Der Artusroman ist eine literarische Gattung, die verschiedene Werke der Autoren Chrétien de Troyes, Hartmann von Aue und Ulrich von Zatzikhoven umfasst. Wolfram von Eschenbachs Parzival wird unter der Bezeichnung „arthurischer Gralroman“ ebenso zu der Gattung gezählt wie die sogenannten nachklassischen Artusromane der Autoren Wirnt von Grafenberg, Heinrich von dem Türlin, Der Stricker, Der Pleier und Konrad von Stoffeln.Mertens, Volker: 1998, S. 5f. Die zahlreichen Werke der verschiedenen Autoren eint die Tatsache, dass der legendäre König Artus (engl. Arthur) und seine Ritter der Tafelrunde stets den zentralen Bezugspunkt der Handlung bilden, was auch der Grund für den Namen der Gattung ist.Gottzmann, Carola L.: 1989, S. 1.

Entstehung und Verbreitung Als Begründer des Artusromans gilt der Franzose Chrétien de Troyes (1135–1188), der die Romane Erec et Enide, Cligès, Yvain, Lancelot und Perceval schuf, die als die klassischen Werke der Gattung zu bezeichnen sind.Weddige, Hilkert: 2008, S. 195. Chrétien bediente sich dabei keltischen Erzählguts, das durch Geoffrey von Monmouths Historia Regum Britanniae, die als Idealbild und Warnung für den englischen Staat kreiert wurde,Ruh, Kurt: 1977, S. 99. um 1136 erstmals größere Verbreitung erfuhr. Auch die Bearbeitung durch Wace, der um 1155 mit dem Roman de Brut den historischen Stoff in einen höfischen Kontext einkleidete, trug zur Popularität bei.Weddige, Hilkert: 2008, S. 192ff. Strittig ist jedoch, ob Chrétien neben Monmouths Historia Regum Britanniae zusätzlich aus mündlichen Überlieferungen keltischer Geschichten schöpfen konnte. Dass Chrétien das erwähnte Werk Waces kannte, darüber besteht indes kein Zweifel. Wie Kurt Ruh feststellt, wurden einige Konzeptionen Waces in den Werken Chrétiens jedoch verändert:

Der in Waces Werk als Heerführer und Eroberer konzipierte König Artus wandelt sich bei Chrétien in einen passiven Herrscher, der auf Interessenausgleich bedacht ist und den Helden der Handlung mehr als Inspirator, denn als eigentlicher Protagonist der Handlung dient. Nationale Bezüge sind bei Chrétien zugunsten einer märchenhaften Idealgesellschaft aufgegeben. Dies schlägt sich auch erneut im Bild von König Artus nieder, der sich, im Gegensatz zur klassischen Königsrolle bei Wace, mit einer Gruppe gleichberechtigter Ritter umgibt (Tafelrunde). Auch die für eine historisch-nationale Konzeption relevanten Heereskämpfe sind bei Chrétien der Darstellung der Abenteuer einzelner Ritter gewichenRuh, Kurt: 1977, S. 100ff.

Historischer Kontext

Die neuere Forschung geht davon aus, dass die Propagierung der arthurischen Tradition auf Herrschafts- und Machtinteressen zurückzuführen ist (Gottzmann, Carola: 1989, S. 7). Heinrich I. von England (1068–1135) sorgte für eine Verbreitung des Stoffes, um die Verherrlichung Karls des Großen in Frankreich einzudämmen. Auch Heinrich II. von England griff diesen Ansatz auf, sorgte dafür, dass an seinem Hof bedeutende arthurische Dichtungen entstanden, und ließ gar nach den Gebeinen von König Artus suchen.Gottzmann, Carola L.: 1989, S. 7.

Verbreitung in Europa

Wegweisend für die europäische Verbreitung des Artusromans war die Übersetzung von Chrétiens Erec durch Hartmann von AueVgl. auch G. Giesa: Märchenstrukturen und Archetypen in den Artusepen Hartmanns von Aue (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik. Band 466). Kümmerle Verlag, Göppingen 1987, ISBN 3-87452-701-8. um 1180 sowie des Yvain um 1200,Weddige, Hilkert: 2008, S. 194f. die die Entstehung des deutschen Artusromans einläuteten. Die Beweggründe Hartmanns für die Adaption des Stoffes sind ebenso wenig bekannt wie die Identität seiner Auftraggeber. Vermutet wird jedoch, dass ein hohes Adelsgeschlecht dafür verantwortlich zeichnet;Mertens, Volker: 1998, S. 10. hier kommen vor allem die Häuser der Zähringer und der Welfen in Betracht.Sieburg, Heinz: 2010, S. 124 Obwohl sich Hartmann stark an den Vorgaben Chrétiens orientierte, sind bei der Übersetzung der klassischen Romane große Variationen erkennbar: „Während Chrétiens Roman 6 958 Verse zählt, hat Hartmanns Erec 10 135 Verse (plus 46 Prozent); Chrétiens Yvain verfügt über 6 818 Verse gegenüber 8 166 Versen im Iwein Hartmanns (plus 20 Prozent).“Sieburg, Heinz: 2010, S. 126. Unter Rücksichtnahme auf ein literarisch weniger erfahrenes Publikum in Deutschland reduzierte Hartmann die direkte Rede der handelnden Personen zugunsten einer ausgeweiteten Erzählerrolle. Als weitere Rezeptionserleichterung kann das deutlichere Herausstellen von Kontrasten bei Hartmann angeführt werden. Dies zeigt sich beispielsweise bei der Übersetzung des Erec: Die Familie der Enite ist deutlich ärmer dargestellt als in der Vorlage Chrétiens, „das Haus eine Ruine, das Mädchen schlechter gekleidet, die Waffen des Vaters alt und unmodern.“Mertens, Volker: 1998, S. 53.

Insgesamt lässt sich die Geschichte des deutschen Artusromans in drei Phasen einteilen, die sich an den Textüberlieferungen orientieren: Die erste Phase mit 5 Werken, reicht von 1180 bis 1215, die zweite Phase mit 11 Werken dauert das gesamte 13. Jahrhundert an und reicht bis ins 14. Jahrhundert, die dritte Phase schließlich endet im 15. Jahrhundert.Gottzmann, Carola L.: 1989, S. 8f.

Auch wenn die größte Popularität der Gattung in England, Frankreich und Deutschland anzusiedeln ist, erstreckte sich der Artusroman auch auf Italien, wo um 1275 Rusticiano da Pisa mit dem Meliadus den ersten Artusroman schreibt, der den Vorläufer der Blütezeit der Gattung in dem Land im 14. Jahrhundert bildet. Im 13. und 14. Jahrhundert entstehen auch in Holland Artusromane, etwas später, im 14. und 15. Jahrhundert, dann auch in Spanien und Portugal.Gottzmann, Carola L.: 1989, S. 8f. Auch wenn die thematisch-inhaltliche Grundkonzeption in ganz Europa die Gleiche ist, stellt Carola Gottzmann fest, dass sich die Verbreitung in vier unterschiedliche Dichtungstypen unterscheiden lässt, die in den verschiedenen Ländern hauptsächlich vertreten waren „1. Chronik (England, Frankreich, Spanien); 2. Versepik (in allen Ländern außer Schweden und zu allen Zeiten verbreitet); 3. Prosaromane (Volksbücher, Deutschland, Niederlande, Dänemark und die nordische Saga-Literatur werden hierunter subsumiert); 4. Balladen. (in Skandinavien, England, Spanien)“Gottzmann, Carola L.: 1989, S. 3.

Gattungsspezifik

„Ein Exemplar kann nur innerhalb oder außerhalb einer Gattungsgrenze liegen. Uneindeutige Zuordnungen sind nicht möglich. Kriterium der Zuordnung ist das Vorhandensein bestimmter Merkmale, die für die Textgattung als typisch bestimmt werden. In einer strengen Anwendung der Prinzipien müssen alle Merkmale vorhanden sein; fehlt schon eines der Merkmale, ist eine Zuordnung nicht mehr möglich. Gleichzeitig gilt, dass alle Exemplare einer Gattung, die sich auf diesem Wege zuordnen lassen, gleich sind, und zwar in dem Sinne, dass sie alle die Menge der für die Textgattung als typisch bestimmten Merkmale aufweisen.“Tophinke, Doris: 1997, S. 163f.

Um die Werke verschiedener Autoren, wie von Doris Tophinke skizziert, der Gattung der Artusromane zuzuordnen, bedarf es der Untersuchung einiger Merkmale. Im Folgenden wird sich daher mit der Rollenkonzeption des Königs Artus und dem wesentlichen gattungsspezifischen Strukturmerkmal, dem Doppelweg, befasst.

Figur König Artus und die Ritter der Tafelrunde

Als Chrétien de Troyes den klassischen Artusroman Erec et Enide verfasste, lagen bereits mündliche Erzählungen über die Figur König Artus vor, aus denen er schöpfen konnte.Mertens, Volker: 1998, S. 9. Eine der frühesten schriftlichen Erwähnungen findet sich in der Historia Brittonum, die um 830 in Wales entstanden sein soll. Dort wird berichtet, Artus habe im 5. Jahrhundert zwölf Schlachten gegen die Sachsen erfolgreich angeführt.Mertens, Volker: 1998, S. 19. Insgesamt stellt sich das Bild des Königs in der europäischen Literatur jedoch sehr vielfältig dar: Artus wird als Krieger, vorbildlicher König und Heiliger und als blasser Herrscher dargestellt. Sein Wesen wird von feige bis unerschrocken, aufbrausend und zornig einerseits und ausgleichend und liebenswürdig andererseits dargestellt.Gottzmann, Carola L.: 1989, S. 2. Das Reich des Königs lässt sich von Britannien bis in die Bretagne lokalisieren, was die Nennung von Ortsnamen seiner Hofburgen zeigen: Carduel, Cardigan, Caerleon, Nantes und weitere.Ruh, Kurt: 1977, S. 97. Artus ist kein Herrscher im herkömmlichen Sinne, er ist lediglich „der Erste unter prinzipiell Gleichen“, was die Konzeption der Tafelrunde deutlich macht, an denen sich die edelsten und tapfersten Ritter versammeln, um gemeinsam zu entscheiden wie „Gesetz, Wahrheit, Glauben und Gerechtigkeit“ verteidigt werden können.Mertens, Volker: 1998, S. 10. (Das Konzept wurde schon von Augustus genutzt, siehe primus inter pares.) Hilkert Weddige möchte die Tafelrunde allerdings nicht als „Vorwegnahme demokratischer Gleichheit“ verstanden wissen, vielmehr handele es sich dabei um eine Zusammenkunft einer Elite, in die nur aufgenommen werde, wer sich durch besonderes Verdienst und Ehre dafür qualifiziert habe. Inhaltlich charakterisierend für den Artusroman ist die Darstellung des Königs: Der „Repräsentant vollendet höfischen Rittertums“, wird in den Romanhandlungen grundsätzlich nicht selbst aktiv, sondern fungiert als Ruhepol, der den eigentlichen Protagonisten der jeweiligen Werke die Möglichkeit zur Ausreise in fremde Gebiete und damit die Möglichkeit zur Erlangung von Ruhm und Ehre bietet. Damit „verkörpert Artus das Idealbild einer statischen Ordnung der höfischen Welt.“Hilkert, Weddige: 2008, S. 204ff. Dabei ist der König das Vorbild der Handlung und ihr „Garant“, wie es Volker Mertens bezeichnet,Mertens, Volker: 1998, S. 14. womit die gattungskonstituierende Funktion von Artus gemeint sein kann.

Erläuterungen am Beispiel des Erec von Hartmann von Aue

Hartmanns von Aue Erec gilt als einer der Klassiker der deutschen Artusliteratur, weswegen dieses Werk als Erläuterungsgrundlage für die Darstellung einer Gattungsspezifik, der Doppelwegstruktur, dienen soll.

Inhaltsangabe Erec

Die Romanhandlung beginnt mit der Jagd auf den weißen Hirsch, die König Artus traditionsgemäß zu Ostern abhält. Da der Protagonist des Romans, Erec fils du roi Lac [Erec der Sohn des Königs Lac], noch keine Abenteuer bestanden hat und daher nicht an der Hirschjagd teilnehmen darf, begleitet er die Frau von König Artus auf einen Spazierritt. Dort treffen Erec, die Königin und eine Dame des Hofes auf einen Zwerg und einen Ritter (V. 1-40).Aue, Hartmann von; Mertens, Volker: 2008 – im Folgenden beziehen sich alle Versangaben auf diese Ausgabe. Anm. d. A. Die Königin wünscht den Namen des Ritters zu erfahren und schickt ihre Hofdame, diesen in Erfahrung zu bringen. Der Zwerg versperrt ihr jedoch den Weg und schlägt sie mit einer Peitsche (V. 50-60). Daraufhin versucht Erec den Namen des Ritters zu erfahren, wird jedoch ebenfalls von dem Zwerg geschlagen (V. 90-100). Da Erec seine Waffen nicht bei sich trägt, kann er die Beleidigung durch den Zwerg und den Ritter, in dessen Obhut sich der Zwerg befindet, nicht rächen, was ihm große Scham bereitet. Er beschließt daraufhin, dem Ritter und dem Zwerg nachzureiten, um sich später an ihnen zu rächen (V. 135). Da sich seine Rüstung außer Reichweite befindet, reitet er unbewaffnet los (V. 150). Der fremde Ritter und sein Zwerg erreichen die Burg Tulmein des Herzogs Imain, der dort gerade das traditionelle Fest des Sperberkampfs abhält (V. 175-200).