Die Zeit der Renaissance war neben Kunst, Kultur und Wissenschaft in Europa auch eine Blütezeit des Kurtisanenwesens, einer gesellschaftlich akzeptierten Form der Prostitution. Vor allem in Rom bestimmte diese Form der Prostitution wesentlich den Ruf und das Erscheinungsbild der Stadt. Die speziellen Gesellschaftsstrukturen und das kulturelle Klima in Rom im 16. Jahrhundert schufen die Voraussetzungen für ein Nebeneinander klerikaler Prachtentfaltung und käuflicher Liebe. Angesichts der hohen Anzahl von Prostituierten wurde aus der Redensart von Rom als „Haupt der Welt“, Roma caput mundi, ein spöttisches Roma cauda mundi – „Rom, Schwanz der Welt“.
Bei Feiern, Theateraufführungen, Gelagen und Empfängen vor allem kirchlicher Würdenträger wurde die Abwesenheit von Frauen immer mehr als Verlust und Mangel empfunden. Um diese „Lücke“ zu füllen, lud man Kurtisanen zu diesen Gesellschaften ein. Die Bezeichnung Kurtisane leitet sich von Cortigiana ab, was eigentlich Hofdame bedeutet, und bezeichnete um 1500 die gehobene Prostituierte, vergleichbar mit den Hetären des antiken Griechenlands.
Rom als Zentrum Aus vielen Ländern strömten zur Zeit der Renaissance junge Frauen nach Rom, um ohne die harten Beschränkungen und Auflagen, die in anderen europäischen Städten herrschten, ihrem Stand zu entfliehen und ihr Glück als Kurtisane zu machen. Neben Hafenstädten wie Venedig, Genua und Pisa mit vielen ledigen Matrosen und wohlhabenden Kaufleuten war auch das heilige Rom von zahlreichen Prostituierten bevölkert.
In der Epoche der Renaissance setzte sich in Rom immer mehr eine „Liberalität“ im sexuellen Bereich durch. Einige Frauen schafften einen unglaublichen gesellschaftlichen Aufstieg zur Kurtisane und viele Beamte, Schreiber, Prälaten, Bischöfe und Kardinäle suchten und fanden Abwechslung, Unterhaltung und Entspannung bei den exklusiveren Kurtisanen. Aber nur reiche Männer konnten sich die Dienste einer Kurtisane auch leisten, wie z. B. der sehr wohlhabende Bankier Agostino Chigi, dessen Begleiterin Imperia Cognati hieß.
Die bekannten Kurtisanen führten einen sehr aufwändigen Lebensstil mit eigener Dienerschaft und fielen durch ihr elegantes und prächtiges Auftreten nach der neuesten Mode auf. Als salonfähige Prostituierte konnten sie sich in der Öffentlichkeit bewegen, an Banketten teilnehmen und gehörten fest zum gesellschaftlichen Leben. Sie waren nicht nur geduldet, sondern sehr angesehen und gehörten zu den „Sehenswürdigkeiten“ selbst gebildeter Reisender. Nicht nur aufgrund ihrer Erscheinung, sondern auch durch ihre Bildung, ihre gepflegten Manieren und ihre kultivierte Konversation waren Kurtisanen gesellschaftlich eine lange Zeit akzeptiert. Die berühmte Kurtisane Tullia d’Aragona war eine bewunderte Dichterin und berühmt durch ihre Dialoge über „Die Unendlichkeit der Liebe“. Die Betätigungsfelder einer Kurtisane waren nicht alleine auf Sex begrenzt; als gebildete und attraktive Frauen waren sie auch zuständig für kulturelle Anregungen. Einige Kurtisanen traten auch als Musikerinnen auf und gerade der Musik wurde damals eine äußerst verführerische Eigenschaft zugesprochen.
Zur Zeit der Renaissance war es kein Skandal, wenn eine Kurtisane in Rom mit einem Kardinal in einer Kutsche offen durch die Stadt fuhr. Von der Kurtisane Saltarella wurde 1539 berichtet, dass sie mit fünf Kardinälen zu Abend gegessen hatte. Kardinal Cornaro unterhielt ein stadtbekanntes Verhältnis zu einer Kurtisane mit Namen Doralice, bis sie 1566 aus Rom ausgewiesen wurde. Einige Kurtisanen wohnten im Kardinalspalast und wurden auch ständige Begleiterinnen der Kardinäle, ebenso wie sie andere hochgestellte Personen von Rang empfingen. So schrieb Burke in seinem Buch „Die europäische Renaissance“ folgendes:
„In Begleitung ihrer Dienerinnen ging die Kurtisane in die Kirche. Weit davon entfernt, Gemeinbesitz zu sein, war sie die Mätresse oder Konkubine nur weniger. Merkwürdigerweise hatte die hochklassige Kurtisane mit ihrer luxuriösen Erscheinung, ihren poetischen Fähigkeiten, ihrer Laute und ihrem Schoßhündchen Ähnlichkeit mit der Frau des Patriziers oder Adeligen.“
Der Begriff Kurtisane Den ältesten bekannten Beleg für den Gebrauch der Bezeichnung Kurtisane hinterließ Johannes Burckard 1498 in seinem Liber Notarum. Die Gefährtinnen der päpstlichen Hofbeamten wurden von ihm „Quedam cortegiana, hoc est meretrix honesta“ (dt. „eine sogenannte Kurtisane, das heißt eine ehrbare Hure“) genannt. Der erklärende Hinweis in seiner Beschreibung macht deutlich, dass die Bezeichnung Kurtisane für eine Prostituierte und nicht für eine Dame galt. Ebenso wird dadurch verdeutlicht, dass der Begriff neu war, somit gerade erst aufgekommen, und dass es sich hierbei zwar um eine käufliche Frau handelte, gleichzeitig aber war sie honesta, was hier soviel bedeutet wie ehrbar oder gesellschaftlich anerkannt.
Voraussetzung und Entwicklung des Kurtisanenwesens Celui qui par la rue a veu publiquement La courtisanne en coche ou qui pompeusement L'a peu voir à cheval en accoustrement d'homme Superbe se monstret: celuy qui de plein jour Aux Cardinaux en cappe a veu faire l'amour, C'est celuy seul, Morel, qui peut juger de Rome Derjenige, der die Kurtisane allen offenbar in der Kutsche durch die Straßen der Stadt fahren sah, der sah, wie sie stolz zu Pferd saß, in männlicher Kleidung und wie sie ohne Scheu turtelnd am hellichten Tag Kardinälen in purpurner Tracht im Arme lag, nur der allein, Morel, kennt das Rom unsrer Zeit. Joachim du Bellay, Les regrets
Als Papst Innozenz II. 1139 auf dem Zweiten Laterankonzil festlegte, dass die Ehe ein Hindernis für den Empfang der kirchlichen Weihen ist, trat das Konkubinat an die Stelle der Klerikerehe und fand weiter Verbreitung.
Immer wieder versuchte die Kurie, die Geistlichen zur Aufgabe ihrer Beziehungen zu Frauen zu zwingen. Im Jahre 1367 wurde von Beamten von Urban V. verfügt, dass Kleriker bei Strafe der Exkommunikation ihre Konkubinen zu entlassen hatten. Von fünf Geistlichen der Kirche S. Angelo de Scambiis erschienen immerhin vier, um sich dem Erlass entsprechend von ihren Konkubinen zu trennen.
Auch ein päpstlicher Bordellbetrieb unter Alexander VI. ist nachgewiesen. Im Jahre 1496 vermieteten zwei Beamte des Papstes Ludovico Romanelli das Amt eines „Capitaneus Prostibuli de Ponte Sixto“, eines Vorstehers des Bordells nahe der Ponte Sisto. Romanelli mietete von den Beamten des Papstes das Recht, von jeder der dort wohnenden und lebenden Huren eine monatliche Abgabe von zwei Carlini zu erheben sowie ein Gasthaus und ein Restaurant im Bordell zu betreiben. Aus diesem Geschäft ergaben sich nicht nur gute Gewinne für Romanelli, sondern auch für die katholische Kirche.
Die Gesellschaftsstrukturen in Rom zur Zeit der Renaissance waren ähnlich denen im antiken Griechenland. Ehrbare Frauen und Mädchen hatten im Stadtalltag keinen Platz. Ihr Bereich war ausschließlich auf das Haus beschränkt. Nur mit ihrem Ehemann oder ihren männlichen Verwandten durften ehrbare Damen zusammenkommen, ohne einen Verdacht auf sich zu ziehen. Sogar die Teilnahme an Festen, festlichen Essen oder sonstigen geselligen Veranstaltungen, bei denen Männer zugegen waren, war ihren verwehrt. Verschärft wurde diese Situation von einem massiven Männerüberschuss in der heiligen Stadt und der Verpflichtung zur Ehelosigkeit von einem Großteil der dort lebenden Männer. Zusätzlich wurde der Mangel an ebenbürtigen Gefährtinnen am päpstlichen Hof mit seinen glanzvollen Empfängen und Festen vieler königlicher Gesandtschaften als sehr schmerzlich empfunden, da das weibliche Element an den meisten Renaissancehöfen eine sehr wichtige Rolle spielte. Dies förderte die Entstehung eines Kurtisanenwesens, ähnlich dem der Hetären in Griechenland. Im weiteren Sinne nennt man Renaissance auch die Wiedergeburt des klassischen Altertums in seinem Einfluss auf die Wissenschaft, die Literatur, die Gesellschaft, das Leben der vornehmen Kreise und die Entwicklung der Menschen zu individueller Freiheit im Gegensatz zum Ständewesen des Mittelalters. Diese Wiedergeburt des klassischen Griechenlands traf auch auf die Wiedergeburt des römischen Kurtisanenwesens zu.
Anzahl der Kurtisanen in Rom Wie groß die genaue Zahl der in Rom lebenden Prostituierten war, lässt sich nur noch anhand der Schätzungen zeitgenössischer Quellen nachvollziehen. So sollen im Jahre 1490 in der Stadt 6800 Huren gezählt worden sein, bei einer Einwohnerzahl von schätzungsweise 30.000 Einwohnern. Die verlässlichste Quelle einer Volkszählung in Rom weist 9328 Haushalte und 53.689 darin lebende „Seelen“ für die Jahre 1526 und 1527 aus. Von diesen Haushalten wurden 2142 alleine von Frauen geführt, 29 davon wurden als Kurtisane genannt.Quelle: D. Gnoli, Descriptio Urbis Doma 1894 Da bei den Namen der Frauen selten Berufsbezeichnungen standen, kann es sich nur um sehr wenige wohlhabende Witwen, adelige Damen, Äbtissinnen und vereinzelte Berufstätige handeln. Ein großer Teil der von Frauen geführten Haushalte muss daher der von Kurtisanen gewesen sein, die gut genug verdienten, um einem Haus und einem großen Haushalt vorstehen und ihn unterhalten zu können.
Die Verwunderung über die auffallend große Zahl von Kurtisanen und Prostituierten in Rom, die offensichtliche gesellschaftliche Anerkennung genossen, spiegeln auch die vielen zeitgenössischen Reiseberichte und Briefe von Diplomaten, wohlhabenden Reisenden und Kaufleuten wider, die Rom besuchten. Der französische Reisende Villamont, der 1588 nach Rom kam, schreib folgendes:
Mais ce que j'admire plus, c'est que les plus grands de Rome, passant au devant la fenestre de Madame la Courtisanne, ils la salüent en tante humilité, luy baisant les mains, et passant devant elle, comme si c'estoit une Princesse ou quelque grande Dame... Was ich am meisten bewundere ist, dass die vornehmen Herren von Rom, wenn sie an den Fenstern von Madame der Kurtisane vorbeikommen, sie mit solcher Unterwürfigkeit grüßen, ihr die Hände küssen und ihr die Aufwartung machen, als wären sie eine Prinzessin oder irgendeine große Dame...
Sehr ähnliche Aussagen machten auch Michel de Montaigne, Arnoldus Buchelius, Bartholomäus Sastrow, Thomas Coryate, Richard Lassels und Philipp Eduard Fugger in ihrer Korrespondenz und Reiseberichten.
Herkunft Im 16. Jahrhundert standen einer Frau im Grunde nur zwei Wege offen, ihr Leben in gesellschaftlich akzeptierter Form zu gestalten: Entweder sie heiratete oder sie ging in ein Kloster. In der Realität blieben den meisten Mädchen und Frauen diese beiden Möglichkeiten verwehrt, da in beiden Fällen eine Mitgift vonnöten war, die nicht jede Familie, oder eine alleinstehende Frau, aufbringen konnte. War das Aufbringen einer Mitgift für eine Tochter für viele Familien schon schwierig, waren Familien mit vielen Töchtern überhaupt nicht in der Lage, alle Töchter „ehrbar“ zu versorgen. Mädchen und Frauen, die keine Mitgift hatten, mussten selbst für sich sorgen.
Die Berufschancen für Frauen waren sehr bescheiden. Unverheiratete und mittellose Mädchen konnten nur als Dienstmädchen, Wäscherin, Köchin oder Schankmädchen Anstellung finden. Nur in großen Städten mit handwerklicher Produktion konnte sie als billige Arbeiterin etwas Geld verdienen. Auf dem Lande wurden nur zur Erntezeit Tagelöhner gesucht und anspruchsvollere Berufe waren Frauen nicht zugänglich. Allen Berufen war ein geringer Lohn, schwere körperliche Arbeit und keine gesellschaftliche Anerkennung gemein.
Die Chance, sich als Kurtisane entweder solange eine Mitgift zu verdienen, bis man eine respektable Ehe eingehen konnte, oder zur wohlhabenden Gefährtin reicher Männer und Gönner aufzusteigen und den eigenen gesellschaftlich inakzeptablen Status zu verlassen, war so verführerisch, dass Frauen aus ganz Europa nach Rom kamen, um ihre Chance zu ergreifen.