Die Kraterschlacht war eine Schlacht des Amerikanischen Bürgerkrieges. Sie fand am 30. Juli 1864 im Rahmen der Belagerung von Petersburg östlich der damals zweitgrößten Stadt Virginias, Petersburg, statt.
Vorgeschichte Anfang Juli hatte der Oberbefehlshaber des US-Heeres, Generalleutnant Grant, das VI. Korps und Teile des Kavalleriekorps der Potomac-Armee unter der Führung Generalmajor Sheridans aus der Front vor Petersburg herausgezogen, um das II. Korps der Nord-Virginia-Armee unter Generalleutnant Jubal Anderson Early im Shenandoahtal zu bekämpfen. Der Oberbefehlshaber der Potomac-Armee, Generalmajor Meade, sah deswegen keine Möglichkeit für offensive Aktionen gegen die Nord-Virginia-Armee beiderseits und vor Petersburg.
Seit den gescheiterten Angriffen auf Petersburg Anfang und Mitte Juni ragte ein überhöhter konföderierter Frontvorsprung (genannt Elliot’s Salient) bis 140 m an die Stellungen des IX. Korps heran. Der Kommandeur des 48. Pennsylvania Infanterieregiments, Oberstleutnant Henry Pleasants, von Zivilberuf Bergbauingenieur im Eisenbahntunnelbau, schlug dem Kommandierenden General des IX. Korps, Generalmajor Ambrose Burnside, vor, diese Bastion der Konföderierten mit einem Stollen zu unterminieren und in die Luft zu sprengen. Meade stimmte diesem Plan wenig begeistert zu, wohl hauptsächlich, weil dadurch die Soldaten beschäftigt seien.
Widerwillig hatte auch Generalleutnant Grant dem Plan Burnsides zugestimmt. Mit dem Fortschreiten der Arbeiten am Stollen sah er jedoch eine erneute Möglichkeit, die Stellungen der Konföderierten zu durchbrechen und Petersburg zu nehmen. Deshalb befahl er der Potomac-Armee eine Operation auf dem rechten Flügel nördlich des James durchzuführen. Tatsächlich wurde General Lee durch die Erste Schlacht bei Deep Bottom gezwungen, Truppenteile aus der Front vor dem IX. Korps herauszuziehen. Generalleutnant Grant befahl den Angriffsbeginn für den 30. Juli. Um einen eventuellen Erfolg sofort ausnutzen zu können, ließ Generalmajor Meade die beiden benachbarten Korps so bereitstellen, dass sie den Angriff in die Tiefe fortführen konnten.
Ausgangslage mini|rot: konföderierte Truppenblau: UnionstruppenDer Plan der Bergleute aus Pennsylvania wurde von den Heerespionieren geringschätzig betrachtet. Schließlich war es noch nie gelungen, einen Stollen über eine Länge von mehr als 120 m unter eine Stellung zu treiben. Deshalb erhielt Oberstleutnant Pleasants keine personelle oder materielle Unterstützung durch den Armeepionierführer. Die Potomac-Armee stellte weder zusätzliches Personal noch Geräte (Schaufeln, Spitzhacken usw.) oder Material zum Abstützen des Stollens zur Verfügung. Sogar einen Theodolit musste sich Pleasants aus Washington leihen.Shelby Foote, The Civil War – Red River to Appomattox, S. 532 Am 25. Juni begannen die Arbeiten. Den Stollenanfang verschloss eine luftdichte Tür. Eine viereckige Lutte verlief vom Eingang bis zum Stollenende und versorgte die Arbeiter mit Frischluft. Die Luftzirkulation wurde mit Hilfe eines Kamins aufrechterhalten. Die Soldaten stellten den Stollen am 17. Juli fertig. Er war 155 m lang und endete in drei Seitengängen, die ab dem 23. Juli mit insgesamt dreieinhalb Tonnen Schwarzpulver so gefüllt wurden, dass die Wucht der Explosion nach oben gerichtet war. Die letzten zwölf Meter des Stollens ließ Pleasant als Verdämmung wieder füllen.
Das taktische Ziel des nach der Explosion der Mine durchzuführenden Angriffs sollte der Kamm einer Bodenwelle (Cemetery Ridge) 450 m hinter den konföderierten Stellungen sein, von der aus es möglich war, Petersburg direkt zu beschießen.
Auf konföderierter Seite blieb das Graben des Stollens nicht unbemerkt. Brigadegeneral Edward Porter Alexander meldete General Lee am 30. Juni, dass er vermute, das aus Bergarbeitern bestehende 48. Pennsylvania Regiment baue einen Stollen unter den Frontvorsprung. Obwohl auch die konföderierten Pioniere einen solchen Stollen für unrealistisch hielten, ließ Lee sofort Schächte beiderseits des Frontvorsprungs ausheben, an deren Ende Horchstollen vorgetrieben wurden. Der Stollen der Union wurde nicht gefunden, und da die Grabungsgeräusche nach dem 23. Juli aufhörten, gingen die Konföderierten davon aus, dass das Vorhaben der Union aufgegeben oder gescheitert war.
Planung mini|Skizze des Stollens
Allgemeines Das IX. Korps bestand aus vier Divisionen. Burnside hatte die Einsatzbereitschaft der Divisionen durch Oberstleutnant Loring überprüfen lassen. Dieser meldete dem Kommandierenden General, dass die weißen Truppen des Korps zu einem Sturmangriff nicht geeignet seien.John F. Schmutz, The Battle of the Crater, S. 92 Die 4. Division war während des Überland-Feldzuges ausschließlich mit Bewachungs- und Versorgungsaufgaben im Rückwärtigen Korpsgebiet beauftragt gewesen. Sie war deshalb die stärkste Division des Korps. Die Division führte Brigadegeneral Edward Ferrero, sie bestand ausschließlich aus farbigen Soldaten.
Der Operationsplan sah vor, beiderseits der durch die Detonation geschlagenen Bresche vorzugehen, die dort befindlichen konföderierten Stellungen zu nehmen und den folgenden Divisionen so die Möglichkeit zu geben, ohne feindliches Feuer aus der Flanke in die Tiefe auf die Cemetery Ridge vorzustoßen.
Die 4. Division begann nach der Auftragserteilung mit der Vorbereitung. Dazu gehörten Geländeeinweisungen der Kommandeure und Kompaniechefs sowie intensive Gefechtsübungen der Regimenter. Die Ausbildung begann drei Wochen vor der geplanten Operation und dauerte so lange, bis die Soldaten der Regimenter die Bewegungen auch bei Dunkelheit durchführen konnten.John F. Schmutz, The Battle of the Crater, S. 96f
Burnside trug Generalmajor Meade seinen Operationsplan am 28. Juli vor. Meade hatte bereits früher die Menge des für die Sprengung benötigten Sprengstoffes um ein Viertel verringert. Nun stimmte er dem Einsatz der farbigen Division als Angriffsspitze nicht zu, weil er Farbige für unfähig hielt, solche schwierigen Aufgaben zu erfüllen. Zudem bestand Meade darauf, dass die angreifenden Truppenteile durch die Bresche hindurch direkt auf das Angriffsziel – Cemetery Ridge – vorstoßen sollten, ohne auf eine eventuelle Flankenbedrohung zu achten. Burnside protestierte heftig gegen diese Befehle und erreichte, dass Meade, der noch am selben Tag zu Generalleutnant Grant reiten wollte, diesen um eine Entscheidung bat.John F. Schmutz, The Battle of the Crater, S. 97ff Als Burnside am Abend und am nächsten Morgen keine Informationen über eine anders lautende Entscheidung Grants vom Armeeoberkommando erhielt, nahm er an, sein Operationsplan sei bewilligt und fragte auch nicht erneut bei der Armee nach. Er legte den Angriffsbeginn für den 30. Juli, 3.30 Uhr fest.
Gegen Mittag des 29. Juli erschien Generalmajor Meade bei Burnside und teilte ihm mit, dass Generalleutnant Grant entschieden habe, dass weiße Divisionen als Angriffsspitzen einzusetzen seien. Meade selbst bestand darauf, dass der Angriff unter allen Umständen auf die Cemetery Ridge zielen sollte, ohne auf die Flanken zu achten.
Bei einer mehrstündigen Besprechung, an der die drei „weißen“ Divisionskommandeure teilnahmen, konnte Burnside sich nicht entscheiden, welche Division als Angriffsspitze eingesetzt werden sollte. Gegen 15.00 Uhr warf er schließlich drei Zettel in einen Hut; der Divisionskommandeur der 1. Division, Brigadegeneral Ledlie, „gewann“. Burnside beauftragte Oberstleutnant Loring die Divisionskommandeure in das Gelände einzuweisen und befahl die Ausgangsstellungen der Divisionen.
Operationspläne Meade erschien am Nachmittag noch einmal beim IX. Korps, um sich zu überzeugen, dass der von ihm befohlene Angriff auf Cemetery Ridge auch ohne Abweichungen geplant wurde.John F. Schmutz, The Battle of the Crater, S. 102 Der Operationsplan der Potomac-Armee sah vor:
Das IX. Korps sollte nach der Detonation um 3.30 Uhr über die Bresche hinweg angreifen, die Höhe (Cemetery Ridge) nehmen und halten. Anschließend sollte das XVIII. rechts und das V. Korps links über das IX. Korps hinweg den erreichten Brückenkopf ausweiten. Burnside musste den durchdachten Operationsplan für das IX. Korps wegen der Anweisungen Meades ändern. Dieser sah nun vor:
Die 1. Division sollte durch die Bresche angreifen. Das Angriffsziel war Cemetery Ridge jenseits der Bresche. Die 2. und 3. Division sollten der 1. folgen, und, wenn diese das Angriffsziel genommen hatte, links und rechts der 1. Division den Flankenschutz übernehmen. Die 4. Division sollte anschließend über die 1. Division und weiter in Richtung Petersburg angreifen.
Brigadegeneral Ledlie befahl seinen beiden Brigadekommandeuren, links und rechts der Bresche vorzugehen und die konföderierten Stellungen zu nehmen. Der wahrscheinlich durch die Explosion entstehende Krater sollte nicht betreten werden. Ledlie nahm an, dass danach die beiden anderen Divisionen ebenfalls links und rechts der Bresche angreifen, während die 4. Division durch die Bresche auf Cemetery Ridge vorgehen würde.
Ein Brigadekommandeur der 1. Division schärfte seinen Kommandeuren ein, dass die Einnahme und das Halten der gegnerischen Verschanzungen beiderseits der Bresche vordringliches Ziel der 1. Division sei. Die Einnahme von Cemetery Ridge sei von untergeordneter Bedeutung.John F. Schmutz, The Battle of the Crater, S. 102ff
Lage der Konföderierten Nachdem Brigadegeneral Alexander den Bau des Stollens bemerkt hatte, befahl er eine Umgliederung der konföderierten Artillerie. In Elliot’s Salient verblieb nur noch eine Batterie bestehend aus vier Geschützen; links, hinter und rechts des Vorsprungs ließ er Batterien so in Stellung gehen, dass das Feuer auf Elliot’s Salient zusammengefasst werden konnte. Die Feldbefestigungen im Vorsprung wurden unverändert von Teilen der 18. und 22. South Carolina Infanterieregimenter aus Elliots Brigade besetzt. Die Verbände der benachbarten Infanteriebrigaden konnten flankierend auf Elliot’s Salient wirken. Für den Fall der Detonation einer Mine ließ General Beauregard ungefähr 30 m hinter dem Vorsprung eine neue Feldbefestigung mit einer Wallhöhe von ungefähr drei Meter bauen, die deutlich höher als die Feldbefestigungen der Hauptkampflinie war.
Ablauf der Schlacht Angriffsbeginn Am späten Abend und in der Nacht verließen die 1. bis 3. Division des IX. Korps ebenso wie die für die Ausweitung des Erfolges vorgesehenen Verbände der benachbarten Korps ihre Feldbefestigungen und verlegten weitgehend lautlos in die Räume, aus denen der Angriff beginnen sollte. Die 1. Division erreichte ihre Ausgangsstellungen erst gegen 2.00 Uhr. Insgesamt standen ungefähr 20.000 Soldaten für den Angriff bereit.
Um die Explosion zeitgerecht um 3.30 Uhr erfolgen zu lassen, zündeten Soldaten des 48. Pennsylvania Infanterieregiments die Zündschnur im Stollen an. Als bis 4.00 Uhr keine Explosion erfolgt war, wagten sich erneut Soldaten in den Stollen. Die Zündschnur war erloschen. Die Soldaten bauten eine neue Lunte ein und entzündeten diese. Um 4.44 Uhr explodierten die unter Elliot’s Salient verbauten dreieinhalb Tonnen Schwarzpulver.
mini| Die Explosion überraschte viele konföderierte Soldaten im Schlaf. Körper und Körperteile, Kriegsgeräte und Erde flogen durch die Luft, viele Soldaten in Unterständen wurden verschüttet. Durch die Explosion waren unmittelbar 278 Soldaten getötet oder verwundet worden. Die Artilleriebatterie verlor alle vier Geschütze. Die überlebenden Soldaten in den Feldbefestigungen beiderseits Elliot’s Salient flohen demoralisiert. Zwischen der 1. Division und Cemetery Ridge befanden sich daher keine konföderierten Truppen mehr. Direkt nach der Explosion riegelte die Unionsartillerie das Gelände jenseits des entstandenen Kraters ab.