mini|Wüste Negev mini|Beʾer Scheva, größte Stadt des Negev (2014) mini|Die Beduinen-Stadt Rahat im Negev Die Wüste Negev, kurz der (oder die) Negev, auch der (oder die) Negeb (; ), nimmt mit etwa 12.000 km² rund 60 Prozent des Staates Israel ein. Die indigenen Einwohner des Negev sind Beduinen. Etwa zehn Prozent der israelischen Bevölkerung lebt im Negev.
Städte Die größte Stadt des annähernd dreieckigen Gebiets ist Beʾer Scheva, die Hauptstadt des Distrikts Negev (etwa 190.000 Einwohner). Etwa in der Mitte des Negev liegt Mitzpe Ramon am Rand des Kraters Maktesch Ramon. Die südliche Spitze endet in den Städten Eilat auf israelischer und Aqaba auf jordanischer Seite. Südöstlich Beʾer Schevas liegt die Stadt Dimona mit dem Atomreaktor am Kernforschungszentrum Negev.
Weitere Städte des Negev sind Qirjat Gat, Sderot, Netivot, Ofaqim, ʿArad, Jerocham, Rahat, ʿOmer, Lehavim, Meitar, Tel Scheba, ʿArʿara baNegev, Kuseife, Segev Schalom, Hura und Laqiye.
Geographische Einteilung und Eigenschaften mini|Negev (rot), Israels Teile der Judäischen Berge (pink) und der Judäischen Wüste (rosa) auf einer Karte des Staates
Der Negev wird im Osten von der Arava-Senke und im Norden von der Linie Gaza–En Gedi am Toten Meer begrenzt. Im Westen gilt die Grenze Israels zu Ägypten und die Grenze zum Gazastreifen als Begrenzung, da der kontinuierliche Übergang zum Sinai keine natürlichen Anhaltspunkte für eine Begrenzung bietet. Im Norden und Westen ist der Negev als staubige und teilweise lössbedeckte Ebene ausgebildet, im Süden zeigt er sich jedoch wesentlich abwechslungsreicher und ist von Gebirgen, Tälern und Erosionskratern durchzogen; der größte und bekannteste ist der Krater Machtesch Ramon. Wenn es im Winter und Frühjahr zu Regenfällen kommt, verwandeln sich die ausgetrockneten Wadis in Sturzbäche, und die Wüste erblüht für kurze Zeit. Höchster Berg ist der Har Ramon mit . Etwa 25 km nördlich von Eilat liegt der Nationalpark Timna, das Gebiet der antiken (3000 v. Chr.), noch bis ins 20. Jahrhundert ausgebeuteten Kupferminen.
Die Wüste Negev ist ein Teil des Wüstengürtels, der sich vom Atlantischen Ozean bis nach Indien erstreckt und der klimatologisch betrachtet wegen der Existenz der Hadley-Zelle entsteht. Sie gilt als der am längsten – seit etwa 1,8 Millionen Jahren – unveränderte sichtbare Teil der Erdoberfläche.
Die Judäische Wüste wird fälschlicherweise oft als Teil des Negevs betrachtet. Die Judäische Wüste ist jedoch eine Regenschattenwüste, die Negevwüste eine Trockenwüste. Die imaginäre Grenze der beiden Wüsten verläuft ungefähr in ost-westlicher Richtung nördlich von ʿArad (es existieren verschiedene Interpretationen).
Die nördliche Abgrenzung zum Hügelland Schefela ist fließend. Je nach Definition beginnt der Negev bei Qirjat Malʾachi oder erst bei Qirjat Gat. Das liegt daran, dass die bewässerte Landwirtschaft die Nordgrenze der Negevwüste in den letzten Jahrzehnten um dutzende Kilometer nach Süden verschoben hat.
Im nördlichen Negev beträgt die jährliche Niederschlagsmenge noch 350–400 mm. Diese Niederschlagsmenge ermöglicht die Existenz weitläufiger, gepflanzter Nadelwälder, wie des Lahavwalds oder des Jattirwalds, die zu den größten in Israel zählen.
Die Niederschlagsmenge bei Beʾer Scheva beträgt bereits 200 mm jährlich. Zwischen Beʾer Scheva und Sde Boker ist das Landschaftsbild von einer Trockensteppe geprägt, südlich davon beginnt eine Extremwüste. Eilat erhält jährlich etwa 30 mm Regen, mit starken jährlichen Schwankungen. So sind niederschlagslose Jahre keine Seltenheit.
Niederschläge im Negev haben zwei Entstehungsmöglichkeiten: Entweder wird der Regen von den südlichen Ausläufern einer über dem Mittelmeer herziehenden Front generiert (nur in den Wintermonaten) oder von einem Tiefdruckkeil vom Roten Meer, der in den Übergangsjahreszeiten zum Teil heftige Gewitter verursachen kann (selten). In Eilat ist die zweite Regenvariante die übliche, während in Beʾer Scheva die erste von Bedeutung ist.
Tierwelt Typische größere Säugetiere des Negev sind Nubische Steinböcke. Darüber hinaus wurden Asiatische Halbesel und Arabische Oryxantilopen ausgewildert, die einst dort heimisch waren. Die Halbesel leben im Gebiet des Ramon Canyon und in der Arava-Senke. Als Besonderheit leben in der Wüste Negev noch einige Exemplare des seltenen Arabischen Leoparden.Inbar Perez, Eli Geffen, Ofer Mokady: Critically Endangered Arabian leopards Panthera pardus nimr in Israel: estimating population parameters using molecular scatology. Oryx (2006), 40:3:295–301 online. Als weitere große Räuber kommen darüber hinaus StreifenhyänenJ. C. Kerbis-Peterhans, L. K. Horwitz: “A bone assemblage from a striped hyaena (Hyaena hyaena) den in the Negev Desert, Israel.” In: Israel Journal of Zoology [ISR. J. ZOOL.] Band 37, Nr. 4, 1992, S. 225–245, und Arabische Wölfe vor. Die Tiere sind heute geschützt, weshalb sich insbesondere die Bestände des Wolfs erholen konnten. Im Jahr 1999 lebten im Negev etwa 90 bis 160 der grauen Räuber.Reuven Hefner, Eli Geffen: Group Size and Home Range of the Arabian Wolf (Canis lupus) in Southern Israel. In: Journal of Mammalogy, Volume 80, Issue 2, 20 May 1999, Pages 611–619, In der Negevwüste kommen zwei Gazellenarten vor. Die Dorkasgazelle ist relativ häufig und kam im Jahr 1985 mit über 1.000 Tieren im südlichen Negev vor. Weitaus seltener ist die Edmigazelle, deren Bestand im gleichen Jahr nur noch 27 Tiere umfasste.Yoram Yom-Tov: “The numerical status of Gazella dorcas and Gazella gazella in the Southern Negev Desert, Israel”. In: Biological Conservation. Band 40, Nr. 4, 1987, S. 245–253, doi:10.1016/0006-3207(87)90118-2. Der Bestand der Dorkasgazelle blieb seither stabil. Die Art kommt etwa im Gebiet des Machtesch Ramon lokal in relativ hoher Bestandsdichte vor.M. J. Lawes, R. F. Nanni: “The density, habitat use and social organisation of Dorcas Gazelles (Gazella dorcas) in Makhtesh Ramon, Negev Desert, Israel”. In: Journal of Arid Environments. 24, 1993, S. 177–196, doi:10.1006/jare.1993.1016. Die Wüste Negev beherbergt die Ägyptische Landschildkröte (Testudo kleinmanni), eine vom Aussterben bedrohte Schildkrötenart.
Geschichte Nomaden Der Negev wurde vor 4.000 bis 7.000 Jahren zuerst von Nomaden bewohnt.Mariam Shahin: Palestine. A Guide. Interlink Books, Northampton Mass. 2005, ISBN 1-56656-557-X. Erste Siedlungen (Gilat) entstanden in der Kupfersteinzeit. In der Mittleren Bronzezeit nahm die Siedlungstätigkeit insbesondere im nördlichen Negev erheblich zu. Diese Entwicklung wird mit dem zunehmenden Kupferhandel zwischen der Levante und Ägypten in Verbindung gebracht. Darauf deutet auch ein archäologisch nachweisbarer Rückgang der Siedlungsaktivitäten während der Erste Zwischenzeit in Ägypten hin. Sowohl Abbau als auch Verarbeitung von Kupfer sind in dieser Region nachweisbar. Die schlechten Klimabedingungen für die Landwirtschaft, geringe Funde von architektonischen Belegen für Ackerbau und Viehhaltung sowie zahlreiche Tonscherben geografisch fernen Ursprungs lassen auf einen umfangreichen Import von Lebensmitteln schließen.Susan L. Cohen: “The Negev in the Intermediate Bronze Age: Questions of Subsistence, Trade, and Status” In: Journal of Ancient Near Eastern History. Bd. 9, Nr. 2, 2022, S. 223, 226, 229, Die Amalekiter und Edomiter sind für 2000 v. Chr. belegt. Im 14. Jahrhundert v. Chr. wurde aus Ägypten kommend das Wissen zur Förderung und Verarbeitung von Kupfer im Gebiet des Negev sowie auf dem Sinai übernommen.J. M. Tebes: Centro y periferia en el mundo antiguo. El Negev y sus interacciones con Egipto, Asiria, y el Levante en la Edad del Hierro (1200–586 A.D.) (PDF; 5,3 MB), (=Ancient Near East Monographs; Band 1. Society of Biblical Literature), CEHAO, Buenos Aires 2008.
Israeliten und Nabatäer Durch Ausbau der Kupferminen im 9. Jahrhundert v. Chr. konnte sich Beʾer Scheva als regionaler Handelsplatz während des Aufstiegs der Assyrer etablieren.Mariam Shahin: Palestine. A Guide. Interlink Books, Northampton Mass. 2005, ISBN 1-56656-557-X. Zwischen 1020 und 928 v. Chr. sind auch kleine jüdische Ortschaften um die Stadt herum nachgewiesen.
Durch die Ankunft der Nabatäer im 4. Jahrhundert v. Chr. und deren Entwicklung und Ausbau der Bewässerungssysteme konnten sich mindestens fünf städtische Zentren entwickeln. Die Nabatäer schöpften ihren Wohlstand vornehmlich aus der Kontrolle des Handels von Gewürzen, Weihrauch und Myrrhe zwischen ihrer Hauptstadt Petra und den Mittelmeerhäfen.
Römische und byzantinische Zeit Das Römische Reich beanspruchte ab 106 das Gebiet des Negev für sich, wobei das Leben und die Kultur der nomadischen Stämme – wie auch woanders im Römischen Reich üblich – wenig beeinflusst wurden. Unter byzantinischer Herrschaft wurde im 4. Jahrhundert das Christentum eingeführt. Außerdem wuchs die Bevölkerung durch eine zunehmende Umstellung auf Ackerbau drastisch an.
Osmanisches Reich Seitdem die Hohe Pforte die Besatzungszeit der ägyptischen Invasoren (1831–1841) beenden konnte und wieder praktische Herrschaft über die gesamte Levante gewonnen hatte, gliederte sie die Wüste in zwei Sandschaks entlang der Wasserscheide zwischen den Einzugsgebieten des nordwestlichen Levantinischen Meers und jenen der davon östlich gelegenen Gewässersysteme Totes Meer und Golf von Aqaba. Der nordwestliche Negev gehörte zum Sandschak Jerusalem, ab 1871 aufgewertet zum autonomen Mutesarriflik Jerusalem, der südöstliche Negev gehörte zum südwestlichen syrischen Sandschak Maʿan (Sandschak seit 1579; ab 1895 nach dem neuen Amtssitz Sandschak Karak genannt).
Im 20. Jahrhundert Flucht und Vertreibung Der Großteil der inzwischen nur noch halb-nomadisch lebenden Beduinen ist während des Palästinakrieges von 1948 geflohen oder wurde vertrieben.Ismael Abu Saʿad: (PDF; 323 kB) Ben-Gurion University of the Negev, 2000. Es blieben etwa 11.000 Beduinen im Negev (1950), deren Nachfahren heute (2025) über 300.000 Personen zählen.
Zwangsumsiedlungen Nach der Gründung des Staates Israel wurde ein großer Teil des Negev zu staatlichem (militärischem) Gebiet erklärt und die Beduinen wurden auf ein Reservat-ähnliches Gebiet im Nordosten des Negev umgesiedelt, welches lediglich 10 % der Fläche des Negev ausmacht.
Neubesiedelung Seit den 1960er-Jahren versucht die israelische Regierung, sowohl verstärkt jüdische Siedler – insbesondere englischsprachige Einwanderer – anzusiedeln, als auch die verbleibende beduinische Bevölkerung in teils dafür gegründete Städte umzusiedeln (vgl. Prawer-Plan). Um juristisch gegen die nomadisch lebende Bevölkerung vorgehen zu können, wurde 1950 im Namen des Umweltschutzes das Grasen von Viehherden – die Beduinen züchteten seit Jahrhunderten insbesondere Ziegenherden in dieser Region – in großen Teilen des Negev verboten. Mit Verweis auf frühere Forschungen hat insbesondere Michael Evenari die Beduinen nicht als Söhne, sondern als Väter der Wüste betrachtet.Linda Olsvig-Whittaker, Eliʿezer Frankenberg, Avi Perevolotsky, Eugene D Ungar: “Grazing, overgrazing and conservation: Changing concepts and practices in the Negev rangelands”. In: Science et changements planétaires / Sécheresse. Bd. 17, Nr. 1, I 2006, S. 195–199.
21. Jahrhundert: bis heute nicht anerkannte Dörfer