die reichlich vorhandenen Fenster und zum anderen durch die in fast sämtlichen Hauptpfeilern eingebauten Luftkanäle. Des Weiteren gab es eine genaue Aufteilung der Arbeiter in den Räumen, sodass sich nie mehr als 32 Personen in einem Raum mit 1000 Kubikmeter Rauminhalt aufhielten. Die chemische Reinigung erfolgte weitgehend in geschlossenen Systemen, wodurch man das Benzin wiedergewinnen konnte. In einer Fettdestillationsanlage wurden abgeschiedene Fette zu Seife verarbeitet.

Am 1. April 1892 fand die Eröffnung der von der Firma Spindler finanzierten und von der Görlitzer Bahn ausgehenden Nebenstrecke nach Spindlersfeld statt, wodurch die Lieferung von Verbrauchsmaterial und der Versand der bearbeiteten Textilien vereinfacht wurde. Spindlersfeld ist seitdem mit einem Personenbahnsteig an die Stadteisenbahn angeschlossen. Die S-Bahn Berlin betreibt auch heute noch die Strecke vom S-Bahnhof Schöneweide über S-Bahnhof Oberspree zur Endhaltestelle am S-Bahnhof Spindlersfeld. Vor der Bahnverbindung war die Spree der wichtigste Transportweg – jährlich wurden bis zu 8000 Tonnen Steinkohle herangeschafft.

Eine Betriebsfeuerwehr sorgte für den Brandschutz in der Fabrik und der umliegenden Gegend. Die Reinigung der Abwässer wurde 1907 als „mustergültig“Industriekultur in Berlin, Seite 348 bezeichnet. Das Abwasser wurde in mehreren Stufen in einer eigenen Kläranlage aufbereitet und anschließend zum Bewässern der beiden Park- und Gartenanlagen verwendet. Im Zusammenhang mit dem Bau der Kanalisation im Jahre 1903 in Köpenick stellte das Unternehmen die Kläranlage für einen Versuch für die Stadt zur Verfügung.

Leistungen und Wohlfahrtseinrichtungen Mit seinem sozialen Anspruch und den Wohlfahrtseinrichtungen des Werkes und der Gründung eines eigenen Rudervereins für die Arbeiter seines Werkes stellte Wilhelm Spindler eine Ausnahme in der damaligen Zeit dar. Zu den Einrichtungen zählten eine eigene Betriebskrankenkasse, ein Betriebskindergarten, eine Bibliothek und zwei Sparkassen. Des Weiteren standen den Mitarbeitern und ihren Familienangehörigen eine Warm- und eine Flussbadeanstalt sowie sportliche Anlagen zur Verfügung. In einem 1890 von Walter Kyllmann errichteten Erholungshaus gab es für sie eine Restauration, in der auch Unterhaltungsabende stattfanden. Die Lehrlinge der Färberei erhielten kostenfreien Chemieunterricht in der Betriebsberufsschule und die Mitarbeiter bezahlten Sommerurlaub für die Dauer von einer Woche. Die tägliche Arbeitszeit (mit Ausnahme des Sonntags) war auf zehn Stunden begrenzt. Am Ufer der Spree ließ Spindler einige Bootsstege und Bootshäuser anlegen, unter anderem auch für den betriebseigenen, 1878 gegründeten Ruderverein. Am Spreeufer im heutigen Mentzelpark wurde sogar eine Haltestelle für die Dampfer der Dampfschiffahrtsgesellschaft Stern errichtet. Auch den alten hölzernen Müggelturm ließ Carl Spindler errichten.

mini|Spindlerbauten von 1873 in der Mentzelstraße Parallel zum Bau der Großwäscherei errichtete das Unternehmen auch eine Arbeitersiedlung mit Gebäuden in der Mentzelstraße (vier Gebäude von 1873, eins von 1875) und in der Färberstraße (zwei Gebäude von 1887), den sogenannten „Spindlerbauten“. Dort fanden bis zu 50 Arbeiterfamilien preiswerte Wohnungen direkt in der Nähe der Fabrik. Die Arbeitersiedlung war die erste in Berlin, die durch ein Industrieunternehmen angelegt wurde. Die Wohnhäuser hatten schon zur Zeit der Errichtung Anschluss an das Gas- und Wassernetz der Wäscherei. Mittlerweile stehen die Spindlerbauten unter Denkmalschutz..Jürgen Zöllner. In: denkmal aktiv – Kulturerbe macht Schule, Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung, S. 1, 4

Weitere Unternehmensentwicklung mini|Werbung der W. Spindler A.-G. mini|Ansicht des Hauptgebäudes von Westen mini|hochkant|Schornstein auf dem Werksgelände Vom Kaiserreich bis zur Weimarer Republik 1881 trat William Spindler († 1889) aus gesundheitlichen Gründen aus dem Unternehmen aus und sein Bruder Carl wurde alleiniger Inhaber. 1893 wurden sämtliche noch vorhandenen Filialen in Berlin geschlossen und der komplette Betrieb in die Werke in Spindlersfeld verlegt. Nach dem Tod Carl Spindlers 1902 übernahmen drei seiner Söhne (Wilhelm, Ernst und Erich) das Unternehmen und führten es als offene Handelsgesellschaft weiter. Sie weiteten das Geschäft wieder aus und errichteten in Berlin 16 neue Filialen. Auch das Werk in Spindlersfeld wurde vergrößert. Bei den Arbeiterstreiks zwischen 1904 und 1906 war auch W. Spindler betroffen.

1922 wurde das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und zwischen 1922 und 1925 übernahm die Schering AG die Aktienmehrheit des Unternehmens. Der Spindlersfelder Standort wurde der zweite Standort Scherings in Berlin neben dem in der Müllerstraße in Wedding. Auszug aus der Beständeübersicht des Landesarchivs Berlin.

Zeit des Nationalsozialismus