mini|Isabella Beeton, um 1854. Diese handkolorierte Fotografie wurde 1932 in die National Portrait Gallery aufgenommen Isabella Mary Beeton (* 14. März 1836 in London als Isabella Mayson; † 6. Februar 1865), allgemein bekannt als Mrs Beeton, war die Hauptautorin des Buches Mrs Beeton’s Book of Household Management, das schon kurz nach dem Erscheinen zum Bestseller wurde und bis heute in unzähligen Ausgaben nachgedruckt wird. Isabella Beeton starb im Alter von nur 28 Jahren im Kindbett. Sie gilt als berühmteste und bekannteste Kochbuchautorin Großbritanniens. Ihr Name wurde, losgelöst von ihrer Person, zum Markennamen, unter dem bis heute Bücher und Lebensmittel verkauft und beworben werden.

Leben Kindheit und Ausbildung mini|Der Drucker und Rennbahndirektor Henry Dorling, Isabella Beetons Stiefvater, in den 1860er Jahren mini|Ormond House in Epsom, hier wohnte die Familie Beeton-Dorling ab ca. 1850

Isabella Mary Mayson wurde 1836 in Marylebone, London geboren. Kurz nach ihrer Geburt siedelte die Familie in das Handelshaus ihres Vaters, eines Tuchgroßhändlers am Clement’s Court in der Londoner City, über. Noch 1836 zog das prosperierende Handelsunternehmen samt Familie in die Milk Street um, wo Benjamin Mayson ein repräsentatives Gebäude erworben hatte. 1840 starb Benjamin Mayson im Alter von nur 39 Jahren. Seine Witwe, die erst 25 Jahre alte Elizabeth Mayson, fand sich plötzlich als Eigentümerin eines Tuchhandelsgeschäftes mit vier kleinen Kindern wieder. Isabella, die älteste der vier Geschwister, wurde zunächst zu ihrem Großvater, einem verwitweten Pfarrer in Great Orton (Cumbria), geschickt. Isabellas Mutter führte das Geschäft wohl mit wenig Erfolg weiter, wie ein Bittbrief an ihren Schwiegervater zeigt. 1843 heiratete Elizabeth Mayson den Drucker Henry Dorling, mit dessen Familie die Maysons schon lange befreundet waren. Henry Dorling war ebenfalls gerade Witwer geworden und hatte vier kleine Kinder.

Henry Dorling war Inhaber einer Druckerei und hatte sich in den Jahren zuvor mehr und mehr auch für das Epsom Derby, ein äußerst populäres jährliches Pferderennen, engagiert, das mit der 1837 eingerichteten Bahnanbindung zunehmend die Londoner Massen anzog.Für 1843 wird von 127.500 Besuchern berichtet (Hughes, S. 43) Seit 1839 führte er als Clerk of the Course (Direktor der Rennbahn) die Geschäfte des Rennens. 1845 konnte er die Pacht des Grandstand, eines klassizistischen Tribünengebäudes mit Galerien, Balkonen, aber auch Festsälen, Salons und Hotelzimmern, das 5000 Zuschauern Platz bot, erwerben.

Nachdem sich die neue Familie mit ihren acht Kindern – Isabella war inzwischen aus Great Orton zu ihrer Mutter zurückgekehrt – zunächst in dem Gebäude von Henry Dorlings Druckerei in Epsom eingerichtet hatte, zog die Großfamilie einige Jahre später in das Ormond House um. An das stolze, weiße, freistehende Haus waren in Form eines antiken Tempels Druckerei und Bücherei des Stiefvaters angebaut. Charles Dickens berichtet 1851: „A railway takes us, in less than an hour, from London Bridge to the capital of the racing world, close to the abode of the Great Man who is – need we add! – the Clerk of Epsom Course. It is necessarily, one of the best houses in the place, being – honour to literature – a flourishing bookseller’s shop“.Charles Dickens in Household Worlds, 1851, zit. nach Hughes, 54 (Eine Eisenbahn bringt uns in weniger als einer Stunde von London Bridge zur Hauptstadt der Welt der Pferderennen, direkt zum Wohnsitz des Großen Mannes, der – muss man das erwähnen? – der Direktor der Rennbahn in Epsom ist. Es ist natürlich eines der besten Häuser des Orts, und – Ehre der Literatur – eine blühende Buchhandlung.) Da das Haus für die zunehmend große Kinderzahl – bis 1859 wuchs sie auf insgesamt 21 Kinder an – zu eng war, wohnten einige der Kinder, darunter auch Isabella, zeitweise in dem außerhalb der Rennsaison weitgehend ungenutzten Grandstand.

Von Isabella Maysons Schulbildung ist bekannt, dass sie zunächst ein kleines Internat in London besuchte, das wie viele solcher Institutionen der viktorianischen Zeit nur wenige Schülerinnen beherbergte und von zwei alleinstehenden älteren Damen geleitet wurde. Von 1851 bis 1854 lebte Isabella Mayson in Heidelberg in der Schule von Charlotte und Auguste Heidel, einem Internat, das sich auf englische Schülerinnen spezialisiert hatte. Der Stundenplan umfasste neben Deutsch und Französisch auch „logisches Denken“, Naturgeschichte und Mathematik sowie Geschichte und Geografie. Hinzu kamen Kalligrafie und Handarbeiten.

Heirat mit Samuel Beeton mini|links|hochkant|Samuel Orchard Beeton im Alter von 23 Jahren, 1854

Nach ihrer Rückkehr in das Haus ihres Stiefvaters in Epsom nahm Isabella Mayson, die nun gewissermaßen offiziell dem Heiratsmarkt zur Verfügung stand, Klavierunterricht bei Julius Benedict in London sowie – zum Erstaunen ihrer Familie – Backunterricht bei einem örtlichen Bäcker. Vermutlich wurde Isabella Mayson während eines Aufenthalts in London dem Verleger von Büchern und populären Magazinen Samuel Orchard Beeton vorgestellt. Die Familien Mayson, Beeton und Dorling hatten schon seit langem miteinander in Kontakt gestanden. Alle drei Familien sandten ihre Töchter in das Heidelsche Institut nach Heidelberg, weitere Kontakte ergaben sich durch die Pferderennen in Epsom. Dennoch ist nicht bekannt, wann und unter welchen Umständen sich Samuel Beeton und Isabella Mayson kennenlernten. Der formellen Verlobung im Sommer 1855 folgte bis zur Hochzeit ein Jahr intensiven Briefwechsels. Diese Briefe sind erhalten geblieben und lassen bereits die klare, direkte und willensstarke Sprache der späteren Autorin anklingen.Einschätzung von Kathryn Hughes, die große Teile des Briefwechsels referiert

Isabella Mayson und Samuel Beeton heirateten am 10. Juli 1856 in der St. Martin’s Parish Church in Epsom. Das anschließende Breakfast im Grandstand mit den Gästen kann man sich anhand der Bill of fare for a July wedding, ball, or christening, for 70 or 80 guests (Menüfolge für eine Hochzeit, einen Ball oder eine Taufe im Juli mit 70 oder 80 Gästen), die Isabella Beeton im Book of Household Management später auflistet, als opulentes Fest mit exquisiten Speisen vorstellen. Nach der Hochzeitsreise durch Frankreich und Deutschland bezog das Ehepaar Beeton im August 1856 die Chandos Villa Number 2, eine neuerbaute, großzügige Doppelhaushälfte in Pinner, einem nordwestlichen Vorort von London in der Grafschaft Middlesex (seit 1965 gehört Pinner zu Greater London). Das Haus umfasste fünf Schlafräume und war mit fließendem Wasser und einer Ölheizung ausgestattet. Wie damals üblich, hatte Samuel Beeton das Haus vor der Hochzeit bereits einrichten lassen. Aus Isabellas Briefen während der Verlobungszeit geht allerdings hervor, dass sie durchaus einigen Einfluss auf die Gestaltung der Räume nahm und genaue Vorstellungen von Materialien und Funktionen hatte, die sie ihrem Verlobten direkt und unmissverständlich übermittelte. Anders als Isabella Beeton dies in ihren Büchern propagierte, hatte sie selbst jedoch wohl nie mehr als zwei Hausangestellte.

Journalistische Anfänge und das Book of Household Management mini|Chandos Villas in Pinner, hier wohnten Isabella und Samuel Beeton ab 1856

Bereits kurz nach der Hochzeit wurde Isabella Beeton schwanger. Während dieser Zeit begann sie, für das im Verlag ihres Mannes erscheinende The Englishwoman’s Domestic Magazine Artikel über Mode, Kochen und Haushaltsführung zu verfassen. Ihre ersten Beiträge erschienen im März 1857, nur wenige Wochen vor der Geburt des ersten Kindes. Es ist unklar, was Isabella Beeton bewog, sich gerade zu dieser Zeit journalistisch zu betätigen. Sie hatte schon vorher einige fiktionale Texte aus dem Französischen und dem Deutschen für das Magazin übersetzt, und ihre erhaltenen Briefe aus der Verlobungszeit beweisen ihre sprachliche Gewandtheit. Vermutlich waren es jedoch eher ökonomische Gründe – das 1852 gegründete Magazin erlebte zu dieser Zeit seine erste Flaute und einige der Kolumnen wie Cooking, Pickling and Preserving (Kochen, Einlegen und Einmachen) oder Things Worth Knowing (Wissenswertes) waren seit Monaten verwaist, es fehlte wohl an kompetenten weiblichen Journalisten.

Isabella Beetons erstes Kind Samuel Orchart starb im Alter von drei Monaten. Aus heutiger Sicht spricht viel dafür, dass das Kind an pränataler Syphilis litt, mit der Samuel Beeton seine Ehefrau vermutlich angesteckt hatte. Die Tatsache, dass sie bis zur Geburt des zweiten Kindes 1859 mehrere Fehlgeburten erlitt, unterstützt diese These.Hughes, S. 181ff.

mini|Isabella Beeton, 1860Isabella Beeton hatte begonnen, regelmäßig die Beiträge für die Rubrik Cooking, Pickling and Preserving zu verfassen. Schon bald darauf scheinen die Beetons die Zusammenstellung eines größeren Kochbuchs geplant zu haben, wie ein Brief aus dem Juli 1857 von Henrietta English, einer Freundin der Familie Dorling, nahelegt, die die Beetons in dieser Sache um Rat gefragt hatten. Henrietta English empfiehlt Therefore my advice would be compile a book from receipts from a Variety of the Best Books published on Cookery and Heaven knows there is a great variety for you to choose from (Mein Rat ist daher: Stellen Sie ein Buch zusammen mit Rezepten aus einer Auswahl der besten Bücher über das Kochen, es gibt, weiß der Himmel, eine große Zahl, aus der Sie wählen können).Hughes, S. 190. In der Tat scheint Isabella Beeton diesem Rat gefolgt zu sein: Vergleiche des Book of Household Management mit anderen, früheren Kochbüchern zeigen, dass ein Großteil der Beetonschen Rezepte, ja sogar ganze Textpassagen aus anderen Büchern stammen. Ihre Funktion war also eher die einer Herausgeberin. Der Inhalt entsprang nicht der reichen Erfahrung einer einzigen Köchin und Autorin, sondern der akribischen Recherche und geschickten Collage einer erst 23-jährigen Journalistin ohne nennenswerte Haushalts- oder Kocherfahrung. Das zu dieser Zeit in England nur vage ausgebildete Urheberrecht stand der Übernahme fremder Texte für ein neues Werk ebenfalls nicht im Wege. Das Buch sollte vermutlich in einer Reihe mit weiteren Überblickswerken und Lexika (wie zum Beispiel Beeton’s Dictionary of Universal Information oder Beeton’s Book of Birds) erscheinen, die Samuel Beeton gerade verlegte. Dennoch galt Mrs Beeton in England lange Zeit als innovative Originalautorin – eine Fehleinschätzung, die erst Ende des 20. Jahrhunderts als solche entlarvt wurde und das Bild der Isabella Beeton nachhaltig wandelte.

Der erste Teil des Book of Household Management erschien im November 1859, fünf Monate nach der Geburt des zweiten Kindes (wiederum Samuel Orchart), und umfasste 48 Seiten. Samuel Beeton bewarb die Reihe heftig im Englishwoman’s Domestic Magazine, wo er zunächst 14 bis 18 Teillieferungen ankündigte. Die Entscheidung, 24 Teile zu veröffentlichen, scheint erst im Jahr 1861 gefallen zu sein – daraus ergibt sich, dass Isabella Beeton an den letzten Teilen noch recherchierte, während ein Großteil des Buches bereits erschienen war.

Arbeit im Verlag S. O. Beeton mini|Titelseite The Englishwoman’s Domestic Magazine, September 1861 mini|Modezeichnung aus The Englishwoman’s Domestic Magazine, 1869

Mit dem Relaunch des Englishwoman’s Domestic Magazine, das ab Mai 1860 in einem neuen Format und mit aufwändigerer Gestaltung erschien, firmierte Isabella Beeton neben ihrem Ehemann als Herausgeberin. Dabei handelte es sich nicht nur um einen klangvollen Titel, sondern um eine anspruchsvolle Berufstätigkeit, die Isabella Beeton entschlossen in Angriff nahm. Sie schrieb nun nicht mehr von zuhause aus, sondern begleitete Samuel Beeton täglich in das Londoner Büro des Verlages S. O. Beeton, der gerade mit dem Haushaltsbuch und dem Beeton’s Dictionary of Universal Information, der ebenfalls in Teillieferungen erschien, große Verkaufserfolge feierte. Beide im Verlag erscheinenden Magazine wurden zu dieser Zeit überarbeitet und für einen anspruchsvolleren Markt ausgerichtet.