mini|Franz Volhard bei der Visite, Uniklinik Frankfurt 1947
Franz Volhard (* 2. Mai 1872 in München; † 24. Mai 1950 in Frankfurt am Main) war ein deutscher Internist. Er gilt als Nestor der Nephrologie und als Pionier der modernen Hochdruckforschung.Heinz Losse, Robert Heintz (Hrsg.): Aktuelle Hypertonieprobleme – Franz-Volhard-Gedächtnistagung. Bad Salzuflen, 27. und 28. Oktober 1972. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 1973, ISBN 3-13-457901-4, S. 164 (Rückdeckel). Zu seinen bedeutendsten Leistungen zählen die Beschreibung des seit 1906 bekannten chemisch-humoralen Mechanismus des Bluthochdrucks bei Nierenkrankheiten sowie 1914 seine Veröffentlichung einer neuen Systematik der Nierenkrankheiten zusammen mit Theodor Fahr.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 59.
Familie mini|Franz Volhard kurz nach dem Abitur in Schulpforta 1893 mini|Franz Volhard in Masserberg/Thüringer Wald (mit Enkelin Heidi) Franz Volhard war das vierte von sieben Kindern des Chemie-Professors Jacob Volhard (1834–1910, Assistent seines Onkels Justus von LiebigFranziska Müller: Das Liebig-Laboratorium von seinen Anfängen bis in die Gegenwart. Festschrift zum 100-jährigen Jubiläum des Liebig-Museums, Band 10 der Berichte der Justus-Liebig-Gesellschaft zu Gießen, ISSN 0940-3426, 1. Auflage, Gießen 2020, S. 25, Fußnote 76.) und Josephine Volhard, geborene Backofen (1842–1935). Josephine Backofen war die Tochter des Hofmalers Franz Backofen. Franz Volhard heiratete 1899 Else Toennies. Aus der Ehe gingen von 1900 bis 1917 sechs Söhne und vier Töchter hervor. Franz Volhard hatte 29 Enkel, darunter u. a. die Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard und Rüdiger Volhard. Einer seiner Urenkel ist der 2021 mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnete Chemiker Benjamin List. 1939 emigrierte Volhards zweiter Sohn, der mit einer Jüdin verheiratet war, ausgebürgert nach Schweden. Vier Söhne kämpften im Zweiten Weltkrieg in der Wehrmacht, der älteste von ihnen, der Ethnologe Ewald Volhard, kam kurz vor Kriegsende ums Leben. Eine Tochter entging nur durch Zufall der Verurteilung durch den Volksgerichtshof.
Franz Volhard wurde zweimal bei Luftangriffen auf Frankfurt ausgebombt. 20 Familienangehörige (darunter 13 Enkel) hatten sich vor den Bombenangriffen in seinem Haus in Masserberg (Thüringen) in Sicherheit gebracht. Diese Angehörigen holte Volhard persönlich im Mai 1945 mit einem von den Amerikanern organisierten Bus – vor Einrücken der Roten Armee in Thüringen – in die US-Besatzungszone.
Volhard starb 1950 an den Folgen eines Autounfalls. Sein Grab befindet sich auf dem Hauptfriedhof Frankfurt (Gewann V 311), wo auch seine Frau Else 1949 beigesetzt wurde.Grab von Franz Volhard auf dem Frankfurter Hauptfriedhof (Grab V 311, , Bilder)
Ausbildung und Beruf Volhard besuchte die Volksschule in Erlangen, nach einem Ortswechsel 1882 das Gymnasium der Franckeschen Stiftungen in Halle an der Saale, dann das humanistische Gymnasium Schulpforta (Reifeprüfung 1892). Anschließend studierte er zwei Jahre in Bonn Medizin, wo er 1894 das Physikum bestand. Nach Ableistung des Militärdienstes in Halle als Einjährig-Freiwilliger setzte er das Medizinstudium in Straßburg fort (u. a. bei Friedrich von Recklinghausen, Naunyn und Schmiedeberg) und bereitete dann in Halle bei Joseph von Mering seine tierexperimentelle Dissertation zur Eklampsie vor. 1897 schloss Volhard das Medizinstudium an der Universität Halle mit Auszeichnung ab und wurde mit 25 Jahren zum Doktor der Medizin promoviert.
Es folgten ein Aufenthalt in Kiel, wo er Heinrich Irenaeus Quincke, Friedrich von Esmarch und August Bier traf, und ein Vierteljahr in Berlin am Pathologischen Institut des Krankenhauses Friedrichshain, um sich in pathologischer Anatomie weiterzubilden. 1898 arbeitete er als Assistent an der Medizinischen Universitäts-Klinik in Gießen, wo er bis 1905 tätig war. 1901 habilitierte er sich (mit 29 Jahren) an der Universität Gießen im Fach Innere Medizin mit einer Arbeit über fettspaltende Magenfermente.
Kurzzeitig leitete er die Medizinische Klinik in Halle, war von 1905 bis 1908 Chefarzt der Inneren Abteilung des Städtischen Krankenhauses Dortmund und übernahm 1908 (bis 1918) die Direktion der Städtischen Krankenanstalten in Mannheim, die er zu einem vorbildlichen Klinikum aufbaute. Die pflegerische Leitung des Klinikums oblag ab dem Jahr 1909 Oberin Mathilde von Horn. 1908 wurde Volhard nach London eingeladen, wo er mit William Osler und dem Physiologen Ernest Starling zusammentraf.
Zu Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 wurde Volhard kurzzeitig als Marinearzt nach Kiel eingezogen, konnte aber bald nach Mannheim in seine Klinik zurückkehren. Dort betreute er auch die Reservelazarette internistisch und richtete ein spezielles „Nierenlazarett“ ein. Seinen Vorschlag einer „Hunger- und Dursttherapie“ (auch Volhardsche Hunger- und DurstkurWilhelm Stepp: Was leistet die Diät in der modernen Krankenbehandlung. In: Münchener Medizinische Wochenschrift. Band 95, Nr. 1, 2. Januar 1953, S. 25–31 (Vortrag vor den Ärzten Vorarlbergs in Dornbirn am 20. Mai 1952), hier: S. 27. genannt) der „Kriegsnephritis“ (akute diffuse Glomerulonephritis) trug er 1916 auf einer außerordentlichen Tagung der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin im deutsch besetzten Warschau vor. Diese Therapie hatte sich laut Wilhelm Stepp „überall in der Welt durchgesetzt“. Volhard schloss sich als konservativer Patriot 1917 der Deutschen Vaterlandspartei an.
1918 folgte er einem Ruf als ordentlicher Professor für Innere Medizin und Direktor der Medizinischen Klinik an die Universität Halle. Ab 1927 war er Direktor der Medizinischen Klinik an der Universität Frankfurt am Main.
Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten wurde er Mitglied verschiedener NS-Organisationen, wie der SA-Reserve, der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt und zusätzlich förderndes Mitglied der SS.Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer Taschenbuch Verlag, Zweite aktualisierte Auflage, Frankfurt am Main 2005, ISBN 978-3-596-16048-8, S. 644. Eine Mitgliedschaft in der NSDAP wurde abgelehnt, da er einer Freimaurerloge angehört hatte.
1933 setzte er sich als Dekan mehrfach für jüdische Fakultätsmitglieder ein, deren Entlassung er aber nicht verhindern konnte. Seine Möglichkeiten wurden daraufhin eingeschränkt, trotz Mitgliedschaft in mehreren Unterorganisationen der NSDAP. Es gibt allerdings auch Hinweise darauf, dass er sich aktiv an der Vertreibung jüdischer Fakultätsmitglieder beteiligt hat, so im Falle des Kinderheilkundlers Paul Grosser. Im Frankfurter Personenlexikon heißt es hierzu: „Am 29.4.1933 ‚legte‘ ihm der Dekan der Medizinischen Fakultät, Franz Volhard, in einem Schreiben ‚nahe‘, auf seine Vorlesungen ‚in Anbetracht der gegenwärtigen Einstellung der Studentenschaft verzichten zu wollen‘... Sein [Grossers] Antrag, von der Medizinischen Fakultät beurlaubt zu werden, wurde von deren nationalsozialistischem Dekan im November 1933 abgelehnt.“Frankfurter Personenlexikon: Paul Grosser
Während einer Südamerikareise erreichte Volhard die Nachricht seiner (Zwangs-)Emeritierung zum 1. Oktober 1938, die er – trotz seines Alters von 66 Jahren – in Anbetracht seiner Leistungen und Vitalität als ungerecht empfand. Sein Nachfolger war von 1939 bis 1945 der „stramme Nationalsozialist“ Wilhelm Nonnenbruch, bis Franz Volhard seine Tätigkeit in der Frankfurter Universitätsklinik fortsetzen konnte.Ralf Forsbach, Hans-Georg Hofer: Zum 150. Geburtstag von Franz Volhard. In: Diatra, 32. Jahrgang, Nummer 2/2022, S. 9–11, Zitat S. 10. Dortige Quelle: Historische Website der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (www.dgim-history.de).
mini|Franz Volhard als Zeuge im Nürnberger Ärzteprozess, 1947
Während des Zweiten Weltkrieges arbeitete er in seiner Frankfurter Arztpraxis. Er war von 1940 bis 1945 als beratender Internist der Wehrmacht im Range eines Marineoberstabsarztes in den Lazaretten von Frankfurt und Umgebung sowie in einem Sanatorium (West-Sanatorium) in Bad Nauheim tätig.
Die US-Militärregierung setzte Volhard 1945 wieder als Direktor der Medizinischen Klinik der Universität Frankfurt ein. Im Nürnberger Ärzteprozess war er 1946/47 Entlastungszeuge für Wilhelm Beiglböck.
mini|Volhards Grab auf dem Frankfurter Hauptfriedhof Franz Volhard blieb bis zu seinem Unfalltod 1950 im Alter von 78 Jahren Direktor der Universitätsklinik Frankfurt.
Leistung In seiner Habilitationsschrift berichtete Volhard 1901 über die Entdeckung des fettspaltenden Ferments im Magen (Magenlipase). Er beschäftigte sich mit Venenpulsschreibung (1902), der quantitativen Pepsinbestimmung und der alkalischen Bindungskapazität des Magensaftes (1903), mit Leberpulsen und Herzrhythmusstörungen (1904), alternierenden Pulsphänomenen sowie erstmals mit Nierenkrankheiten und arterieller Hypertonie (1905). Berühmt war Volhards Sammlung paraffinierter Herzen.
Volhard entwickelte eine quantitative Trypsinbestimmungsmethode, arbeitete über die Kohlensäurevergiftung, die Tuberkulinbehandlung und die Differentialdiagnose der Herzfehler sowie den Herzblock. Er stellte 1909 ein Quecksilbermanometer zur oszillatorischen beziehungsweise zur auskultatorischen Messung des diastolischen Blutdrucks vor und forschte mit Theodor Fahr über Nierenkrankheiten. 1910 wurde der nach Volhard benannte Wasser- und Konzentrationsversuch in die Diagnostik von Nierenkrankheiten eingeführt.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 57. Volhard klassifizierte Schrumpfnieren nach funktionellen Gesichtspunkten. Volhard und Fahr teilten 1914 die „Brightschen Nierenkrankheiten“ neu ein in degenerative Erkrankungen (Nephrosen), entzündliche Erkrankungen (Nephritiden) und arteriosklerotische Erkrankungen (Skerosen).Johanna Bleker: Die Geschichte der Nierenkrankheiten. Boehringer Mannheim 1972, S. 125. Vor allem die Nierenpathologie stand nun im Vordergrund: Nach zehnjähriger Vorarbeit erschien 1917 eine erste große zusammenfassende Arbeit über Nierenerkrankungen, in der Nierenfunktionsstörungen ausführlich behandelt und die pathogenetische Einteilung in Nephritiden (entzündlich), Nephrosen (degenerativ) und Nephrosklerosen (arteriosklerotisch) nochmals vorgestellt wurde.
In Halle führte er die klinische Hauptvorlesung durch und beschäftigte sich mit der Pathophysiologie des Lungenemphysems sowie ophthalmologisch-renalen Fragestellungen. Auf dem Kongress für innere Medizin in Wien 1923 referierte er erstmals die Symptomatologie und die Pathomechanismen des „blassen“ (von einer Durchblutungsstörung der Niere ausgelösten) und des „roten“ (beruhend auf einer verminderten Dehnbarkeit des arteriellen Systems) Hochdrucks. Im gleichen Jahr berichtete er über die operative Therapie des Panzerherzens (Perikardresektion, gemeinsam mit Viktor Schmieden) und prägte den Begriff der kardialen Einflussstauung. Er führte unter anderem die bereits 1920 von Fr. M. Allen inaugurierte salzfreie Diät bei Herzerkrankungen und Hypertonie in DeutschlandPaul Martini: Über das Wesen und die Behandlung des essentiellen Hochdrucks. In: Münchener Medizinische Wochenschrift. Band 95, Nr. 1, 2. Januar 1953, S. 33–42 (O. Bollinger-Vorlesung, gehalten in München am 11. Dezember 1952), hier: S. 38–39 (zur Allendiät). ein.