Die Studentische Musikvereinigung Blaue Sänger in Göttingen im SV (bekannter unter der Kurzbezeichnung „Die Blauen Sänger“) ist eine gemischte, farbenführende und nichtschlagende Studentenverbindung in Göttingen. Sie wurde 1860 unter dem Namen Studenten-Gesangverein der Georgia Augusta gegründet und ist damit die älteste kulturelle Hochschulgruppe der Göttinger Universität. Die Blauen Sänger sind Mitglied im Sondershäuser Verband Akademisch-Musikalischer Verbindungen (SV).

Derzeit unterhalten die Blauen Sänger als stehende Einrichtungen ein Symphonieorchester, eine Bigband, einen gemischten Chor sowie ein Theaterensemble.

Zusätzlich dazu gibt es im Philistriertenverband (PhV) einen weiteren gemischten Chor sowie ein weiteres, rund 60-köpfiges Symphonieorchester. Beide Ensembles proben auf Projektbasis an ein bis zwei Wochenenden im Jahr. Die Rahmenbedingungen ermöglichen es außerdem, dass immer wieder Kammerensembles oder -chöre, Jazzensembles, Streichorchester oder ähnliche Formationen projektartig entstehen, teilweise auch über mehrere Semester hinweg. Die Förderung derartiger Projekte ist ebenfalls Vereinszweck der Blauen Sänger.

Geschichte Gründung als Verein Die 1860 als Studenten-Gesangverein der Georgia Augusta (kurz StGV) gegründete heutige Verbindung war der erste ausschließlich aus Studenten bestehende Gesangverein Göttingens. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Studenten darauf angewiesen, in den bürgerlichen Gesangvereinen mitzusingen, sofern sie in einem Chor singen wollten. Entsprechend hoch war der Zuspruch, den der Gesangverein bei seiner Gründung von den Studenten erhielt. Durch einen Aufruf in der Studentenschaft im Spätherbst 1859 aufmerksam geworden, waren beim ersten Konzert im Januar 1860 bereits annähernd 50 Studenten Mitglied des StGV, was knapp 8 % aller in Göttingen immatrikulierten Studenten entsprach.

Entwicklung zur Verbindung Ursprünglich stand der „Studenten-Gesangverein der Georgia Augusta“ als akademischer Gesangverein allen Studenten offen, unabhängig von einer eventuellen Mitgliedschaft in einer anderen Studentenverbindung. Vor dem Hintergrund, dass jedoch nur wenige Verbindungsstudenten zugleich Mitglied des Studenten-Gesangvereins waren – die zeitlichen Anforderungen des Vereins- und Verbindungslebens ließen sich nur ungenügend miteinander vereinbaren –, beschlossen seine Mitglieder 1874, die Möglichkeit einer gleichzeitigen Mitgliedschaft in einer anderen Verbindungen in Göttingen auszuschließen. Zeitnah dazu wählte sich der StGV eigene Farben (hellblau-weiß-hellblau) und ein dazugehöriges Wappen. Damit war zugleich auch der Schritt vom Verein zur Verbindung vollzogen. Im selben Jahr noch schloss man sogenannte „Kartellverträge“, also gegenseitige Unterstützungsvereinbarungen, mit anderen studentischen Gesangvereinen wie z. B. dem Akademischen Gesangverein München oder der Akademischen Liedertafel Berlin, die bereits 1867 einen solchen Vertrag untereinander geschlossen hatten und aus dem der heutige Sondershäuser Verband entstand.

Spaltung und Entstehung des Namens „Blaue Sänger“ Die nach den Feiern zum 25-jährigen Jubiläum rasch ansteigenden Mitgliederzahlen (WS 1884/85: 59 Mitglieder / SS 1886: 74 Mitglieder) führte zu Spannungen innerhalb der Aktivitas: [Es] entstanden zwei Parteien, von denen die eine mehr für Kunstgesang, öffentliches Auftreten und die damit verbundenen kostspieligen gesellschaftlichen Veranstaltungen […] war, während die andere die Pflege des Volks- und Studentenliedes, die Gemütlichkeit und die Freundschaft voranstellte.Boldt, Geschichte der Turnerschaft Gottingo-Normannia zu Göttingen 1875 - 1975, S. 89 Am 10. Juni 1887 kam es zur Abspaltung der Minorität, die eine mehr auf studentisches Liedgut und Volkslieder ausgerichtete musikalische Arbeit gefordert hatte. Diese Minorität gründete am darauffolgenden Tag den Akademischen Gesangverein Gottinga mit den Farben grün-weiß-gold. Zur besseren Unterscheidung der beiden nun bestehenden studentischen Gesangvereine bürgerten sich in der Folge in Göttingen die Bezeichnungen „Blaue Sänger“ und „Grüne Sänger“ ein. Offiziell behielt man den Namen „Studenten-Gesangverein der Georgia Augusta“ jedoch bis zur Auflösung der Aktivitas im November 1935 bei.

Die „Blauen Sänger“ während des Nationalsozialismus Bereits im Sommersemester 1933 wurde das Haus der Blauen Sänger auf Betreiben der Aktiven in ein Kameradschaftshaus umgewandelt. Zeitgleich ging ab 1933 die musikalische Leistungsfähigkeit zurück, was auch daran lag, dass der musikalische Leiter Wilhelm Kamlah, immerhin einer der bedeutendsten Kenner Heinrich Schütz’ im 20. Jahrhundert, sein Amt 1934 niederlegte. Inwieweit dieses auch damit zusammenhing, dass Wilhelm Kamlah von den Nationalsozialisten aus politischen Gründen (er erhielt 1934 wegen „jüdischer Versippung“ Berufsverbot) verfolgt wurde, ist unbekannt.

Der Blaue Sänger und Nationalsozialist Fritz Riechelmann, Senior im SS 1933, fungierte seit November 1934 als NSDStB-Hochschulgruppenführer sowie Führer der Göttinger Studentenschaft. Er übernahm bei den Blauen Sängern das Amt des Bundesführers. Am 26. Oktober 1935 erfolgte die einstimmige Auflösung der Aktivitas und der Eintritt als Kameradschaft in den NSDStB. Einen Tag später löste sich der Sondershäuser Verband nach einer Führertagung auf dem Haus der Blauen Sänger auf. Im Februar 1936 erfolgte dann reichsweit die Auflösung der aus Studentenverbindungen hervorgegangenen Kameradschaften. Das Bundeshaus der Blauen Sänger stand daraufhin leer. Die Mitgliederversammlung des Altherrenverbandes beschloss, das Haus zu vermieten.Bernhard Grün: Zwischen Revolution und Rekonstitution – Die Kameradschaften des NSD-Studentenbundes und Altherrenschaften im NS-Altherrenbund an den deutschen Hoch- und höheren Fachschulen 1937 bis 1945. Teilband 4/III: Bereich NORD, Federsee-Verlag Bad Buchau 2025, ISBN 978-3-948502-24-9, S. 440–449.

Als zu Beginn des WS 1936/37 mit der Einsetzung einer neuen Reichsstudentenführung eine neue Situation an den Universitäten entstand, nutzte der im Amt bestätigte Studentenführer Fritz Riechelmann den neuen Spielraum für lokale Lösungen und rief zur Bildung neuer Kameradschaften auf. Auf dem Bundeshaus der Blauen Sänger wurde daraufhin eine neue Kameradschaft aufgestellt, der sich die noch studierenden Blauen Sänger als Altkameraden anschlossen und die die Pflege der Musik im Rahmen des NSDStB zu ihrer besonderen Aufgabe erklärte. Am 23. Mai 1939 wurde der Kameradschaft auf dem Großdeutschen Studententag in Würzburg der Name Kameradschaft Schlageter verliehen. Traditionen der vormaligen Blauen Sänger wurden intern weitergepflegt. Bei der Generalversammlung des Altherrenverbandes im Mai 1942 wurde die Neuorganisation und Annahme der Mustersatzung des NS-Altherrenbundes in die Wege geleitet. Am 28. März beschloss die Generalversammlung einstimmig die Überführung in die neue NS-Altherrenschaft Schlageter. Zum 1. April 1943 hatten sich schließlich 394 von 475 Alten Herren angeschlossen. Zuvor hatte sich Alter Herr Landesbischof August Marahrens an die Theologen unter den Bundesbrüdern gewandt und sie aufgefordert, ihre bisher gezeigte Zurückhaltung zum Beitritt endlich aufzugeben. Im Februar 1944 wurde die NS-Altherrenschaft schließlich auch statt des früheren Altherrenverbandes als Hauseigentümerin ins Grundbuch eingetragen. Mit der Besetzung Göttingens durch die Alliierten wurde das Haus beschlagnahmt. Von den 80 Angehörigen der Kameradschaft Schlageter waren 16 im Zweiten Weltkrieg gefallen. 32 wurden später Mitglieder des wiedererstandenen Altherrenverbandes.Bernhard Grün: Zwischen Revolution und Rekonstitution – Die Kameradschaften des NSD-Studentenbundes und Altherrenschaften im NS-Altherrenbund an den deutschen Hoch- und höheren Fachschulen 1937 bis 1945. Teilband 4/III: Bereich NORD, Federsee-Verlag Bad Buchau 2025, ISBN 978-3-948502-24-9, S. 440–449.

Die „Blauen Sänger“ seit 1945 1947 erhielt man die Genehmigung der britischen Militärregierung, den 1944 untergegangenen „Alt-Herrenverband des (ehemaligen) Studenten-Gesangvereins der Georgia-Augusta“ wiederzugründen. Zeitnah dazu hatte sich an der Göttinger Universität ein „Studentischer Musikkreis“ zusammengefunden, dessen Unterstützung der AHV schließlich übernahm. Die kulturelle Arbeit, die der Studentische Musikkreis bis 1951 geleistet hatte, fand nun mit dem Wiederbezug des Hauses einen raschen Aufschwung. Besonders der Chor, der Mitte der 1950er Jahre von einem reinen Männerchor durch die Aufnahme des Göttinger Händelchores zu einem großen gemischten Chor wurde, konnte über einige Jahre hinweg zusammen mit dem Göttinger Symphonieorchester unter Günther Weißenborn große Konzerte zur Aufführung bringen (u. a. Beethovens 9. Symphonie). 1958 einigten sich AHV und Aktivitas – nicht ohne kontroverse Diskussionen – auf den gemeinsamen Namen „Studentische Musikverbindung an der Georgia Augusta im SV“, der schließlich im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Entwicklungen ausgangs der 1960er in „Studentische Musikvereinigung“ umgewandelt wurde.

Die Blauen Sänger gelten innerhalb des Sondershäuser Verbandes als Auslöser der sog. „Damenfrage“. 1970 beschloss die Aktivitas der Blauen Sänger, im Zuge einer grundlegenden Satzungsrevision auch Frauen als vollständig gleichberechtigte Mitglieder aufzunehmen, was vom Altherren-Verband auch geduldet wurde. Obwohl z. B. schon im Jahr zuvor die ebenfalls dem Sondershäuser Verband angehörende AMV Waltharia Frankfurt ihre Verbindung für Frauen öffnete, waren die Blauen Sänger letztlich diejenigen, die am vehementesten um eine entsprechende Lösung im Sondershäuser Verband kämpften.

Derzeit (Stand: WS 2023/24) gehören der Aktivitas 68 Mitglieder an. Damit besitzen die Blauen Sänger aktuell die größte Aktivitas aller Göttinger Verbindungen und zählt zu den größten Verbindungen im deutschsprachigen Raum. Der 1882 ursprünglich als „Alt-Herren-Verband des ehemaligen Studenten-Gesangvereins der Georgia Augusta“ gegründete AHV trägt seit 2012 den Namen Philistriertenverband (PhV). Dieser hat derzeit 234 Mitglieder und ist damit nach dem AHV des AGV München (541 Mitglieder) und des PhV der AMB Ingvaeonia Münster (253 Mitglieder) der drittgrößte Philisterverband des Sondershäuser Verbandes.SV-Zeitung, 126. Jahrgang, Nr. 1 (Januar, Februar, März), S. 12f.

Musikalische Aktivitäten

Es gibt genau genommen zwei rechtlich vollkommen unabhängige Vereine: die „Aktivitas“ (Verein der Studierenden in Göttingen) und der „Alt-Herren-Verband“ (Ehemaligen-Verein). Beide Vereine betreiben unabhängig voneinander eigene musikalische Ensembles.

Ensembles der Aktivitas

Chor der StMV Blaue Sänger Göttingen

Der Chor der Blauen Sänger ist zugleich auch das Gründungsensemble der Verbindung. Er besteht daher (mit einer Unterbrechung zwischen 1935 und dem Beginn der 1950er Jahre) seit 1860. In den ersten Jahren verzeichnete der Chor zum einen großen Zulauf von Studenten, konnte zum anderen aber mit Hermann Friedrich August Thureau (später Stadt- und Hoforganist sowie Dirigent in Eisenach) sowie Philipp Spitta (später Bachbiograph und Musikwissenschaftler) aber auch Dirigenten aufweisen. So erschien bereits 1863 in der in London erscheinenden The Musical World ein Artikel über „Music in Göttingen“ u. a. mit den Worten „In one of its concerts the Studenten-Gesangverein gave a very good performance of Mendelssohn's Antigone, with pianoforte accompaniment.“The Musical World, London, Ausg. vom 11. Juli 1863

Etwa zeitgleich mit der Umwandlung des Gesangvereins in eine Studentenverbindung 1874 kam es dazu, dass auch so genannte „außerordentliche Mitglieder“ dem Studenten-Gesangvereins beitreten konnten. Während die „ordentliche Mitglieder“ die Sänger des Chores waren, waren jene vom Singen befreit, hatten sich aber anderweitig (z. B. durch Instrumentalbeiträge) am musikalischen Bundes-/Vereinsleben zu beteiligen.