Der Begriff Selbstgesteuertes Lernen (SGL) wird häufig synonym mit den Begriffen Selbstorganisiertes, Selbstreguliertes oder Selbstbestimmtes Lernen verwendet. Alle diese Begriffe bezeichnen die Anwendung der Prinzipien der Selbstregulierung, des Selbstmanagements und der Volition auf die Bereiche der pädagogischen Psychologie, der Schulpädagogik, der Erwachsenenbildung und der Berufspädagogik (Personalentwicklung).Ausgewertete Fachliteratur (Auswahl): Roy F. Baumeister, Kathleen D. Vohs (Hrsg.): Handbook of self-regulation, research, theory and applications. New York: Guilford Publications, 2004; Joseph P. Forgas u. a. (Hrsg.): Psychology of Self-Regulation. New York 2009; Rick H. Hoyle (Hrsg.): Handbook of Personality and Self-Regulation, Blackwell Publishing: 2010

Merkmale Die Merkmale eines selbstgesteuerten Lernens sind: Eigenständige Zielsetzung Selbstmotivation Auswahl geeigneter Lernstrategien und Lerntaktiken Überwindung von Problemen, zum Beispiel Lernhindernissen und Ablenkungen LernerfolgskontrolleMarzita Puteh und Mahani Ibrahim: The Usage of Self-Regulated Learning Strategies among Form Four Students in the Mathematical Problem-Solving Context, in: Procedia Social and Behavioral Sciences, Vol. 8 (2010), S. 446 ff.

Geschichte Die Idee tauchte prinzipiell schon in der Frühen Neuzeit beim zwangsfreien Lernen von Johann Amos Comenius auf. Historisch frühe reformpädagogische Ansätze sind unter anderem von Hugo Gaudig (1922 Selbsttätigkeit des Schülers), Maria Montessori (selbsttätige Erziehung im frühen Kindesalter), Célestin Freinet (genossenschaftliche Klassenführung), Alexander Sutherland Neill und Paulo Freire (selbstgesteuertes Lernen durch alternative pädagogische Lernformen) geprägt worden. Carl Rogers (On Becoming a Person, 1961) entwickelte eine umfassende Bildungsphilosophie (ganzheitliches Menschenbild basierend auf selbstgesteuertem Lernen).

Zu den modernen Grundlagen des selbstgesteuerten Lernens gehört die Forschung von Albert Bandura seit Anfang der 1940er Jahre, insbesondere seine sozialkognitive Lerntheorie und seine Arbeiten zur Selbstregulation.Albert Bandura, Social learning theory, New York 1977 und derselbe, Social cognitive theory of self-regulation, in: Organizational Behavior and Human Decision Processes, Vol. 50 (1991), Issue 2 Diese Arbeiten und Erkenntnisse haben dazu beigetragen, die Aufmerksamkeit der Fachwelt auf ein wichtiges Problem zu lenken: Bis Ende der 1970er Jahre war es üblich, den Lernerfolg auf individuelle Fähigkeiten wie zum Beispiel Intelligenz, Motorik, Gedächtnis oder das Lernumfeld zurückzuführen. Tatsächlich stellte sich aber heraus, dass viele Studierende trotz derartiger Eigenschaften keine überzeugenden Leistungen erbracht oder sogar versagt haben. In der Schulkritik von Klaus Holzkamp wird deutschen Bildungsinstitutionen, insbesondere der Schule, vorgeworfen, in der verlangten Entwicklung hin zu selbstbestimmtem Lernen noch Nachholbedarf zu haben, denn zu sehr werde das Individuum dort durch Stoffpläne, Lehrziele und Leistungsbewertungen zum weitgehend fremdbestimmten Lernen veranlasst oder gezwungen.

Als wesentlich wichtiger für den Lernerfolg erwiesen sich dagegen Kompetenzen der Selbstregulierung. Dazu gehören Fähigkeiten wie zum Beispiel Selbstmotivierung, vorausschauende Planung und Selbstbeurteilung (Feedback); außerdem waren besonders erfolgreiche Lernende in der Lage, ihr Lernumfeld sinnvoll zu gestalten und zielführende Lernstrategien anzuwenden. Nach ihrem Selbstbild waren sie autonom, kompetent und selbstbewusst. Ein aktuelles empirisches Forschungsprojekt zur Begabungs- und Hochbegabtenförderung in Deutschland kam ebenfalls zu dem Ergebnis, dass Selbststeuerung für den Schulerfolg wichtiger sei als Intelligenz. Aus diesen Forschungsergebnissen resultiert die Frage, wie Eltern und Pädagogen diese Fähigkeiten fördern können, und ob das im Rahmen staatlich-bürokratischer Schulsysteme überhaupt möglich ist.Barry Zimmerman: Becoming a Self-Regulated Learner: Which Are the Key Subprocesses? In: Contemporary Educational Psychology, Vol. 11 (1986)

Aktuell lassen sich die Konzepte innerhalb der konstruktivistischen Didaktik einordnen und gelten daher als didaktisch-methodisches Konzept. In der Erwachsenenbildung werden sie über praktische Werkstattübungen, Fallbeispiele und Seminareinheiten, zu denen auch die Teilnehmer im begrenzten Umfang als Experten beitragen, ohne eine pädagogische Ausbildung zu haben, für Umschüler oder für die innerbetriebliche Personalentwicklung relevant.

Einteilung Allgemein meint der Begriff des selbstbestimmten Lernens, dass lernende Kinder oder Erwachsene über die Ziele und Inhalte, über die Formen und Wege, Ergebnisse und Zeiten sowie die Orte ihres Lernens selbst entscheiden. Wenn Lernende bei vorgegebenen Inhalten und Zielen ihr eigenes Lernen selbst steuern und Entscheidungen über die Art und Weise ihrer Lernorganisation fällen, so spricht man besser vom selbstorganisierten Lernen als vom „selbstbestimmten Lernen“.vgl. Bannach 2002, S. 87

Derartige didaktische Konzepte mit dem Ansatz, Schülern und anderen Lernenden die Möglichkeit zu geben, schrittweise selbständiges und selbstverantwortliches Arbeiten einzuüben, erlauben den Lernenden, den Lernprozess vollständig oder teilweise selbst zu gestalten. Bei vollständiger Selbstbestimmung setzt sich der Lernende selbständig Lernziele und führt Lernaktivitäten durch, um die Lernziele zu erreichen. Welche Lernaktivitäten der Lernende wann, wo und in welcher Reihenfolge ausführt, bestimmt er selbst.

Geben die Schüler selbst den Unterricht für die anderen Teilnehmer oder legen Bildungsziele fest, so spricht man von Lernen durch Lehren. Die Selbststeuerung erfolgt hierbei allerdings in etwas engeren Grenzen. Der Stoff (also das Lernziel) ist in der Regel vorgegeben. Die Wege zum Lernziel können von den Teilnehmern hingegen weitgehend selbst organisiert werden. Häufig geschieht dies auf der Grundlage von Hinweisen des Lehrers in Bezug auf geeignete Verfahren zur Präsentation. Die Lernenden arbeiten somit nicht autodidaktisch, sondern erwerben eine begleitete Methodenkompetenz, bei generischer Sicht eine Informationskompetenz (vgl. in diesem Zusammenhang auch die Diskussion um „informelles Lernen“).

Noch weitergehende Ansätze, die eine Selbststeuerung des gesamten Schulbetriebes betreffen, sind als Demokratische Schule (z. B. Summerhill) bekannt (s. u.).

Unterrichtsverfahren und -methoden Konkrete Verfahren zum selbstgesteuerten Lernen aus dem Repertoire der Unterrichtsmethoden finden sich übergreifend im Schulbetrieb, bei Aus- und Fortbildung, im Fachstudium sowie der Erwachsenenbildung. Die Selbsterfahrungsanteile und Selbstbestimmungsanteile sind hier durchweg höher als bei rezeptiven Verfahren wie der Vorlesung, dem Frontalunterricht oder dem Lehrgang. Hierbei wird auch deutlich, dass die Diskussion von Lernkonzepten sich nicht auf Schüler beschränken (darf).

Selbstorganisiertes Lernen bietet dem Lehrer vielfältige Möglichkeiten, einen interessanten und abwechslungsreichen Unterricht zu gestalten. Diese Verfahren werden untergliedert in:

a) erarbeitende Verfahren: Stationenlernen → Schüler müssen in freier Zeiteinteilung, beliebiger Reihenfolge und Sozialform Wahl- und Pflichtaufgaben in Stationen bearbeiten Moderation → Gruppendiskussion unter Berücksichtigung aller Gruppenmitglieder Gruppenpuzzle → Schülergruppen bearbeiten Teilthemen eines Gesamtthemas und müssen danach in neuen Gruppen jeweils ihr Thema vorstellen Projektarbeit → Schüler bearbeiten ein gemeinsam ausgewähltes Thema über einen längeren Zeitraum

b) darstellende Verfahren: Präsentation → bearbeitete Themen werden vor der Klasse dargestellt Visualisierung → Veranschaulichung von abstrakten Themen Referat → Schüler stellen ein bearbeitetes Thema in einem Vortrag der Klasse vor (einzeln oder in kleinen Gruppen) Thesenpapier → knappe Zusammenfassung eines Themas (oft in Zusammenhang mit Referaten) Rollenspiel / Planspiel → komplexe Themen werden in vereinfachten Situationen nachgespielt

c) Verfahren zur Vertiefung: Sortieraufgaben → dienen der Überprüfung gelernter Inhalte für die anschließende Vertiefung Strukturierung → komplexe Themen werden in klarer Struktur vereinfacht wiedergegeben Domino → passende Fragen und Antworten müssen wie beim Dominospiel aneinandergelegt werden

d) Vernetzung von Inhalten: ganzheitlich Lernen (erweiterter Lernbegriff) entdeckendes Lernen / (Forschend-entwickelnder Unterricht)

e) Integrierende Methode: Lernen durch Lehren (LdL) → Kleine Schülergruppen bekommen die Aufgabe, einen Abschnitt des neuen Stoffes der ganzen Klasse zu vermitteln. Dabei werden alle unter a) bis d) genannten Verfahren integriert.

f) Instrumente für die Selbstorganisation: Zielplanung → um freie Lernphasen zu organisieren Lerntagebuch → für die Dokumentation des Lernprozesses Reflexionsmethoden → als Möglichkeit, den Lernprozess zu optimieren; fließen in neue Zielplanungen ein

Weitere Methoden und Ansätze sind BarCamp, Coaching, Evaluation, Freie Arbeit, Handlungsorientierter Unterricht, Kollegiale Fallberatung, Offener Unterricht/Offenes Lernen, Supervision, Szenariotechnik, Training, Workshop oder Zukunftswerkstatt.

Spezielle Ausprägungen Der Begriff des Selbstbestimmten Lernens mit seinen Differenzierungen nimmt gegenwärtig in den Diskursen der Schulpädagogik, der Erwachsenenbildung und der pädagogischen Psychologie einen großen Stellenwert ein. Entsprechend vielfältig sind die begrifflichen Definitionen von Autor zu Autor uneinheitlich.

Teile der Lehr-Lernmethoden oder auch Unterrichtstechniken des Göttinger Kataloges beinhalten verschiedene Formen selbstgesteuerten Lernens mit methodischer als auch didaktischer Abweichung vom klassischen Frontalunterricht:

Allein oder in kleiner Gruppe: Fernstudium (Funkkolleg, Telekolleg) Arbeitsunterricht (Aufgaben bearbeiten. Varianten: Jena-Plan, Winnetka-Plan) Lernprojekt Fallmethode (Beurteilungsfall, Entscheidungsfall, Posteingangskorb-Aufgabe, …) Lernkabinett Lernnetzwerk Mit individueller Betreuung: Famulatur Tutorium Disputation Individuell, als Kleingruppe oder im Klassenverband: Lernausstellung Erkundung (Exkursion, Ausflug, Museumsbesuch, …) Mit größeren Gruppen: Lernen durch Lehren (Schüler unterrichten sich gegenseitig im Klassenverband) Lernkonferenz Werkstattseminar

Die vielfältigen Formen, in denen der Teilnehmer selbst methodische und didaktische Entscheidungen zur Wissensaneignung trifft, gliedern sich grob in drei Abstraktionsebenen:

Der Schüler/Teilnehmer durchdringt den Stoff alleine oder mit Kollegen, um ihn zu ordnen, das Lehrmaterial zu priorisieren und eine Entscheidung darüber zu treffen, was an welcher Stelle wichtig ist. Auf dieser Ebene findet noch rezeptives Lernen statt, d. h. eine Selbststeuerung ist noch nicht möglich. Von außen kommen Anregungen oder es findet Benchmarking statt. Der Schüler/Teilnehmer überlegt sich einen geeigneten Zugang zum Stoff. Hierzu nutzt er entweder eigene Geschichten, Beispiele oder Zitate (vergl. „vom Bekannten zum Unbekannten“), diskutiert den Stoff mit anderen Lernenden um ihn zu begreifen oder nutzt vorgegebene bzw. im Internet aufgefundene Anknüpfungspunkte. Durch diesen Prozess wird das Verständnis bei aktiven Schülern/Teilnehmern stark vertieft. Schwache oder sozial ausgegrenzte Lernende verlieren hier allerdings schnell den Anschluss. Der Schüler/Teilnehmer tritt z. T. aus der Kleingruppe oder dem Selbststudium heraus und vor die Gruppe, um dem Rest der Klasse bzw. den Kritikern sein bzw. das Thema oder die These seiner Kleingruppe zu vermitteln (Lernen durch Lehren). In der Regel wird an einer Stelle die Diskussion erwartet oder zugelassen, so dass sich ein Lehrgespräch bzw. eine Disputation ergibt.

Notwendigkeit