mini|hochkant=1.3|Titelblatt des Erstdruckes Maler Nolten, eine Novelle in zwei Theilen, ist der Titel eines 1832in Emanuel Schweizerbart’s Verlagshandlung Stuttgart publizierten romantischen Künstlerromans von Eduard Mörike. Von 1853 bis zu seinem Tod arbeitete der Autor an einer zweiten Fassung, die als Fragment postum 1877 veröffentlicht wurde.Maler Nolten, Roman in zwei Teilen – bearbeitet von Julius Klaiber: Eduard Mörike Werke II, Maler Nolten. J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachf., Stuttgart 1961. Erzählt wird in beiden Fassungen die tragische Liebesgeschichte des Malers Theobald Nolten und seiner Verlobten Agnes, die in ein schicksalhaftes Handlungsnetz verwickelt werden.

Inhalt Überblick Die in unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus spielende Romanhandlung setzt kurz nach der Ankunft Theobald Noltens in der Residenzstadt ein. Seine Aussicht auf eine Karriere als Maler und die Aufnahme in die Hofgesellschaft werden zunehmend überschattet durch seine existentielle Krise, die weit in seine Familiengeschichte zurückreicht: Schicksalhaft scheint die Gegenwartshandlung mit der Vorgeschichte verbunden zu sein und die Vorausdeutungen der Wahrsagerin Elsbeth zu erfüllen.

Zum Verständnis der Zusammenhänge informiert der auktoriale Erzählerim zweiten Teil erwähnt er jedoch auch seine begrenzte Kenntnis: über Larkens Schreiben wisse er nichts Konkretes, dann gibt er Informationen von Bekannten des Malers wieder und kommentiert sie usw. in eingeschobenen Rückblenden entweder direkt oder durch Berichte bzw. Briefe beteiligter Personen über die teils geheimnisvollen Ereignisse, deren Auswirkungen auf den Protagonisten von seinen Freunden unterschiedlich interpretiert werden: als Hinweise auf eine dämonische, hinter der Wirklichkeit verborgene Nachtseite der Welt, als Hinweis auf das Rätselhafte im Leben (Larkens) oder als Zufallskette, die von schicksalsgläubigen Menschen als Prophezeiungen gedeutet werden (Tillsen, Präsident).Die folgenden Inhaltsangaben beziehen sich auf die vom Autor überarbeitete zweite Romanfassung: Eduard Mörike: Maler Nolten, Roman in zwei Teilen – bearbeitet von Julius Klaiber: In: Eduard Mörike: Werke II, Maler Nolten. Hrsg.: Gerhard Baumann und Siegfried Grosse. J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachf., Stuttgart 1961.

Vorgeschichte Friedrich Nolten, der Onkel des Protagonisten, ist das Gegenteil seines als Landgeistlicher bürgerlich-traditionell lebenden Bruders. Er gilt früh als Genie und „überspannter Kopf“, wird Maler und finanziert seinen Lebensunterhalt und seine Reisen vorwiegend aus den Einkünften des vom väterlichen Erbteil erworbenen Gütchens Rodisbronn. Einmal trifft er bei einer Wanderung im mährischen Bergland auf eine Zigeunergruppe und schließt sich ihr in seiner Begeisterung für das freie abenteuerlich Leben für einige Zeit an.„Aus dem Diarium des Onkels Friedrich“ am Ende des ersten Teils Das Hauptmotiv seines ungebundenen Lebens ist seine Liebe zu Loskine, der schönen Nichte des Hauptmanns, die von ihr erwidert wird. Da sie bereits einem Mitglied des Trupps als Frau versprochen ist, diesen aber ablehnt, flieht das Liebespaar in einer abenteuerlichen Aktion. In seiner Heimat gibt der Maler, weil er die Vorurteile vieler Menschen fürchtet, seine Frau als Osteuropäerin aus gutem Haus aus, doch sie wird krank vor Heimweh nach ihren Leuten und stirbt bei der Geburt ihrer Tochter Elsbethin der ersten Romanfassung: Elisabeth. Eines Tages wird das siebenjährige Kind von den Zigeunern aus Rache für die Abwerbung Loskines entführt und mit auf ihre Wanderung genommen. Friedrich sucht auf seinen Reisen nach seiner Tochter, und der Kontakt mit seiner Familie bricht ab. Zurück bleibt nur ein Porträt der Zigeunerin, das der Pfarrer vor seinen Kindern auf dem Dachboden versteckt. Am Ende des Romans stellt sich heraus, dass Theobald in der Residenz den Onkel als den gebildeten Hofrat Jaßfeld kennenlernt, dieser ihm aber seine Identität aus Angst, seine verdrängten schmerzlichen Erinnerungen zu beleben, nicht verrät. Er hat seine „wahnsinnige Tochter“ gefunden und vergeblich versucht, sie in „geordnete Familien“ zur Pflege zu geben, doch sie habe sich dem aus ihrem Freiheitsgefühl heraus verweigert. Der Pfarrersohn Theobald lebt mit seinen Eltern und den drei Schwestern Ernestine, Adelheid und Nannette zuerst in Rißthal im Herzogtum H. Der Landgeistliche hat für seinen Sohn die Ausbildung zum Gelehrten vorgesehen. Dieser fühlt sich jedoch zum Malen hingezogen. Sein Vater vermutet eine Anlage dazu in der Familie, die sich bei seinem Bruder Friedrich offenbart hat. Er lehnt den Lebensstil des freien Künstlers ab und missbilligt die Verbindung mit der Zigeunerin. Zudem fürchtet er beim Sohn, wie bei seinem Bruder, eine emotional unstete und labile Charakterbildung. Deshalb unterbindet er künstlerische Aktionen, doch Theobald malt und liest heimlich. Mit 15 Jahren hat Theobald ein sein weiteres Leben bestimmendes Erlebnis.„Ein Tag aus Noltens Jugendleben“. Manuskript seines Freundes Larken nach einer Erzählung Theobalds, das Larken (gegen Ende des ersten Teils) dem Maler Tillsen zu lesen gibt. Die Familie ist inzwischen nach Wolfsbühl umgezogen, und Ernestine hat im Haushalt die Rolle der verstorbenen Mutter übernommen. An einem Oktobertag wandert Theobald mit Adelheid zur Ruine des Rehstocks. Dort treffen sie auf das Zigeunermädchen Elsbeth, die Theobald an das auf dem Dachboden versteckte Porträt einer fremdartigen jungen Frau erinnert. Sie spricht die Geschwister mit "Bruder" und "Schwester" an, erzählt, sie habe sie bereits in einer Vision gesehen und sei aus dem Zigeunerlager geflohen. Theobald wird daraufhin ohnmächtig und gelobt in einer traumartigen Szene dem Mädchen mit einem Kuss „Treu’ um Treue, Seel’ um Seele“. Abends kehren die Geschwister mit Elsbeth ins Pfarrhaus zurück, und ihr Vater erzählt ihnen die Geschichte seines Bruders Friedrich und Loskines. Am nächsten Morgen ist das Mädchen verschwunden. Nach dem plötzlichen Tod des Vaters führt Theobald seine Ausbildung unlustig weiter und spinnt sich, als Ausgleich, in eine Phantasiewelt ein. Ein entscheidendes Erlebnis hat der Gymnasiast während eines Aufenthalts bei der Familie seines Paten, des Försters einer adligen Herrschaft. Durch die Vermittlung des Grundherrn Baron Neuburg, der seine Begabung entdeckt, erhält er, zusätzlich zum Latein- und Griechisch-Unterricht, in einer benachbarten Klosterschule Zeichenunterricht als Vorbereitung für den Besuch einer Kunstakademie. Reisen nach Rom und Florenz schließen sich an. Theobald orientiert sich bei seinen Zeichnungen am Vorbild seines Lehrers, der den Schwerpunkt aufs genial-feurige Skizzieren legt und die Technik der Ölmalerei vernachlässigt. Bei seinen Aufenthalten im Forsthaus haben sich Theobald und die Förstertochter Agnes ineinander verliebt. Er porträtiert sie in einem ländlichen Genrebild, das er in seiner Kunstmappe aufbewahrt, beim Auftragen des Abendbrots in der Gartenlaube. Sie verloben sich, bevor er in die Residenz aufbricht. Noltens Verlobung mit Agnes gerät durch eine sich überlagernde Zufallskette in eine Krise: Wegen der großen räumlichen Distanz treffen sich die Verlobten nicht mehr, und die Briefe bleiben oft lange Zeit aus. Das einfache Dorfmädchen fragt sich, ob sie den Bildungsansprüchen Theobalds auf Dauer genüge, und wird in ihrer Vereinsamung nervenkrank. Ihr Vater bittet den mit seiner Familie verwandten Otto Lienhard, der als Vermessungsingenieur seine Station im benachbarten Städtchen hat und sie gelegentlich besucht, seine Tochter zur Aufmunterung im Gesang zu unterrichten. Eines Tages wird Agnes von dem Zigeunermädchen Elsbeth abgepasst, das als herumziehende Hausiererin kunstvolle Strohgeflechte verkauft. Diese hat die labile Situation der Verlobten beobachtet und nutzt die Gelegenheit, um Agnes zu weissagen, dass nicht Theobald, sondern Otto für sie als Mann bestimmt sei. Agnes bekommt wieder Fieberanfälle, sieht einerseits in den Worten der Zigeunerin eine Bestätigung ihrer Ängste, hofft andererseits, durch den Vater bestärkt, auf eine Zukunft mit Theobald. In dieser Phase heitert der in sie verliebte Otto sie mit Musik und Scherzen auf, sie geht darauf, auch in der Öffentlichkeit bei Spaziergängen und im Garten, zunehmend schalkhaft und kokett ein und glaubt sogar, in den Cousin verliebt zu sein. Als der Förster das Gerede der Leute bemerkt, unterbricht er den Kontakt und nimmt die Tochter mit auf eine dreiwöchige Reise zu einem alten Bekannten. Nach seiner Ankunft in der Residenzstadt erhält Nolten Nachrichten über die angebliche Untreue seiner Verlobten. Er erinnert sich an Gespräche mit seinem Paten über die unsichere berufliche Situation eines Malers und vermutet einen vermögenden Rivalen. Bestätigung für diese Gedanken findet er in einem Schreiben Otto Lienhards an ihn. Dieser spricht von seiner Liebe zu Agnes, suggeriert ein Einverständnis des Mädchens und bittet ihn, auf sie zu verzichten. Theobald ist tief gekränkt. Anstatt seine Verlobte und deren Vater zu befragen, bricht er den Kontakt ab, ohne jedoch Agnes seine Entscheidung mitzuteilen und sie zu begründen. Mit dieser Situation beginnt die Haupthandlung in der Residenzstadt.

Erster Teil Karriere

Die ca. einjährige in der Residenzstadt spielende Handlung des ersten Teils setzt im Mai mit der Beschreibung zweier die Thematik des Romans symbolisierenden Bilder ein und führt zu einer „sonderbaren Verkettung von Umständen“, die vom Protagonisten als „Fügung eines höheren, wohlmeinenden Geschicks“ interpretiert wird.in Verbindung mit der „psychologischen Kausalität [als] Ausdruck der im Geschehen vorherrschenden ›Nachtseite‹“: Kindlers Literaturlexikon im dtv. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1974, Bd. 14, S. 5950. Noltens Diener Sigismund Wispel stiehlt einige Zeichnungen seines Herrn, verkauft zwei davon an den als erfolgreicher traditioneller Historienmaler anerkannten Tillsen und verschwindet anschließend aus der Stadt. Tillsen erkennt das ihm überlegene kreative Talent, forscht erfolglos nach dem unbekannten Künstler und nutzt die Entwürfe als Vorlagen für zwei romantische Ölgemälde: ein Faun-Nymphe-Knabenraub-Motiv und ein schauriges nächtliches Totentanz-Geisterkonzert um eine Orgelspielerin mit, wie am Ende des Romans angedeutet wird, den Gesichtszügen der Zigeunerin Loskine/Elsbeth. Der Maler möchte die beiden Bilder als Werke eines Unbekannten dem artistischen Verein präsentieren.

Nolten erfährt zufällig davon, gibt sich Tillsen als Ideengeber zu erkennen und erzählt ihm von seiner Kindheit (s. Vorgeschichte). Sie vereinbaren eine Zusammenarbeit und eine Schulung in der bisher vernachlässigten Ölmalerei. Um seinen Namen bekannt zu machen, schlägt Tillsen ihm vor, gemeinsam das Nymphenbild seiner Gönnerin, der Königin, zu schenken. Als Dank erhält er einen kostbaren Ring und wird zur Audienz eingeladen. Tillsen führt ihn auch in die Gesellschaft ein. Im Haus des Grafen Zarlin lernt er Herzog Adolf, den Halbbruder des Königs, und weitere Kunstliebhaber, u. a. den Hofrat Jaßfeld, kennen. Dieser ist, wie am Schluss dem Leser, aber nicht Theobald offenbart wird, der untergetauchte und unter falschem Namen lebende Onkel Noltens und Vater Elsbeths. Constanze, die junge schöne Schwester des Grafen, repräsentiert nach einer arrangierten unglücklichen Ehe mit dem General von Armond und dessen frühzeitigem Tod seit drei Jahren an der Seite ihres unverheirateten Bruders bei Festen die Adelsfamilie. Sie verhält sich distanziert den sie umwerbenden Männern, auch Herzog Adolf, gegenüber.