mini|Benedikt Waldeck um 1848/49 rahmenlos|zentriert|150px|klasse=skin-invert-image mini|Benedikt Waldeck, 1870 Benedikt Franz Leo Ignatz WaldeckOnline-Biografie zu Benedikt Waldeck (* 31. Juli 1802 in Münster; † 12. Mai 1870 in Berlin) war ein deutscher Richter und Politiker. Er gilt als einer der führenden Linksliberalen in Preußen während der Revolution von 1848/49. Nach dem erzwungenen Rückzug aus der Politik in der Reaktionsära wurde er in den 1860er Jahren zu einer Führungsfigur der Fortschrittspartei und zu einem der wichtigsten innenpolitischen Konkurrenten von Otto von Bismarck.
Familie, Ausbildung und Beruf mini|Prinzipalmarkt und Lambertikirche in Münster Der Großvater Benedikt Waldecks war Komponist und Domorganist, der Vater, Johann Heinrich Waldeck, Professor für Natur- und Kriminalrecht an der Akademie Münster. Nach dem faktischen Ende der münsterschen Akademie war er 1822 an der Gründung einer höheren Provinzial-, Bürger- und Gewerbeschule beteiligt; darüber hinaus betätigte er sich als Autor religiöser und philologischer Schriften. Die Mutter Gertrudis, geborene Lindenkampf, stammte aus einer alten münsterschen Patrizierfamilie.
Am 1. August 1802 wurde er in der römisch-katholischen St. Lamberti Kirche in Münster getauft.
Waldeck machte 1817 sein Abitur auf dem Münsteraner Gymnasium Paulinum und begann sein Studium noch im selben Jahr an der „Rumpfuniversität“ in seiner Heimatstadt, bis er 1819 an die Georg-August-Universität Göttingen wechselte. Dort wurde er 1825 Mitglied des Corps Guestphalia II.Kösener Korpslisten 1910, 69/160 Er studierte unter anderem bei Jakob Grimm, dem er bei der Sammlung von Märchen und Legenden half.
Franz Leo Benedikt Waldeck scheint literarisch nicht unbegabt gewesen zu sein, stießen doch seine poetischen Versuche selbst bei Heinrich Heine, den Waldeck beim Corps Guestphalia kennenlernte, auf Lob.Robert Prölß: Heinrich Heine. Sein Lebensgang und seine Schriften. Nach den neuesten Quellen dargestellt. Rieger, Stuttgart 1886. S. 116, 375. (Digitalisat) Im Hauptfach studierte er allerdings Rechtswissenschaft. Bereits mit 19 Jahren wurde Waldeck zum Doktor beider Rechte promoviert.Promotionsurkunde vom 2. März 1822, UniA GÖ Jur. Prom. 7425 Wohl auch beeinflusst von Jakob Grimm, aber vor allem von Karl Friedrich Eichhorn, stand er der Historischen Rechtsschule nahe.
Nach einem kurzen Liebäugeln mit einer germanistischen Dozentenlaufbahn entschied sich Waldeck nach dem Ende des Studiums für den Juristenberuf. Gleichwohl blieb er weiterhin mit der literarischen und philosophischen Welt verbunden.
Nach Abschluss seines juristischen Studiums kehrte Waldeck zunächst nach Münster zurück. Dort wurde er 1822 zum Auskultator ernannt, zwei Jahre später war er Oberlandesgerichtsreferendar. 1828 bestand er die große juristische Staatsprüfung und wurde zum Assessor ernannt. Anschließend arbeitete Waldeck am Oberlandesgericht in Halberstadt. Kurz darauf wechselte er nach Paderborn, wo er 1832 die dort gebürtige Julia Langen (1809–1890) in der Gaukirche heiratete. Aus dieser Ehe stammten neun Kinder, von denen vier bereits früh verstarben. Einer seiner Urenkel war der Astrophysiker Ludwig Biermann.
Von 1832 bis 1836 war Waldeck Stadt- und Landgerichtsdirektor in Vlotho; 1836 wurde er zum Oberlandesgerichtsrat in Hamm ernannt. Dort übernahm er auch den Vorsitz in der Stadtverordnetenversammlung und vertrat die Stadt im Kreistag. Waldeck setzte sich erfolgreich dafür ein, dass die Stadt einen Bahnhof der Köln-Mindener Eisenbahn erhielt. 1844 wechselte er nach Berlin, wo er als Obertribunalrat am höchsten preußischen Gerichtshof tätig war.
Politische Sozialisation mini|August von Kotzebues Ermordung durch Sand (Zeitgenössischer kolorierter Kupferstich) Durch seine familiäre Herkunft war er noch mit der weltoffenen, von den Idealen der Aufklärung und eines undogmatischen Katholizismus geprägten Ära Franz von Fürstenbergs verbunden. Ebenso wichtig für seine politische Sozialisation waren das Ende der Franzosenzeit und der Beginn der preußischen Herrschaft. Nicht vergessen war in Münster, dass 1803 die Preußen für die Säkularisation des Münsterlandes verantwortlich waren. Gleichwohl sah Waldeck in Preußen einen Motor des gesellschaftlichen und politischen Fortschritts. Umso enttäuschter waren Waldeck und andere, dass die versprochene Verfassung nach den Karlsbader Beschlüssen (1819) ausblieb und die Publizistik von Zensur bestimmt war. Den während seiner Studienzeit oppositionellen studentischen Verbindungen blieb er fern. Allerdings empörten ihn die Hinrichtung des Burschenschafters Karl Ludwig Sand nach dessen politisch motivierter Ermordung des populären Dramatikers und Spottschriften-Verfassers August von Kotzebues mit anschließendem Selbstmordversuch. Waldeck versuchte Sand durch ein volksliedhaftes Gedicht ein Denkmal zu setzen.
Waldeck beschäftigte sich intensiv mit Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Johann Gottlieb Fichte, Immanuel Kant und Jean-Jacques Rousseau. Zeitweise wurde er aber auch von dem Konservativen Karl Ludwig von Haller stark beeinflusst. Vor allem seit der Julirevolution von 1830 in Frankreich begann sich Waldeck mit französischen Gesellschaftstheorien auseinanderzusetzen. Dazu zählten der Frühsozialist Henri de Saint-Simon und der katholisch-liberal gesinnte Félicité de Lamennais. Dessen Verbindung von Katholizismus und liberalen Gedanken hat Waldeck unterstützt, die Forderung nach einer republikanischen Staatsform aber abgelehnt.
Rechtspolitisch trat Waldeck zusammen etwa mit Johann Friedrich Joseph Sommer für die Freiheit des Richterstandes ein. Zusammen mit diesem organisierte Waldeck 1843 ein Treffen von westfälischen Juristen in Soest, das bei den Behörden als Versuch, einen Berufsverband zu gründen, auf Misstrauen stieß. Waldeck erhielt zwar einen dienstlichen Verweis, ohne dass dieser aber seiner juristischen Karriere geschadet hätte. Einen Namen machte sich Waldeck im Vormärz als Kenner des regionalen Güter- und Erbrechts. Er plädierte dabei für die Teilbarkeit des Grundeigentums. Sein Eintreten für ländliche Interessen gerade auch der Kleinbesitzer brachte ihm in der Bevölkerung den Beinamen Bauernkönig ein. Vor diesem Hintergrund erschien 1841 seine Schrift Über das bäuerliche Erbfolgegesetz in Westfalen.Manfred Botzenhart: Franz Leo Benedikt Waldeck (1802–1870). In: Westfälische Lebensbilder. Münster 1985. Band 12. (zit. nach der Online-Ausgabe) S. 3; Christina von Hodenberg: Die Partei der Unparteiischen. Der Liberalismus der preußischen Richterschaft 1815–1848/49. Göttingen, 1995. S. 167f.
Waldeck während der Revolution von 1848/49 Politische Positionierung mini|Sing-Akademie zu Berlin Gemälde von Eduard Gaertner (1843) mini|Innenraum der Sing-Akademie, dem Tagungsort der Nationalversammlung 1848 Bis zur Revolution von 1848 war Waldeck nicht weiter politisch hervorgetreten. 1848 wurde Waldeck dann gleich von vier Wahlkreisen (Lippstadt, Borken, Paderborn, Stadt Münster) in die Preußische Nationalversammlung in Berlin gewählt, die in der Sing-Akademie zu Berlin tagte. Angenommen hat er freilich das Mandat eines Berliner Bezirks, für das ihn Rudolf Virchow vorgeschlagen hatte. In seinem Wahlkreis sprach sich Waldeck für eine „demokratische Monarchie“ in der Tradition der französischen Constituante von 1789 aus.Botzenhart, Waldeck, S. 3. Seine Forderung war ein Einkammernsystem ohne adelsdominiertes Herrenhaus. Allerdings forderte Waldeck auch, dass der Verfassungsrahmen mit Reformen in Justiz, Agrarorganisation, Gemeindeverfassung, Militärwesen und in anderen Bereichen ausgefüllt werden müsste. Eine nur geringe Rolle spielte für ihn die Forderung nach staatlicher Sozialpolitik. Waldeck war kein Republikaner, sondern befürwortete eine konstitutionelle Monarchie mit starker Rolle des Parlaments. Er gehörte zu der Gruppe von Abgeordneten die der feierlichen Eröffnung der Nationalversammlung im Weißen Saal des Berliner Stadtschlosses fernblieben. Sie protestierten damit gegen den Versuch von Friedrich Wilhelm IV. die Versammlung in die Kontinuität der vormärzlichen Entwicklung zu stellen und den revolutionären Charakter zu leugnen. Durch sein Erscheinungsbild und seinen pathetischen Stil wurde er zu einer Galionsfigur der Linken Fraktion, auch wenn man ihm einige Unsicherheiten anmerkte und Kritiker ihm „den politischen Kopf und die staatsmännische Intelligenz absprechen wollten.“Herdepe, S. 110, S. 135,
Bereits zu Beginn der Parlamentsverhandlungen wurde Waldeck zum Präsidenten vorgeschlagen, unterlag aber gegen einen liberalen Politiker. Obwohl er sich selbst kaum am demokratischen Vereinsleben in Berlin und den entsprechenden preußischen Organisationsbemühungen beteiligte, galt er doch als der führende politische Kopf der preußischen Demokraten. Die Linke umfasste etwa einen Kern von 40 Abgeordneten und stand in entschiedener Opposition zum Märzministerium um Camphausen und Hansemann. Innerhalb der Linken gehörte Waldeck freilich etwa im Gegensatz zum Demokraten Johann Jacoby eher einer rechten linksliberalen Strömung an.
Im Plenum hat Waldeck zunächst kaum gesprochen, stattdessen konzentrierte er sich auf die Ausschussarbeit. Wenn er aber das Wort ergriff, war dies offenbar durchaus beeindruckend. „… er stürmte auf die Tribüne […] das Auge blitzte, die ganze Gestalt sein Leben und Bewegung, mit sonorer Stimme in fließenden Vortrage bringt er seine Gründe vor und schließt niemals ohne donnernden Applaus, zu dem häufig auch die Mitglieder der Rechten hingerissen würden.“zeitgenössische Charakteristik aus dem Grenzboten, zit. nach Stulz-Herrnstadt, S. 335 Wolfgang J. Mommsen meint gar, dass Waldeck zusammen mit Jodocus Temme, beide von der parlamentarischen Linken, in vieler Hinsicht den Gang der Verhandlungen bestimmt hätte. In den Debatten seien ihnen nur Karl Rodbertus vom linken Zentrum und Georg von Vincke als Sprecher der liberalen Rechten gewachsen gewesen.Mommsen, Revolution, S. 252
Die Unterschiede im Lager der Linken zeigten sich deutlich während der Debatte über den Antrag von Julius Berends vom 8. Juni 1848. Dieser lautete, die Nationalversammlung möge beschließen, „in Anerkennung der Revolution zu Protokoll zu erklären, dass die Kämpfer des 18. und 19. März sich wohl ums Vaterland verdient gemacht hätten.“zit. nach Wolfgang J. Mommsen: 1848. Die ungewollte Revolution. Die revolutionären Bewegungen in Europa 1830–1849. Frankfurt 1998, ISBN 3-10-050606-5, S. 205 In der Debatte versuchten die Demokraten, dies zur Durchsetzung des Prinzips der Volkssouveränität zu nutzen. Den Liberalen ging dies zu weit. Waldeck, der die Sitzung leitete, entzog Johann Jacoby als Vertreter der Demokraten schließlich das Wort.
Nicht unähnlich der Auffassung der Regierung Camphausen, sahen Waldeck und viele andere gemäßigte Demokraten die Zeit der revolutionären Unruhen als beendet an. Der Umbau des Staates sei nun Aufgabe des Parlaments. „Die Revolution war der gewaffnete [sic!] Protest des Volkes gegen den alten Militär- und Feudalstaat. Diesen Prozess organisch durchzuführen, ist die Sache der Volksvertreter.“zit. nach Stulz-Herrnstad, S. 336 Der Verfassungsfrage kam in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle zu und Waldeck tat sich vor allem in diesem Bereich hervor.
Die Charte Waldeck und parlamentarische Arbeit