Der Bundeskanzler ist der Kanzler der Schweizerischen Eidgenossenschaft und leitet die Bundeskanzlei. Der Bundeskanzler ist der Stabschef der Regierung (Bundesrat) und übernimmt für diese verschiedene Aufgaben. Anders als in den Nachbarländern Deutschland und Österreich ist der Bundeskanzler in der Schweiz nicht der Regierungschef – eine Funktion, die im politischen System der Schweiz nicht existent ist bzw. vom Bundesrat als Kollegium wahrgenommen wird. Der amtierende Bundeskanzler ist seit dem 1. Januar 2024 Viktor Rossi (GLP/BE).
Dem Bundeskanzler stehen zwei Vizekanzler zur Seite, wobei einer der beiden Vizekanzler zugleich die Funktion des Bundesratssprechers ausübt. Die Vizekanzlerinnen sind Rachel Salzmann (Mitte/VS) und Nicole Lamon (VS).
Wahl Der Bundeskanzler wird durch die Vereinigte Bundesversammlung (Parlament) jeweils für die Dauer von vier Jahren gewählt. Die Wahl erfolgt jeweils am selben Tag wie die Gesamterneuerungswahl des Bundesrates, wobei es bei einem vorzeitigen Rücktritt auch in der Zwischenzeit zu einer Neuwahl kommen kann. Stellt sich ein amtierender Bundeskanzler zur Wiederwahl, wird er üblicherweise wiedergewählt – zu einer Abwahl (wie die Nichtwiederwahl umgangssprachlich genannt wird) ist es in der Geschichte des Bundesstaates bislang nicht gekommen.
Der Bundeskanzler ist, wie die Bundesräte, eine sogenannte Magistratsperson und ist damit, anders als etwa die Vizekanzler, die Staatssekretäre oder die Direktoren der Bundesämter, kein Bundesangestellter.
Die Vizekanzler werden nicht durch das Parlament gewählt, sondern durch den Bundesrat ernannt.
Funktion und Kompetenz Der Bundeskanzler nimmt in seiner Funktion zusammen mit den beiden Vizekanzlern an den wöchentlichen Sitzungen des Bundesrates, der Schweizer Landesregierung, teil. Er hat dabei eine beratende Stimme und kann Anträge stellen. Der Bundeskanzler gilt als Stabschef der Regierung und wird aufgrund seiner bedeutenden Stellung umgangssprachlich zuweilen als «achter Bundesrat» (der Bundesrat besteht aus sieben Mitgliedern) bezeichnet.
In der schweizerischen Konkordanzdemokratie, in der seit den 1940er Jahren in der Regel alle grossen Parteien in der Regierung vertreten sind, nimmt der Bundeskanzler eine überparteiliche Funktion wahr. Die Bundeskanzler sind zwar Mitglieder einer politischen Partei, haben aber vor ihrer Wahl üblicherweise keine wichtigen parteipolitischen Funktionen ausgeübt (auch nicht als Mitglieder des eidgenössischen Parlaments), sondern waren als Chefbeamte in der Bundesverwaltung tätig.
Der Bundeskanzler unterstützt den Bundesrat und insbesondere den amtierenden Bundespräsidenten in der täglichen Arbeit. Die beiden Vizekanzler unterstützen den Kanzler bei dessen Arbeit, planen die Geschäfte des Bundesrates mit, nehmen an den Bundesratssitzungen teil und führen gemeinsam mit dem Kanzler die Bundeskanzlei.
Die Besoldung des Bundeskanzlers ist in der Verordnung der Bundesversammlung über Besoldung und berufliche Vorsorge der Magistratspersonen mit 81,6 Prozent der Besoldung eines Mitgliedes des Bundesrates festgelegt und wird an die Teuerung angepasst. Dies entspricht gegenwärtig rund 360'000 Franken.
In der offiziellen protokollarischen Rangfolge der Schweiz steht der Bundeskanzler an der vierten Stelle. Ihm gehen der Gesamtbundesrat (in der Rangfolge Bundespräsident, Vizepräsident des Bundesrates, übrige Mitglieder des Bundesrates sowie – gleichrangig mit dem Bundesrat, jedoch diesem nachgehend – der General der Schweizer Armee), der Nationalratspräsident sowie der Ständesratspräsident vor.
Geschichte Der Bundeskanzler ist die älteste, heute noch bestehende Institution der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Bereits 1803 beschloss die Tagsatzung, einen Eidgenössischen Kanzler einzusetzen, der mit der Gründung des Bundesstaates von 1848 zum Bundeskanzler wurde. Dem Kanzler zur Seite stand von Anfang an der Eidgenössische Staatsschreiber (seit 1852 Vizekanzler). Seit 1896 gibt es zudem einen zweiten Vizekanzler.
Amtsinhaber Jahre Bundeskanzler Partei Kanton 1803–1830 Jean-Marc Mousson parteilos 1831–1847 Josef Franz Karl Amrhyn Liberale 1847–1848 Albrecht Weyermann (interimistisch) Liberale 1848–1881 Johann Ulrich Schiess Liberale 1882–1909 Gottlieb Ringier FDP 1910–1918 Hans Schatzmann FDP 1919–1925 Adolf von Steiger FDP 1925–1934 Robert Käslin FDP 1934–1943 George Bovet FDP 1944–1951 Oskar Leimgruber KVP 1951–1967 Charles Oser FDP 1968–1981 Karl Huber CVP 1981–1991 Walter Buser SP 1991–1999 François Couchepin FDP 2000–2007 Annemarie Huber-Hotz FDP 2008–2015 Corina Casanova CVP 2016–2023 Walter Thurnherr CVP/Mitte 2024–Viktor RossiGLP
Vizekanzler Der Bundeskanzler wird durch zwei Vizekanzler unterstützt, die mehrere Abteilungen der Bundeskanzlei leiten. Von 1848 bis 1896 gab es einen Vizekanzler, seither sind es stets zwei.
Jahre Vizekanzler Partei Kanton 1848–1851 Nikolaus von Moos Liberale 1852–1872 Johann Jakob Kern Liberale 1873–1878 Johann Luzius Lüscher ? ? 1879–1881 Wilhelm Gisi Liberale 1881–1909 Hans Schatzmann FDP 1896–1902 Georges Wagnière ? 1903–1910 Charles-Joseph Gigandet ? 1910–1918 Heinrich David FDP 1918 Adolf von Steiger FDP 1919–1925 Robert Käslin FDP 1919–1927 Antoine Contat FDP 1926–1943 Oskar Leimgruber KVP 1927–1934 George Bovet FDP 1944–1951 Charles Oser FDP 1946–1967 Felix Weber FDP 1968–1980 Jean-Marc Sauvant FDP 1968–1981 Walter Buser SP 1981–1991 François Couchepin FDP 1981–2005 Achille Casanova CVP 1991–2005 Hanna Muralt Müller SP 2005–2009 Oswald Sigg SP 2005–2007 Corina Casanova CVP 2008–2016 Thomas Helbling FDP 2009–2024 André Simonazzi SP 2016–2019 Jörg De Bernardi SP 2019–2023 Viktor Rossi GLP 2024– Rachel Salzmann Mitte 2024–2025 Andrea Arcidiacono parteilos 2025– Nicole Lamon parteilos
Siehe auch Politisches System der Schweiz Bundesrat Bundeskanzlei Bundesratssprecher
Weblinks Offizielle Website der Schweizerischen Bundeskanzlei
Einzelnachweise
Kategorie:Staatsorgan (Schweiz) Kategorie:Bundesrat (Schweiz) Kategorie:Personenbezeichnung (Politik) Kategorie:Amtsbezeichnung (Schweiz)