mini|Cleopatra John William Waterhouse (1888) Antonius und Cleopatra (frühneuenglisch The Tragedie of Antonie and Cleopatra) ist ein Schauspiel von William Shakespeare. Es handelt von der Liebe und dem tragischen Schicksal des römischen Generals Marcus Antonius und der ägyptischen Königin Kleopatra. Das zu den sogenannten Römerdramen gehörende Stück wurde von Shakespeare wahrscheinlich um 1606/1607 fertig gestellt und kann als eine Fortsetzung von Julius Caesar angesehen werden. Es spielt in Rom, Ägypten, Griechenland und Nordafrika und umfasst die historische Erzählzeit von ca. 10 Jahren, von Antonius’ Heirat mit Octavia 40 v. Chr. bis zum Selbstmord des Liebespaares 30 v. Chr. Shakespeares Hauptquelle waren Plutarchs Parallelbiographien in der englischen Übersetzung von Sir Thomas North aus dem Jahre 1579. Das umfangreiche und komplexe Werk war dem Theaterpublikum lange Zeit nur in Form stark verkürzter Nachdichtungen bekannt. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts gab es zeitgleich in England und Deutschland textnahe Aufführungen. Es wird bis heute selten gespielt, wurde aber mehrfach verfilmt. Seit dem überschwänglichen Urteil Coleridges begeistern sich Kritiker vor allem für die Figur der Kleopatra. In der jüngeren Vergangenheit war das Stück Gegenstand von Untersuchungen zu Shakespeares Darstellung von Geschlechterdifferenz, kolonialer Herrschaft und den Anfängen des britischen Weltreiches.

Handlung In der Zeit des zweiten Triumvirats verliebt sich der Triumvir Marcus Antonius in die ägyptische Königin Kleopatra. In Ägypten erfährt er, dass die Armeen seiner Frau Fulvia und seines Bruders Lucius von Octavian geschlagen wurden und seine Frau tot sei. In Rom beklagt Oktavian gegenüber dem dritten Triumvir Lepidus, dass Antonius seine staatsmännischen Pflichten aufgegeben habe. Nach Antonius’ Rückkehr aber beschließen er und Oktavian, gemeinsam gegen Sextus Pompeius zu ziehen. Ihr Bund soll durch die Heirat von Antonius mit Oktavians Schwester Oktavia bekräftigt werden.

Ein ägyptischer Wahrsager prophezeit Antonius, er werde wieder nach Ägypten eilen und solle sich von Oktavian, dessen Glück höher steigen werde, fernhalten („Thy daemon, that thy spirit which keeps thee, […] / Is all afraid to govern thee near him“ [II.3.17 u. 27]). Kleopatra, die in Ägypten von Antonius’ Heirat erfährt, schlägt in einem Wutausbruch auf den Boten ein, trägt ihm aber dann auf, Oktavia aufzusuchen und ihr sodann über sie zu berichten. Pompeius schließt mit den drei Triumvirn Frieden und veranstaltet für sie ein schwelgerisches Abendessen auf seinem Schiff. Den Vorschlag seines Freundes Menas, die drei betrunkenen Triumvirn jetzt zu töten, lehnt er ab. Als der zurückgekehrte Bote Kleopatra eine unvorteilhafte Schilderung Oktavias gibt, erhält er diesmal Geld von der ägyptischen Königin.

Oktavian und Lepidus haben Pompeius besiegt, anschließend hat Oktavian Lepidus festgenommen. In Rom macht Octavian Stimmung gegen Antonius, der Kleopatra die Herrschaft über weite Teile des Ostens gegeben habe; seiner Schwester legt Oktavian offen, dass Antonius sich wieder mit Kleopatra verbunden hat. Entgegen dem Rat seines Generals, die überlegenen Landstreitkräfte zu nutzen, wählt Antonius die Entscheidung auf See, wo Octavians Truppen stärker sind; Kleopatra will Antonius mit ihren Schiffen beistehen. In der Seeschlacht behalten zunächst Antonius’ Schiffe die Oberhand; als jedoch Kleopatra mit ihrem Schiff die Flucht ergreift, folgt ihr Antonius und Octavian erringt den Sieg. Antonius fordert nun Octavian zum Kampf Mann gegen Mann heraus, worüber dieser nur lacht.

Am nächsten Tag wechselt Antonius’ Freund Enobarbus in Octavians Lager, bekommt dann aber Schuldgefühle („I am alone the villain of the earth“ IV.6.30) und will lieber sterben. Antonius hat sein verbliebenes Heer aufgestellt und siegt zu Lande, so dass Octavians Admiral Agrippa den Rückzug anordnet. Octavian sucht deshalb wieder die Entscheidung zur See. Antonius muss mit ansehen, wie die ägyptischen Schiffe auf die Seite Octavians wechseln. Nachdem Antonius deswegen Kleopatra heftige Vorwürfe gemacht hat, lässt sie ihm ausrichten, sie habe sich umgebracht, ihre letzten Worte seien „Antony, most noble Antony!“ (IV.15.30) gewesen, worauf dieser sich nach den Worten „The long day’s task is done, / And we must sleep.“ (IV.15.35f) in sein eigenes Schwert stürzt. Der sterbende Antonius erfährt, dass Kleopatra noch lebt und befiehlt, seinen Körper zu ihr zu tragen. Die beiden küssen sich ein letztes Mal und Antonius stirbt. Da Octavian plant, Kleopatra zu seinem Triumph nach Rom zu bringen, lässt sie sich einen Korb mit Giftschlangen bringen; sie drückt eine Schlange an ihre Brust, eine andere an ihren Arm und stirbt.

Datierung und Textgeschichte mini|Erste Folio-Ausgabe von Antony and Cleopatra Das genaue Entstehungsdatum des Werkes ist nicht mehr mit Sicherheit festzustellen. Der überwiegende Teil der heutigen Shakespeare-Forscher geht davon aus, dass dieses Stück vermutlich 1606/1607 unmittelbar nach Macbeth verfasst oder vollendet wurde. Im Mai 1608 erfolgte ein Eintrag in das Stationers’ Register; die einzige überlieferte frühe Druckfassung erschien 1623 in der ersten Folioausgabe von Edward Blount und Isaac Jaggard. Diese Druckversion gilt für heutige Ausgaben als alleinige autoritative Textgrundlage; einige Shakespeare-Editoren nehmen an, dass die Druckvorlage für die Folio-Ausgabe eine Abschrift von Shakespeares eigenhändigem Manuskript gewesen sein könnte.

Die durch den Eintrag des Buchhändlers und Verlegers Edward Blount (auch bekannt als Edward Blunt) 1608 angekündigte Druckausgabe ist nicht erhalten und wahrscheinlich auch nie erschienen. Möglicherweise handelte es sich bei diesem Eintrag nur um einen sogenannten blocking entry, mit dem die Druckrechte gesichert und denkbare Raubkopien unterbunden werden sollten.Vgl. John Wilders (Hrsg.): William Shakespeare: Antony and Cleopatra. The Arden Shakespeare. Third Series. Routledge, London 1995, ISBN 978-1-904271-01-7, Introduction S. 1 und S. 70 f. Vgl. auch Ina Schabert (Hrsg.): Shakespeare Handbuch. Kröner, 5. rev. Ausgabe, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-520-38605-2, S. 508. Siehe ebenso Ulrich Suerbaum: Der Shakespeare-Führer. Reclam, Ditzingen 2006, ISBN 3-15-017663-8, 3. rev. Auflage 2015, ISBN 978-3-15-020395-8, S. 387, sowie Anthony Davies: „Antony and Cleopatra“, in: Michael Dobson, Stanley Wells (Hrsg.): The Oxford Companion to Shakespeare. Oxford University Press, Oxford 2001, 2. Auflage 2015, ISBN 978-0-19-870873-5, S. 227. Siehe zu der Annahme, dass der Folio-Ausgabe von 1623 die Abschrift eines eigenhändigen Manuskriptes Shakespeare zugrunde gelegen haben könnte, beispielsweise Jonathan Bate, Eric Rasmussen (Hrsg.): William Shakespeare Complete Works. The RSC Shakespeare, Macmillan Publishers 2008, ISBN 978-0-230-20095-1, The Tragedy of Antony and Cleopatra, S. 2161 f.

In diesem Eintrag von Edw. Blunt im Stationers’ Register über A booke Called. Anthony. & Cleopatra, der zeitgleich mit einem zweiten Eintrag von Edw. Blount über The booke of Pericles Prynce of Tyre vorgenommen wurde, wird Shakespeare zwar nicht ausdrücklich als Verfasser genannt; es gilt jedoch als sehr unwahrscheinlich, dass Blunt sich gleichzeitig die Druckrechte für zwei nicht von Shakespeare verfasste, im Titel jedoch mit dessen Stücken identische Werke sichern konnte. Daher wird in der Shakespeare-Forschung allgemein davon ausgegangen, dass die Eintragung von Anthony and Cleopatra sich auf das in der Autorenschaft Shakespeares entstandene Drama bezieht und damit mit großer Sicherheit als sogenannter Terminus ante quem den spätestmöglichen Zeitpunkt der Entstehung dokumentiert. Einige Shakespeare-Gelehrte glauben jedoch, dass dieses Stück bereits deutlich früher fertiggestellt sein worden könnte. Für eine solche Annahme sprechen insbesondere einzelne in dieser Richtung deutbare intertextuelle Anspielungen oder Rückbezüge auf das Werk Shakespeares in Samuel Daniels revidierter Fassung seines Dramas Cleopatra (1594) aus dem Jahre 1607.Vgl. dazu detaillierter John Wilders (Hrsg.): William Shakespeare: Antony and Cleopatra. The Arden Shakespeare. Third Series. Routledge, London 1995. ISBN 978-1-904271-01-7, Introduction, S. 71 f. Siehe auch Ulrich Suerbaum: Der Shakespeare-Führer. Reclam, Ditzingen 2006, ISBN 3-15-017663-8, 3. rev. Auflage 2015, ISBN 978-3-15-020395-8, S. 387, sowie Jonathan Bate, Eric Rasmussen (Hrsg.): William Shakespeare Complete Works. The RSC Shakespeare, Macmillan Publishers 2008, ISBN 978-0-230-20095-1, The Tragedy of Antony and Cleopatra, S. 2161.

Eventuell wurde das Drama auch bereits Weihnachten 1606 oder Weihnachten 1607 bei Hofe aufgeführt.Siehe zu dieser Vermutung Jonathan Bate, Eric Rasmussen (Hrsg.): William Shakespeare Complete Works. The RSC Shakespeare, Macmillan Publishers 2008, ISBN 978-0-230-20095-1, The Tragedy of Antony and Cleopatra, S. 2161 f. Siehe zu der Annahme früherer Aufführungen vor 1608 auch Anthony Davies: „Antony and Cleopatra“, in: Michael Dobson, Stanley Wells (Hrsg.): The Oxford Companion to Shakespeare. Oxford University Press, Oxford 2001, 2. Auflage 2015, ISBN 978-0-19-870873-5, S. 230.

Literarische Vorlagen und kulturelle Bezüge Als Hauptquelle für sein Drama nutzte Shakespeare das Material aus Plutarchs Parallelbiographien, das ihm aus der Übersetzung ins Englische von Sir Thomas North (Parallel Lives of the Greek and the Romans, 1579) vertraut war. Norths Übersetzung basierte ihrerseits auf der französischen Version von Jacques Amyot aus dem Jahre 1559. Shakespeare übernimmt aus Norths Vorlage sowohl das Handlungsgerüst als auch die grundsätzliche Figurengruppierung.

Obwohl er an einzelnen Stellen durchaus auch längere Passagen in wortgetreuer oder leicht abgewandelter Form übernimmt, dramatisiert Shakespeare Plutarchs narrative Ursprungsfassung, in der die Biografie des Antonius die längste der Parallelbiografien darstellt und äußert breit angelegt ist, durch eine strikte Konzentration auf die Beziehung zwischen den beiden Hauptcharakteren und Auslassung oder Kürzung in dieser Hinsicht irrelevanter Aspekte. So begrenzt Shakespeare etwa Plutarchs umfangreichen Bericht über die Feldzüge des Marcus Antonius auf eine kurze nebenläufige Anspielung; weitere bedeutsame historische Ereignisse, die Plutarch detailliert darstellt, bezieht Shakespeare überwiegend in Form von verkürzten Botenberichten als Hintergrundhandlung in sein Drama ein. Auf diese Weise bleibt zwar der Eindruck einer geschichtlichen Geschehensfülle erhalten; der historische Kontext des Übergangs der römischen Republik zum Kaiserreich liefert für Shakespeare in seiner Tragödie jedoch vor allem die Folie für den tragischen Untergang des Liebespaares. Zu diesem Zweck reduziert Shakespeare in seinem Drama die weltgeschichtlichen Momente und verschiebt ebenso bewusst die historischen Dimensionen, die in Plutarchs Vorlage überliefert werden.

Auch die moralischen Akzentuierungen, die Plutarch in seiner zwischen Missbilligung und eher widerstrebender Bewunderung schwankenden Geschichte des Antonius vornimmt, werden von Shakespeare entfernt oder zumindest ihrer Eindeutigkeit enthoben. So werden etwa die bei Plutarch hervorgehobenen grausamen oder zynischen Charakterzüge dieser Figur bei Shakespeare in den Hintergrund gerückt; stattdessen wird selbst in der Darbietung seiner ausschweifenden Lebensweise oder seiner Zechgelage von Shakespeare das Bild einer herkulischen oder dionysischen Gestalt gezeichnet.