Das Corps Curonia Goettingensis ist eine farbentragende pflichtschlagende Studentenverbindung an der Georg-August-Universität Göttingen. Das Corps ist die heutige Ausprägung der seit 1772 bestehenden Göttinger Curonen. Als Erbin der Kurländer-Verbindungen in Göttingen und Dorpat/Riga (und Posen) ist sie seit 1959 die offizielle Nachfolgeorganisation von acht deutsch-baltischen Studentenverbindungen.Paulgerhard Gladen: Die Kösener und Weinheimer Corps. Ihre Darstellung in Einzelchroniken. WJK-Verlag, Hilden 2007, ISBN 978-3-933892-24-9, S. 47–48.
Erste Curonenconvente in Göttingen In Göttingen sind 1772, 1777 und 1781 kurländische Landsmannschaften nachweisbar. Die Kurländer trugen einen blauen Rock mit roten Unterkleidern. Kragen, Rock und Weste waren gelb abgesetzt. Die Kokarde war weiß.Hans Becker von Sothen: Die Göttinger Verbindungen und ihre Farben 1800 bis 1833. Dargestellt anhand zweier Stammbuchblätter. Einst und Jetzt, Bd. 39 (1994), S. 191 1798 verlangte Zar Paul I. die Heimkehr aller studentischen Untertanen von den deutschen Universitäten. Ein Balte in Göttingen wurde erst 1802 wieder nachgewiesen.O. Deneke: Alte Göttinger Landsmannschaften. 1937, S. 54 ff. Convente bestanden 1801–1804, 1810–1813, 1815–1817, 1820–1822 und 1823–1827.Leopold Langenfeld: Das Studentenleben in Göttingen in den Jahren 1805 bis 1813. In: Friedrich Wilhelm Hackländer und Edmund Hoefer (Hrsg.): Hausblätter. Zweiter Band, Stuttgart 1865, S. 294. Alle diese Curonen-Convente hatten die Farben grün-blau-weiß, den gleichen Zirkel und dieselben Wahlsprüche. Wie sehr diese Convente schon als Einheit gesehen werden müssen, zeigt z. B. die Tatsache, dass von den 118 Göttinger Curonen exakt jeder Zweite vorher oder nachher einer Curonia in einer anderen Universität angehörte, einige sogar in vier Conventen. Die baltischen Studenten zogen damals von Universität zu Universität. Aber nachdem die 1802 gegründete deutschsprachige Kaiserliche Universität Dorpat inzwischen in ganz Europa anerkannt war, hat allmählich doch die Mehrzahl dort studiert und der Dorpater Convent der Curonia wuchs entsprechend. Und als 1862 das kaiserliche, aber ebenfalls deutschsprachige Polytechnikum Riga gegründet worden war, konnte man im Baltikum auch Ingenieurwissenschaften studieren. In Deutschland gab es einen C! der Curonia dann erst wieder Anfang des 20. Jahrhunderts in Jena. Diese Curonia stand in einem Kartellvertrag mit dem Kösener Senioren-Convents-Verband. Ansonsten kamen aus dem Baltikum nur wenige Studenten nach Deutschland. Das Rigaer Corps Rubonia hatte Anfang des 20. Jahrhunderts für kurze Zeit in München aufgemacht, die Dorpater Fraternitas Academica in Berlin.Der erste Chargierten-Convent bestand 1801–1804 an der Universität Jena. 1804–1807 folgte die Göttinger Curonia. Vom Sommersemester 1805 bis zum März 1806 hatte sie den „Curonischen Krieg“ in Göttingen durchzustehen. Ihre Mitglieder erhielten aus der Studentenschaft 1400 Forderungen, die nicht alle ausgetragen wurden. Der Curonische Krieg ist von den Hintergründen bis heute nicht aufgeklärt. Sicher ist, dass die Kurländer am Auszug nach Hannoversch Münden als Minderheit der Studentenschaft nicht teilnahmen. Die erste Curonia ging allmählich in die Ruthenia über, die sich 1809 auflöste. Die Gendarmen-Affäre und der mit ihr einhergehende Verruf der Göttinger Universität bewirkte ab September 1809 einen Niedergang des studentischen Lebens in Göttingen. Die Angehörigen der Göttinger Landsmannschaften wechselten zum größeren Teil an die Universität Heidelberg, wo im Folgejahr die dortige Curonia tatkräftig an der Ausprägung des Begriffs Corps bei den Eskalationen im Heidelberger Senioren-Convent mitwirkte, die durch diesen Zuzug aus Göttingen bewirkt worden waren. Der Senior der Kurländer Ewald von Sacken bezahlte mit seinem Leben und sein Duellgegner von den Westfalen Adolph Carl von Kamptz zerstörte seine Zukunft. Auch in Heidelberg griffen die Universitätsgerichtbehörden hart durch. Es folgten viele Convente in verschiedenen Städten. In Jena gab es 1810–1811 und in Göttingen 1810–1813 den zweiten Convent (C!) der Curonia. Dann gab es 1811–1814 einen C! in Heidelberg. Es folgte der dritte C! in Jena von 1814 bis zur Gründung der Urburschenschaft im Juni 1815. Es folgten der erste C! in Berlin 1815–1817 und der dritte C! in Göttingen von 1816 bis zur Verrufserklärung über die Georgia Augusta nach dem Auszug nach Witzenhausen im August 1818. Theodor von Kobbe beschreibt 1840 diese Curonen in seinen Humoristischen Erinnerungen als „unter den Landsmannschaften die gefürchtesten“ und betitelte sie als „deutsche Russen“, die untereinander Lettisch sprachen. Der dritte C! in Jena bestand 1816–1820, der zweite C! in Berlin um 1819, der vierte C! in Göttingen von 1820 bis 1822 und ein Intermezzo in Leipzig. Dann folgte der erste C! in Bonn 1822/23. Ihm folgten in Göttingen der fünfte (1823–1827), 1824 schreibt Eduard Wedekind über diese Kuronen in seinem Tagebuch, und der sechste C! (1829). Der vorerst letzte war der zweite in Bonn (1831). Curoni in Göttingen (1810–1825)
Dorpat mini|Stammbucheintrag des Dorpater Curonen stud. jur. E. Becker vom Juni 1814 im Pastorat Siuxt mit Schlägerwappen und Wahlspruch der Curonia „Draugam draugs“ Nachdem im Jahre 1802 die deutschsprachige Kaiserliche Universität Dorpat als damals einzige Hochschule in den Ostseegouvernements gegründet worden war, setzten viele in Göttingen studierende Kurländer ihr Studium in der Heimat fort. Für fast 90 Jahre gab es in Deutschland keine Curonia mehr; denn Kaiser Nikolaus I. hatte nach seiner Krönung 1825 die Studienmöglichkeiten im Ausland für Studierwillige aus den Ostseegouvernements wiederum rigoros eingeschränkt. Dafür blühte das Verbindungsleben im Baltikum auf. Die ersten waren die Kurländer, die sich in einer Landsmannschaft zusammenfanden, die 130 Jahre im Baltikum existierte. Als Gründungsdatum der Curonia wird das Datum des ersten Duells am 8. September 1808 angenommen. Die in der Folgezeit in Dorpat gegründeten deutschen Corporationen orientierten sich weitgehend am Vorbild der Curonia, die ihrerseits viele studentische Sitten aus Göttingen übernommen hatte. Diese traditionelle Verbindung zu Göttingen führte dazu, dass z. B. die Göttinger Fechtweise und die Takelage des beginnenden 19. Jahrhunderts weitgehend in das Baltikum übernommen wurden und dort bis zum Zweiten Weltkrieg erhalten blieben. So wurde im Baltikum mit dem Korbschläger und nicht wie sonst im Osten mit dem Glockenschläger gefochten. Auch die Corporationen in Sankt Petersburg und Moskau übernahmen den deutschen Fechtcomment aus Dorpat. Ebenfalls übernommen wurde eine Menge deutscher Studentenlieder; über Estland gelangten einige in die Liederbücher finnischer Studentenverbindungen.Tiina Metso: German Influence in Estonian Student Song Tradition and Export to Finland. Acta Historica Tallinnensia, Tallinn 2004, S. 32 Auch die später gegründeten estnischen, lettischen, russischen und jüdischen Studentenverbindungen übernahmen viele deutsche Traditionen, sogar die Anfang des 20. Jahrhunderts entstandenen Damenverbindungen. So wurde die Curonia Vorbild für über 75 Corporationen, von denen 55 noch heute existieren. „Diese Korporationen und Vereine übernahmen nolens volens fast alles von den deutschen Verbindungen. Sie kannten nichts anderes.“R. Bender, S. 300 So war die Geschäftssprache der Polonia in Sankt Petersburg lange Zeit deutsch. Die oft als „Goldene Zeit“ bezeichnete Epoche der baltischen Corporationen endete in den 1890er Jahren; denn aufgrund der Russifizierung durfte nur noch in russischer Sprache gelehrt werden. Viele berühmte deutsche Professoren verließen damals die Universität.
Riga und Jena mini|Deutsche Verbindungen im Baltikum, Mitte rechts Curonia Nach dem Ersten Weltkrieg gewannen die baltischen Staaten ihre Unabhängigkeit von Russland. Die Esten und Letten gründeten in den 1920er Jahren eine Vielzahl neuer Verbindungen, die heute alle wieder aktiv sind. Deutsch als Amtssprache wurde im Baltikum abgeschafft. An seine Stelle rückte in Dorpat Estnisch, in Riga Lettisch. Die meisten Kurländer konnten zwar Deutsch, Russisch und einigermaßen gut Lettisch sprechen, Estnisch aber nicht einmal verstehen. So hatte die Dörptsche Curonia schon sprachlich keine Zukunft mehr. Deshalb verlegte sie im Januar 1921 ihren Sitz an die neu gegründete Latvijas Augstskola (Hochschule), die 1923 zur Latvijas Universitāte umgewandelt wurde. Unter den Deutsch-Balten war die Bezeichnung Lettländische Universität üblich.Andrejs Johansons: Die Lettländische Universität in Riga 1919–1940. Unter besonderer Berücksichtigung der philologisch-philosophischen Fächer. In: Gert von Pistohlkors u. a. (Hrsg.): Die Universitäten Dorpat/Tartu, Riga und Wilna/Vilnius, 1579–1979. Beiträge zu ihrer Geschichte und ihrer Wirkung im Grenzbereich zwischen West und Ost. Böhlau, Köln 1987, S. 255–262.
In Deutschland studierten zur Zeit der Weimarer Republik noch einige Hundert Deutsch-Balten. Als 1921 der Hauptverband studierender Balten gegründet wurde, zählte man ca. 500 Personen.Walter von Zur-Mühlen (Estonia): Der Hauptverband studierender Balten. Jahrbuch des baltischen Deutschtums in Lettland und Estland 1930, S. 5–6. Gewählt wurden Otto Eckert (Curonia) zum 1. Vorsitzenden/Senior, Werner v. Harpe (Fraternitas Baltica) zum Subsenior und Balthasar Baron v. Campenhausen (Livonia) zum Drittchargierten.Nicolaus v. Grote: Baltische Studenten im deutschen Reich nach dem ersten Weltkrieg. Jahrbuch des baltischen Deutschtums 1968, S. 60–70 Im Mai 1922 gründete Curonia einen Zweigconvent an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Er war dem KSCV assoziiert und existierte bis 1934. Die Rigaer Curonia schloss den aktiven Convent bereits 1938.
Posen Der Deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt erzwang 1939 die Umsiedlung aller Deutsch-Balten in das Deutsche Reich 1933 bis 1945 (Posen, Warthegau). Die deutschbaltischen Corps suspendierten 1939 oder wurden (in Lettland) vom Staat geschlossen. Auch alle anderen deutschen Korporationen mussten wegen der „diktierten Option“Dietrich A. Loeber: Diktierte Option. Die Umsiedlung der Deutsch-Balten aus Estland und Lettland 1939–1941. Neumünster 1972 ihre Aktivitäten einstellen oder wurden wie alle deutschen Vereine und Organisationen vom Staat geschlossen. Wegen der sowjetischen Okkupation der Baltischen Staaten folgten die estnischen und lettischen Corporationen ein Jahr später. In Posen wurden die 12 alten deutschbaltischen Philisterverbände in Altherrenschaften umgewandelt. Aus der Curonia wurde 1941 die „Altherrenschaft Nr. 1“, mit der Aussicht, nach dem Krieg eine aktive Kameradschaft zu begründen. So war die Möglichkeit gegeben, die unerlaubten Zusammenkünfte in aller Öffentlichkeit stattfinden zu lassen und die Stiftungstage alljährlich im üblichen Rahmen zu begehen.J. Westermann und L. v. Cube: Die Curonia nach 1939, in: Festschrift zum 150-jährigen Jubiläum der Curonia. Bonn 1958, S. 99
Rekonstitution mini|ConventsquartierC!Q! der Curonia Goettingensis (YouTube) Trotz der enormen Verluste durch Krieg, Flucht und Vertreibung lebten in Westdeutschland Ende der 1940er Jahre noch etwa 1300 deutschbaltische Korporationsmitglieder. Trotz 124 gefallener und in den Kriegswirren umgekommener Corpsbrüder zählt das Anschriftenverzeichnis der Curonia von 1947 noch 202 Curonen. Verschiedene Anläufe zu einer Rekonstitution führten schließlich zur Gründung der Curonia Goettingensis. Gestiftet wurde sie am 1. August 1959 von 210 Philistern aller deutschbaltischen Corporationen, die von den Universitäten in Dorpat, Riga, Moskau und Sankt Petersburg stammten. Sie fungierten gemeinsam als Gründungsphilister und begründeten mit vier Corpsburschen (davon drei Kurländern) wieder einen aktiven Convent. Mit den später noch dazugekommenen waren es schließlich weit über 300 baltische Philister, die dem Altherren-Verband beitraten.Namentlich aufgeführt sind sie im Album Curonorum (2018)