Rugby Union, gemeinhin einfach Rugby oder auch Fünfzehner-Rugby genannt, gelangte Mitte des 19. Jahrhunderts durch den Nachwuchs wohlhabender Briten nach Deutschland. Einige der jungen Männer besuchten im Deutschen Bund renommierte Privatgymnasien oder studierten, andere versahen hier ihren Militärdienst und spielten in ihrer Freizeit Rugby. Dieser Einfluss wirkt bis heute nach, Hannover und Heidelberg entwickelten sich zu den Hochburgen dieses Sports in Deutschland.

Geschichte Die Anfänge im 19. Jahrhundert 1823 entstand an der Public School der mittelenglischen Stadt Rugby ein neues Spiel: Ein Schüler namens William Webb Ellis nahm der Legende nach den Ball im Laufe eines Fußballspiels „in feiner Missachtung der Regeln“ (Thomas Hughes: Tom Brown’s Schooldays) in die Hände, rannte davon und legte ihn ins gegnerische Tor. Zwar hat Ellis wirklich gelebt und zu dieser Zeit in Rugby studiert, wie sich anhand der erhaltenen Matrikeln nachweisen lässt, ob er aber der Erfinder war, lässt sich nicht beweisen. Abgesehen davon bestanden zu diesem Zeitpunkt noch keine allgemein gültigen Regeln in den jahrhundertealten Vorgängerspielen von Fußball und Rugby: Der Ball konnte getreten, getragen, geworfen und je nach Größe auch gerollt oder geschoben werden. Spielerzahl und Feldgröße waren nicht festgelegt.

Am Internat von Rugby war das Spielen des Balles mit der Hand bereits erlaubt; nur durfte er nicht getragen werden, und ins Tor musste man ihn auf jeden Fall mit dem Fuß befördern. Insoweit hatte das Spiel Ähnlichkeit mit Gaelic Football. Die Neuerung, den Ball zu tragen und einen Versuch zu legen wurde zwischen 1820 und 1823 eingeführt. Der ovale Ball, der das Tragen eng am Körper erleichtert, wurde erstmals 1851 vom Schuh- und Ballhersteller Gilbert nahe dem Internat in Rugby angefertigt.

Eine klare Trennung zwischen Fußball und Rugby erfolgte erst nach 1863, als in London die Football Association (FA) gegründet wurde, die nach den 1846 aufgestellten Regeln der Universität Cambridge das Spielen des Balls mit der Hand abschaffte. Acht Jahre später, am 26. Januar 1871, wurde die Rugby Football Union (RFU) gegründet, die in der Folgezeit die Regeln aus dem Jahr 1845 der Public School von Rugby standardisierte.

Entwicklung der ersten Vereine und des Spielbetriebs Die erste deutsche Rugby-Mannschaft gab es am Neuenheim College in Heidelberg, dessen Schüler um 1850 herum mit einem Spiel Aufsehen erregten, das die Jugendlichen der Stadt „Durchtragerles“ nannten. William Cail, der von 1892 bis 1894 Präsident der Rugby Football Union in England war, berichtete später von begeisternden Rugbyspielen um 1865 auf dem Cannstatter Wasen, wo er als Zögling der Kloseschen Anstalt, einer Stuttgarter Privatschule, mitgespielt hatte.Philipp Heineken: Erinnerungen an den Cannstatter Fussball-Club. Verlag Hermann Meister, Heidelberg 1930. S. 10. Edward Hill Ullrich war Pädagoge am Neuenheim College, dem heutigen Heidelberg College, und an der Dr. Gaspey’s Schule und sammelte um 1870 die Rugby-begeisterten Schüler beider Lehranstalten um sich, um auf den Neckarwiesen erste Trainings durchzuführen. Unter seiner Leitung gründeten Schüler am 9. Mai 1872 den Heidelberger Ruderklub von 1872 (HRK 1872), der älteste heute noch bestehende deutsche Rugby-Verein.

Unter den aus England übernommenen Mannschaftssportarten dominierte im Deutschen Reich seit Beginn der 1870er Jahre zunächst Rugby Football. Dieser wurde hauptsächlich von hier lebenden Briten und Amerikanern betrieben. Dies änderte sich erst in den späten 1880er Jahren zu Gunsten des Fußballs. Frühe Rugbyspiele bis 1880 sind überliefert von Mannschaften aus Darmstadt, Frankfurt, Heidelberg, Neuenheim, Cannstatt, Karlsruhe, Baden-Baden, Wiesbaden, Kassel und Hannover."Hans-Peter Hock: Der Dresden Football Club und die Anfänge des Fußballs in Europa. Arete Verlag, Hildesheim 2016, Seite 22. Diese Spiele sind aus heutiger Sicht als Freundschaftsspiele zu bezeichnen.

Am 14. September 1878 wurde in Hannover der erste deutsche Sportverein aus der Taufe gehoben, der sich von Beginn an weder dem Turnen noch dem Wassersport, sondern ausschließlich dem Rasensport widmete: der Deutsche Fußballverein Hannover. Mitbegründer und erster Präsident war Ferdinand Wilhelm Fricke. Nach ihm ist die Straße benannt, in der sich heute die Geschäftsstelle des Deutschen Rugby-Verbandes (DRV) befindet. Am 17. Oktober 1883 fand in Hannover das erste Rugby-Wettspiel zwischen Deutschen und Engländern statt. Ab 1898 wurde ein Wettbewerb um den Hannoverschen Pokalmeister ausgespielt, den als Erster der 1868 gegründete English Football Club Hannover gewann.

Am 1. September 1880 hatte sich in Frankfurt/Main als Zusammenschluss verschiedener Vereine mit dem Fußballclub Frankfurt bereits ein weiterer Rugby-Verein gebildet, dessen Vereinsgründer Hermann Stasny war. Dieser wagte 1894 als erster deutscher Verein eine Reise ins Mutterland des Rugbyspiels, wo gegen den Blackheath RFC aus London verloren wurde. Von Pierre de Coubertin, der 1896 die Olympischen Spiele der Neuzeit in Athen begründet hatte, bekam der Verein eine Einladung, als Vertretung Deutschlands anlässlich der Pariser Weltausstellung am Rugbyturnier der II. Olympischen Spiele teilzunehmen. Da es immer noch keinen Verband geschweige denn eine Nationalmannschaft gab, wurde als Vertretung Deutschlands der FC Frankfurt beauftragt, am Rugby-Turnier teilzunehmen.

Ein Zusammenschluss der deutschen Vereine scheiterte lange an gegensätzlichen Interessen. Als die von norddeutschen Vereinen 1886 angeregte Gründung eines Deutschen Rugby-Fußball-Bundes unterblieb, schloss sich der DFV 1878 Hannover dem Deutschen Fußball- und Cricket-Bund an, während die Vereine in Cannstatt und Frankfurt am Main der Süddeutschen Fußball-Union beitraten.

Trotz der Uneinigkeit der Vereine siegte schließlich die Einsicht in Notwendigkeiten. Am 13. Februar 1898 trafen sich in Heidelberg die Rugbyspieler dieser Stadt mit ihren Sportfreunden vom FV Stuttgart 93 und Frankfurt am Main zu einem ersten Deutschen Rugby-Tag, an dem sich mit dem Wunsch nach einer gemeinsamen Zukunft auch Vertreter von Vereinen des Associations-Fußballs beteiligten. Treibende Kraft bei den Debatten über Ausbreitungsstrategien, Spielpläne und Schiedsrichter war Professor Dr. Edward Hill Ullrich, der sich vor allem dafür starkmachte, den Kontakt zu den norddeutschen Vereinen zu verstärken und die Gründung eines Dachverbandes zu forcieren. Er stieß aber auf wenig Gegenliebe.

Zunächst wollte man alle Fragen ohne die Gründung eines Verbandes auf weiteren Rugby-Tagen klären. Im August 1898 sowie im Februar und September 1899 wurden solche Zusammenkünfte in Frankfurt am Main, Stuttgart und Cannstatt abgehalten, ehe auf dem 5. Deutschen Rugby-Tag am 11. März 1900 in Hannover 19 Vereine beschlossen, zukünftig gemeinsam zu handeln. Es wurde beschlossen das englische Regelwerk zu übersetzen, im November 1900 das erste Nord-Süd-Spiel auszutragen und dem kurz zuvor gegründeten Deutschen Fußball-Bund beizutreten, der den Associations-Fußball organisiert.

Auf dem 6. Deutschen Rugby-Tag in Kassel wurde schließlich am 4. November 1900 der Deutsche Rugby-Fußball-Verband innerhalb des Deutschen Fußball-Bundes gegründet. Sein erster Präsident wurde Ferdinand Wilhelm Fricke vom DSV 1878 Hannover und Konrektor des dortigen Realgymnasiums. Erst ein Jahr später, am 4. November 1901, machte man sich selbstständig, trat aus dem Deutschen Fußball-Bund aus und nannte sich seitdem Deutscher Rugby-Verband (DRV).

Unter dem Dach des DRV fanden nun jährlich ab 1900 Nord-Süd-Spiele, ab 1909 deutsche Meisterschaften und ab 1927 Länderspiele statt. In der Zeit bis 1930 gründeten sich fünf regionale Verbände:Hermann Meister (Hg.): Rugby-Jahrbuch 1937. Heidelberg (Verlag der Deutschen Rugby-Zeitung Hermann Meister), o. J. (1937). Als erster am 19. Mai 1900 der Verband Hannoverscher Fußball-Vereine. Er benannte sich zweimal um: am 27. Januar 1906 in Verband Nordwestdeutscher Rugby-Vereine und am 9. März 1920 in Norddeutscher Rugby-Fußball-Verband. 1909 wurde der Süddeutsche Rugby-Verband ins Leben gerufen. Seine Mitgliedsvereine verteilten sich auf Baden, Württemberg und den Großraum Frankfurt am Main. Am 10. Juni 1922 entstand der Westdeutsche Rugby-Fußball-Verband, dessen Vereine sich im Großraum Köln/Bonn/Düsseldorf befanden. Er kann als Vorläufer des Rugby-Verband Nordrhein-Westfalen angesehen werden. Am 26. Juli 1924 gründete sich der Brandenburgisch-Mitteldeutsche Rugbyverband mit Vereinen aus Berlin und Leipzig. Eine Meisterschaftsrunde wurde jedoch schon ab 1921 (wohl innerhalb des entsprechenden Fußballverbandes) ausgetragen. 1930 entstanden aus dem Brandenburgisch-Mitteldeutschen Rugbyverband der Brandenburgische Rugby-Fußball-Verband und der Mitteldeutsche Rugby-Fußball-Verband. Der erstgenannte ist die Keimzelle des heutigen Berliner Rugby-Verbandes. Der letztgenannte umfasste das Land Sachsen.

Durch den Zweiten Weltkrieg bedingt wurde das letzte Länderspiel 1940 und die letzte Meisterschaft 1942 ausgetragen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg Der Spielbetrieb begann nach dem Krieg mit Freundschaftsspielen, besonders auch gegen britische Militärauswahlen. Ab 1947/48 wurden wieder Meisterschafts- und Pokalrunden ausgetragen. Bis Anfang der 1950er Jahre hatten sich der DRV und sechs Landesverbände (wieder) gegründet, die es vor dem Krieg schon als Verbände oder Sportbereiche gegeben hatte. 1962 wurde der Rugby-Verband Bremen gegründet, dem bis 2001 allerdings nur ein Verein angehörte. 1962 wurde der DRV-Pokal, 1971 die Rugby-Bundesliga und 1983 der Liga-Pokal eingeführt.

Ende 1990 wurden die Landesverbände Brandenburg und Sachsen in den DRV aufgenommen. In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre wurden in vier Ländern neue Rugby-Verbände gegründet, deren Vereine zuvor in benachbarten Ligen mitgespielt hatten: Februar 1996 Bayern (Die Vereine spielten zuvor gegen US-amerikanische Militärmannschaften, nach dem Abzug der US-Streitkräfte als Gäste in Baden-Württemberg). Oktober 1997 Schleswig-Holstein (Die letzten Vereine aus Kiel spielten bis zu ihrer Auflösung 1962 in der Hamburger Liga quasi eine „Nordmark-Meisterschaft“ weiter. Später gegründete Vereine in Geesthacht und Lübeck nahmen zeitweilig an der Hamburger Regional- oder Landesliga teil). November 1998 Rheinland-Pfalz (Teilnahme vorher in Baden-Württemberg). August 1999 Thüringen (Bisher fünf Vereine in Gera, Jena, Erfurt, Halle und Staßfurt. Der ehemalige Landesverband Sachsen-Anhalt schloss sich mit den beiden Vereinen aus Halle und Staßfurt dem Thüringer Landesverband an).

Keine Verbände gibt es (Mai 2008) in Mecklenburg-Vorpommern (Teilnahme in Schleswig-Holstein) und dem Saarland (Teilnahme in Rheinland-Pfalz). Der nach 2000 gegründete Landesverband Sachsen-Anhalt löste sich nach wenigen Jahren wieder auf (siehe Thüringen).

Hochburgen des deutschen Rugby-Union-Sports sind die Städte Hannover mit elf Vereinen, Berlin mit neun Vereinen und Heidelberg mit sieben Vereinen. Erfolgreich sind besonders Hannover und Heidelberg: Seit Wiederbeginn 1948 standen in jedem Endspiel um die deutsche Meisterschaft eine oder zwei Mannschaften aus Hannover oder/und Heidelberg.

Der Deutsche Rugby-Verband mini|300px|Logo des Deutschen Rugby-Verband

Der Deutsche Rugby-Verband (DRV) ist der Dachverband für die einzelnen deutschen Landesverbände und Vereine in den beiden Wettkampfformen XVer-Rugby und 7er-Rugby. Er wurde am 4. November 1900 in Kassel gegründet und hat heute seinen Sitz im Haus des Sports in Hannover. Seine ordentlichen Mitglieder sind die Landesverbände sowie die beigetretenen Rugby-Vereine.

Seit 1934 ist der Deutsche Rugby-Verband Gründungsmitglied der Fédération Internationale de Rugby Amateur Association Européenne de Rugby (FIRA-AER) dem europäischen Rugby-Verband und seit 1988 Mitglied im Rugby-Weltverband IRB.