mini|Carol Gilligan und James Gilligan (Haifa, 2011) Carol Gilligan (geb. Friedmann; * 28. November 1936 in New York City) ist eine US-amerikanische Psychologin und feministische Ethikerin.
Leben Carol Gilligan wuchs auf der Upper West Side von Manhattan auf und interessierte sich zunächst vor allem für Literatur. Sie studierte Englische Literatur am Swarthmore College bis 1958, Psychologie am Radcliffe College bis 1961 sowie Sozialpsychologie an der Harvard University bis zum Ph.D. 1964. Danach unterrichtete sie an der University of Chicago, bevor sie 1971 nach Harvard zurückkehrte, wo sie unter anderem mit Erik Erikson und Lawrence Kohlberg zusammenarbeitete.
In den frühen 1970er-Jahren untersuchte Gilligan als Assistenzprofessorin und Mutter dreier Söhne die Psychologie moralischer Entscheidungen. Nach der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten im Fall Roe v. Wade von 1973 interviewte sie Frauen, die vor der Entscheidung standen, eine Schwangerschaft abzubrechen oder fortzuführen. Dabei fiel ihr auf, dass die Befragten ihre Entscheidung vielfach nicht in erster Linie in Begriffen abstrakter Gerechtigkeit beschrieben, sondern im Zusammenhang mit Beziehungen und Verantwortlichkeiten; daraus entwickelte sich ihre Kritik daran, dass die damalige Moralpsychologie überwiegend an männlichen Lebensläufen und Erfahrungen ausgerichtet war. Aus der Auswertung dieser Interviews entstand ihr 1982 veröffentlichtes Buch In a Different Voice.
Das Buch machte Gilligan international bekannt und wurde zugleich Gegenstand intensiver wissenschaftlicher und feministischer Debatten. Es verkaufte sich schließlich mehr als 700.000-mal, erschien in Übersetzungen in 20 Sprachen und erlebte mehr als 50 Auflagen beziehungsweise Druckauflagen. Ein Teil der Kritik richtete sich gegen die Gefahr, durch die Betonung einer stärker beziehungsorientierten Perspektive von Frauen traditionelle Geschlechterstereotype zu bestätigen; andere Kritiker beanstandeten die empirische Grundlage ihrer Untersuchungen.
Gilligan gründete das Harvard Center on Gender and Education mithilfe einer Spende von Jane Fonda über 12,5 Millionen US-Dollar. In diesem Forschungszusammenhang entwickelte sie ihre Methode des systematischen Zuhörens weiter. 1997 erhielt sie als erste Inhaberin die Patricia Albjerg Professur für Gender Studies an der Harvard University. 2002 wechselte sie an die New York University, wo sie an der bildungswissenschaftlichen Steinhardt School of Culture, Education and Human Development und an der School of Law lehrt.
Gilligan ist seit 1960 mit dem Psychiater James Gilligan verheiratet, der zu Gewalt forscht; das Paar hat drei Söhne und sechs Enkelkinder.
1992 erhielt Gilligan den Grawemeyer Award, 1998 den Heinz Award. 2025 wurde sie mit dem Kyoto-Preis ausgezeichnet.
Werk und Positionen
Moralpsychologie und Kontroverse mit Kohlberg Gilligan arbeitete mit Lawrence Kohlberg zusammen, dessen Stufenmodell der Moralentwicklung moralische Entwicklung wesentlich anhand der Fähigkeit zum Urteilen nach allgemeinen Prinzipien von Gerechtigkeit beschrieb. Gilligan kritisierte, dass solche Modelle auf Untersuchungen beruhten, in denen die Erfahrungen und Stimmen von Frauen unzureichend berücksichtigt worden seien. Ihre eigene Forschung richtete sich deshalb darauf, Formen moralischen Urteilens sichtbar zu machen, bei denen Beziehungen, konkrete Verantwortlichkeiten und die Folgen einer Entscheidung für andere Menschen eine zentrale Rolle spielen.
In In a Different Voice arbeitete Gilligan eine Perspektive heraus, die später wesentlich zur Entwicklung der Care-Ethik beitrug. Sie stellte einer primär an abstrakten Rechten, Regeln und Gerechtigkeitsprinzipien orientierten Moral eine stärker an Fürsorge, Beziehungen und Verantwortung orientierte moralische Perspektive gegenüber. Ausgangspunkt dafür waren unter anderem ihre Interviews mit Frauen über Schwangerschaftsabbrüche, in denen moralische Entscheidungen häufig im Zusammenhang mit bestehenden Beziehungen und Verantwortlichkeiten beschrieben wurden.
Gilligans Ansatz wurde teilweise als Behauptung grundsätzlich verschiedener männlicher und weiblicher Moralformen interpretiert. Diese Lesart war von Beginn an umstritten. Kritikerinnen aus dem Feminismus warfen ihr vor, mit der Verbindung von Frauen und Fürsorge traditionelle Geschlechterrollen zu verfestigen; andere interpretierten ihre Arbeiten stärker als Kritik daran, dass eine bestimmte, historisch männlich dominierte Vorstellung moralischer Reife zum allgemeinen Maßstab erhoben worden war.
Kritik
Christina Hoff Sommers entgegnete, Gilligan habe keine belastbaren Daten für ihre Thesen vorgelegt, sondern überwiegend anekdotisches Material verwendet. Sie kritisierte zudem, dass die zugrunde liegenden Daten nicht ausreichend öffentlich zugänglich seien, und argumentierte, zentrale Behauptungen Gilligans würden durch weitere Forschung nicht hinreichend bestätigt.Christina Hoff Sommers: The war against boys: How misguided feminism Is harming our young men. Simon and Schuster, New York 2001
Debra Nails kritisierte 1983 unter anderem die Auswahl der Stichproben und bezeichnete Gilligans Vorgehen als stärker literarisch als sozialwissenschaftlich.Debra Nails: Social-scientific sexism: Gilligan's mismeasure of man. Social Research, 50, 643-664. 1983
Care-Ethik und moralische Entwicklung Gilligan kritisierte Kohlbergs Fokus auf abstrakte Gerechtigkeit und entwickelte ein Verständnis moralischer Entwicklung, das Fürsorge, Verantwortung und die Einbettung des Individuums in Beziehungen stärker berücksichtigt.
In Darstellungen ihres Ansatzes wird diese Entwicklung häufig als Abfolge mehrerer Orientierungen beschrieben: Stufe 1: Orientierung am eigenen Überleben; im Mittelpunkt stehen die eigenen Bedürfnisse und der Selbstschutz. Übergang 1: Die Bedürfnisse anderer werden als moralisch relevant erkannt, wodurch Verantwortung über die eigene Person hinaus entsteht. Stufe 2: Güte als Selbstaufopferung (); moralisches Handeln wird vor allem als Fürsorge für andere verstanden, wodurch die Gefahr entsteht, eigene Bedürfnisse vollständig zurückzustellen. Übergang 2: Eigene und fremde Bedürfnisse werden als grundsätzlich gleichwertig erkannt. Stufe 3: Verantwortung und Fürsorge in Beziehungen; eigene und fremde Bedürfnisse sollen gleichermaßen berücksichtigt werden, wobei Dialog, wechselseitige Verantwortung und Empathie eine zentrale Rolle spielen.
Der Kernunterschied zwischen Kohlbergs und Gilligans theoretischen Perspektiven wird häufig so beschrieben, dass Kohlberg moralisches Urteilen vor allem anhand von Gerechtigkeit, Regeln und allgemeinen Prinzipien untersucht, während Gilligan stärker danach fragt, wie Menschen Verantwortung gegenüber konkreten anderen Personen wahrnehmen.Moralentwicklung. Kritiken, Erweiterungen und Alternativen zur Kohlberg-Theorie Einführung in die pädagogische Psychologie II. Leitung: M. Faßheber, Sommersemester 1993, auf stangl-taller.at
Gilligan versteht moralische Entwicklung damit nicht ausschließlich als zunehmende Orientierung an abstrakten Prinzipien, sondern auch als Fähigkeit, die Bedürfnisse der eigenen Person und anderer Menschen in Beziehungen verantwortlich aufeinander zu beziehen.Bardo Herzig: Brauchen wir eine geschlechtsspezifische Moralerziehung? Ruhr-Universität Bochum WiSe 2004/2005, Institut für Pädagogik Proseminar „Entwicklung moralischer Urteilsfähigkeit – Grundlagen und Anwendungen“, auf homepage.ruhr-uni-bochum.de PDF S. 4 f.
Zuhören als Forschungsmethode Ein durchgehendes Thema in Gilligans Arbeit ist das Zuhören als Methode psychologischer Forschung. Die von ihr über Jahrzehnte entwickelte Methode des „radikalen Zuhörens“ stellt Neugier und Offenheit gegenüber vorschnellem Urteilen in den Vordergrund. Dabei soll nicht nur darauf geachtet werden, was eine Person ausdrücklich sagt, sondern auch darauf, wie sie sich innerhalb ihrer Erzählung positioniert und was unausgesprochen bleibt.
Die daraus hervorgegangene Listening Guide Method wurde in unterschiedlichen Forschungsfeldern eingesetzt, darunter Untersuchungen zu Depressionen, Essstörungen, Sexualverhalten, Freundschaften männlicher Jugendlicher, den Erfahrungen ugandischer Mütter von Kindersoldaten sowie von Frauen im israelischen Militär. 2026 erschien mit The Listening Guide Method ein internationales Handbuch zu diesem Forschungsansatz, das Gilligan mit herausgab und Beiträge zahlreicher Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler versammelt.
Spätere Forschung Gilligan beschäftigt sich auch im hohen Alter weiterhin mit Fragen von Geschlecht, Stimme und gesellschaftlicher Macht. In einem 2026 laufenden Forschungsprojekt interviewt sie Mädchen verschiedener Altersstufen an Schulen in New York City und Boston, um zu untersuchen, wie und warum Mädchen lernen, zu schweigen, um sich anzupassen oder erfolgreich zu sein. Das Projekt knüpft an eine zentrale Fragestellung ihrer früheren Arbeiten an: unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen Mädchen und Frauen ihre eigene Wahrnehmung und Stimme zurückstellen, um Konflikte zu vermeiden oder Erwartungen zu erfüllen.
2026 veröffentlichte Gilligan außerdem den Roman Solstice, der von einem Ehepaar handelt, das Ende der 1960er-Jahre heiratet und nach gegenseitiger Untreue versucht, seine Beziehung neu auszuhandeln. Der Roman behandelt Themen, die auch in Gilligans wissenschaftlicher Arbeit eine Rolle spielen, darunter Liebe, Ehe, Verantwortung, Schuld und Scham sowie das Spannungsverhältnis zwischen gesellschaftlich erwarteten Rollen von Frauen und eigenen Ambitionen und Wünschen.
Schriften
Die andere Stimme. Lebenskonflikte und Moral der Frau. München 1996, ISBN 978-3423351041. The Birth of Pleasure. Alfred A. Knopf, 2003, ISBN 978-0679759430.
Kyra. A Novel. Random House, 2008 mit David A. J. Richards: The Deepening Darkness: Patriarchy, Resistance, and Democracy’s Future, Cambridge University Press, 2009
Solstice. 2026.
Weblinks
Einzelnachweise
Kategorie:Moralphilosoph Kategorie:Entwicklungspsychologe Kategorie:Frauenrechtler (Vereinigte Staaten) Kategorie:Hochschullehrer (Harvard University) Kategorie:Hochschullehrer (New York University) Kategorie:Sachbuchautor (Pädagogik und Psychologie) Kategorie:US-Amerikaner Kategorie:Geboren 1936 Kategorie:Frau