Karl Schwanzer (* 21. Mai 1918 in Wien; † 20. August 1975 ebenda) war ein österreichischer Architekt. Er war ein wichtiger Vertreter der Nachkriegsarchitektur, nicht nur in Österreich.
Leben Bereits als Mittelschüler plante und errichtete der architekturbegeisterte Karl Schwanzer gemeinsam mit seinem Onkel (einem Zimmermann) am Wiener Schafberg 1935 ein Schrebergartenhäuschen für die Familie. Nach seiner erfolgreichen Matura am Bundesrealgymnasium Wien 7 im Jahr 1936 leistete er seinen Präsenzdienst beim damaligen Bundesheer ab.
Ausbildung Karl Schwanzer studierte ab Oktober 1937 Architektur an der Technischen Hochschule Wien. Unmittelbar nach Ablegung der 2. Staatsprüfung und der Verleihung des Titels Diplom-Ingenieur übersiedelte Karl Schwanzer im Herbst 1940 nach Rybnik im damaligen Reichsgau Oberschlesien. Im nur wenige Kilometer entfernten Sohrau (heute Zory) fand Karl Schwanzer nach einigen anderen, vergeblichen Versuchen schließlich ein Dissertationsthema und wurde 1942 mit der Arbeit Neues Bauen im befreiten Oberschlesien. Der Ring in Sohrau. Entschandelung und Gestaltung promoviert. Ziel der Arbeit war es, so das Vorwort, der von 1920 bis 1939 polnischen Kleinstadt zu geben. Diese Arbeit schrieb er während seiner Dienstverpflichtung als Entwurfsarchitekt beim Luftgaukommando VIII. Nach dem Krieg fand Karl Schwanzer mit seiner Familie in Bodenwöhr in der Oberpfalz eine Anstellung als Technischer Leiter bei der Firma Allbau. Im April 1946 musste er schlussendlich nach Österreich repatriieren.Karl Schwanzers Jugendjahre beleuchtet der Wiener Zeithistoriker Franz J. Gangelmayer detailliert in seiner Studie „Karl Schwanzer – Die frühen Jahre eines Architekten von Weltruf“ (Müry Salzmann 2020).
Architektentätigkeit 1947 eröffnete Schwanzer sein eigenes Atelier. Am Beginn seiner Tätigkeit als freischaffender Architekt waren die zu bearbeitenden Projekte bescheiden. Die Geschäftsportale und -einrichtungen sowie Ausstellungen, welche den Grundstock der Aufträge in den ersten Jahren darstellten, wurden jedoch, so klein die Aufgaben auch waren, mit einem enormen Aufwand an Energie, Fleiß und Ideenreichtum bearbeitet. Die Beteiligung an nationalen und internationalen Wettbewerben und der damit verbundene Erfolg brachten eine fortlaufende Vergrößerung des Ateliers und eine Vermehrung der Mitarbeiter mit sich. Die internationale Anerkennung des Büros basiert auf der Arbeitsweise und der Einstellung zur Architektur in diesem Büro, dessen Leitgedanke „Qualität geht vor Verdienst“ war. Mit dem Bestreben, das befriedigende Gelingen der Projekte über den eigenen wirtschaftlichen Erfolg zu stellen, gab er selbst bei den kleinsten Aufgaben die wesentlichen Impulse und überprüft bei der weiteren Durcharbeitung die Einhaltung des von ihm geforderten qualitativen Niveaus. Die Bearbeitung eines Projektes stellte in seinem Atelier für jeden daran beteiligten Mitarbeiter eine Zerreißprobe dar. Schwanzer, immer auf der Suche nach dem Hundertprozentigen, schonte vom Eingang eines zu bearbeitenden Auftrages bis zur Fertigstellung weder die psychischen noch die physischen Kräfte seiner Mitarbeiter. Am Anfang einer gestellten Aufgabe steht der Wille nach einer neuen, originalen Idee in architektonischer wie in funktioneller Hinsicht.
In der kurzen Schaffenszeit von 1947 bis 1975 entwickelte er eine Vielzahl von prägnanten Bauwerken. Die Form seiner Gebäude stand immer im intensiven Zusammenhang mit der Funktion wie auch der Konstruktion. Dies führte dazu, dass er oftmals die Geradlinigkeit der damaligen Zeit hinter sich ließ und neue Wege der Architektur beschritt. Darüber hinaus war er Möbel- und Objektdesigner und gründete das Österreichische Institut für Formgebung. 1967 gründete er ein zweites Atelier in München.
Lehre Von 1947 bis 1951 war Schwanzer Assistent in der Fachklasse für Architektur von Oswald Haerdtl an der Akademie für angewandte Kunst Wien. 1959 wurde er ordentlicher Professor an der Technischen Hochschule Wien und Direktor des Institutes für Gebäudelehre und Entwerfen und hat über eineinhalb Jahrzehnte eine Vielzahl von heute international anerkannten Architekten ausgebildet. 1965/66 war er Dekan der Fakultät für Bauingenieurwesen und Architektur.
Er war ferner ein gefragter Gastprofessor an verschiedenen Hochschulen, wie beispielsweise an der Technischen Hochschule Darmstadt (1964/65), Technische Hochschule Budapest (1967), Universität Riad in Saudi-Arabien (1972).
Bauten und Projekte
1959–1960: Erweiterung der Kaisergruft in Wien Mit den 1960er Jahren sollten die zwei Hauptprobleme der Kaisergruft, Überbelegung und klimatisch ungünstige Verhältnisse, in Form einer letzten Erweiterung behoben werden. Dem historischen Bestand sollte etwas Neues und Eigenständiges hinzugefügt werden, was gleichzeitig über eine denkmalpflegerische Substanz verfügte. Die Offenheit von Karl Schwanzer als Baukünstler entsprach dabei dem Auftrag und Vorgaben der Republik Österreich und der Kapuziner. alternativtext=Blick in die Neue Gruft, einer im Brutalismus errichteten Erweiterung der Kaisergruft Wien.|mini|Erweiterung 'Neue Gruft' der Kaisergruft Wien Die sogenannte ‚Neue Gruft‘ wurde 1960 so errichtet, dass der Eindruck eines ausgeschachteten Grabes entsteht, abgebildet mittels zeitgemäßer Architektur. „Schwanzer wählte drei prägende Elemente […]: Die Decke ist ein formaktives Faltwerk in Sichtbeton mit extrem schmaler Schalungsuntersicht in besonderer Qualität. Die Wand zeigt ausgewaschene wellenförmige Lagen in unterschiedlichen Korngrößen, welche als dünne Schicht vor der Tragstruktur angeordnet ist wie eine im Fluss erstarrte Steinschüttung. Am Boden befindet sich ein zurückhaltender Kunststein, mit dem auch die Sargsockel belegt sind.“
1962: Wohnhaus Wien Das in Hanglage mit zwei Wohngeschoßen errichtete Haus war im Hauptgeschoß mit der Gartenebene verbunden und erzielte durch Schiebewandelemente variable Raumgruppierungen. Durch die Vermeidung fester Grundrissteilungen wurde eine groß wirkende Einraumwohnatmosphäre erzielt, die durch edle Materialwahl hohe Wohnintimität erzielte. Das Haus Schwanzer genannte Haus in der Hawelgasse 23 in Wien-Währing wurde im April 2014 abgerissen.
1962–1964: Philips-Haus in Wien mini|hochkant=0.8|Philipshaus am Wienerberg Das sogenannte Philipshaus, ein Bürogebäude der Firma Philips, wurde 1962–1964 und 1969/1970 in markanter Lage auf der Hügelkuppe des Wienerbergs errichtet. Zwischen vier Stützen ist der Baukörper in markanter Form eingespannt. Das Gebäude steht unter .
Es wurde 2018 als PhilsPlace wiedereröffnet; die früheren Büroräume wurden zu 135 serviced apartements umgestaltet.Maik Novotny: Vorsorge-Regal am Wienerberg. In: Tageszeitung Der Standard, Wien, 7. Juli 2018, S. A 8.
1964: 20er Haus|Museum des 20. Jahrhunderts Wien mini|hochkant=0.8|Museum des 20. Jahrhunderts im Schweizergarten in Wien Der Stahlskelettbau war ursprünglich als Österreich-Pavillon auf der Weltausstellung von Brüssel 1958 aufgestellt, wobei das Geviert zwischen Pylonen als Hof und das Erdgeschoß als überdeckter Freiraum ausgebildet waren.
Veränderungen für das anfänglich nur temporär gedachte Museum Moderner Kunst wurden nach der Wiedererrichtung als 20er-Haus im Schweizergarten in Wien vorgenommen: Das Gerüst des Informationspavillons wurde für Eingangshalle, Büro- und Personalräume sowie für einen kleinen Ausstellungsraum und einen Vortragssaal verwendet. Der Hof wurde daher überdacht und das Erdgeschoß verglast. Dieses umschließen jetzt drei Höfe für Plastiken, sodass das Museum in der Ausstellungszone auch für seine Zwecke nutzbaren Umraum besitzt. Die puristische Konzeption des Baus weist auf das Anschließen an internationale Maßstäbe hin. Das Gebäude steht unter und wird vom betreibenden Museum, der Österreichischen Galerie (Belvedere), als Belvedere 21 beworben.
1967: Weltausstellung Montreal – Kindergarten der Stadt Wien
Das Gebäude des Kindergartens der Stadt Wien auf der Montrealer Expo folgte der Idee, schon von außen dem Beschauer die Assoziation mit der Welt des Kindes zu vermitteln. Ein Baukastensystem erschien demzufolge in seiner zwingenden Einfachheit die dem Kind gemäße Lösung. In dem Kind selbst soll durch die ihm bekannten Spielzeugelemente des Baukastens eine innere Beziehung und Zuneigung zu der ihm an sich noch ungewohnte Atmosphären in der Kindergartengemeinschaft geweckt werden. Es soll mit Freude das ihm gewidmete Gebäude, durch welches in ihm Erinnerungen an eigenes Bauen und Spielen mit bunten Baukastensteinen geweckt werden, betreten und auch gerne wiederkommen.
Im Gegensatz zur bunten äußeren Erscheinung war das Innere des Baues einfarbig gehalten, um hier dem Kind die ganze Entfaltungsmöglichkeit seiner Phantasie zu belassen, durch die es eine ihm entsprechende Welt schaffen kann, in der es allein die farbigen Akzente erzeugt und setzt.
Die angewandte erprobte Raumkombination von Wiener Kindergärten in der Grundrissaufteilung setzte sich aus einem reich gegliederten Gruppenraum, der Garderobe und den sanitären Anlagen zusammen. Im Gruppenraum befanden sich eine Hauswirtschaftsecke, eine Puppenecke, eine Bauecke, ein Malerwinkel und einige andere für die Spielwelt des Kindes bestimmende Abteilungen. Der Innenraum öffnete sich im Mittelteil des Baues ins Freie, so dass Innenraum und Außenraum sich zu einem gemeinsamen Lebensraum des Kindes vereinen konnten.
1967: Österreich Pavillon Montreal Um die Vielgestalt Österreichs in einem eindrucksvollen Bau auszudrücken, wurde als Leitbild eine Bauform gewählt, das Assoziationen zu kristallinen Strukturen vermittelte. Die Gestaltung des Baukörpers ergab bei gleichzeitiger Reduzierung der Bauteile auf typische Grundelemente eine Variationsmöglichkeit, die in ihrer geometrischen Präzision an die molekulare Struktur würfelförmiger Bauelemente der Kristalle erinnerte. Gedanken an Berge, Edelsteine und Landschaften sollten ebenso angesprochen werden wie Vorstellungen von Präzision, Geometrie, Technik und Systematik. Die Ordnung, die durch Beschränkung auf einander ähnliche Dreieckselemente dem Bau aufgezwungen wurde, ließ trotzdem eine reichhaltige Differenzierung des Raumes, ohne zu schematisieren, zu.
Die Fertigbauelemente wurden aus Aluminiumrahmen mit Ausfachungen aus Aluminiumpaneelen entwickelt und bildeten, als in sich tragfähige Konstruktion, die Außenhaut und die Innenwand in einem. Der Zusammenbau der verwendeten dreieckigen Flächenelemente, die man immer wieder zu Würfelformen baukastenartig zusammenfügen konnte, ergab eine Vielfalt an Variations-Möglichkeiten, die den Bau lebendig erscheinen ließ, da Wachstum und Veränderungen möglich wären. Der Österreich-Pavillon wollte über die eigentliche Forderung, nur Gehäuse für Objekte zu sein, hinausgehen und für eine plastische und aggressive Aufstellungs-Architektur mit industriell vorgefertigten Bauelementen eintreten.
1968: City Center Wien (Projekt) Das City Center sollte am Donaukanal zwischen Marienbrücke und Schwedenbrücke errichtet werden. Ein Geschoß sollte als Parkfläche ausgeführt werden, die darüber aufbauend angeordneten Geschoße als Fußgängerebenen. Diese wären durch Stege mit den Gehsteigen der umgebenden Straßen verbunden gewesen. Durch die am Schwedenplatz liegende Station der Stadtbahn und späteren U-Bahn wäre das Center an den hochrangigen städtischen ÖPNV angebunden gewesen. Das Tourist Center des Gebäudes hätte den Planungen folgend auch über Haltestellen für Buslinien zum Flughafen verfügt, sowie über die Haltestellen von Stadtrundfahrt-Bussen, die im Tourist Center ihren Ausgangspunkt gehabt hätten. Schwanzer plante das Gebäude ähnlich einem offenen Kaufhaus, mit zahlreichen Boutiquen und Geschäftslokalen, die auf mehreren Etagen untergebracht gewesen wären.
1970–1972: Pfarrkirche Auferstehung Christi in Wien-Donaustadt mini|Katholische Pfarrkirche Auferstehung Christi in Wien-Donaustadt