mini|Charlotte Knobloch (2023) Charlotte Knobloch (geborene Neuland; * 29. Oktober 1932 in München) ist seit 1985 Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Von 2005 bis 2013 war sie Vizepräsidentin des Jüdischen Weltkongresses (WJC); seit 2013 ist sie dort als Commissioner for Holocaust Memory tätig. Von 2003 bis 2010 war sie Vizepräsidentin des Europäischen Jüdischen Kongresses (EJC). Vom 7. Juni 2006 bis zum 28. November 2010 war sie Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. Vorher war sie seit 1997 dessen Vizepräsidentin. Charlotte Knobloch ist Schirmherrin des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks für jüdische Begabtenförderung.

Leben und Wirken Knobloch ist die Tochter des jüdischen Rechtsanwalts und späteren bayerischen Senators Fritz Neuland. Ihre Mutter Margarethe – nichtjüdischer Abstammung – konvertierte zum Judentum. Nach der Scheidung der Eltern 1936 wurde Charlotte von ihrer Großmutter Albertine Neuland (siehe Geschichte der Juden in Bayreuth) erzogen, die im Juli 1942 deportiert wurde und im Januar 1944 im Ghetto Theresienstadt verhungerte.Aus dem Reich des Grauens wurde ein Hort des Friedens in: Nordbayerischer Kurier vom 29./30. Oktober 2022, S. 10. Die ehemalige Hausangestellte ihres Onkels, Kreszentia Hummel, rettete Charlotte vor der Deportation nach Theresienstadt, indem sie das Mädchen im Sommer 1942 auf dem Bauernhof ihrer Eltern im mittelfränkischen Arberg aufnahm und es als eigenes uneheliches Kind ausgab. Für die Rettung Knoblochs wurde sie 2017 posthum als „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet. In Arberg blieb Charlotte für drei Jahre; 1945 kehrte sie mit ihrem Vater nach München zurück.

Charlotte Knoblochs Schulbildung wurde durch die nationalsozialistische Verfolgung erheblich beeinträchtigt. Nach dem Krieg absolvierte sie im Rahmen eines Ausbildungsprogramms der jüdischen Hilfsorganisation ORT eine Ausbildung in Damenschneiderei. Die handwerkliche Qualifikation sollte ihr und ihrem späteren Ehemann Samuel Knobloch die geplante Auswanderung in die USA ermöglichen. Ein von ihr gewünschtes Jurastudium konnte sie aufgrund der durch Verfolgung und Flucht entstandenen Lücken in ihrer Schulbildung nicht aufnehmen.Autobiografie

1951 heiratete sie Samuel Knobloch (1922–1990), einen Überlebenden des Krakauer Ghettos. Aus der Ehe gingen ein Sohn (der spätere Bank-Manager Bernd Knobloch) und zwei Töchter (Sonja und Iris, Präsidentin des Filmfestivals von Cannes) hervor. Samuel und Charlotte Knobloch hatten ursprünglich auswandern wollen, entweder nach Australien oder in die USA.Mit.Menschen: Eine Kindheit unter dem Hakenkreuz. Interview in den Nürnberger Nachrichten vom 12. März 2021. Nach der Geburt ihrer Kinder entschieden sie sich anders, und die Familie blieb in München.

Knobloch gründete die deutsche Sektion der Women’s International Zionist Organisation (WIZO) mit und war Schatzmeisterin des Jüdischen Frauenbundes in Deutschland.

1985 wurde Knobloch Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Nach dem Tod ihres Mannes 1990 widmete sie sich ganz ihren Ämtern und ihrem Engagement für die jüdische Gemeinde. Ab 2004 wurde in München das neue Jüdische Zentrum für die auf rund 9500 Mitglieder angewachsene Gemeinde der Stadt gebaut. Es besteht aus einer neuen Hauptsynagoge, einem Gemeindehaus und einem Jüdischen Museum. Die Synagoge wurde am 9. November 2006 eröffnet, das von der Stadt München gebaute und betriebene Jüdische Museum sowie das Gemeindezentrum folgten im März 2007.

Ihre Ziele im Jüdischen Weltkongress beschrieb sie so: „Schwerpunkt meiner Arbeit im Weltkongress wird die weitere Vernetzung der deutschsprachigen jüdischen Gemeinden in Europa und der Brückenschlag zur jüdischen Gemeinschaft in den Vereinigten Staaten sein. Auch der Kampf gegen den wachsenden Antisemitismus, vor allem in Osteuropa, hat eine hohe Priorität.“Zentralrat der Juden in Deutschland: … und noch ein Spitzenamt. Vize-Präsidentin des Zentralrats, Charlotte Knobloch, ist neue Vize-Präsidentin des Jüdischen Weltkongresses. in: Zukunft 5. Jahrgang, Heft 1 vom 28. Januar 2005 / 18. Schwat 5765

Die Bemühungen der Union progressiver Juden in Deutschland und der ihr angehörenden liberalen jüdischen Gemeinde München Beth Shalom um öffentliche Anerkennung und bessere Eingliederung in die Strukturen des Zentralrates fanden anfangs nicht immer die ungeteilte Unterstützung Charlotte Knoblochs. Bei der Eröffnung der neuen liberalen Synagoge Münchens im Dezember 2011 stellte sie jedoch fest, dass aus dem „jahrelangen Nebeneinander […] ein Miteinander beider jüdischer Gemeinden“ geworden sei, und rief dazu auf, diesen guten Weg gemeinsam weiter zu gehen.

Am 7. Juni 2006 wurde sie als Nachfolgerin von Paul Spiegel zur Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland gewählt. Am 7. Februar 2010 erklärte sie, nicht erneut für dieses Amt kandidieren zu wollen, um einen Generationswechsel zu ermöglichen. Am 28. November 2010 wurde Dieter Graumann zu ihrem Nachfolger gewählt.

Knobloch war am 23. Mai 2009 Mitglied der 13. Bundesversammlung, in die sie auf der Wahlliste der CSU gewählt worden war.

Am 27. Januar 2021 hielt Charlotte Knobloch – neben Marina Weisband – eine Rede bei der Gedenkstunde zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag.

Politisches Wirken und Positionen Patriotismus mini|hochkant|Charlotte Knobloch, 2005

Neben zahlreichen Aufforderungen zum Kampf gegen extreme, einem neuen Nationalismus anhängende Gruppierungen äußerte Charlotte Knobloch im Tagesspiegel am Sonntag vom 11. Juni 2006 den Wunsch, mehr Patriotismus für Deutschland zuzulassen: „Warum sollen die Deutschen nicht stolz auf ihr Land sein?“ Die Menschen in Deutschland könnten stolz darauf sein, wie man nach dem Kriege „dieses Land mit den Händen aufgebaut“ habe. In derselben Argumentation warnte sie auch vor Schuldgefühlen, die in der jungen Generation wegen der deutschen Vergangenheit unberechtigter Weise existierten: „Wir müssen alles dafür tun, den jungen Leuten nicht das Gefühl zu geben, sie seien schuldig an der Vergangenheit.“

Antisemitismus Im Oktober 2006 forderte Knobloch zu entschlossenerem Vorgehen gegen Antisemitismus auf: „Antisemitische und rechtsradikale Attacken haben eine Offensichtlichkeit und Aggressivität erreicht, die an die Zeit nach 1933 erinnern.“

Iran Im Februar 2007 forderte Knobloch die Bundesregierung zu einer deutlicheren Haltung gegen den Iran auf. Bundeskanzlerin Merkel müsse als ersten Schritt deutsche Wirtschaftssanktionen gegen die Islamische Republik einleiten. Aufgrund der EU-Ratspräsidentschaft komme Deutschland hier eine besondere Rolle zu. Im Mai 2007 lehnte sie die Beteiligung von deutschen Unternehmen am Bau einer geplanten Transrapid-Strecke im Iran als „fatales politisches Signal“ ab. Knobloch äußerte, „mit Blick auf die nuklearen Ambitionen und die menschenverachtenden Äußerungen des iranischen Machthabers ist es skandalös, Geschäfte mit diesem Regime zu machen“.

Karfreitagsfürbitte für die Juden Nach der von Papst Benedikt XVI. veränderten Fassung der Karfreitagsfürbitte im Usus antiquior verlangte sie im März 2008 eine Rücknahme von als diskriminierend aufgefassten Passagen und machte davon die Wiederaufnahme des Dialogs mit der katholischen Kirche abhängig. Die neue Fassung („Lasst uns auch beten für die Juden, auf dass Gott, unser Herr, ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus als den Retter aller Menschen erkennen …“) interpretierten viele Juden als indirekten Aufruf zur Judenmission. Charlotte Knobloch erklärte dazu: „Gerade diesem deutschen Papst … hätte ich zugemutet, dass er aufgrund seines Alters das Diskriminieren des Judentums, die Ausgrenzung des Judentums kennengelernt hat.“Jüdische Gemeinde in Deutschland fordert Rücknahme der umstrittenen Karfreitagsfürbitte. In: Der Standard vom 21. März 2008.

Beschneidungsdebatte Im Oktober 2012 meinte Knobloch zur Beschneidungsdebatte, sie sei „sehr traurig über die vermeintlich fanatischen Experten, die nicht in juristischer oder medizinischer Hinsicht diskutieren, sondern ganz klar antisemitische und religionsfeindliche Argumentationsmuster suchen“, und die Diskussion, ob die – meist religiös begründete – Beschneidung kleiner Jungen Körperverletzung sei oder Traumata auslösen könne, sei „äußerst überflüssig“ gewesen und habe „unserem Land auch in der Welt nicht gut getan“. Sie hoffe nun, „dass dieses Thema endlich aus der öffentlichen Diskussion verschwindet“. Was sich in dieser Debatte dargestellt habe, sei „purer Antisemitismus“ gewesen.

Weiter argumentierte Knobloch gegen Kritik an der religiösen Beschneidung: „Die Auswirkungen entsprechen eher einer Impfung als einer Amputation, womit die rüdesten Kritiker die Beschneidung gerne vergleichen. Angesichts der elementaren religiösen Relevanz erscheint in der Güterabwägung die wie bei jeder Operation erfüllte tatbestandsmäßige Körperverletzung marginal. […] Ich bin nicht bereit, nur ein Jota jüdischer Identität aufzugeben. Wir wollen das Beste für unsere Kinder, wenn wir sie in den Bund mit Gott einführen und in unserem Glauben verwurzeln. Ich fordere, dass wir Judentum so leben können, wie wir es verstehen, nicht wie andere es gerne hätten. Toleranz und Akzeptanz verlangen Respekt und Rücksicht. Diese freiheitlich-demokratischen Grundgedanken müssen unangetastet bleiben.“

Engagement gegen Stolpersteine Bekannt wurde auch ihr langjähriges vehementes Engagement gegen das Kunstprojekt Stolpersteine als ebenerdiges Mahnmal auf Gehwegen, das sie im Gegensatz zu anderen prominenten Juden, wie z. B. dem Vizepräsidenten des Jüdischen Weltkongresses Dieter Graumann und dem Präsidenten des Zentralrats der Juden Josef Schuster, als unwürdige Form des Gedenkens ansieht. 2026 hingegen kritisierte Knobloch, dass in Heidenau keine neuen Stolpersteine verlegt werden dürfen, nachdem das Verbot u. a. von Stadtratsabgeordneten der AfD beantragt wurde.

Kritik an der AfD 2019 hielt Knobloch im bayerischen Landtag während der Gedenkfeier für NS-Opfer eine Rede, in der sie die AfD als verfassungsfeindlich kritisierte und ihr vorwarf, die demokratischen Werte verächtlich zu machen und enge Verbindungen ins rechtsextreme Milieu zu unterhalten. Daraufhin verließ ein Großteil der AfD-Fraktion den Landtag. Knobloch sagte anschließend, dass die Gefahr, „die von der Partei und ihren Anhängern für unsere freiheitliche Demokratie ausgeht, […] so überdeutlich“ werde, und dass es sei ihr wichtig gewesen sei, beim Gedenken an die Opfer von damals Position bezogen zu haben, denn das heiße auch, für die Demokratie einzustehen. Von der AfD-Fraktionschefin im Bundestag Alice Weidel wurde Knobloch kritisiert, sie habe sich „wirklich entblödet, im Bayerischen Landtag eine Gedenkveranstaltung für geschmacklose Parteipolitik zu missbrauchen. Wie tief muss man sinken?“ Diesen Tweet Weidels nannte der Landtagsvizepräsident und Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten Karl Freller (CSU) „skandalös“. Er habe große Sorge, „welcher Geist hier wieder wach“ werde.Thomas Radlmaier: Erinnern für die Zukunft www.sueddeutsche.de, 27. Januar 2019

Islamkritik Knobloch äußerte wiederholt die Befürchtung einer fehlenden Einordnung islamischer Gemeinden in die moderne, liberale Werteordnung des Westens. Muslime müssten sich in jenes „Ensemble zivilisatorischer Errungenschaften integrieren“. 2017 zitierte sie in einem Beitrag Angela Merkel, „Multikulti“ sei eine „Lebenslüge“.

Außerdem attestierte Knobloch Muslimen ein „gewisses Unvermögen“, sich durch die Trennung von spiritueller und weltlicher Autorität zu integrieren, und bekundete ihr Bedauern über die Einschätzung, grundgesetztreue Muslime würden sich nicht ausreichend von den Fundamentalisten distanzieren.

2006 schlug sie einen bundesweit flächendeckenden Islamunterricht vor, damit muslimische Kinder nicht von „Hasspredigern indoktriniert“ würden.