mini|Leonhard Kern: Menschenfresserin, Elfenbeinskulptur, um 1640 Als Kannibalismus wird das Verzehren von Artgenossen oder Teilen derselben bezeichnet. Insbesondere versteht man darunter den Verzehr von Menschenfleisch durch Menschen (Anthropophagie). Die Bezeichnungen Kannibalismus und Anthropophagie werden unabhängig davon verwendet, ob dem Verspeisen eine Tötung vorausging oder nicht. Biologen verwenden bei Tieren die genaueren Bezeichnungen aktiver und passiver Kannibalismus, um die beiden Fälle zu unterscheiden.
In fast allen menschlichen Gesellschaften ist Kannibalismus mit einem Nahrungstabu belegt. Anthropophagie in Extremsituationen (aus Nahrungsmangel) ist zu unterscheiden von rituell bzw. religiös geprägten Erscheinungsformen. Der Glaube an eine medizinische Wirksamkeit des Verzehrs von Leichenteilen war in Europa bis ins 18. Jahrhundert verbreitet. Einzelne Fälle von Kannibalismus tauchen auch im sexuellen oder psychiatrischen Kontext auf.
Wortherkunft Das Wort „Kannibale“ kam in Folge der Entdeckungsfahrten des Christoph Kolumbus um 1500 in den europäischen Sprachen in Gebrauch. Im Deutschen ist es 1508 erstmals belegt.
Als Kolumbus auf seiner ersten Reise vor der Insel Hispaniola ankerte, notierte er in seinem Logbuch am 23. November 1492, dass die Einwohner dieser Insel in steter Furcht vor den Caniba oder Canima lebten, den angeblich einäugigen, hundsgesichtigen und menschenfressenden Einwohnern der Nachbarinsel Bohío. Die Eigenbezeichnung dieses Indianervolkes bedeutete so viel wie „tapfer“ (vgl. Tupi-Sprache caryba: „Held“). Da in ihrer Sprache die Laute l, n und r als Allophone variieren, entstand im Gebrauch der spanischen Seefahrer zum einen die Variante caribe bzw. caribal, was sich im Sprachgebrauch zur Bezeichnung der Bewohner der Küsten der Karibik, die Kariben, verengte, und zum anderen canibal in der Bedeutung „Menschenfresser“.
Da man in der vorwissenschaftlichen Ethnologie der Antike und des Mittelalters fest davon überzeugt war, dass am Rand der bekannten Welt anthropophagische (menschenfressende) und „halbmenschliche“ Völker lebten, konnte die Literatur des 16. Jahrhunderts in den karibischen Canibales eine besonders aktuelle und real scheinende Verkörperung dieser alten Idee entdecken. Der Name wurde zum Begriff; als solcher verbreitete er sich sehr schnell und wurde zum Synonym für den zuvor üblichen griechischen Begriff Anthropophage.
Im heutigen Deutsch wird die Bezeichnung Menschenfresser vor allem für Märchen- und Sagenfiguren oder -völker gebraucht.
Anthropophagie mini|Schnittspuren auf dem homininen Schienbein-Knochen KNM-ER 741 aus der Fundstätte Koobi Fora in Kenia (Markierung: 4 cm) Im Juni 2023 wurden an dem homininen Schienbein-Knochen KNM-ER 741 Schnittspuren beschrieben, bei denen es sich den Forschern zufolge um „die ersten (und bisher einzigen) Schnittspuren“ handelt, die an einem homininen Fossil aus dem Altpleistozän gefunden wurden. Dem in Kenia in der Fundstätte Koobi Fora entdeckten Fossil wurde ein Alter von 1,45 Millionen Jahren zugeschrieben.Briana Pobiner, Michael Pante und Trevor Keevil: Early Pleistocene cut marked hominin fossil from Koobi Fora, Kenya. In: Scientific Reports. Band 13, Artikel-Nr. 9896, 2023, doi:10.1038/s41598-023-35702-7. Sollten Datierung und Zuordnung zu einer Art der Hominini – das heißt: zu den frühen Verwandten des Menschen – zutreffend sein, könnte es sich bei diesem Fund der Fachzeitschrift Nature zufolge um den frühesten Beleg von Kannibalismus im Formenkreis des Menschen handeln.Did our human ancestors eat each other? Carved-up bone offers clues. Auf: nature.com vom 26. Juni 2023.
Unterschiedliche Kontexte und Motive für Kannibalismus Christian Spiel unterscheidet in seinem Buch Menschen essen Menschen – Die Welt der KannibalenChristian Spiel: Menschen essen Menschen. Die Welt der Kannibalen (= Fischer-Taschenbücher 6256 Bücher des Wissens). Überarbeitete Ausgabe. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1974, ISBN 3-436-01952-6. verschiedene Arten des Kannibalismus nach den Motiven und Anlässen: mythisch begründeter Kannibalismus – in Weltschöpfungsmythen geschilderte Weltschöpfung durch Kannibalismus religiöser Kannibalismus – Körperteil als direkte Opfergabe an die Götter (beispielsweise das Herz bei den Azteken für den Sonnengott, damit die Sonne jeden Tag neu ihren Lauf über den Himmel ausführen kann; der rohe Leichenrest für die Menschen als Omophagie) ritueller Kannibalismus als „Bestattung im Menschen“ – den Geopferten oder den Verstorbenen in sich aufnehmen und so seine Wiederkehr verhindern Pietätskannibalismus – den Verwandten, sei es ein Vorfahre oder ein eigenes Kind, aus Respekt, Liebe oder Trauer würdevoll ehren, aber auch sicher verwahren Angst-Kannibalismus – den getöteten Feind am sichersten denkbaren Ort, in sich selbst, verwahren und so seine Wiederkehr verhindern magischer Kannibalismus – Vorstellung, dass Eigenschaften wie Kraft und Mut vom Opfer durch Verzehren auf den Esser übergehen justizieller oder Gerichts-Kannibalismus – das Verspeisen von Verurteilten oder das Trinken ihres Blutes Kannibalismus zu Ernährungszwecken in extremen Notlagen Kannibalismus als sexueller Fetischismus Nicht in den Blick genommen hat er den in Europa weit verbreitet gewesenen medizinischen Kannibalismus.
Kontroverse Bewertungen Die Schilderung von Kannibalismus, insbesondere in älteren Berichten, aber auch die entsprechende Interpretation archäologischer Funde wird von einigen Autoren scharf kritisiert oder als unzutreffend angesehen.Willam Arens: The Man-Eating Myth: Anthropology and Anthropophagy. Oxford University Press 1980, ISBN 978-0-195-02793-8Gananath Obeyesekere: Cannibal talk: the man-eating myth and human sacrifice in the South Seas. University of California Press 2005, ISBN 978-0-520-24308-8 Der Vorwurf des Kannibalismus sei bis in die jüngste Vergangenheit in Europa als Vorwand für die Diskriminierung von indigenen Völkern und anderen Ethnien benutzt worden. Auch könnten Ergebnisse archäologischer Forschung nicht eindeutig bestätigt werden. Es wurden mehrmals entsprechende Fehlinterpretationen aufgedeckt, etwa indem nachgewiesen wurde, dass Kratzspuren, die zuerst als Anzeichen für Kannibalismus gedeutet wurden, von Tieren stammten. Das Fehlen von Organen könne auch von Begräbnisritualen herrühren, wenn z. B. im alten Ägypten während der Mumifizierung die inneren Organe entnommen wurden. Umstritten ist auch die Inschrift der ägyptischen Kannibalenhymne.
Die modernen Untersuchungsmethoden der Archäologie haben allerdings ausreichend glaubhafte Belege für das Vorkommen von Kannibalismus in verschiedenen Kulturräumen erbracht. Ein Beispiel sind Funde einer Forschungsgruppe 1999 in einer Höhle in Moula-Guercy, Frankreich. Die gefundenen menschlichen Knochenreste waren nach derselben Methode zerkleinert worden wie tierische. In einer präkolumbischen Siedlung der Anasazi im heutigen US-Bundesstaat Colorado wies eine Gruppe von Medizinern unter der Leitung von Jennifer und Richard Marler in den gefundenen Kochtöpfen und Exkrementen Spuren von menschlichem Myoglobin nach, die nur von der Zubereitung bzw. dem Verzehr von Menschenfleisch stammen können.
Archäologische Befunde in Europa „Als archäologische Kriterien für Kannibalismus gelten Knochenzertrümmerungen, Hack- und Schnittspuren, Längsspaltung der Röhrenknochen zur Mark- und Öffnung des Schädels zur Gehirnentnahme sowie Feuereinwirkung, die in gleicher oder ähnlicher Weise auch an Tierknochen vorkommen und auf die gleiche Behandlung von Mensch und Tier schließen lassen.“Ulrike Zischka u. a. (Hrsg.): Die anständige Lust. Von Esskultur und Tafelsitten. München 1994, S. 37.
Homo antecessor und Homo erectus Bereits rund 800.000 Jahre alte Knochenfunde von Homo antecessor wurden als Beleg für kannibalistische Praktiken interpretiert, was anhand von Schnittspuren auf Funden aus dem Jahr 1997 aus Atapuerca (nahe Burgos, Nordspanien) geltend gemacht wird.Y. Fernández-Jalvo, J. C. Déz, J. M. Bermúdez de Castro, E. Carbonell, J. L. Arsuaga: Evidence of early Cannibalism. In: Science. Band 271, 1996, S. 269–270, doi:10.1126/science.271.5247.277 In Bilzingsleben (Thüringen) wurde ein etwa 300.000 Jahre altes Pflaster-Halbrund gefunden, das als Ritualplatz gedient haben könnte. Reste von zertrümmerten Schädeln des Frühmenschen Homo erectus wurden vom Ausgräber Dietrich Mania als Beweise einer Gehirnentnahme interpretiert (funeraler Kannibalismus).Jörg Orschiedt: Manipulationen an menschlichen Skelettresten. Taphonomische Prozesse, Sekundärbestattungen oder Kannibalismus? Tübingen 1999, S. 60.Jörg Orschiedt: Zur Frage der Manipulationen am Schädel des „Homo steinheimensis“. In: I. Campen, J. Hahn, M. Uerpmann (Hrsg.): Spuren der Jagd – Die Jagd nach Spuren. Festschrift Prof. H. Müller-Beck. (Tübinger Monographien zur Urgeschichte Bd. 11) Tübingen 1996, S. 467–472.
Neandertaler In der Höhle von Krapina nördlich des kroatischen Zagreb barg man von 1899 bis 1905 zerschlagene und teilweise angebrannte Knochenreste von mindestens 24 Neandertalern, was als „ritueller Kannibalismus“ gewertet wurde.Erik Trinkaus: Cannibalism and burial at Krapina. In: Journal of Human Evolution. Band 14, Nr. 2, 1985, S. 203–216.The Krapina Neandertals. A Comprehensive, Centennial, Illustrated Bibliography. (Bibliographie aller Forschungsarbeiten zu Krapina) Dem wird entgegengehalten, dass die vermeintlich authentischen Schnittspuren an den Schädeln als Kratzer zum Teil erst nach der Konservierung entstanden sein können. Als Nachweis für Kannibalismus ist die Fundstelle laut einer eingehenden Untersuchung von 2008 ungeeignet.Jörg Orschiedt: Der Fall Krapina – neue Ergebnisse zur Frage von Kannibalismus beim Neandertaler. In: Quartär. Band 55, 2008, S. 63–81.
In einer Höhle im Hortus-Massiv (Südfrankreich) wurden Reste von bis zu 36 Menschen gefunden, deren Knochen allesamt zerbrochen waren und die inmitten von Mahlzeit- und Tierresten lagen.Website Hortus-Höhle, 2002. Auch Schnittspuren an einem Unterkiefer mit Neandertalermerkmalen aus der Höhle von Les Rois (bei Mouthiers-sur-Boëme) wurden als möglicher Beleg für Kannibalismus gewertet, der von Cro-Magnon-Menschen des Aurignacien praktiziert worden sein soll. Doch widersprach dem eine Untersuchung des Jahres 2009, die zu dem Schluss kommt, dass dem Zusammenhang nach gesicherte Informationsstücke, die notwendig sind, um einem kannibalistischen Zusammenhang den Vorzug zu geben, fehlen.Fernando V. Ramirez Rozzi, Francesco d’Errico, Marian Vanhaeren, Pieter M. Grootes, Bertrand Kerautret, Véronique Dujardin: Cutmarked human remains bearing Neandertal features and modern human remains associated with the Aurignacian at Les Rois. In: Journal of Anthropological Sciences. Band 87, 2009, S. 153–185, hier: S. 174 („In our case, however, contextual pieces of information needed to favour the cannibalistic interpretation are missing.“).
Jungsteinzeit