Der Emder Wall ist die frühneuzeitliche Stadtbefestigung und heute eine Naherholungs- und Grünanlage in der Stadt Emden in Ostfriesland.
Während des Dreißigjährigen Krieges sicherte der Wall die Stadt Emden als einzigen Ort Ostfrieslands vor der Einnahme durch fremde Truppen. Nach dem Übergang der Region an Preußen 1744 verlor der Wall seine Verteidigungsfunktion und wurde seit etwa der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sukzessive in ein Naherholungsgebiet umgestaltet.
Geschichte Verteidigungsanlagen bis 1570 Bis zum Bau des Walls bestand die Emder Stadtbefestigung vornehmlich aus flacher gestalteten Erdwällen. Eine erste Befestigung kam im Zuge der Sächsischen Fehde (1514–1517) hinzu, als die Emder die Erdwälle mit Back- und Sandsteinen befestigten. Das Neue Tor am damaligen Nordende des Stadtgebiets in Höhe des Stadtgrabens und Alten Grabens bauten die Einwohner aus Stein – es war das erste steinerne Grenztor der Stadt.Bernd Kappelhoff: Johann von Valkenburg, der Ausbau der Stadt Emden sowie ihrer Befestigungsanlagen um 1600 und die Rolle der Niederlande dabei. In: Emder Jahrbuch für historische Landeskunde Ostfrieslands. Band 75, 1995, S. 139. Hinzu kamen einzelne Wachtürme. Allein aus Stein befestigt war lediglich die Südseite der Stadt zur Ems hin, dies aber – neben dem Schutz gegen Angriffe von See – vor allem aus Gründen des Küstenschutzes. Hier verlief die Emsmauer, deren Verlauf von der Emsmauerstraße nachgezeichnet wird.
mini|Der Herzog von Alba auf einem Gemälde von Willem Key Als der spanische Herzog Alba im Zuge des niederländischen Freiheitskampfes in der Schlacht von Jemgum (1568) die Truppen der Generalstaaten besiegt hatte, drohte er kurzzeitig damit, mit seinem Heer auch nach Emden zu marschieren, ließ davon jedoch ab. Die Stadt nahm dies zum Anlass, innerhalb von nur zwei Jahren ihre Grenzbefestigungen zu erhöhen und zu verstärken. Dies betraf besonders die südöstliche Stadtgrenze am rechten Unterlauf der Ems, da von dort aus am ehesten mit Angriffen gerechnet werden musste.
Die Erweiterung der Stadt Durch den Zuzug von niederländischen Glaubensflüchtlingen war die Stadt in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, besonders in den 1560er- und den frühen 1570er-Jahren, stark gewachsen. Damit einher ging eine schrittweise Erweiterung des Stadtgebietes. Der damalige Vorort Faldern (bestehend aus Groß-Faldern und Klein-Faldern) kam nach Unterzeichnung des Delfzijler Vertrages am 15. Juli 1595 zu Emden.Bernd Kappelhoff: Johann von Valkenburg, der Ausbau der Stadt Emden sowie ihrer Befestigungsanlagen um 1600 und die Rolle der Niederlande dabei. In: Emder Jahrbuch für historische Landeskunde Ostfrieslands. Band 75, 1995, S. 136. Er war bereits seit den 1550er-Jahren mit der westlich gelegenen Emder Altstadt zu einem einheitlichen Siedlungsgebiet verschmolzen, stand bis 1595 aber noch unter der direkten Jurisdiktion der ostfriesischen Grafen. Bereits ein Jahr nach dem Abschluss des Vertrages ließ der Rat der Stadt die Befestigungen an der Ostseite der beiden Faldern verstärken, es entstanden das Nordertor und das Faldernpoort oder Falderntor, das bis dahin nach dem verwendeten Baustoff auch den Namen Holten Poort getragen hatte. Nachdem die Befestigung dieses Tores mit Steinmaterial gelungen war, wurde es später Herrentor genannt.
Im Haager Akkord von 1603 schlichteten die Generalstaaten erneut einen Streit zwischen dem ostfriesischen Grafenhaus und der Stadt Emden, bei dem es unter anderem um die genauen Grenzen der Stadt ging. In dem Akkord legten die Hochmögenden in Den Haag fest, dass die Stadt die angestrebte Norderweiterung in Angriff nehmen könne, wenn sie zugleich das Erweiterungsgebiet mit einem Festungswall umgebe. Bereits 1604 liefen die Planungen der Emder Stadtoberen dazu an.Bernd Kappelhoff: Johann von Valkenburg, der Ausbau der Stadt Emden sowie ihrer Befestigungsanlagen um 1600 und die Rolle der Niederlande dabei. In: Emder Jahrbuch für historische Landeskunde Ostfrieslands. Band 75, 1995, S. 143.
Bau des Walls Von 1606 bis 1616 hatten der städtische Baumeister Gerhart Evert Pilooth, später beraten durch den niederländischen Festungsbaumeister Johan van Valckenburgh, die Stadt auf den neuesten Stand der Verteidigungstechnik gebracht. Der Wall bestand früher aus elf Zwingern (fünfeckigen Bastionen), die sich nahezu ringförmig (deutlich mehr als 180 Grad) um die Stadt legten. Den Rest der Barriere bildete die damals unmittelbar an der Innenstadt vorbeifließende Ems. Auf den Anhöhen des Walls konnten im Verteidigungsfall Kanonen postiert werden. Vor diesen Anlagen wurde ein breiter Graben (Stadtgraben) gezogen, um Angreifern zusätzlich einen Sturm auf den Wall zu erschweren. Die Bastionen waren mit Kanonen bestückt,Bernd Kappelhoff: Geschichte der Stadt Emden von 1611 bis 1749. Emden als quasiautonome Stadtrepublik. (= Ostfriesland im Schutze des Deiches. Band 11). Verlag Rautenberg, Leer 1994, ISBN 3-7921-0545-4, S. 11. und zwar derart, dass ein potenzieller Angreifer keine Toten Winkel ausnutzen konnte, um den Wall zu stürmen.
Im Dreißigjährigen Krieg mini|Die Wallanlagen um 1640 mini|Video der Reenactment-Veranstaltung Heerlager. „400 Jahre Emder Wall“ – eine Befestigungsanlage feiert Jubiläum am 11. und 12. Juni 2016 während der mehr als 200 Laiendarsteller das militärische Leben in Emden vor 400 Jahren nachspielten.
Die erste und zugleich größte Bewährungsprobe hatte die modernisierte Emder Stadtbefestigung während des Dreißigjährigen Krieges zu bestehen, als Ostfriesland von Truppen des protestantischen Heerführers Ernst von Mansfeld als Ruhe- und Rückzugsraum benutzt wurde. Während der Rest der Grafschaft große Not zu leiden hatte, blieb Emden als einziger Ort unbesetzt. Nachdem sie 1622 in Ostfriesland angekommen waren, schritten die Mansfeld’schen Truppen im Januar 1623 auf die Stadt vor und besetzten die Dörfer der Umgebung: Borssum, Uphusen, Wolthusen, Hinte und Larrelt.Wolfgang Brünink: Der Graf von Mansfeld in Ostfriesland (1622–1624). (= Abhandlungen und Vorträge zur Geschichte Ostfrieslands. Band 34). Verlag Ostfriesische Landschaft, Aurich 1957, , S. 91. Obwohl Mansfeld über mehrere Tausend Soldaten und auch Erfahrung im Festungskampf verfügte, gelang es ihm nicht, sich der Stadt viel weiter als bis zur Schussweite ihrer Kanonen zu nähern. Lediglich einzelne Trupps des Söldnerführers näherten sich der Stadt, um dort grasendes Vieh Emder Bürger von den Weiden zu stehlen. In die Stadt selbst hatten Mansfeld und seine Soldaten jedoch nie einen Fuß setzen können.
Als Mansfeld Teile seiner Truppen von der Festung Leerort nach Greetsiel verlagerte und das Kriegsmaterial per Schiff auf der Ems stromabwärts schickte, überfielen Emder Schiffe den Konvoi und erbeuteten – neben Privatsachen des Heerführers und seiner Offiziere – unter anderem 37 Geschütze, mehr als 2500 Kanonenkugeln, 209 Zentner Pulver und 180 Zentner Lunten sowie diverse Handfeuerwaffen, Hieb- und Stichwaffen. Die erbeuteten Geschütze stellte die Emder Garnison auf dem Wall auf, was zur Verstärkung der Feuerkraft beitrug. Insgesamt befanden sich auf dem Wall damit mehr als 200 Geschütze. Mansfeld forderte ultimativ die Herausgabe der Beute, jedoch vergebens. Die Emder Stadtoberen um den Stadtsyndikus Johannes Althusius ließen den Söldnerführer in einem Schreiben später vielmehr wissen, man sei „der zuversicht, daß unß pestilentz, hunger und kummer balldt voneinander scheiden werden“.Wolfgang Brünink: Der Graf von Mansfeld in Ostfriesland (1622–1624). (= Abhandlungen und Vorträge zur Geschichte Ostfrieslands. Band 34). Verlag Ostfriesische Landschaft, Aurich 1957, , S. 136, Anm. 174. Die Stadt selbst war von der ausgebrochenen Pest in Ostfriesland in keiner Weise betroffen, im Umland hingegen gab es viele Tote.
Nach dem Abzug Mansfelds 1624 wurde Ostfriesland noch zwei weitere Male von fremden Truppen besetzt, die dort ihr Ruhequartier bezogen. Auch diese Truppen haben keinen Fuß in die Stadt Emden gesetzt, verhielten sich jedoch ohnehin zurückhaltender als Mansfeld.
Von der preußischen Übernahme Ostfrieslands 1744 bis zur Gegenwart Während der Wall in der „ersten preußischen Zeit Ostfrieslands“ (1744–1806/15) im Gegensatz zu vielen Burgen der Region von der Schleifung unbehelligt blieb, wurde er während der Hannoverschen Ära (1815–1866) seiner Funktion enthoben. Der Baukörper blieb dabei jedoch erhalten. Die Militärtechnik hatte den Wall in der Zwischenzeit überflüssig gemacht. Nachdem die Stadt im frühen 19. Jahrhundert ihren Festungscharakter verloren hatte, wurde auch der ursprünglich 36 Meter breite Emder Stadtgraben als Festungsgraben nicht weiter gepflegt. Als Konsequenz daraus wurde er schmaler, jedoch breit genug gehalten, um Binnenschiffern auf ihrem Weg in die Dörfer der Krummhörn auch fürderhin die Durchfahrt zu ermöglichen. Das aufgeschwemmte Land vor dem Wall, das Wallvorland, nutzten Emder Gemüsebauern im 19. Jahrhundert zum Anbau.Ernst Siebert: Geschichte der Stadt Emden von 1750 bis 1890. In: Ernst Siebert, Walter Deeters, Bernard Schröer: Geschichte der Stadt Emden von 1750 bis zur Gegenwart. (= Ostfriesland im Schutze des Deiches. Band 7). Verlag Rautenberg, Leer 1980, , S. 2–195, hier S. 44.
Nachdem sich bereits 1824 eine „Verschönerungskommission“ für den Wall gebildet hatte, stieg die Popularität der früheren Befestigung als Erholungsraum erst in den folgenden Jahrzehnten. Ab 1906 residierte der Emder Tennis- und Hockey-Verein auf dem Wall.Tennis Emden: , abgerufen am 1. Januar 2016. 1911 bezog der Emder Ruderverein Ostfriesland, ein Ruderclub ausschließlich für die Mitarbeiter des Emder Post- und Telegrafenamtes, sein Domizil an der Kesselschleuse, das nach der Fusion mit dem fünf Jahre zuvor gegründeten Emder Ruderverein (1924) als gemeinsames Vereinsheim diente. In: emderruderverein.de. S. 8 f., abgerufen am 21. Juli 2013 (PDF-Datei).
Während der NS-Zeit in Emden legte die Marine-SA am Marienwehrster Zwinger einen Bootshafen an, der nach dem Zweiten Weltkrieg an den Wassersportverein Emden (WVE) überging.Vereinshomepage, Menüpunkt Chronik. In: wvemden.de, abgerufen am 21. Juli 2013. Als einziger der 35 größeren Emder Luftschutzbunker wurde 1942 der Bunker am Gelbe-Mühlen-Zwinger auf dem Wall gebaut, jedoch im rückwärtigen, stadtnahen Bereich an der Grenze zu den heutigen Grünflächen.Michael Foedrowitz, Dietrich Janßen: Luftschutzbunker in Emden. Selbstverlag, Berlin/Emden 2008, , S. 15.
In den Jahren von 1969 bis 1975 ließ die Stadt Emden das Wallvorland zwischen dem eigentlichen Wallkörper und dem Stadtgraben als Naherholungsfläche ausbauen und dort weitere Spazierwege anlegen. In dieser Zeit wurde auch die Brücke zum Neuen Theater gebaut.Bernard Schröer: Geschichte der Stadt Emden von 1945 bis zur Gegenwart. In: Ernst Siebert, Walter Deeters, Bernard Schröer: Geschichte der Stadt Emden von 1750 bis zur Gegenwart. (= Ostfriesland im Schutze des Deiches. Band 7). Verlag Rautenberg, Leer 1980, , S. 257–488, hier S. 290. Der Wall wurde 1977 unter Denkmalschutz gestellt. In: emden.de, abgerufen am 21. Juli 2013 (PDF; 281 kB).
Aufbau mini|Teile des Walls (unten und rechts oben) in der Vogelperspektive, Blick nach West
Der Wall ist in acht Teile, Zwinger genannt, gegliedert. Diese sind von West nach Südost: Meister-Geerds-Zwinger, Heuzwinger, Albringwehrster Zwinger, Vogelsang-Zwinger, Marienwehrster Zwinger, Gelbe-Mühlen-Zwinger, Rote-Mühlen-Zwinger und Weiße-Mühlen-Zwinger. Die Benennung erfolgte im Fall des Albringwehrster und des Marienwehrster Zwingers nach dem landwirtschaftlichen Anwesen Albringwehr auf dem Gebiet der Gemeinde Hinte und dem Emder Stadtteil Marienwehr im Nordosten der Stadt. Die drei nach Mühlen benannten Zwinger haben ihren Namen von den dort stehenden Mühlen, wobei die Gelbe Mühle jedoch nicht mehr erhalten ist.
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