mini|Otto Merkt, Relief am altkatholischen Dr.-Otto-Merkt-Gemeindehaus mini|Otto Merkt, gezeichnet von dem Kemptener Architekten und Maler Andor Ákos

Otto Merkt (* 26. Juli 1877 in Kempten (Allgäu); † 23. März 1951 ebenda) war ein deutscher Kommunalpolitiker und Heimatforscher. Er war 23 Jahre lang, von 1919 bis 1942, Bürgermeister von Kempten und 25 Jahre lang Präsident des Kreistags Schwaben und Neuburg bzw. des Bezirksverbands Schwaben. Auf ihn geht die Einrichtung des Amtes des Heimatpflegers zurück.

Leben Merkt wurde am 26. Juli 1877 in der Kemptener Salzstraße geboren. Seine Eltern waren der Bezirkstierarzt Ferdinand Merkt und dessen Frau Emma. Ferdinand Merkt war überzeugtes Mitglied der Altkatholischen Kirche und ein Anhänger des im Allgäu traditionell starken Nationalliberalismus. Zu dieser Herkunft hat sich Merkt immer wieder bekannt, sie hat ihn stark geprägt.Alfred Weitnauer: Bürgermeister Merkt, S. 7–10.Martina Steber: Ethnische Gewissheiten, S. 227f.

Ausbildung, erste kommunalpolitische Tätigkeiten und weitere Interessen miniatur|Titelblatt der Promotionsarbeit von Otto Merkt (Nachdruck von 1904)

Merkt besuchte das Humanistische Gymnasium in Kempten (heute: Carl-von-Linde-Gymnasium Kempten), ging nach dem Abitur als Einjährig-Freiwilliger zum Militär und nahm dann 1897 an der Universität München ein Studium der Rechtswissenschaft auf. Nach zwei Semestern an der Berliner Universität und der Universität Erlangen legte er 1900 seine erste Prüfung für den höheren Justiz- und Verwaltungsdienst ab und promovierte 1903 in Erlangen über die kommunale Selbstverwaltung. 1904 folgte der so genannte Staatskonkurs, das zweite juristische Staatsexamen. Mit zwei Semestern Sozial- und Handelswissenschaften in Frankfurt am Main schloss er seine Ausbildung ab.

1906 begann Merkt seine kommunalpolitische Laufbahn in Mallersdorf, wo er Bezirksamtsassessor und Amtsanwalt war. 1909 wurde er von den Fraktionen der Liberalen und des Zentrums als Rechtskundiger Rat in den Magistrat der Stadt München gewählt. In dieser Funktion erstattete er unter anderem dem Deutschen Städtetag 1911 einen Bericht über die Neueinteilung der Reichstagswahlkreise. Im Mai 1914 fand seine Wahl zum Zweiten Bürgermeister von München statt; dabei erhielt er zusätzlich auch die Stimmen der sozialdemokratischen Fraktion. Zwar blieb er bis 1917 in seinem Münchner Bürgermeisteramt, konnte es jedoch kaum ausüben, weil er im Ersten Weltkrieg von August 1914 bis Anfang 1918 als Hauptmann an der Westfront diente. Er wurde dort mehrmals verwundet. Nach einem Lazarettaufenthalt war er noch einige Monate Offizier im Grenzschutz in Scheidegg und bereitete dann seine Rückkehr nach Kempten vor.

Bereits nach seinem Abitur war Merkt 1896 Mitglied der erst drei Jahre zuvor gegründeten Ferialverbindung Algovia geworden, einer Vereinigung von aus Kempten stammenden Akademikern, die den latinisierten Namen des Allgäus als Bezeichnung führt.Alfred Weitnauer: Bürgermeister Merkt, S. 56f.Vorstellung von „Ekkehard“ = Otto Merkt auf der Seite der Algovia Während des Studiums schloss er sich zunächst 1896 der Verbindung Apollo München, dann 1898 der Münchener Burschenschaft Arminia an,Willy Nolte (Hrsg.): Burschenschafter-Stammrolle. Verzeichnis der Mitglieder der Deutschen Burschenschaft nach dem Stande vom Sommer-Semester 1934. Berlin 1934, S. 323.Helge Dvorak: Biographisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft. Band I: Politiker. Teilband 4: M–Q. Winter, Heidelberg 2000, ISBN 3-8253-1118-X, S. 88. die ihre historischen Wurzeln ebenfalls im Allgäu hatte. Während über seine Aktivitäten in der Burschenschaft nichts weiter bekannt ist, spielte die Algovia-Mitgliedschaft in Merkts weiterem Lebensweg eine große Rolle. Er wurde nach dem ersten Staatsexamen 1901 Philistersekretär der Verbindung, leitete also die Organisation der nicht mehr aktiv studierenden Mitglieder, und blieb dies bis zu seinem Tod. Die Algovia entwickelte sich unter Merkts Leitung zu einem wichtigen Reservoir für die Besetzung kommunalpolitischer Ämter und Posten in Kempten und blieb dies nicht nur in der Weimarer Republik, sondern auch in der Zeit des Nationalsozialismus und in der Bundesrepublik Deutschland.Herbert Müller: Parteien- oder Verwaltungsvorherrschaft? S. 49f., 252–254. Zahlreiche Briefe von „Algoven“ an ihren Philistersekretär, der in der Verbindung den Bierspitz Ekkehard führte, sind erhalten; es existiert eine empirische Untersuchung solcher an Merkt gerichteter Briefe aus dem Zweiten Weltkrieg.Clemens Mennicken: „… aber ein Allgäu ist es nicht“. Heimatkonstruktion und Heimaterfahrung Kemptener Soldaten im Zweiten Weltkrieg. In: Andreas Wirsching (Hrsg.): Nationalsozialismus in Bayerisch-Schwaben. Ostfildern 2004, S. 31–55.

Zudem engagierte sich Merkt frühzeitig in der Heimatbewegung. Er gehörte zum Kreis um den Kaufbeurer Pionier dieser Bewegung, Kurat Christian Frank, und begann seit 1903 alle erreichbare Literatur über das Allgäu zu sammeln. In der von ihm herausgegebenen Schriftenreihe Neuere Allgäuer Literatur, die in zahlreichen Folgen von 1911 bis 1949 erschien, bibliografierte und besprach er alle von ihm gefundenen Schriften zum Thema Allgäu. Unter anderem versuchte er in der 1914 erschienenen Folge die Nordgrenze des Allgäus autoritativ festzulegen, im Anschluss an Franz Ludwig von Baumanns Geschichte des Allgäus. Noch heute gilt diese Grenzziehung als Referenzpunkt für die räumliche Konstruktion der Region Allgäu.Martina Steber: Politik für eine „andere Moderne“. S. 96; siehe auch die Karte von Walter Jahn auf der Seite des Heimatbundes Allgäu, die die Merkt’sche Grenzziehung noch heute ausweist.

Schließlich war Merkt sehr aktiv in der Altkatholischen Kirche, vor allem in den so genannten „Jungmannschaften“, die besonders von dem altkatholischen Pfarrer in Kempten und späteren Bischof Erwin Kreuzer gefördert wurden. Merkt wurde später auch Mitglied der Synode und Synodalrichter dieser Kirche.E. K. Zelenka (= Erwin Kreuzer): Männer, wie wir sie brauchen. S. 44.

Bürgermeister und Kreistagspräsident: Weimarer Republik Konflikte mit dem Arbeiter- und Soldatenrat miniatur|Otto Merkt als Redner bei der Eröffnung des Stadtbads (1932)

Am 2. Dezember 1918 wurde Merkt von dem 36-köpfigen, nationalliberal dominierten, aber auch fünf sozialdemokratische Vertreter aufweisenden Kollegium der Gemeindebevollmächtigten einstimmig zum Ersten Bürgermeister von Kempten gewählt. Am 6. Februar 1919 trat er sein Amt an. Das Gemeindekollegium versuchte mit der Wahl des Verwaltungsfachmanns Merkt ein Machtzentrum gegen den Einfluss des vier Wochen zuvor gebildeten Kemptener Arbeiter- und Soldatenrates zu schaffen. Damit hatte es Erfolg: Bereits in der ersten Sitzung unter Merkts Leitung beschloss der Magistrat, keine Vertreter des Arbeiter- und Soldatenrats mehr zu den Magistratssitzungen einzuladen und damit von der bisher geübten Praxis abzuweichen.Herbert Müller: Kempten während der Weimarer Republik. S. 409f., 427.

Am 7. April 1919 rief jedoch der Arbeiter- und Soldatenrat unter Führung von Wilhelm Deffner (MSPD) und Adolf Schmidt (USPD, später KPD) die kurzlebige Kemptener Räterepublik nach Münchner Vorbild aus und verlangte von Merkt und der Stadtverwaltung, sich den Anordnungen der Revolutionsregierung zu fügen. Merkt blieb im Amt und empfahl der Verwaltung, den Anweisungen Folge zu leisten, soweit sie mit dem Diensteid vereinbar seien. Drei Tage später wurde Merkt verhaftet, konnte aber umgehend entkommen. Schon am 14. April wurde die Räterepublik wieder aufgehoben; am folgenden Tag verlangte Merkt von der Regierung Hoffmann in Bamberg, zur „Wiederherstellung der Ordnung“ Truppen zu senden. Am 12./13. Mai traf das Freikorps Schwaben in Kempten ein und nahm umgehend sieben Vertreter des Arbeiter- und Soldatenrats fest.Herbert Müller: Kempten während der Weimarer Republik. S. 411f.

Wahl zum Bürgermeister und Kreistagsvorsitzenden Im Juni 1919 fand die erste Direktwahl des Kemptener Bürgermeisters statt. Hier rief der Vereinigte Bürgerverein, eine neugeschaffene Sammlung der konservativ-liberalen Parteien unter Einschluss der DDP und der BVP, zur Wahl Merkts auf. Die MSPD hatte zu spät von der vorgezogenen Wahl erfahren, um einen eigenen Kandidaten zu stellen; so entschied sie sich dafür, Merkt ebenfalls zu unterstützen. Dieser erhielt eine überwältigende Mehrheit für eine zehnjährige Amtszeit. Da 1924 für Gemeinden über 3000 Einwohner die Direktwahl des Bürgermeisters abgeschafft wurde, war eine Wiederwahl nicht erforderlich. Seit 1928 führte Merkt den Titel eines Oberbürgermeisters, 1929 machte der Kemptener Stadtrat einstimmig von der Möglichkeit Gebrauch, ihn zum Bürgermeister auf Lebenszeit zu bestimmen.Herbert Müller: Kempten während der Weimarer Republik. S. 413, 423, 428.Herbert Müller: Parteien- oder Verwaltungsvorherrschaft? S. 33f.

Bei der Wahl zum Kreistag Schwaben und Neuburg 1919 kandidierte Merkt auf der Liste der DDP. Der Kemptener Stadtrat hatte Wert darauf gelegt, dass der Bürgermeister in dem neuen schwäbisch-bayerischen Gremium vertreten war (wie Merkts Vorgänger Adolf Horchler in dem früheren „Landrath“). Merkt, der sein Bürgermeisteramt als überparteilich ansah und deshalb Distanz zu den Parteien hielt, benötigte eine Parteiliste. Daher trat er nicht dem Ortsverband, sondern lediglich dem Kreisverband der DDP als Einzelmitglied bei und konnte es so vermeiden, in Kempten als Parteimitglied zu erscheinen.Martina Steber: Ethnische Gewissheiten. S. 228. Obwohl die DDP nur drei von 30 Sitzen in dem Gremium erhielt, wurde Merkt zum Kreistagsvorsitzenden gewählt – wohl wegen seines Rufs als unpolitischer Verwaltungsfachmann, wie Albert Thurner meint.Albert Thurner: Der Bezirkstag Schwaben, S. 25f. Er behielt diesen Posten bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, wenn auch der Name, die Funktionen und die Zusammensetzung des Gremiums sich in dieser Zeit erheblich änderten.

1927 trat Merkt aus der DDP aus, mit deren linksliberaler Politik ihn nie viel verbunden hatte. Für die Kreistagswahl nahm er das Angebot des Bayerischen Bauern- und Mittelstandsbunds (BBB) an, der ihm zugesichert hatte, er könne parteilos bleiben.Martina Steber: Ethnische Gewissheiten. S. 228.

Wirtschafts- und Kulturpolitik Merkt betrieb eine gezielte Stadtentwicklungspolitik. Wie er später selbst schrieb, schien ihm dazu vor allem „Bauernpolitik“ erforderlich; er versuchte Kempten zum Zentrum des agrarisch und vor allem durch die Milchwirtschaft geprägten Allgäus zu machen, zum „Mittelpunkt … auf theoretischem Gebiete, hinsichtlich der Organisation, der Herstellung und des Absatzes“.Herbert Müller: Parteien- oder Verwaltungsvorherrschaft? S. 250. So verfasste er unmittelbar nach Aufhebung der Zwangsbewirtschaftung nach dem Ersten Weltkrieg 1921 eine Denkschrift zur Errichtung einer Allgäuer Butter- und Käsebörse, gehörte zu deren Gründern und übernahm selbst den ehrenamtlichen Vorsitz. Diese Institution, die seit 1923 im Kemptener Kornhaus residierte, sollte durch statistische Erfassung der Geschäftsvorgänge Markttransparenz schaffen und notierte auf dieser Basis später auch Preiskorridore, wirkte also marktregulierend. Als Stadtoberhaupt übte Merkt auch Einfluss im Milchwirtschaftsverband Allgäu aus und war an der Gründung weiterer milchwirtschaftlicher Institutionen beteiligt, so 1929 des Bayerischen Schutzmarkenverbands für Butter und Käse und der Süddeutschen Markenbutter-Tonnen GmbH. Auch das zweite Standbein der Allgäuer Landwirtschaft, die Viehzucht, versuchte er durch den Bau einer Tierzuchthalle am Bahnhof in Kempten 1928 zu stärken.Herbert Müller: Parteien- oder Verwaltungsvorherrschaft? S. 249f.Martina Steber: Politik für eine „andere Moderne“, S. 99f.Georg Hölzle: Geschichte der Süddeutschen Butter- und Käse-Börse e. V. (online) (PDF-Datei; 107 kB).