mini|300px|Lage Osttimors Die Unruhen in Osttimor 2006 entzündeten sich am Protest von Soldaten, die aus dem Westen des Landes stammten. Neben den Auseinandersetzungen zwischen meuternden Soldaten, Polizisten und der Armee kam es zu ethnisch motivierten Kämpfen zwischen rivalisierenden, kriminellen Jugendbanden. Vor allem in der Landeshauptstadt Dili kam es zu Morden und Plünderungen, weswegen mehrere Staaten insgesamt über 3.000 Soldaten nach Osttimor schickten, um die öffentliche Ordnung wiederherzustellen. Als Folge der Unruhen trat Premierminister Marí Alkatiri auf Druck der Öffentlichkeit zurück. Nachdem das Land weiterhin nicht zur Ruhe kam, entsandten die Vereinten Nationen eine neue UN-Polizeimission nach Osttimor.
Hintergründe Wirtschaftliche Probleme Osttimor war 2006 das ärmste Land Asiens und vollständig abhängig von ausländischer Hilfe. 45 % der Menschen lebten unterhalb der Armutsgrenze. Mit einem durchschnittlichen Tagesverdienst von weniger als drei Euro und einer Arbeitslosenquote von 40 % in der ländlichen Region teilte sich Osttimor mit Ruanda Platz 158 auf einem UN-Entwicklungsindex, in dem 185 Länder aufgelistet sind. Nach einer Studie der UNO gingen nur 30 % der Jugendlichen zwischen 13 und 15 Jahren überhaupt zur Schule. Das Wirtschaftswachstum war niedrig und die regierenden Politiker standen in der Kritik. Die Reichtümer aus den Gas- und Erdölvorräten konnten bisher noch nicht ausgebeutet werden, um die leeren Staatskassen zu füllen. Infolgedessen war über einen längeren Zeitraum der Unmut in der Bevölkerung über die nicht stattfindenden Verbesserungen des allgemeinen Lebensstandards gewachsen.
Kulturelle Spaltung des Landes
mini|Die kulturellen Regionen Osttimors: Loro Munu (weiß) und Loro Sae (rot).
Die Unruhen von 2006 haben, trotz der starken Nationalbewegung, durch die das Land entstand, die Spaltung des Landes in einen Ost- und einen Westteil, die seit der Kolonialzeit besteht und einen deutlichen Einfluss auf das alltägliche Leben in Osttimor hat, wieder hervortreten lassen. Die westliche Bevölkerung aus Loro Munu wird Kaladi, die östliche aus Loro Sae wird Firaku genannt.
In ihrem kollektiven Bewusstsein sehen sich die Firaku, aus deren Reihen wichtige osttimoresische Persönlichkeiten aus dem Militär sowie der Präsident Xanana Gusmão entstammen, in der Rolle der „Befreier“ von der indonesischen Besatzung (1975–1999). Die Firaku werfen den Kaladi vor, mit der indonesischen Besatzungsmacht sympathisiert zu haben. Viele der Polizisten, die die Indonesier rekrutierten, waren Kaladi. Die UN und das unabhängige Osttimor übernahmen die meisten dieser Polizisten in ihren Dienst, woraus der schwelende Konflikt zwischen Polizei PNTL und Militär resultierte. Dili als Schmelztiegel der verschiedenen Ethnien und Gruppen des Landes wurde Schauplatz von regelmäßigen Straßenkämpfen zwischen Banden aus dem Osten und dem Westen.
Premierminister Alkatiri und Präsident Gusmão mini|links|Marí Bin Amude Alkatiri mini|Xanana Gusmão
Der damalige Premierminister Marí Bin Amude Alkatiri ist Muslim, was in weiten Teilen der mehrheitlich katholischen Bevölkerung Erinnerungen an die frühere indonesisch-muslimische Herrschaft weckte. Alkatiri stammte von jemenitischen Einwanderern ab. Während der Besatzungszeit (1975–1999) lebte er im Exil im sozialistischen Mosambik. Kritiker warfen ihm vor, sich nicht am Kampf gegen die Besatzer beteiligt zu haben. Außerdem wurde vermutet, dass hierin die Motivation für Alkatiris linksorientierte und tendenziell anti-westliche Politik zu finden sei. Sowohl militärisch als auch wirtschaftlich verstärkte er die Zusammenarbeit mit der Volksrepublik China und den linksregierten Staaten Südamerikas. Damit stand er im Konflikt mit dem zur liberalen Mitte gehörenden Präsidenten Xanana Gusmão, obwohl beide zur Regierungspartei FRETILIN gehörten. Alkatiri kam der Ruf eines kalten Technokraten zu, während Gusmão als Volksheld verehrt wurde. Unterstützung hatte Alkatiri hauptsächlich durch die Polizei, wohingegen große Teile der Verteidigungskräfte Osttimors (F-FDTL), meist ehemalige Kämpfer der Guerillaarmee FALINTIL, die Widerstand gegen die Indonesier geleistet hatten, Gusmão loyal gegenüberstanden.Jochen Buchsteiner: Wieder regieren Hunger und Macheten. In: FAZ, 1. Juni 2006
Auslöser der Unruhen Am 11. Januar 2006 erhielt Präsident Gusmão eine Petition von Soldaten des 1. Bataillons der F-FDTL, in denen sie sich über die schlechten Arbeitsbedingungen und Beförderungsregelungen, die Bewohner des westlichen Teils Osttimors benachteiligen würden, beschwerten. Am 8. Februar 2006 zogen über 400 Soldaten in die Hauptstadt und forderten die Entlassung des Kommandanten des 1. Bataillons Colonel Falur aufgrund der Diskriminierungen. Präsident Xanana Gusmão gelang es, zunächst die Soldaten zur Rückkehr in die Kaserne zu bewegen, doch dann desertierten 404 der insgesamt etwa 1.600 Soldaten der F-FDTL und schlugen ihr Lager in Aileu auf.Internationale Truppe soll Lage in Timor-Leste stabilisieren. Wikinews, 27. Mai 2006 Weitere 177 Soldaten schlossen sich ihnen am 25. Februar an. ABC, 28. Februar 2006 Anführer der Gruppe war Leutnant Gastão Salsinha. Premierminister Alkatiri wurde beschuldigt, Firaku aus dem Osten des Landes bei den Beförderungen zu bevorzugen. Am 14. Februar wurden die inzwischen insgesamt 591 Männer offiziell durch Brigadegeneral Taur Matan Ruak aus dem Dienst entlassen, während sich Präsident Gusmão auf einer Afrikareise befand.East Timor’s PM criticises military dismissal. ABC Radio Australia, 24. März 2006 Im März verweigerten die Soldaten einen Aufruf zur Rückkehr in die Kasernen.East Timor Soldiers Kill 9 Unarmed Police, Wound 27, UN Says. Bloomberg, 26. Mai 2006 Einige Zeit später schlossen sich einige Polizisten den Soldaten an. Premierminister Alkatiri entließ daraufhin die Deserteure aus den Streitkräften.Stephen Fitzpatrick, Patrick Walters: The Australian, 6. Mai 2006
Außenminister José Ramos-Horta kündigte Anfang April die Einsetzung eines Ausschusses an, der die Beschwerden der ehemaligen Soldaten anhören sollte. Er betonte, dass „sie nicht mehr in die Armee zurückkehren“ könnten. „Ausnahmen“ sollten aber „von Fall zu Fall“ entschieden werden, wenn die „Verantwortung jedes Einzelnen bei diesem Vorfall geklärt“ sei. ABC, 24. April 2006
Ausbruch der Gewalt mini|Konfliktzonen in Dili, 24. Oktober 2006
Am 24. April demonstrierten die ehemaligen Soldaten mit zivilen Unterstützern, zumeist arbeitslose Jugendliche, in den Straßen von Dili. Insgesamt 3.000 Menschen protestierten gegen die Entlassung der Soldaten und forderten den Rücktritt Alkatiris. Der ursprünglich friedliche Protest schlug in Gewalt um, als die Soldaten einen Markt angriffen, der von Firaku geführt wurde. Die Proteste gingen bis zum 28. April weiter, bis es zum Zusammenstoß zwischen den Deserteuren und den F-FDTL kam, die in die Menge schossen. In den darauf folgenden Ausschreitungen starben offiziell fünf Menschen, mehr als 100 Häuser wurden niedergebrannt und etwa 21.000 Bewohner Dilis flohen aus der Stadt. Später behauptete Salsinha, dass Alkatiri-treue Soldaten bei den Kämpfen 60 Zivilisten getötet hätten.Mark Bowling: Claim troops loyal to E Timor PM killed 60 civilians. ABC, 9. Juni 2006 Diese Zahl wird in keiner weiteren Quelle bestätigt oder aufgeführt.
Am 4. Mai desertierte Major Alfredo Alves Reinado zusammen mit 20 in Australien ausgebildeten Militärpolizisten, vier Polizisten und zwei Lastwagen voller Waffen und Munition.Mark Dodd: The Australian, 25. Mai 2006. Der aus dem Westen des Landes stammende ehemalige Chef der Marine schloss sich den Rebellen an und schlug im Ort Aileu südwestlich von Dili sein Hauptquartier auf. Hier kontrollierten seine Leute die Bergstraße. ABC, 24. Mai 2006 Reinado forderte Präsident Xanana Gusmão dazu auf, Premierminister Alkatiri zu entlassen und vor Gericht zu stellen. Reinado behauptet, Alkatiri habe am 28. April befohlen, auf die unbewaffneten Demonstranten zu schießen. Als Militärpolizist habe Reinado Oberst Lere Anan Timur, den Stabschef von Brigadegeneral Taur Ruak, zu einer Besprechung mit Alkatiri begleitet. Danach habe der Oberst gesagt, er habe bereits den Befehl zum Einsatz erhalten. Falls Alkatiri nicht entlassen werden würde, drohte Reinado mit einem Bürgerkrieg. Gegenüber Präsident Xanana Gusmão bezeichnete sich Reinado aber als loyal.
Am Abend des 5. Mai veröffentlichten die ehemaligen Soldaten unter der Führung von Leutnant Salsinha eine Erklärung, in der sie von Präsident Gusmão eine Entlassung Alkatiris und die Auflösung der F-FDTL innerhalb der nächsten 48 Stunden forderten. Zuvor hatte Salsinha einen Kontaktversuch Gusmãos mit den Worten beantwortet, es sei jetzt „zu spät“. Unter den Bewohnern von Dili kam es zu einer Panik. 75 % der Bevölkerung flohen in die nahen Berge, als sich Gerüchte von neuen Kämpfen – überwiegend per SMS – verbreiteten. Diese blieben jedoch zunächst aus. Die Regierung rief zur Ruhe auf und die Flüchtlinge begannen einige Tage später wieder in die Stadt zurückzukehren. „Die Demokratie in unserem Land ist noch jung“, so Außenminister José Ramos-Horta, „die Menschen reagieren ängstlich auf Geschehnisse“. Ausländische Botschaften gaben Sicherheitswarnungen heraus und zogen ihr Personal ab. Premierminister Alkatiri kündigte die Untersuchung von Vorwürfen der Desertierten an und machte ihnen das Angebot, rückwirkend ab März wieder Gehälter an sie auszuzahlen, wenn sie einlenken würden.Massenflucht in Osttimor aus Angst vor neuer Gewalt. In: Die Welt, 6. Mai 2006 Am 8. Mai wurde ein Polizist getötet, als etwa 1.000 Menschen das Büro eines regionalen Staatssekretärs außerhalb Dilis stürmten. ABC, 9. Mai 2006.
Am 11. Mai behauptete Außenminister Ramos-Horta, dass Fernando de Araújo, der Vorsitzende der Partido Democrático die Unruhen angeheizt habe. Ramos-Horta warnte die anderen Parteien davor, die Gewalt ausnutzen zu wollen, um dadurch Stimmen bei den nächsten Wahlen 2007 zu gewinnen. „Alle Parteien sollten wissen, dass jene, die Uneinigkeit säen, die Leute ängstigen oder bedrohen, nicht von diesen bei den Wahlen 2007 gewählt werden.“ ABC, 11. Mai 2006 (archive.org)
Mitte Mai eskalierte die Gewalt erneut. Mehrere Wochen lieferten sich die Rebellen in den Hügeln bei der Hauptstadt immer wieder heftige Feuergefechte mit F-FDTL-Truppen. Diese forderten viele Tote und Verletzte. Major Reinado verübte mehrere Angriffe auf die Hauptstadt Dili. Am 23. Mai wurde dabei ein F-FDTL-Soldat getötet und sechs weitere verletzt. ABC, 23. Mai 2006 Am 24. Mai überfielen Meuterer das Privathaus von General Taur Matan Ruak. Es kam zum Schusswechsel. Beteiligt an dem Angriff sollen Reinado, Salsinha und der Parlamentsabgeordnete Leandro Isaac gewesen sein.Timor-Leste Democracy Support Network: Media Relaease: Capture of Reinado rebel group in Timor Leste , 4. März 2007, abgerufen am 3. Mai 2014.
Am 25. Mai wurden schließlich mindestens acht Polizisten durch meuternde Soldaten erschossen und 25 weitere Menschen verletzt. Die Bevölkerung floh in Kirchen und Flüchtlingslager außerhalb der Stadt. Eine Kirche allein nahm 7.000 Flüchtlinge auf. ABC, 25. Mai 2006 (archive.org)East Timor: Soldiers Convicted Of Murdering Unarmed Police. My Sinchew, 30. November 2007. Zusätzlich erschwerten nun plündernde Banden in Dili und ausbrechende ethnische Konflikte die Situation. ABC, 16. Mai 2006
Erste Reaktionen der Weltgemeinschaft Außenminister Ramos-Horta rief offiziell am 24. Mai die Regierungen von Australien, Neuseeland, Portugal und Malaysia um militärische Unterstützung an. Mit der Operation Astute reagierten mehrere Staaten auf das Gesuch Osttimors um militärische Hilfe. Unter Führung von Brigadier Michael Slater der Australian 3rd Brigade (Australian Defence Force) waren zunächst vier Länder an der International Stabilization Force ISF beteiligt.
Australien mini|Australische ISF-Truppen landen in Comoro