mini|St. Gertrud, Blick über den Kuhmühlenteich zur Kirche mini|Kirche im Winter Die evangelisch-lutherische St. Gertrud-Kirche im Hamburger Stadtteil Uhlenhorst ist ein neugotischer Bau von Johannes Otzen. Die heutige Kirche am Kuhmühlenteich, an der Straße Immenhof gelegen, entstand als Nachfolgerin der während des Großen Brandes von 1842 zerstörten mittelalterlichen Gertrudenkapelle. Der Name der Kirche geht auf die Jungfrau und Heilige Gertrud von Nivelles zurück.

Geschichte

Gertrudenkapelle mini|Die alte Gertrudenkapelle 1830 auf einer Lithografie der Gebrüder Suhr Die 1399 erbaute und 1580 erweiterte Kapelle stand an der Kreuzung der Gertrudenstraße und der Lilienstraße in der Hamburger Altstadt, wo der nach ihr benannte Gertrudenkirchhof bis heute an sie erinnert. Die zum St.-Jacobi-Kirchspiel gehörige Kapelle war ein kleiner Zentralbau mit einem geschwungenen Dach und einem anschließenden schmalen Kirchenschiff.

Während der französischen Besetzung Hamburgs wurde sie als Heumagazin genutzt. Am 7. Mai 1842 wurde sie beim Großen Brand zerstört und im Gegensatz zu den ebenfalls abgebrannten Hauptkirchen St. Petri und St. Nikolai nicht wieder aufgebaut. Die Verwalter des „Capellen-Vermögens“ übergaben 1883 der neuen Kirchengemeinde St. Gertrud zwei Altarleuchter, eine silberne Kanne, einen silbernen Kelch, einen kleinen Kelch mit Zubehör und die alte Altar-Bibel der St.-Gertrud-Kapelle von 1717. Auf die alte Gertrudenkapelle geht auch das bis heute bestehende St.-Gertrud-Stift an der Bürgerweide im Stadtteil Borgfelde zurück.

St. Gertrud am Kuhmühlenteich mini|Blaue Tafel des Tafelprogramms Hamburg: Ev.-luth. Pfarrkirche St. Gertrud

Im Zuge der Stadterweiterung Hamburgs nach dem Großen Brand entstanden auf der trockengelegten Uhlenhorst neue Wohngebiete. Hohenfelde und Uhlenhorst wurden 1871 Vororte von Hamburg. Im Jahr 1878 wurde ein neues Kirchspiel beantragt, im Jahr 1882 wurde der Grundstein für einen neuen Kirchenbau gelegt.U. Pfündner: Kirchenführung. In: Hohenfelder und Uhlenhorster Rundschau, Ausgabe Juni/Juli 2016, S. 5. Als Namen für die neue Gemeinde, die anfangs neben Uhlenhorst und Hohenfelde auch ganz Barmbek umfasste, wählte man die heilige Gertrud in Erinnerung an die alte Kapelle. Die Stadt tauschte mit der Kirchengemeinde das Grundstück in der Nähe des heutigen Mönckebergbrunnens gegen das neue am Kuhmühlenteich. Von den Häusern Rosenstraße, Lilienstraße usw. gingen 750.000 Mark zur Hälfte an die Kirchengemeinde und dienten der Finanzierung des Rohbaus der Kirche. Die andere Hälfte ging an das Gertrudenstift in der Bürgerweide.Evangelisch-lutherische Kirchengemeinde St. Gertrud: Geschichte St. Gertrud. Faltblatt vom August 2000, S. 1.

Für die Arbeiten an dem Gotteshaus wurde der aus Holstein stammende Architekt Johannes Otzen verpflichtet. Er hatte sich damals bereits einen Namen mit dem Bau verschiedener Kirchen gemacht und war einer der meist beschäftigten Architekten seiner Zeit. Die Bauausführung von St. Gertrud dauerte von 1882 bis 1885, die Kirchweihe fand 1886 statt. Otzen entwarf eine neogotische Hallenkirche mit Sitzplätzen für 1150 Besucher, die er in dem von ihm bevorzugt genutzten Backstein-Mauerwerk errichten ließ. An der zierlichen Kirche mit dem 88 Meter hohen, schindelgedeckten Kirchturm sollen 460 Sorten verschiedener roter, gelber und grüner Form- und Glasursteine verarbeitet worden sein, was die Logistik auf dem Bauplatz teilweise vor organisatorische Schwierigkeiten stellte.Ein Meisterwerk der Neogotik wird saniert. In: Hamburger Abendblatt vom 8. Juni 2011, S. 19.

Auffällig ist neben dem reichen Bauschmuck die Nutzung von Kupferblech zur Betonung von Baudetails, wie den niedrigen Seitentürmen, den Fenstersimsen und dem Dachreiter, dessen grüne Patina im Kontrast zum roten Mauerwerk steht. Auch die Innenausstattung des 19 Meter hohen Kirchenschiffs entwarf Otzen; auf seine Entwürfe gehen der Altar, die Kanzel, der Taufstein und auch das Kirchengestühl zurück, so dass die Kirche ein harmonisches und geschlossenes Bild bietet. mini|Blick auf den Chor der St.-Gertrud-Kirche

Schäden im Zweiten Weltkrieg Im Zweiten Weltkrieg erlitt das Kirchengebäude durch die Bombardierung kaum Schäden. Allerdings wurden die Fenster des Chorraums zerstört. Durch Feuchtigkeit, Kälte und Wind entstanden Folgeschäden. Auch die Reubke-Röver-Orgel musste ersetzt werden. Die Gebäude um die Kirche herum waren durch Sprengkraft und Feuer der Bomben schwer beschädigt.Daniel Rehm: Zerstörung und Neuanfang. In: Geschichtswerkstatt St. Gertrud (Hrsg.): 125 Jahre St. Gertrud, Hamburg, 1885-2010. Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde St. Gertrud, Hamburg 2010, S. 67–69. Das Pastorat Immenhof 10/12 wurde stark beschädigt.

Ein Teil der heutigen Fenster war ursprünglich für die Hauptkirche St. Nikolai in Hamburg geschaffen worden. Dort wurden sie wegen des drohenden Kriegs ausgebaut und eingelagert. Angesichts der schweren Kriegsschäden an der Nikolaikirche wurden die Fenster nach dem Krieg stattdessen in St. Gertrud in die Fassungen der Chorfenster eingesetzt.

Renovierungen Beseitigung der Kriegsschäden Die Kirche wurde im Juni 1945 wieder in Betrieb genommen. Die zerstörten Fenster wurden im Sommer und Herbst 1947 mit weißem Kathedralglas versehen. Der schwer beschädigte Putz wurde 1957 und die Orgel 1967 ersetzt.Harald Gevert: Eine Gemeinde im Umbruch. St. Gertrud von 1945–1970. In: Geschichtswerkstatt St. Gertrud (Hrsg.): 125 Jahre St. Gertrud, Hamburg, 1885-2010. Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde St. Gertrud, Hamburg 2010, S. 72–77.Uta Möller: Die Fenster von St. Gertrud. In: Geschichtswerkstatt St. Gertrud (Hrsg.): 125 Jahre St. Gertrud, Hamburg, 1885-2010. Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde St. Gertrud, Hamburg 2010, S. 78–82.

Renovierung des Kirchturms Der Kirchturm wurde 1964 und 1983 renoviert. In den Jahren 2011 und 2012 wurden die Türme erneut renoviert, denn der Mörtel in den Fugen der bis in die Spitze gemauerten Kirchtürme hatte nach 126 Jahren Risse bekommen.Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Gertrud: Retten Sie den schönsten Kirchturm östlich der Alster. St. Gertrud. Faltblatt, Hamburg 2011. Der Turm der Kirche wird regelmäßig von Turmfalken als Nistplatz aufgesucht. Die Falkenbrut wird im August flügge. Die Sanierung des Turms wurde aus diesem Grund verzögert, war aber am Ende des Jahres abgeschlossen.

Renovierung des Kirchen-Innenraums Im Jahr 2015 wurden vor allem die Gewölbe der St.-Gertrud-Kirche renoviert; die Pfusch-Schäden aus früheren Renovierungen auf dem Backstein-Mauerwerk wurden beseitigt. Dabei kam an einem Gewölbezwickel der alte, bemalte Untergrund zutage, der nun als „historisches Fenster“ unverputzt renoviert wurde und sichtbar bleibt. Auch die Raumbeleuchtung wurde mit LED-Leuchten erneuert und erweitert. Durch eine neue Heizungsanlage kann eine durchschnittliche Temperatur von 16° Celsius gehalten werden. Sitzpolster und neue Stühle für die Empore sind weitere Verbesserungen. Am 30. August 2015 wurde die Kirche mit einem Festgottesdienst, in dem die alte „Gertrudenmusik“ dargeboten wurde, wiedereröffnet. Eine Ausstellung historischer Dokumente in den Seitengängen der Kirche informiert über die Baugeschichte der Kirche.

Die Kirche Altarraum Die wesentlichen Elemente im Altarraum sind Taufbecken, Altar und Kanzel.

Der Altartisch wird von einem Spitzgiebel überragt. In kleineren Nischen befinden sich Statuetten von Abraham, Petrus, Paulus, Jakobus, Johannes dem Jünger, Johannes dem Täufer. In der Mitte sind Jesus am Kreuz und darüber der auferstandene Jesus angeordnet.

Über der Kanzel aus Sandstein und Porphyr schwebt ein Schalldeckel. Auf ihm sind vier geschnitzte Engel angebracht, welche die Tugenden Weisheit, Mäßigung, Tapferkeit und Gerechtigkeit versinnbildlichen. Als Sinnbilder sind an der Kanzel die hörende und die dienende Maria zu sehen.Heinz-Jochen Blaschke: Kirchenführer der Ev.-Luth. Kirche St. Gertrud in Hamburg. Fachverlag für Kirchenfotografie & Luftbildaufnahmen, Saarbrücken 2003, S. 11–16.

Kirchenfenster Die im Zweiten Weltkrieg zerstörten Kirchenfenster wurden in der unmittelbaren Nachkriegszeit durch abstrakte, mosaikartige Fenster von Werner Bunz ersetzt. Die Chorfenster stammen aus der ehemaligen Hauptkirche St. Nikolai, die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Sie waren zuvor in den Kellergewölben der St.-Michaelis-Kirche vor Zerstörung geschützt worden. Hanno Edelmann konzipierte für die größeren Fensteraussparungen der St.-Gertrud-Kirche Einfassungen, in welche die Fenster von der Nikolaikirche eingepasst werden konnten. Das linke Fenster hat als Motiv Noah mit der Arche, das halblinke Fenster zeigt den Stammvater Isai, im mittleren Fenster wird der Prophet Jesaja dargestellt, das halbrechte Fenster erinnert an König David mit der Harfe und das rechte Fenster zeigt Moses mit den Gebotstafeln.Heinz-Jochen Blaschke: Kirchenführer der Ev.-Luth. Kirche St. Gertrud in Hamburg. Fachverlag für Kirchenfotografie & Luftbildaufnahmen, Saarbrücken 2003, S. 16–18.

Orgel mini|Kirchenschiff, Blick auf die Orgelempore mini|hochkant|Nahaufnahme 1885 erhielt St. Gertrud eine Orgel des Orgelbaumeisters Ernst Röver (Hausneindorf, Harz). Das Instrument hatte pneumatische Trakturen. Es wurde im Laufe der Zeit mehrfach repariert bzw. umgebaut, zuletzt 1933 durch den Orgelbaumeister Wilhelm Sauer (Frankfurt Oder).

Die heutige Orgel wurde 1967 von der Orgelbauwerkstatt Alfred Führer (Wilhelmshaven) erbaut. Sie hat 37 Register auf drei Manualen und Pedal. Die Spieltrakturen sind mechanisch, die Registertrakturen elektrisch. Das Instrument wurde im Jahr 2004 mit einer modernen Setzeranlage ausgestattet und zuletzt 2020 durch die Orgelbauwerkstatt Fleiter (Münster) durch den Orgelbaumeister Stefan Lincke überholt und neu intoniert. Außerdem wurden im Schwellwerk eine Voix célèste 8´ und im Pedal ein Offenbass 32´ eingebaut.

I Hauptwerk C–g3 1. Quintade 16′ 2. Principal 8′ 3. Rohrflöte 8′ 4. Octave 4′ 5. Spitzflöte 4′ 6. Octave 2′ 7. Sesquialtera II ′ 8. Mixtur IV-VI 9. Trompete 8′ II Schwellwerk C–g3 10. Spitzflöte 8′ 11. Gambe 8′ 12. Voix célèste 8´ 13. Principal 4′ 14. Rohrflöte 4′ 15. Schwiegel 2′ 16. Sifflöte 1′ 17. Mixtur IV 18. Dulcian 16′ 19. Trompete 8′ 20. Schalmey 4′ Tremulant III Brustwerk C–g3 21. Gedackt 8′ 22. Blockflöte 4′ 23. Rohrnasat ′ 24. Principal 2′ 25. Terz ′ 26. Quinte ′ 27. Scharff III 28. Krummhorn 8′ Tremulant Pedal C–f129.Offenbass 32´ 30. Principal 16′ 31. Subbass 16′ 32. Octave 8′ 33. Gedacktbass 8′ 34. Octave 4′ 35. Nachthorn 2′ 36. Mixtur V 37. Posaune 16′ 38. Trompete 8′ 39. Trompete 4′ Koppeln: II/I, III/I, I/P, II/P, III/P Spielhilfen: 4000-fache Setzeranlage

Turm, Uhr und Glocken Der durchgehend gemauerte Turm erreicht eine Gesamthöhe von 88 Metern. Er trägt auf seiner Spitze ein fünf Meter hohes Kreuz mit Lilie.Friederike Ulrich: Eine Schönheit feiert Geburtstag. In: Hamburger Abendblatt vom 27. März 2010, S. 16. Die Zifferblätter der Turmuhr haben einen Durchmesser von 3,20 Meter, die Länge der Zeiger beträgt 1,6 bzw. 1,4 Meter.Evangelisch-lutherische Kirchengemeinde St. Gertrud (Hrsg.): Geschichte St. Gertrud. Faltblatt, Hamburg August 2000, S. 2. Oberhalb der Turmuhr wurden Antennen eingefügt.

Im Turm von St. Gertrud hingen seit 1885 drei Bronze-Glocken. Sie wurden durch eine runde Glockenluke im Turmeingang und drei weitere Glockenluken auf ca. 40 Meter Höhe zum Glockenstuhl emporgezogen. Die Glocken wurden von der Gemeinde der Dreieinigkeits-Kirche gestiftet und am 3. Februar 1885 noch vor Einweihung der Kirche erstmals geläutet. Sie trugen die Namen „Jesus“ (Schlagton b0), „Paulus“ (Schlagton d1) und „Luther“ (Schlagton f1).