Dieser Artikel beschreibt die Entwicklung der Eisenbahn im deutschen Bundesland Thüringen.

Geschichte

Die Anfänge der Eisenbahn in Thüringen

miniatur|250px|Altenburger Bahnhof um 1860 Auf der Fläche des heutigen Freistaates Thüringen befanden sich bis Anfang des 20. Jahrhunderts acht Thüringische Staaten sowie mehrere preußische Gebiete und einige kleine sächsische Exklaven. Diese staatenmäßige Zersplitterung wurde verschärft durch die Verteilung in auseinandergerissene Territorien, deren Regierungen jeweils ihre eigenen Interessen durchzusetzen versuchten. Planungen für Eisenbahnlinien in Thüringen gestalteten sich daher im 19. Jahrhundert äußerst schwierig.

Die erste Bahnstrecke, die durch thüringisches Gebiet führte, war die Sächsisch-Bayerische Eisenbahn im Jahre 1842. Sie führte von Leipzig über Hof (Saale) nach Nürnberg. In Thüringen bescherte sie der Stadt Altenburg, damals Residenzstadt des Herzogtums Sachsen-Altenburg, einen Bahnanschluss. Davon profitierte die Stadt derart, dass eine rasche industrielle Entwicklung in Gang kam.

Die preußische Regierung war dabei an einem raschen Bahnanschluss Berlins Richtung Frankreich interessiert, was vor allem militärische Hintergründe hatte. Es wurde erwogen, eine Bahnstrecke vorbei an den großen Machtzentren Thüringens durch den Norden des Landes zu bauen. Sie sollte von Halle durch das Thüringer Becken über Mühlhausen Richtung Osthessen führen. Jedoch wurde dieses Vorhaben nicht realisiert, da sich sowohl die Stadt Erfurt als auch die thüringischen Staaten dagegen sträubten. Deshalb wurde 1846 die Thüringische Eisenbahn-Gesellschaft mit dem Bau einer Bahnlinie betraut, die von Halle über Naumburg entlang der Thüringer Städtekette nach Bebra zur Strecke Kassel–Frankfurt führen sollte. Die so entstandene Thüringer Bahn, die auch heute noch die wichtigste Thüringens ist, wurde 1846 bis Weimar, 1847 über Erfurt und Gotha bis Eisenach und schließlich 1849 von Eisenach über Gerstungen bis Bebra eröffnet. Damit war die Anbindung Berlins an Südwestdeutschland vollendet.

Die Thüringische Eisenbahn-Gesellschaft, an der sich auch die thüringischen Staaten beteiligt hatten, war die größte Bahngesellschaft im Land. Bei der Gründung in Erfurt 1844 waren von Anfang an zu einem Viertel des Aktienkapitals das Königreich Preußen, das Großherzogtum Sachsen-Weimar und das Herzogtum Sachsen-Gotha beteiligt. Später kamen noch Sachsen-Meiningen, Schwarzburg-Rudolstadt, Schwarzburg-Sondershausen, Reuß j. L., ferner die Stadt Mühlhausen sowie Stadt und Kreis Langensalza hinzu. Wegen der großen Bedeutung der thüringischen Bahnstrecken bemühte sich der Staat Preußen um den vollständigen Erwerb, übernahm die Betriebsführung und Verwaltung zum 1. Januar 1882 und wurde am 1. Juli 1886 Eigentümer.

Das Netz wächst weiter

Erst 1858 wurden auf thüringischem Boden wieder Gleise verlegt. Diesmal war die Werra-Eisenbahn-Gesellschaft der Auftraggeber für die 150 Kilometer lange Werrabahn, die nun den Südthüringer Raum und insbesondere die Residenzstadt Meiningen erschließen sollte. Die Bahnlinie erhielt ihren Namen von der Werra, in deren Tal sie größtenteils verläuft. Beginn der Bahnlinie war die Stadt Eisenach. Als erstes Hindernis kurz hinter der Stadt war der Thüringer Wald zu überwinden, wobei dieser im Raum Eisenach noch relativ flach war. Dies wurde durch den 544 Meter langen Förthaer Tunnel realisiert. Weiter führt die Strecke über Bad Salzungen nach Meiningen und dann über Hildburghausen und Coburg nach Lichtenfels, wo sie wiederum auf die Bahnlinie von München nach Berlin trifft.

Nun verlangte auch die zweitgrößte Stadt im Thüringer Raum, Gera, nach einem Eisenbahnanschluss. Sie bekam ihn 1859 durch das Tal der Weißen Elster nach Zeitz, wo Anschluss nach Leipzig und Halle besteht. Bauherr war hier wieder die Thüringische Eisenbahn-Gesellschaft. Um den Bahnanschluss der Stadt zu verbessern, erfolgte bereits 1865 ein Anschluss in östlicher Richtung nach Gößnitz zur Sächsisch-Bayerischen Eisenbahn.

Nachdem die Mitte, der Osten und der Süden Thüringens bereits durch eine Eisenbahnlinie erschlossen wurden, bekam nun auch der Norden der Region Anschluss an die Eisenbahn. Realisiert wurde sie in den Jahren 1866 bis 1872, als man Halle im Osten durch Nordthüringen mit Kassel im Westen verband. Durch die Halle-Kasseler Eisenbahn erhielten die Städte Nordhausen, Leinefelde und Heiligenstadt Bahnanschluss. Sie wurde 1869 durch die Bahnstrecke Erfurt–Nordhausen und 1870 durch die Bahnstrecke Gotha–Leinefelde mit der Thüringer Bahn verbunden. Ebenfalls 1869 wurde die Südharzstrecke eröffnet.

Ausbau und Verdichtung des Netzes nach der Reichsgründung mini|Gera Hauptbahnhof, um 1900 mini|Erfurt Hauptbahnhof, 1903 Nachdem Deutschland 1871 ein Staat geworden war, wurde die Ausrichtung des Eisenbahnnetzes von einem dezentralen zu einem zentralen mit Mittelpunkt Berlin proklamiert. Zu diesem Zweck war die Werrabahn ungünstig gelegen und es wurde nach einer neuen Verbindung von Berlin nach Württemberg, insbesondere Stuttgart, gesucht. Dafür musste zwangsläufig der Thüringer Wald in seinem zentralen Teil durchquert werden. Es bot sich an hierfür die bereits vorhandene Strecke Erfurt–Arnstadt einzubeziehen. Einerseits verlangte die Stadt Ilmenau nach einem Eisenbahnanschluss, andererseits war eine Trassierung entlang der Wilden Gera kostengünstiger, da hier ein kürzerer Tunnel benötigt wurde. So wurde nach 1880 mit den ersten Bauarbeiten begonnen. Schwierigstes Projekt war hierbei der drei Kilometer lange Brandleitetunnel, der den Thüringer Wald an seiner höchsten Stelle nahe Oberhof querte. 1884 konnte die Strecke über Arnstadt und Suhl nach Meiningen eröffnet werden. Der Anschluss von Meiningen Richtung Würzburg wurde bereits 1874 mit der Bahnstrecke Schweinfurt–Meiningen realisiert, so dass nun die Verbindung von Berlin nach Stuttgart vollständig ausgebaut war.

Ebenfalls im Sinne der Zentralisierung musste eine schnellere Verbindung von Berlin nach München geschaffen werden. Die Sächsisch-Bayerische Eisenbahn wurde einst nach den Vorstellungen Sachsens sehr umständlich durchs Vogtland trassiert. Außerdem hatte Jena noch immer keinen Bahnanschluss erhalten. Es wurde ein Konzept erstellt, nachdem der Verkehr von Berlin nach München über drei Achsen erfolgte. Zum einen über die alte Trasse durchs Vogtland, zum anderen über Leipzig und Gera nach Saalfeld und zum dritten über Halle und Jena nach Saalfeld. Zu diesem Zweck wurde einerseits 1871 eine Bahnstrecke von Gera über Weida und Pößneck nach Saalfeld errichtet, zum anderen wurde durch die Saalbahn-Gesellschaft eine Strecke von Naumburg über Jena nach Saalfeld gebaut. In Saalfeld begann dann die Bahnstrecke Leipzig–Probstzella, eine Strecke, die das Thüringer Schiefergebirge überquert und an die bayerische Bahnstrecke Hochstadt-Marktzeuln–Probstzella anschließt. 1885 war dann auch dieses Projekt vollendet und Berlin besaß eine schnellere Verbindung nach München.

Als letzte große Lücke im Thüringer Netz klaffte noch der östliche Teil der „Städtekette“. Die größte Stadt, Erfurt, war noch immer nicht mit der zweitgrößten Stadt, Gera, verbunden. Um diese Lücke zu schließen, wurde 1876 die Holzlandbahn von Weimar über Jena nach Gera gebaut.

Aus Sicht der Militärs fehlte noch eine schnelle Verbindung von Berlin zur französischen Grenze. Deshalb wurde die Idee der so genannten „Kanonenbahn“ geboren, die bis 1880 eine eigene Trasse im Eichsfeld erhielt, nordöstlich von Silberhausen aber die bestehende Bahnstrecke Gotha-Leinefelde und die Halle-Kasseler Eisenbahn mitbenutzte. Damit war das Thüringer Hauptstreckennetz vervollständigt.

In den folgenden Jahrzehnten bis 1914 wurden noch zahlreiche Nebenstrecken eröffnet, die auch kleinere Städte und Dörfer mit einem Eisenbahnanschluss versorgten. 1939 gehörte die Thüringer Stammbahn mit elf täglichen Personenzugpaaren von Berlin über Erfurt nach Frankfurt sowie fünf von Berlin über Erfurt nach Würzburg zu den wichtigsten Strecken im Deutschen Reich.

JahrzehntNeu eröffnete Streckenauf Thüringer GebietStilllegungenauf Thüringer GebietNetzlänge1840er Jahre166 km166 km1850er Jahre182 km348 km1860er Jahre227 km575 km1870er Jahre526 km1101 km1880er Jahre453 km1554 km1890er Jahre396 km1950 km1900er Jahre285 km2235 km1910er Jahre199 km3 km2431 km1920er Jahre40 km2471 km1930er Jahre15 km2486 km1940er Jahre173 km2313 km1950er Jahre54 km2259 km1960er Jahre270 km1989 km1970er Jahre89 km1900 km1980er Jahre1900 km1990er Jahre207 km1693 km2000er Jahre207 km1486 km

Quelle: G. Fromm, Thüringer Eisenbahnstreckenlexikon

1945: Thüringen wird Grenzland

Einschneidende Veränderungen brachte das Jahr 1945 für die Eisenbahn in Thüringen mit sich. Da es im Süden und Westen an die Amerikanische Besatzungszone (ABZ) grenzte, wurden zahlreiche Eisenbahnlinien von dieser Zonengrenze durchschnitten. Deshalb wurden am 1. November 1946 alle Eisenbahnlinien im Grenzgebiet stillgelegt. Ausnahmen waren lediglich die Strecken Eisenach–Bebra und Saalfeld–Kronach, die für den Interzonenverkehr offen blieben; auf der Südharzstrecke war nur noch Güterverkehr möglich. Damit rückte Thüringen vom Mittelpunkt des Deutschen Reiches an den Rand der Sowjetischen Besatzungszone bzw. späteren DDR und verlor seine Bedeutung für den Fernverkehr. Im Zuge der Reparationsleistungen an die Sowjetunion wurden viele Lokomotiven und Waggons aus Thüringer Bahnbetriebswerken entfernt und einige Streckengleise (meist das zweite Gleis bedeutungslos gewordener Strecken) abgebaut und eingeschmolzen.

Am 17. September 1945 wurde das sogenannte Wanfrieder Abkommen zwischen den USA und der Sowjetunion geschlossen. Es beinhaltete den Tausch mehrerer Grenzdörfer im Raum Eschwege/Heiligenstadt aus der Amerikanischen Zone in die Sowjetische und umgekehrt. Grund für den Abschluss des Abkommens war die wichtige Bahnstrecke Göttingen–Bebra (Linie Hamburg–Frankfurt), über die große Teile der Versorgung der ABZ mit Truppen und Gütern abgewickelt wurden. Sie verlief im Tal der Werra über etwa vier Kilometer im Thüringischen und damit im sowjetisch kontrollierten Gebiet. Die russischen Truppen nutzten diese Abhängigkeit der Amerikaner zu allerlei Schikanen (z. B. Verzögerung der Zugweiterfahrten durch tagelange Kontrollen oder Beschlagnahmen von Gütern). Daraufhin wollten die Amerikaner den kleinen westthüringischen Gebietszipfel in ihre Besatzungszone integrieren. Nach Verhandlungen mit den Sowjets wurden die thüringischen Dörfer entlang der Strecke nach Hessen integriert und im Gegenzug einige hessische Ortschaften an der thüringischen Grenze nach Thüringen integriert. Das Abkommen wurde nach dem Ort der Unterzeichnung benannt: nach der kleinen osthessischen Stadt Wanfried nahe Eschwege.

Die Eisenbahn in Thüringen zur DDR-Zeit

Zu DDR-Zeiten gab es wenig Veränderungen im thüringischen Eisenbahnnetz. Einige unrentabel gewordene Nebenstrecken wurden stillgelegt und einige Hauptstrecken elektrifiziert. Besonderheiten waren die Bahnhöfe von Frauenwald und Bad Liebenstein, die trotz des eingestellten Eisenbahnverkehrs ihren Fahrkartenverkauf und ihre Gepäckabfertigung behielten. In Bad Liebenstein endet dieser Zustand erst 1994.

Nach 1990: Thüringen ist wieder die Mitte Deutschlands

miniatur|250px|Eisenbahnüberführung Wümbachtalbrücke der Schnellfahrstrecke Nürnberg–Erfurt

Mit der deutschen Wiedervereinigung 1990 rückte Thüringen vom „verkehrstechnischen Abseits“ wieder in den Mittelpunkt Deutschlands. Die Deutsche Bahn verfolgte in den Folgejahren zwei Ziele: Ausbau und Sanierung des Fernverkehrsnetzes, z. B. durch Elektrifizierung, Verbreitern auf zwei Gleise und Sanieren von Nebenstrecken. Auch die Wiederherstellung von Verbindungen in die alten Bundesländer gehört hier dazu Stilllegen von unrentablen Nebenstrecken: Die Konsolidierung des Streckennetzes fand in den Jahren 1994 bis 2000 statt und ist heute weitestgehend abgeschlossen.