Der Genter Altar ist ein Flügelaltar in der St.-Bavo-Kathedrale (Sint Bavo) in der belgischen Stadt Gent. Er wurde von Jan van Eyck und wahrscheinlich dessen älterem Bruder Hubert van Eyck geschaffen und 1432 oder 1435 von Jan van Eyck in der Kathedrale – der damaligen Pfarrkirche Sint-Jans (St. Johannes) – aufgestellt.Büttner: Johannes arte secundus? Oder: Wer signierte den Genter Altar?, 2004, S. 184. PDF online. Abgerufen am 11. November 2017.

Die lange als recht sicher angenommene Mitwirkung Hubert van Eycks, die einer lokalen Genter Tradition entspricht und auch auf einer möglicherweise später hinzugefügten Inschrift auf den unteren Rahmenleisten der Altaraußenseite beruht, wird von einigen Forschern verworfen.Büttner: Johannes arte secundus? Oder: Wer signierte den Genter Altar?, 2004, S. 185. Siehe dort auch die Anmerkungen 44 und 45. PDF online. Abgerufen am 11. November 2017. Aufgrund neuerer Erkenntnisse im Zuge der seit 2012 andauernden Restaurierung wird im Gegensatz dazu von einigen Kunstwissenschaftlern der Standpunkt vertreten, es gebe keinen Anlass, die Authentizität der auf der Erstfassung der Rahmen angebrachten Inschrift und damit die Mitwirkung Hubert van Eycks zu bezweifeln.Stephan Kemperdick: Die Geschichte des Genter Altars. In: Stephan Kemperdick und Johannes Rößler (Hrsg.): Der Genter Altar der Brüder van Eyck. Begleitpublikation zur Ausstellung Der Genter Altar der Brüder van Eyck in Berlin. 1820–1920. Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz 2014, ISBN 978-3-7319-0089-4, S. 22 (siehe auch Anm. 36).

Stifter des Altars waren der Genter Kaufmann Joos (auch Jodocus, Joost) Vijd und seine Frau Elisabeth (auch Lysbetta, Isabella) Borluut.

Hauptthema des Retabels ist die Anbetung des Lammes aus der Offenbarung des Johannes mit Engeln und Heiligen . hochkant=2.1|mini|Genter Altar geöffnet: Festtagsseite

Beschreibung Maße Maße in geschlossenem Zustand (ohne Rahmen): 375 × 260 cm Maße in geöffnetem Zustand (ohne Rahmen): 375 × 520 cm

Alltagsseite – geschlossener Zustand mini|Der Altar mit geschlossenen Flügeln nach der neuerlichen RestaurierungVgl. closertovaneyck.kikirpa.be/ghentaltarpiece. Abgerufen am 10. November 2017.

Die Innenseite des Altars wurde bei Gottesdiensten nur an hohen christlichen Festen gezeigt: an Weihnachten, Ostern und Allerheiligen. An den übrigen Tagen blieben die Flügel geschlossen, und nur die Alltagsseite („Werktagsseite“) konnte betrachtet werden. Diese ist in drei Zonen aufgebaut und wirkt wie ein Querschnitt durch ein Haus mit verschiedenen Stockwerken bzw. Etagen.

Untere Zone Die untere Zone zeigt vier Nischen mit Rundbogenarkaden. In den äußeren Nischen sind links und rechts die beiden knienden Stifter, Joos Vijd und seine Frau, Elisabeth Borluut, dargestellt.Vgl. hierzu auch Thomas Ribi: Trotz in den Augen: Um 1430 hat Jan van Eyck eine Vision der himmlischen Herrlichkeit geschaffen und ein radikal neues Menschenbild entworfen. In: Neue Zürcher Zeitung. 27. April 2020.

In den mittleren beiden Nischen, den Stiftern zugewendet, stehen Johannes der Täufer und Johannes der Evangelist. Sie sind in durch spätere Übermalung farblich verfälschtem Grisaille ausgeführt,Siehe die restaurierten Fassungen des Täufers und des Evangelisten. Abgerufen am 10. November 2017. als Skulpturen auf mehreckigen Sockeln mit Namensinschriften. Der Täufer ist an seinen üblichen Attributen zu erkennen, dem Untergewand aus Fell und dem Lamm Gottes, auf das er mit dem Zeigefinger der rechten Hand zeigt. Der Evangelist hält in der Hand einen Kelch, aus dem sich Schlangen emporwinden. Mit diesem Motiv wird auf eine in der Legenda aurea überlieferte apokryphe Erzählung angespielt, die sagt, dass Johannes vergifteter Wein gereicht wurde, er den Kelch aber gesegnet habe und daraufhin das Gift den Kelch in Gestalt einer Schlange verlassen habe.

Johannes der Täufer ist der Stadtpatron von Gent und war der Vorgänger des Heiligen Bavo als Patron der Kirche. Johannes der Evangelist ist der Autor des Johannesevangeliums und der Tradition zufolge auch der Offenbarung des Johannes.

Mittlere Zone

Die über der unteren Etage befindliche mittlere Zone zeigt eine Verkündigungsszene. Die vier Tafeln präsentieren einen durchgehenden, niedrigen Innenraum, aus dem ein Biforienfenster den Blick in eine flämische Stadt öffnet.Siehe die restaurierte Fassung. Abgerufen am 10. November 2017. Die schmale Wandnische, die – wie die Lichtreflexe auf den metallenen Gegenständen und die Schatten des Maßwerks sowie des Bilderrahmens zeigen – weniger durch ein Dreipassfenster als von einer nicht genau definierbaren Lichtquelle erhellt wird, birgt eine Waschvorrichtung mit einer spiegelblanken Schale, einer kunstvollen, glänzenden Wasserkanne und einem weißen Handtuch.Siehe die restaurierte Fassung. Abgerufen am 10. November 2017. Diese Gegenstände können als Symbole der jungfräulichen Gottesmutter Maria gedeutet werden.

Auf der linken Tafel ist der Verkündigungsengel dargestellt,Siehe die restaurierte Fassung. Abgerufen am 10. November 2017. auf der entsprechenden gegenüberliegenden Tafel die kniende Maria, die an ihrem Betpult überrascht worden ist und aufblickt.Siehe die restaurierte Fassung. Abgerufen am 10. November 2017. Über ihrem Kopf schwebt die Taube des Heiligen Geistes. Die Antwort auf den Ave-Gruß des Engels – Ecce ancilla domini (Siehe [ich bin] die Magd des Herrn, ) – steht auf dem Kopf, so als sollten die Taube oder der Prophet, der sich aus der darüberliegenden Lünette vorbeugt, sie besser verstehen können. Damit kann eine räumliche und geistige Verbindung zwischen mittlerer und oberer Zone zustande kommen.

Obere Zone Die obere Zone wird durch Rundbogenabschlüsse der darunter liegenden Tafeln gebildet. In den Lünetten links und rechts sind die Propheten Sacharja und Micha sowie dazwischen die Sibylle von Erythrai und die Sibylle von Cumae dargestellt. Erstere ist in ein orientalisch wirkendes Kostüm gekleidet. Ihre turbanartige Haube gleicht der Haube einer Frauengestalt auf Robert Campins Vermählung Mariens und der Hebamme Salome auf Jacques Darets Geburt Jesu und rückt diese Sibylle in die Nähe der bis ins Spätmittelalter verehrten weisen Frauen.Siehe die restaurierte Fassung. Abgerufen am 10. November 2017.Siehe Jacques Daret: Geburt Jesu und Robert Campin: Vermählung Mariens.Stephan Kemperdick, Jochen Sander (Hrsg.): Der Meister von Flémalle und Rogier van der Weyden. Ostfildern : Hatje Cantz, 2008, S. 247–250. Die Cumäische Sibylle trägt ein Kleid nach der Mode der Isabella von Portugal, der dritten Frau des Burgunders Philipp III.Siehe die restaurierte Fassung. Abgerufen am 10. November 2017. So war Isabella 1429 von Jan van Eyck auf einem Porträt gemalt worden, dessen Original verschollen ist, von dem es aber eine Nachzeichnung gibt.Siehe die Nachzeichnung des Porträts der Isabella von Portugal.

Beide Propheten und beide Sibyllen sind mit Spruchbändern ihrer jeweiligen Prophezeiungen versehen. Bei Sacharja heißt es: Exulta satis filia syo[n] jubila … Ecce rex tuus ve(n)it Übersetzung: Juble laut Tochter Sion … Siehe dein König kommt ().Norbert Schneider: Jan van Eyck. Der Genter Altar. Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt am Main 1986, S. 19.

Bei Micha heißt es: Ex te egredietur qui sit dominator in isr[ae]l ♦ Übersetzung: Aus dir wird einer hervorgehen, der Herrscher sein soll in Israel ().

Bei der Erythräischen Sibylle heißt es: Nil mortale sona(n)s ♦ afflata es numine celso ♦ Übersetzung: Nichts Sterbliches besingend, bist du von göttlichem Willen erfüllt (nach Vergil, Aeneis VI, 50).Norbert Schneider: Jan van Eyck. Der Genter Altar. Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt am Main 1986, S. 24.

Bei der Cumäischen Sibylla heißt es: Rex Al […] ♦ adve(n)iet ♦ p(er) sec(u)la futur(us) ♦ sci(licet) i(n) carn(em) Der rudimentäre Text lässt keine sinnvolle Übersetzung zu. Er erscheint wie eine Verkürzung aus Augustinus’ De civitate Dei XVIII, 23: E caelo rex adveniet per saecla futurus / Scilicet ut carnem praesens, ut iudicet orbem. Übersetzung: Vom Himmel wird der ewige König kommen, um nämlich persönlich das Fleisch zu richten, um den Erdkreis zu richten.Augustinus: De civitate Dei. XVIII, 23. Online in der Bibliothek der Kirchenväter Siehe dort das Zitat und die Übersetzung in Fußnote 2. Abgerufen am 30. Dezember 2016.

Inschrift mini|Die Inschrift(monochrome Fotografie von 1878/79)

Auf den unteren Rahmenleisten der Flügelaußenseiten hat man bei einer Reinigung des Bildes im 19. Jahrhundert eine lateinische Versinschrift in daktylischen Hexametern entdeckt und zum Teil wegen Unleserlichkeit ergänzt. Auf dieser Inschrift beruht die Annahme einer gemeinsamen Urheberschaft der Brüder Hubert und Jan van Eyck.

Transkription:

P(ic)tor Hubertus eeyck ♦ maıor quo nemo repertus Incepıt ♦ pondus ♦ q(ue) Johannes arte secundus (Frater per)fecıt ♦ Judocı Vıȷd prece fecıt Versu sexta Maı ♦ vos collocat acta tuerıChristina Meckelnborg: Die Inschrift des Genter Altars – eine philologische Betrachtung. In: Stephan Kemperdick und Johannes Rößler (Hrsg.): Der Genter Altar der Brüder van Eyck. Begleitpublikation zur Ausstellung Der Genter Altar der Brüder van Eyck in Berlin. 1820–1920. Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz 2014, ISBN 978-3-7319-0089-4, S. 114 f.

Übersetzung:

Der Maler Hubert Eyck, der größte, der sich je fand, hat dieses Werk begonnen, und sein Bruder Johannes, in der Kunst der Zweite, hat die schwere Aufgabe vollendet, der Bitte des Joos Vijd folgend. Mit diesem Gedicht gestattet er euch, am 6. Mai das Vollbrachte anzuschauen.Christina Meckelnborg: Die Inschrift des Genter Altars – eine philologische Betrachtung. In: Stephan Kemperdick und Johannes Rößler (Hrsg.): Der Genter Altar der Brüder van Eyck. Begleitpublikation zur Ausstellung Der Genter Altar der Brüder van Eyck in Berlin. 1820–1920. Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz 2014, ISBN 978-3-7319-0089-4, S. 119.

Die auch im Original rot geschriebenen Buchstaben der letzten Zeile bilden – als römische Zahlen gelesen – ein Chronogramm und ergeben addiert die Jahreszahl 1432 (ı=1, V/v/u=5, x=10, l=50, c=100, M=1000). Röntgenuntersuchungen von 1950 und 1979 haben nahegelegt, dass die Inschrift erst nachträglich hinzugefügt worden ist. Untersuchungen im Verlauf der seit 2012 andauernden, neuerlichen Restaurierung des Altars haben allerdings ergeben, dass die Inschrift entgegen vorherigen Annahmen direkt auf die Erstfassung der Rahmen geschrieben worden ist.

Der in der Inschrift genannte 6. Mai 1432 war der Genter Tauftermin Josses von Burgund, des kurz vorher geborenen Kindes von Herzog Philipp dem Guten und seiner Gemahlin Isabella von Portugal. Dass Jan van Eyck Hofmaler und Kammerherr sowie Joos Vijd ein enger Vertrauter des Herzogs waren, erhöht nach Ansicht einiger Forscher die Wahrscheinlichkeit, dass der Genter Altar tatsächlich an diesem Tag aufgestellt worden ist.Stephan Kemperdick: Die Geschichte des Genter Altars. In: Stephan Kemperdick und Johannes Rößler (Hrsg.): Der Genter Altar der Brüder van Eyck. Begleitpublikation zur Ausstellung Der Genter Altar der Brüder van Eyck in Berlin. 1820–1920. Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz 2014. ISBN 978-3-7319-0089-4, S. 27.

Festtagsseite – geöffneter Zustand