mini|hochkant|Statue eines Herrschers von Melid im Museum Ankara, vermutlich König Mutallu von Kummuḫ
Arslantepe, auch Arslan Tepe, Aslantepe, „Löwenhügel“, war eine seit dem 3. Jahrtausend v. Chr. befestigte Siedlung in Kleinasien. Den türkischen Namen hat der Hügel nach den hier gefundenen Löwenskulpturen. Der heutige Tell (Grabungshügel) mit Funden vor allem aus der Bronze- bis in die neo-hethitische Zeit liegt in Ostanatolien, sechs Kilometer nordöstlich der Stadt Malatya. Der Siedlungshügel hat eine ovale Form, die sich von Südwesten nach Nordosten erstreckt. Er hat eine Oberfläche von etwa 4,5 Hektar und erhebt sich etwa 30 Meter über der Umgebung.Marcella Frangipane: Arslantepe-Malatya: A Prehistoric and Early Historic Center in Eastern Anatolia In Sharon R. Steadman, Gregory McMahon (Hrsg.): The Oxford Handbook of Ancient Anatolia, 2011, S. 968 Der Ort war seit dem 6. Jahrtausend v. Chr. besiedelt, im 2. Jahrtausend v. Chr. gehörte er zum hethitischen Großreich und ab dem späten 1. Jahrtausend v. Chr. befand sich hier das Zentrum des späthethitischen Königreichs von Melid.
Funde aus Arslantepe sind seit dem späten 19. Jahrhundert bekannt. Ausgrabungen fanden in den 1930er Jahren statt, wobei vor allem die hethitischen Hinterlassenschaften erforscht wurden, sowie seit den 1960er Jahren durch ein italienisches Team, das auch die vor- und frühgeschichtliche Architektur zum Vorschein brachte. In einer der späteren Schichten wurden die Skulpturen von Malatya gefunden. Seit Juli 2021 zählt der Hügel von Arslantepe zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Geschichte Die Ausgrabungsstätte wird in acht übereinanderliegende Schichten VIII–I eingeteilt, wobei Schicht VIII die unterste, älteste darstellt.
Periode VIII Scherben von Keramik vom Halaf- und Ubeid-Typus deuten auf eine Besiedlung bereits im 6. Jahrtausend v. Chr., die ältesten architektonischen Spuren entstammen jedoch der späten Kupfersteinzeit 1–2, den Jahren 4300–3900 v. Chr. Es handelt sich um drei übereinanderliegende Schichten von Wohnhäusern mit verschiedenen Herdstellen. Die gefundene Keramik ist von einem lokalen Typus, der Ähnlichkeiten mit derjenigen aus Südostanatolien (z. B. Oylum Höyük) zeigt, aber auch auf Verbindungen nach dem oberen Mesopotamien hinweist.Marcella Frangipane: Arslantepe-Malatya: A Prehistoric and Early Historic Center in Eastern Anatolia In Sharon R. Steadman, Gregory McMahon (Hrsg.): The Oxford Handbook of Ancient Anatolia, 2011, S. 971–972.
Periode VII mini|Zylindersiegel aus Arslantepe aus dem 4. Jahrtausend v. Chr. Diese Phase wird zwischen 3000 und 3400 v. Chr., die späte Kupfersteinzeit 3–4, datiert. Im Nordosten des Hügels wurden in den 1960er und 1970er Jahren einfache Lehmziegelhäuser sowie Herdstellen außerhalb der Gebäude ergraben. In einem der Häuser war eine Wand mit schwarz-weißen Dreiecken bemalt. Erwachsene waren in Hockerstellung begraben mit Muscheln und Perlen als Beigaben, Kinder wurden in Töpfen unter den Fußböden bestattet. Bei neueren Ausgrabungen kam im Westteil der Stätte ein monumentales Gebäude mit 1,2 Meter starken Wänden aus Lehmziegeln zutage, das vermutlich eine Herrscherresidenz darstellt. Es hatte einen großen Saal mit vier gemauerten Säulen und Wandmalereien. Südwestlich davon befand sich auf einer künstlich angelegten Terrasse ein Tempelgebäude (Tempel C). Sein Hauptraum hatte Maße von 18 × 7,2 Metern und verfügte über eine zentrale Plattform für rituelle Mahlzeiten, mehrere Nischen an den Schmalseiten sowie ebenfalls über Wandmalereien. Dort und in den umliegenden Räumen wurden große Mengen von industriell gefertigter Keramik und von Siegelabdrücken gefunden. Die Art der Fertigung weist auf Verbindungen zum Gebiet westlich des Euphrat und der Amuq-Ebene.Marcella Frangipane: Arslantepe-Malatya: A Prehistoric and Early Historic Center in Eastern Anatolia In Sharon R. Steadman, Gregory McMahon (Hrsg.): The Oxford Handbook of Ancient Anatolia, 2011, S. 972–974.
Periode VI A mini|hochkant|Plan des Palastkomplexes (aus Infotafel) In dieser Periode, die etwa der späten Kupferzeit 5 und der Uruk-Zeit (3350–3000 v. Chr.) entsprach, konzentrierte sich auf dem Arslantepe die politische und ökonomische Macht über die Malatya-Ebene. Südlich von Tempel C, der aufgegeben wurde, entstand ein als Palast bezeichneter Komplex aus mehreren, sich über verschiedene Terrassen erstreckenden monumentalen Gebäuden, die über Korridore und Höfe untereinander verbunden waren. In dem Komplex waren religiöse wie auch administrative Funktionen vereinigt. Dazu gehörten die Tempel A und B, die zwar kleiner als der frühere Tempel C waren, deren Bedeutung aber durch ihre Lage auf der höchsten Terrasse hervorgehoben wurde. Ein weiterer Teil war ein Lagergebäude, bestehend aus zwei Zentralräumen und mehreren Seitenkammern. In den seitlichen Räumen wurden zahlreiche Pithoi, Krüge, Schalen und Flaschen gefunden, die der Lagerung größerer Mengen von Waren, hauptsächlich wohl Nahrungsmittel, dienten. In dem größeren der Haupträume fand sich dagegen eine große Zahl von massengefertigten Schalen, die vermutlich zur Verteilung der gelagerten Güter genutzt wurden. Ebenfalls fanden die Ausgräber Siegelabdrücke (Bullae), zum Teil von den entsprechenden Behältern abgefallen, teilweise auch gestapelt an den Wänden oder in den Ecken, wohl zur Wiederverwendung. Die Verteilung der Waren war also nicht mehr, wie in den vorherigen Perioden, an den Tempel gebunden, sondern wurde nun getrennt davon von einer profanen Instanz vorgenommen. Die Siegelabdrücke zeigen, dass es schon möglich war, große Warenbewegungen zu organisieren und festzuhalten, auch wenn der Gebrauch der Schrift noch nicht bekannt war.
Bei den Türen, die vom Eingangskorridor in die Gebäudetrakte führen, sind Figuren in rotem Ocker und Holzkohle an die Wände gemalt. Die am besten erhaltenen sind zwei Gestalten beiderseits des Lagereingangs, eine männlich, die andere vielleicht weiblich. Die Ausgräberin Marcella Frangipane schlägt als Deutung Götter oder Schamanen vor. Eine weitere Malerei zeigt ein stilisiertes Ochsengespann.
Die in dem Palastkomplex gefundene Keramik ist größtenteils auf der Töpferscheibe erstellt, in blassen Farben und von guter Qualität und zeigt nun deutliche Einflüsse aus Mesopotamien beziehungsweise Uruk. Daneben erscheint aber auch handgefertigte rotschwarze Ware, die nach Form, Aussehen und Technik auf anatolische Vorbilder hinweist. Der Ort scheint demnach zu dieser Zeit eine zentrale Rolle im interregionalen Netzwerk zwischen Mesopotamien, Syrien und Anatolien gespielt zu haben.
Einen bemerkenswerten Fund stellen neun Schwerter und zwölf Speerspitzen dar, die aus arsenhaltigem Kupfer hergestellt wurden. Sie zeigen den hohen Stand der Metallverarbeitung in Arslantepe. Bei den Schwertern, deren Griffe zum Teil mit Silbereinlagen verziert sind, handelt es sich um die ältesten heute bekannten Schwerter.Marcella Frangipane: Arslantepe-Malatya: A Prehistoric and Early Historic Center in Eastern Anatolia In Sharon R. Steadman, Gregory McMahon (Hrsg.): The Oxford Handbook of Ancient Anatolia, 2011, S. 974–980.
Periode VI B mini|Rekonstruktion des Königsgrabs im Museum Malatya Um 3000 v. Chr. wurde der Palast in einem verheerenden Feuer zerstört, was zum Ende der bisherigen Machtstrukturen führte. In der folgenden Phase der frühen Bronzezeit 1 (3000–2800 v. Chr.) war der Hügel zunächst von Gruppen von nomadischen Viehhaltern aus dem ostanatolischen bis transkaukasischen Raum bewohnt. Sie bauten Hütten aus mit Lehm beworfenem Flechtwerk, die Keramik beschränkte sich auf handgemachte rot-schwarze Ware. Gelegentlich werden die neuen Bewohner der südkaukasischen Kura-Araxes-Kultur zugerechnet.Alba Palmieri: Excavations at Arslantepe, 1983. VI. Kazı Sonuçlari Toplantisi, Türk Tarih Kurumu Basımevi, Ankara 1984, S. 71–78. Nach einer Übergangszeit zeigt sich jedoch eine erneute Machtkonzentration durch den Bau einer vier Meter dicken Befestigungsmauer um den höchsten Teil, die aus Lehmziegeln auf Steinfundamenten errichtet war. Auch die Siedlung außerhalb der Mauern an den Hängen bestand jetzt wieder aus Lehmziegelhäusern mit bis zu drei Räumen. In den Räumen und auf den dazwischenliegenden Höfen konnten landwirtschaftliche Tätigkeiten nachgewiesen werden, aber auch Spuren von Metallverarbeitung. In dieser Zeit taucht auch vermehrt wieder die auf der Töpferscheibe erstellte, helle Keramik der Uruk-Art auf.Marcella Frangipane: Arslantepe-Malatya: A Prehistoric and Early Historic Center in Eastern Anatolia In Sharon R. Steadman, Gregory McMahon (Hrsg.): The Oxford Handbook of Ancient Anatolia, 2011, S. 980–982.
Am Anfang dieser Periode, zwischen 3000 und 2900 v. Chr., wurde außerhalb der Befestigung das sogenannte Königsgrab angelegt. Es liegt auf der Sohle einer fünf Meter durchmessenden Grube, die ursprüngliche Tiefe lässt sich auf Grund von späteren Änderungen nicht rekonstruieren. Es handelt sich um ein Steinkistengrab mit einer Seitenlänge von etwa zwei Metern. Die Kiste enthielt den Leichnam eines Erwachsenen, mit angezogenen Knien auf der rechten Seite liegend. Das Grab war mit reichen Beigaben ausgestattet. Dazu gehörten Tongefäße und Schmuck aus Karneol, Bergkristall, Silber und Gold sowie eine Ansammlung von Metallgegenständen hinter seinem Rücken. Sie besteht aus Waffen, Werkzeugen und Schmuck aus Arsenkupfer, Kupfer-Silber-Legierungen, Gold und Silber. Im Unterschied zu den Schwertern der Periode VI A handelt es sich bei diesen nicht um Repräsentationsobjekte, sondern um verwendbare Waffen. Auf der Deckplatte des Grabes wurden vier Skelette von Jugendlichen gefunden. Zwei davon, ein männliches und ein weibliches, lagen am Kopfende des Grabes und waren mit Schmuckstücken ausgestattet, Kupfernadeln, einem Diadem und einer Haarspirale aus einer Kupfer-Silber-Legierung ähnlich den Grabbeigaben. Möglicherweise handelt es sich hier um Verwandte des Bestatteten. Die anderen beiden, die am Fußende lagen, waren beide weiblich und trugen keinen Schmuck, vielleicht waren es Bedienstete. Die reiche Ausstattung des Bestatteten sowie die offensichtliche Anwesenheit von Menschenopfern deuten darauf hin, dass es sich um eine hochgestellte Persönlichkeit, wohl einen Herrscher, gehandelt hat.Marcella Frangipane: Arslantepe-Malatya: A Prehistoric and Early Historic Center in Eastern Anatolia In Sharon R. Steadman, Gregory McMahon (Hrsg.): The Oxford Handbook of Ancient Anatolia, 2011, S. 982.Rüdiger Kurth: Das „Königsgrab“ von Arslantepe. Seminar für Vor- und Frühgeschichte der Universität Marburg, Hauptseminar: Frühe Herrschergräber im Ostmediterranen Raum, November 2003.
Periode VI C Nachdem die Bauten der letzten Periode durch ein erneutes Feuer zerstört worden waren, war der Siedlungsort zunächst für einige Zeit verlassen. Während der frühen Bronzezeit II, zwischen 2750 und 2500 v. Chr., siedelten erneut Nomaden auf dem Hügel. Ähnlich der frühen Periode VI B hinterließen sie schnell vergängliche Bauten. Daneben bauten sie wenige runde Lehmhütten oder, noch seltener, halb unterirdische Häuser mit Vorbauten und Abfallgruben. In einer etwas späteren Phase entstand im höheren Teil ein mehrräumiges Terrassengebäude, in dessen rechteckigen Räumen unter anderem hufeisenförmige Herdstellen vorhanden waren. Das Gebäude zeigt auch Spuren von Reparaturarbeiten, sodass es wahrscheinlich über längere Zeit von einer Familie oder Sippe bewohnt war, während außerhalb saisonweise die nomadischen Bewohner lebten. Die Keramik war ausschließlich handgemacht, ähnlich der vorherigen rot-schwarzen Ware. Daneben gab es einen Typ von heller, polierter Ware, die mit roten und braunen geometrischen Motiven bemalt war.