mini|hochkant|Emanuel Moravec in der Uniform eines Obersts des Generalstabs der tschechoslowakischen Armee (1935)

Emanuel Moravec (* 17. April 1893 in Prag, Böhmen; † 5. Mai 1945 ebenda) war ein hochrangiger tschechoslowakischer Militär, Politiker und Buchautor. In die Geschichte ging er als Symbolfigur der Kollaboration mit den deutschen Nationalsozialisten während des Protektorats Böhmen und Mähren ein.

Im Ersten Weltkrieg kämpfte Moravec in den Tschechoslowakischen Legionen gegen die Österreichisch-Ungarische Monarchie. Nach dem Krieg diente er als Offizier in der Tschechoslowakischen Armee und warnte als ein viel beachteter Militärexperte vor den Expansionsplänen Hitlers. Im Protektorat Böhmen und Mähren schlug er sich jedoch auf die Seite des Besatzungsregimes und wandelte sich zu einem aktiven Propagandisten des Nationalsozialismus und der Eingliederung von Böhmen und Mähren in das Dritte Reich. Die Deutschen ernannten ihn zum Minister für Bildung und Volksaufklärung der Protektoratsregierung und zum Vorsitzenden des nationalsozialistischen Kuratoriums für die Jugenderziehung in Böhmen und Mähren. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs nahm er sich das Leben.

Legionär im Ersten Weltkrieg mini|Soldaten der Tschecho­slowa­kischen Legionen in Sibirien

Emanuel Moravec stammte aus einer Prager Kaufmannsfamilie. Seine Eltern waren Jan Peter Moravec und Malvína, geborene Sapinová. Er absolvierte eine höhere Technikerschule in Prag und schloss sie im Juli 1912 mit Abitur ab. Im Jahr 1911 trat er demonstrativ aus der katholischen Kirche aus. Wie viele seiner Zeitgenossen war auch er davon überzeugt, dass die katholische Kirche dem tschechischen Volk gegenüber feindlich eingestellt sei und den Habsburgern helfe, es zu unterdrücken.

Als am 28. Juli 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, wurde er gleich am ersten Tag in die k. u. k. Armee eingezogen. Er absolvierte in Salzburg eine Freiwilligenausbildung und wurde als Offiziersanwärter und Führer einer Maschinengewehrabteilung an die Ostfront nach Galizien geschickt. Zusammen mit vielen anderen Tschechen ergab er sich den Russen im März 1915. Diese brachten ihn ins Gefangenenlager nach Samarkand. Moravec wollte sich der tschechischen Freiwilligeneinheit Česká družina („Tschechische Garde“) anschließen, um gegen die Österreicher zu kämpfen. Als dies nicht gelang, trat er in die Erste Serbische Freiwilligendivision ein. Sie bestand aus ehemaligen serbischen Kriegsgefangenen und anderen Angehörigen slawischer Völker, die auf russischer Seite kämpften. Bei heftigen Kämpfen an der bulgarischen Front in der Dobrudscha wurde er im September 1916 verwundet und verbrachte sechs Monate in einem Militärkrankenhaus in Odessa.

mini|Das Transportschiff Mount Vernon

Danach trat er in die Tschechoslowakischen Legionen ein. Tschechen und Slowaken im russischen Exil gründeten diese zusammen mit Deserteuren der Gemeinsamen Armee im Sommer 1917, um gegen die Monarchie und für eine unabhängige Tschechoslowakei zu kämpfen. Er meldete sich im ukrainischen Boryspil beim 6. Tschechoslowakischen Regiment. Um den Offiziersgrad zu erhalten, gab er bei der Registrierung fälschlicherweise an, Maschinenbau studiert zu haben und einen Ingenieursabschluss zu besitzen. In Boryspil begegnete er zum ersten Mal dem späteren Präsidenten Tomáš Garrigue Masaryk, der ihn tief beeindruckte und für ihn zu einer Autorität und zum Vorbild wurde.

Nach der Oktoberrevolution 1917 und dem Ausbruch des Bürgerkrieges in Russland vereinbarte Masaryk mit den Bolschewiki den Abzug der Tschechoslowakischen Legionen über Wladiwostok nach Europa. Bei Kämpfen um das Dorf Bogandinski an der Transsibirischen Eisenbahn brach sich Emanuel Moravec bei einem Sturz vom Pferd das Schlüsselbein und verbrachte mehrere Wochen im Krankenhaus in Omsk. Bei dieser Gelegenheit begann er über militärische Themen zu schreiben. Seinen ersten Artikel mit dem Titel Befestigungen druckte die Legionärszeitung im Sommer 1918 ab. Hunderte weitere folgten. General Milan Rastislav Štefánik wurde auf seine Arbeiten aufmerksam und berief ihn in den nachrichtendienstlichen Stab des tschechoslowakischen Kriegsministeriums in Sibirien und zum Kommandeur der technischen Abteilung in Wladiwostok. Im April 1920 bestieg Moravec in Wladiwostok das amerikanische Schiff Mount Vernon und erreichte im August desselben Jahres Europa.

In der Tschechoslowakischen Armee Militärische Karriere Nach seiner Rückkehr in die Tschechoslowakei nahm Emanuel Moravec das Angebot des Verteidigungsministeriums an und trat in die neu gebildete Tschechoslowakische Armee ein. Die Armeeführung schickte ihn gleich im September 1920 als Geheimdienstoffizier in die Karpatenukraine nach Užhorod, wo die Armee den feindlichen Ungarn gegenüberstand. Seine Vorgesetzten gaben ihm ausgezeichnete Beurteilungen und sandten ihn zur weiteren Ausbildung an die Militärhochschule in Prag. Noch vor dem Schulabschluss wurde er dort im Jahr 1923 zum Major befördert. In den Jahren 1923–1927 diente Moravec in der Militärkommandantur in Prag. Im Jahr 1926 hat eine interne Untersuchung finanzielle Unregelmäßigkeiten in seiner Abteilung aufgedeckt. Er wurde versetzt und als Kommandeur des 1. Feldbataillons des 24. Infanterieregiments in das südmährische Znojmo und später weiter in das slowakische Michalovce geschickt.

Im Jahr 1931 berief ihn die Armeeführung zum Dozenten für Militärgeschichte an die Prager Militärhochschule. Im Oktober 1936 wurde er zum Kommandeur des 28. Prager Infanterieregiments im Rang eines Obersten im Generalstab befördert.

In den 1930er Jahren unterstützte er aktiv die Politik des Präsidenten Masaryk und des Außenministers Edvard Beneš. Als Ausdruck seiner Bewunderung sammelte er Ansprachen, die der Präsident bei verschiedenen Gelegenheiten an die Soldaten hielt und gab sie heraus (Projevy presidenta T.G. Masaryka k vojsku). Bei der Beisetzung Masaryks im Jahr 1937 führte er den militärischen Begleitzug durch Prag an und stand Ehrenwache an seinem Grab.

Publizist Neben seiner militärischen Karriere und der Lehre entwickelte Emanuel Moravec eine rege publizistische Tätigkeit. Mit dem Schreiben begann er schon als Legionär in Russland. Während der Rückreise in die Tschechoslowakei verfasste er Beiträge für die Schiffszeitung „Návrat“ (Rückkehr).

Seit 1928 schrieb er regelmäßig für die renommierte Zeitschrift Přítomnost, und seit 1932 auch für die Tageszeitung Lidové noviny. Er widmete sich militärischen und politischen Themen, kommentierte militärische Konflikte in aller Welt und beobachtete aufmerksam die Aufrüstung vor allem von Deutschland und der Sowjetunion. Für seinen Beitrag zum zwanzigsten Jahrestag der Schlacht bei Zborów gewann er den begehrten Baťa-Preis für den besten journalistischen Artikel. Daneben befasste sich auch mit der tschechoslowakischen Verteidigungsstrategie. In seinem Artikel „Jak se povede příští válka“ (Wie der künftige Krieg geführt wird) untersuchte er z. B., welche Möglichkeiten der Verteidigung die Tschechoslowakei hätte, wenn sie von Deutschland, Österreich und Ungarn angegriffen würde. Meistens veröffentlichte er in dieser Zeit unter dem Pseudonym Stanislav Yester.

Das Schreiben war für Moravec mehr als ein Hobby. Obwohl er einen hohen Sold bezog, fühlte er sich von der Armee unterbezahlt und klagte häufig über seine finanzielle Situation. Mit den Honoraren versuchte er, seinen aufwändigen Lebensstil zu finanzieren.

Präsident Masaryk wurde auf den jungen, fähigen und äußerst aktiven Offizier aufmerksam. Auf dessen Anregung hin schrieb Moravec seine beiden wichtigsten Werke, „Vojáci a doba“ (Soldaten in unserer Zeit) und „Obrana státu“ (Verteidigung des Staates). Darin sollte er die Verteidigungsstrategie der jungen tschechoslowakischen Republik darlegen. Die Bücher lösten jedoch kontroverse Diskussionen sowie Widerstand in der Armeeführung aus. Moravec zeigte seine Nähe zur autoritären „Demokratie der starken Hand“ und zum italienischen Faschismus. Im nationalsozialistischen Deutschland sah er die größte Gefahr für die Tschechoslowakei. Er zweifelte an dem traditionellen Bündnis mit Frankreich und empfahl, sich mehr an Polen und Italien zu orientieren. Nach dem italienischen Angriffskrieg in Äthiopien erschien sein Buch „Válečné možnosti ve střední Evropě a tažení v Habeši“ (Kriegsmöglichkeiten in Mitteleuropa und Feldzug in Abessinien). Darin drückte er seine Bewunderung für das faschistische Italien aus.

Trotz der Kritik, die Moravec in Militärkreisen für einige seiner Artikel und Bücher erhielt, genoss er als Autor und Militärexperte in der Republik ein hohes Ansehen.

Münchener Abkommen mini|Münchener Konferenz am 29. September 1938, v. l. n. r.: Mussolini, Hitler, Dolmetscher Paul Otto G. Schmidt, Chamberlain

Als im Jahr 1938 die sogenannte Sudetenkrise eskalierte, forderte Moravec zum Widerstand auf und wandte sich gegen die Appeasement-Politik Frankreichs und Großbritanniens. Am 21. September 1938 warnte er in den Lidové noviny: „Die Verstümmelung der Tschechoslowakei kann den Zusammenstoß des Dritten Reiches mit dem Westen nicht verhindern. Sie beschleunigt es vielmehr … Es geht heute nicht um die Tschechoslowakische Republik. Es geht darum, wer eines Tages Europa beherrschen wird.“

Nach dem Rücktritt der tschechoslowakischen Regierung ernannte Präsident Edvard Beneš General Jan Syrový zum Ministerpräsidenten. General Syrový rechnete mit der Hilfe von Frankreich und Großbritannien und rief am 23. September als Reaktion auf Hitlers Drohungen eine allgemeine Mobilmachung aus. Trotzdem schlossen 30. September 1938 die Vertreter von Frankreich, Großbritannien und Italien mit Hitler das Münchener Abkommen und forderten die Tschechoslowakei auf, die Sudetengebiete an Hitler abzutreten. Präsident Beneš fühlte sich von den Verbündeten verraten und sah keine andere Möglichkeit, als zuzustimmen.

mini|hochkant|Präsident Edvard Beneš

Im Rahmen der Mobilmachung wurde Emanuel Moravec in den Generalstab nach Znojmo beordert. Hier, an einer schlecht gesicherten Grenze zu Österreich, hatte die Armee einen Angriff der Wehrmacht erwartet. Doch Moravec hielt die Unsicherheit über den weiteren Kurs der Regierung nicht aus. Am 28. September fuhr er nach Prag, erzwang eine Audienz beim Präsidenten und wollte ihn überzeugen, vor den deutschen Forderungen nicht zu kapitulieren. Über diese Begegnung sagte Moravec später: „Ich schrie ihn an: Erklären Sie den Krieg! Über was beraten Sie noch? Erklären Sie den Krieg, sonst sind wir verloren!“. Doch Präsident Beneš lehnte ab.

Am 2. Oktober kam es zu einer weiteren Begegnung mit Präsidenten Beneš. Diesmal kam Moravec als Vertreter des vor Kurzem gegründeten Komitees zur Verteidigung der Republik (Výbor na obranu republiky), einer Gruppe von Politikern und hochrangigen Militärs, die das „Münchener Diktat“ ablehnte und zur Verteidigung der Republik aufrief. Das Gespräch dauerte zwei Stunden und endete mit einem Streit. Voll Verachtung kommentierte Moravec später: „Ich fand ihn erschrocken, hilflos und unsicher, wie einen Jungen, der verprügelt wurde. Das war kein Mann. Ich habe mich geschämt, dass wir diesem Bündel Elend vertraut hatten.“.

Für Moravec, wie auch für die Mehrheit seiner Landsleute, war die Unterzeichnung des Münchner Abkommens eine herbe Enttäuschung, die in ihren Augen die westlichen Demokratien und die tschechoslowakische Bündnispolitik diskreditierte.Emanuel Moravec – The face of Czech collaboration with the Nazis, Chris Johnstone, 12. July 2011 in Radio Prague International. Abgerufen am 13. März 2020 (englisch) Moravec hasste seitdem Edvard Beneš ganz offen. Wegen dieser unverhohlen feindseligen Haltung gegenüber der Regierung und dem Präsidenten musste er die Militärhochschule verlassen, und die Armeeführung verbot ihm zu publizieren. Moravec hielt sich jedoch nicht daran und schrieb unter dem Pseudonym „E. Herold“ weiter.

Im Protektorat Böhmen und Mähren