Maria Königin, , ist ein Marientitel. Die Verehrung Mariens als Königin hat sich im Laufe der ersten Jahrhunderte in der christlichen Literatur und Kunst, in Theologie und in der Frömmigkeit der Gläubigen in Stufen herausgebildet.

Der Werdegang der königlichen Verehrung Mariens im ersten Jahrtausend Biblische Grundlage Bei der Verkündigung wird Maria zur Mutter des Sohnes Gottes und des Königs David berufen: „Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird über das Haus Jakob auf ewig König sein und seiner Herrschaft wird kein Ende sein“ . Darauf bezieht sich die spätere Glaubensüberzeugung, dass Maria als Mutter des Messiaskönigs an seiner königlichen Würde teilhat.

Frühe Ansätze (Ende 4. Jahrhundert, Anfang 5. Jahrhundert) Die frühesten Ansätze zu einer königlichen Verehrung der Muttergottes zeigen sich im späten 4. Jahrhundert in der Kunst beziehungsweise zu Beginn des 5. Jahrhunderts in der Literatur. Vor dem 5. Jahrhundert war die Muttergottes in schlichten Kleidern dargestellt worden, in der Literatur ohne irgendwelches höfische Milieu.

Auf den Szenen der Anbetung durch die Weisen des Silberreliquiars von San Nazaro Maggiore in Mailand (vor 382) und auf einer Reliefplatte im Musée Lavigerie in Karthago (um 430), die nach dem Vorbild einer Audienz am Kaiserhof gestaltet sind, erscheint Maria erstmals als Angehörige des Königshofes Christi. Etwas später finden sich auch in der Literatur Hinweise auf die Zugehörigkeit Mariens zum Hof des Christkönigs. Prudentius († nach 405) macht ebenfalls im Zusammenhang mit der höfischen Gestaltung der Huldigung durch die Weisen darauf aufmerksam, während Severian von Gabala († nach 408) bei der Illustration der Würde Mariens sagt, dass die heilige Jungfrau zur Königsburg berufen wurde, um der göttlichen Mutterschaft zu dienen.

Königinmutter (Erste Hälfte des 5. Jahrhunderts) mini|hochkant=2|Rom, S. Maria Maggiore, Triumphbogen, Die Huldigung der Weisen: Maria als Königinmutter (434)

Im Laufe der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts wurde die Muttergottes erstmals in Kunst und Literatur mit einem höfischen Attribut bedacht, und zwar als Königinmutter, aber noch nicht als Königin. Auch hiervon gibt die Kunst die früheste Kunde. Auf der Alexandrinischen Weltchronik (392–412) ist sie mit ihrem Kind auf dem Arm und wie Jesus Christus in der schwarzroten Farbe des kostbaren kaiserlichen Blattapurpurs dargestellt.

Auf den Triumphbogenmosaiken von S. Maria Maggiore in Rom (vollendet 434) ist Maria mit der goldenen Cyclas, dem Hofgewand der Regia Matrona und heiligen Jungfrau im Himmel bekleidet. Die goldene Cyclas war das Hofkostüm einer Königinmutter oder auch der Kaiserin, die noch nicht zur Augusta (Kaiserin) erhoben war.

Die literarischen Zeugnisse folgen bald darauf: Hesychius von Jerusalem (+ nach 450) preist die Jungfrau Maria als „Mutter des himmlischen Königs“ und der Kirchenlehrer Petrus Chrysologus, Metropolit von Ravenna († ca. 450), huldigt ihrer als Domina, als „Herrin“ und als Genitrix Dominatoris, als „Mutter des Herrschers“.

Die himmlische Königin an der Seite des himmlischen Königs (spätes 5. Jahrhundert) Erst im späten 5. Jahrhundert begann man, Maria als himmlisches Gegenstück der irdischen Königin zu verehren und diese Würde immer genauer zu umschreiben. Zunächst ehrte man sie in der Literatur mit Bezeichnungen wie „himmlische Königin“ (Chrysipp von Jerusalem † 479) und in mehreren lateinischen Predigten als Domina nostra („unsere Herrin“), auch ein Titel der Kaiserin.

Es blieb bis in die zweite Hälfte des 6. Jahrhunderts offen, welche Vorstellungen man mit diesen Bezeichnungen verband. Erst dann vollendete sich das literarische Bild der Regina Maria. Nun legte man die Vorstellungen vom Königtum Mariens aus. Die frühesten Belege stammen aus Schriften der Kaiserstadt Konstantinopel und beziehen das Königtum Mariens zunächst auf den byzantinischen Kaiser, seine Herrschaftsaufgaben und auf den inneren und äußeren Schutz des Reiches. Den Höhepunkt in der Interpretation der königlichen Würde Mariens bildet das Carmen in laudem sanctae Mariae des Venantius Fortunatus († um 600), geschrieben in der Kaiserstadt Ravenna. Danach erstreckt sich das Königtum Mariens über den Himmel, die Erde und die Unterwelt mit ihren Bewohnern, also über den ganzen Kosmos. Die Mutter Jesu Christi herrscht aber nicht eigenständig, sondern an der Seite ihres Sohnes, des allmächtigen, himmlischen Königs, und ist ihm untertan. Zeichen dafür ist, dass sie die kaiserlichen Insignien und ihr Amtskleid von ihm empfangen hat, und er sie auf seinem Thron Platz nehmen ließ.

In der bildenden Kunst entstand in diesem Milieu zu Beginn des 6. Jahrhunderts ein neuer Typ des Marienbildes, der sich am spätantiken Bild des thronenden byzantinischen Kaiserpaares orientiert. Maria thront wie die Kaiserin zum Kaiser neben ihrem Sohn auf einem eigenen Edelsteinthron, ist wie der himmlische König mit einem kaiserlichen Nimbus ausgezeichnet, von Engeln umgeben und in Purpurgewänder gehüllt, in die blattapurpurne Stola mit Palla.

mini|Die Muttergottes zwischen Engeln (um 526), Mosaik in Sant’Apollinare Nuovo in Ravenna Die Muttergottes erscheint an der Seite ihres Sohnes, des himmlischen Königs. wie die Kaiserin im byzantinischen Reich an der Seite ihres Gemahls. Allerdings darf trotz der Nähe zum kaiserlichen Repräsentationsbild nicht die Distanz zu ihm übersehen werden. Sie kommt im Verzicht der himmlischen Majestäten auf die wichtigsten Insignien des Kaiserin und des Kaisers zum Ausdruck:

das kaiserliche Diadem die kaiserlichen Amtskostüme (Purpurchlamys und die kaiserliche Triumphaltrabea) sowie die edelsteinbesetzten Schuhe

Diese Unterschiede sollen darauf aufmerksam machen, dass das Königtum Jesu Christi und Mariens anderer Natur ist als das irdische Herrschertum, und Christus und seine die Mutter keine Herrscher dieser Welt, sondern himmlische Majestäten sind.

Dieses Bild der Maria Königin auf dem Edelsteinthron und in diesem Purpurkleid blieb für die nächsten Jahrhunderte das bestimmende Maria-Königin-Bild in West- und Ostrom. Dabei wird im Laufe der Zeit Mariens Königtum näher durch weitere königliche Insignien erläutert (Kranz aus der Hand Gottes und der Himmelsglobus), die ihr präsentiert werden, aber auch durch die verschiedenen ikonographischen Beigaben (Engel, Apostel, Heilige, Bischöfe als Repräsentanten der Kirche) mit ihren spezifischen Aufgaben im Reich Christi.

Die Königin des Weltalls an der Seite ihres Sohnes (im Verlauf des 6. Jahrhunderts) mini|Berlin, Bode-Museum, Diptychon mit Christus und der Gottesmutter, Konstantinopel (520–550)

Dieses Thema ist in der bildenden Kunst schon früher als in der Literatur greifbar. Auf einem Elfenbeindiptychon im Bode-Museum zu Berlin (zwischen 520 und 550) und auf dem Apsismosaik der Panagia Angeloktistos zu Kiti auf Zypern (eher 7. Jahrhundert) weist ein Himmelsglobus auf die Herrschaft über den Kosmos hin. Auf dem Elfenbeindiptychon thront die Mutter Jesu wie die Kaiserin Theodora auf ihrem Mosaik in S. Vitale in Ravenna unter einer muschelförmigen Apsis, in den Zwickeln sind Mond und Sonne angebracht, die Zeichen der kosmischen Herrschaft, und der kosmische Globus wird von einem der beiden Engel, auf dem Apsismosaik von zwei Engeln dem Kind und seiner Mutter dargebracht. Weil Maria den Pantokrator, den Allherrscher, Christus geboren hat, nimmt sie an seiner Herrschaft über das All teil. Sie trägt dabei ihr traditionelles Gewand als Königin, also keine kaiserliche Tracht.

Maria Augusta (Kaiserin) (2. Hälfte des 6. Jahrhunderts) mini|Rom, S. Maria Antiqua, unterste Schicht des Palimpsestfreskos, Maria als byzantinische Kaiserin (565–578)

Einen Umschwung in der Darstellung der Maria Regina bedeutete es, als man zur Zeit der Kaiserin Sophia, der Gemahlin Justins II. (565–578) Maria mit ihrem Sohn auf der Wand eines byzantinischen Amtsgebäudes an der Rampe zum Kaiserpalast auf dem römischen Palatin mit dem Juwelendiadem und in der Triumphaltrabea einer byzantinischen Kaiserin auf einem kaiserlichen Lyrathron sitzend darstellte. Zwei Engel huldigen ihnen mit einer goldenen Krone in Händen.

Die himmlische Königin wurde damit auch zur Kaiserin des oströmischen Reiches gemacht, und man verband Regierung, Einheit und Wohl des Staates mit ihr. Es erscheint denkbar, dass dieses Maria-Kaiserin-Bild nach dem Sieg der Byzantiner über die Ostgoten und der erneuten Eingliederung Roms in das byzantinische Reich die Aufgabe hatte, das alte Rom mit dem neuen Rom und seinem Kaiserhaus zu verbinden und diese Verbindung zu festigen. Auf die Politisierung des Maria-Königin-Bildes könnte hinweisen, dass man es später verschwinden ließ, als man das Amtsgebäude in eine Kirche umwandelte.

Diese Tendenz zur Politisierung des Marienbildes fand einen Höhepunkt im Bild Mariens als Kaiserin in einer byzantinischen Kapelle im Amphitheater von Durres (Albanien, vor 630). mini|Durres, Amphitheater, Kapelle, Mosaik, Maria als himmlische Kaiserin mit Kreuz und Himmelsglobus (vor 630)

Maria im Juwelendiadem und der Triumphaltrabea der Kaiserin trägt das Siegeszeichen der verchristlichten Victoria, das Kreuz Christi, in der Rechten und den Himmelsglobus, der mit den Tierkreiszeichen und der Sonne versehen ist, in der Linken. Die himmlische Kaiserin ist die personifizierte Siegeskraft Christi und Herrscherin über den Kosmos und Friedensbringerin. Der Urtyp dieses Bildes scheint im Kontext des gewaltigen Sieges der Byzantiner über Awaren und Slawen 626 vor Konstantinopel, also nach 626, dort entstanden zu sein. In Dyrrachium, das von Slawen umgeben und bedroht ist, ist dem Bild der himmlischen Kaiserin die Aufgabe zugedacht, das Vertrauen in die Siegeskraft und Friedensmacht Mariens zu stärken.

Dieses Bild der Maria-Kaiserin im Juwelendiadem und der Amtstracht der Augusta blieb zusammen mit dem Maria-Augusta-Bild in Rom eine Ausnahmeerscheinung in der Ikonographie der Maria Königin.

Heilige Jungfrau und Königin (spätestens ab dem 8. Jahrhundert) mini|Rom, S. Maria in Trastevere, Ikone, Maria della Clemenza (Beginn 8. Jahrhundert)

Eine besondere Variante des Marienbildnisses, das bis auf ein Beispiel bis zum zwölften Jahrhundert nur in der Stadt Rom anzutreffen war, ist das Bild der heiligen Jungfrau und Königin Maria. Dessen kennzeichnendes Attribut ist die von S. Maria Maggiore in Rom bekannte Cyclas der geweihten Jungfrau im Himmel. Maria trägt sie zudem auf dem Reliquiar von Grado (6. Jahrhundert), dem nächsten Beispiel. Sie thront mit ihrem Sohn auf dem kaiserlichen Lyrathron, ausgezeichnet mit einem kaiserlichen Nimbus und dem Kreuzzepter, aber ohne kaiserliches Juwelendiadem. Dieses erscheint erst zu Beginn des 8. Jahrhunderts auf der Marienikone der Madonna della Clemenza in Santa Maria in Trastevere in Rom. Durch das Juwelendiadem wird das Königtum Mariens besonders sichtbar gemacht, aber auch ihre gottgeweihte Jungfräulichkeit durch die Cyclas, die zum Zeichen der königlichen Würde mit Perlen und Edelsteinen besetzt ist. Die Besonderheit dieses Bildnisses besteht darin, dass Parallelen zum byzantinischen Kaiserinnenbild vermieden werden. Maria trägt kein byzantinisches Augusta-Diadem und nicht die Amtstracht einer Augusta. Dieser Bildtyp ist offensichtlich in der Umgebung des Papsttums entstanden. Die Päpste wollten wohl durch die Einzigartigkeit ihres Maria-Königinbildes, die sich in der Distanz zu den Insignien der Augusta zeigt, ihre Eigenständigkeit gegenüber den byzantinischen Herrschern demonstrieren. H. Belting schreibt, Maria sei seit Johannes VII. (705–707) der eigentliche Souverän Roms und der Papst ihr Stellvertreter gewesen.

Mögliche Faktoren für die Entstehung der königlichen Verehrung Mariens