Jane Marple, bekannter als Miss Marple, ist eine literarische Figur der englischen Kriminalschriftstellerin Agatha Christie. Miss Marple ist eine scharfsinnige ältere Dame, die sich als Amateurdetektivin betätigt. Sie ermittelt in 12 Kriminalromanen und 20 Kurzgeschichten, die zwischen 1927 und 1976 erschienen. In Filmen und Fernsehserien wurde die Figur von mehreren Schauspielerinnen verkörpert, darunter in vier Kinofilmen von Margaret Rutherford.

Entstehungsgeschichte Miss Marple hatte ihren ersten Auftritt in einer Reihe von sechs Kurzgeschichten, die zwischen Dezember 1927 und Mai 1928 im Royal Magazine veröffentlicht wurden, deren erste den Titel The Tuesday Night Club trug. Zwei Jahre später erschienen zwischen Dezember 1929 und Mai 1930 weitere sechs Kurzgeschichten im Magazin The Story-Teller. Im Juni 1932 wurden diese zwölf mit einer weiteren Kurzgeschichte (Death by Drowning) im Sammelband The Thirteen Problems (deutsch: Der Dienstagabend-Klub) zusammengefasst.John Curran: Agatha Christie: Murder in the Making. HarperCollins, New York 2011, ISBN 978-0-06-206542-1, S. 140–141 (Online). Noch vor der Buchpublikation der Kurzgeschichten erschien 1930 der erste Roman mit Miss Marple unter dem Titel The Murder at the Vicarage (deutsch: Mord im Pfarrhaus). Erst 1942 veröffentlichte Agatha Christie den zweiten Miss-Marple-Roman The Body in the Library (deutsch: Die Tote in der Bibliothek), dem sich bis 1976 zehn weitere Romane anschlossen.

In ihrer Autobiografie schrieb Christie zur Entstehung des ersten Romans: „ich kann mich nicht mehr erinnern, wo, wann oder wie ich den Roman geschrieben habe, warum ich dazu kam, ihn zu schreiben, oder auch nur, was mir einflüsterte, eine neue Figur – Miss Marple – in die Geschichte einzuführen. Fest steht, dass ich seinerzeit nicht die Absicht hatte, sie für den Rest meines Lebens beizubehalten.“ Und: „Miss Marple stahl sich so geschwind in mein Leben, dass ich ihre Ankunft kaum bemerkte.“ Eine literarische Vorläuferin der Figur sah sie in Caroline Sheppard, der Schwester des Erzählers aus dem Hercule-Poirot-Roman The Murder of Roger Ackroyd (1926, deutsch: Alibi), die ihr „so viel Spaß gemacht hatte. Sie war eine der Lieblingsfiguren in diesem Buch – eine säuerliche alte Jungfer, mit großer Neugier ausgestattet, die alles wusste, alles hörte, ein komplettes Detektivbüro im Hause.“Agatha Christe: Das große Miss-Marple-Buch. Atlantik, Hamburg 2015, ISBN 978-3-455-60031-5, Kapitel Einleitung von Agatha Christie.

Reale Vorbilder waren hingegen ihre Stief-Großmutter Margaret Miller aus dem Londoner Vorort Ealing und deren Freundinnen aus Dörfern, die Christie in ihrer Kindheit besucht hatte: „Miss Marple war keineswegs ein getreuliches Abbild meiner Großmutter, sie war viel betulicher und altjüngferlicher, als meine Großmutter es je gewesen ist.“ Diese habe aber mit Miss Marple gemeinsam gehabt, immer das Schlechteste von jedem zu erwarten, was auch regelmäßig eingetroffen sei. So habe Christie ihre Romanfigur „mit einigen von Grannies prophetischen Fähigkeiten“ ausgestattet. Dabei sei Miss Marple jedoch „nicht bösartig, sie hatte einfach kein Vertrauen in ihre Zeitgenossen“, sei aber dennoch bereit, „Menschen trotz ihrer Eigenarten nachsichtig zu akzeptieren.“

mini|hochkant|Büste von Christie inmitten ihrer Schöpfungen Hercule Poirot und Miss Marple in London Mit zunehmendem Alter Agatha Christies wurde auch sie selbst häufig mit ihrer Schöpfung verglichen: zwei alte, weißhaarige englische Damen mit Intelligenz, Beobachtungsgabe und Menschenkenntnis. So kommentierte etwa Barbara Mullen, die Miss Marple in einem Theaterstück spielte: „Um Miss Marple zu spielen, muss man Agatha Christie studieren. […] Ich denke, die Rolle ist so nah an einem Selbstporträt, wie es möglich ist.“ Allerdings war die 38-jährige Agatha Christie, die Miss Marple erdachte, ganz das Gegenteil einer alten Jungfer wie Miss Marple: Sie war verheiratet gewesen, geschieden, Mutter einer Tochter und eine bekannte Schriftstellerin, die gerne die Welt bereiste.„To play Miss Marple you have to study Agatha Christie. … I think the part is as near as self-portrait as you can get.“ Zitiert nach: Marty S. Knepper: Reading Agatha Christie’s Miss Marple Series: The Thirteen Problems. In: Mary Jean DeMarr: In the Beginning. First Novels in Mystery Series. Bowling Green State University Popular Press, Bowling Green 1995, ISBN 0-87972-673-3, S. 35.

Auch andere literarische Figuren wurden mit der Entstehung Miss Marples in Zusammenhang gebracht, etwa Amelia Butterworth, die Amateurdetektivin von Anna Katharine Green, die sie 1878 im Roman Der Fall Leavenworth eingeführt hatte. In den 1920er Jahren wurden immer häufiger alleinstehende, ältere Frauen zu tragenden Figuren in Kriminalromanen, so im gleichen Jahr der Entstehung von Miss Marple auch Miss Climpson in Dorothy L. Sayers’ Keines natürlichen Todes. Diese äußerte sich einige Jahre später lobend über Miss Marple und schrieb: „Liebe alte Tantchen sind die einzig mögliche richtige Art eines weiblichen Detektivs“.„Dear old tabbies are the only possible right kind of female detective“. Zitiert nach: Marty S. Knepper: Reading Agatha Christie’s Miss Marple Series: The Thirteen Problems. In: Mary Jean DeMarr: In the Beginning. First Novels in Mystery Series. Bowling Green State University Popular Press, Bowling Green 1995, ISBN 0-87972-673-3, S. 36. Den Namen Marple führte Christies Biografin Janet Morgan auf Marple Hall zurück, ein Anwesen, das Christie wegen eines Verkaufs besucht hatte.Marty S. Knepper: Reading Agatha Christie’s Miss Marple Series: The Thirteen Problems. In: Mary Jean DeMarr: In the Beginning. First Novels in Mystery Series. Bowling Green State University Popular Press, Bowling Green 1995, ISBN 0-87972-673-3, S. 35.

Im Jahr 2022 wurden mit der Genehmigung von Christies Nachlassverwalter zwölf neue Kurzgeschichten veröffentlicht, die Naomi Alderman, Leigh Bardugo, Alyssa Cole, Lucy Foley, Elly Griffiths, Natalie Haynes, Jean Kwok, Val McDermid, Karen M. McManus, Dreda Say Mitchell, Kate Mosse und Ruth Ware geschrieben hatten.

Fiktiver Lebenslauf Miss Marple ist in den Romanen eine kultivierte, hochgewachsene, etwas blasshäutig und zerbrechlich wirkende ältere Dame mit blauen Augen, die aus der oberen Mittelschicht stammt.Anne Hart: Miss Marple – ihr Leben und ihre Abenteuer. Kapitel 7. Sie scheint in den ersten Kurzgeschichten ungefähr 65 Jahre alt zu sein und trägt bei ihrem ersten Auftreten ihr weißes Haar hochgesteckt unter einer schwarzen Spitzenhaube, während sie auch beim Stricken, ihrer liebsten Freizeitbeschäftigung, die Hände mit schwarzen Spitzenhandschuhen mit halben Fingern bedeckt.Anne Hart: Miss Marple – ihr Leben und ihre Abenteuer. Kap. 3. Ihr Leben scheint sie aus dem Erbe ihrer Eltern zu bestreiten, sie muss aber sehr sparsam wirtschaften. Ihr Vater scheint Domherr einer Kathedrale gewesen zu sein.Anne Hart: Miss Marple – ihr Leben und ihre Abenteuer. Kap. 2. In ihrer Kindheit wohnte sie in einem Kinderzimmer mit malvenfarbigen Schwertlilien auf der Tapete, hatte eine Schwester und wurde von einer deutschen Erzieherin betreut. Schon zu dieser Zeit kannte sie den Umgang mit unsichtbarer Tinte, interessierte sich für Zaubertricks und liebte Besuche bei Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett in London. Miss Marple hatte eine Großmutter mit Namen Clara, eine Großtante namens Fanny, einen Großonkel namens Thomas, der ein pensionierter Admiral war, eine Tante Helen, einen Onkel Henry, einen Onkel, der Domherr der Kathedrale von Chichester war und einen weiteren Onkel namens Thomas, der Domherr von Ely war. Außerdem gab es noch zwei Cousins, die Anthony und Gordon hießen, und die Cousinen Fanny Godfrey und Ethel, Lady Merridey. Mit 14 Jahren durfte sie einen Urlaub mit ihrer Tante Helen und Onkel Thomas in Bertrams Hotel verbringen, an den sie sich, nach fast 60 Jahren, noch sehr gut erinnert. Mit 16 Jahren wurde Miss Marple auf eine Schule im italienischen Florenz geschickt, wo sie die zwei Amerikanerinnen Ruth und Carrie Louise Martin kennen lernte, die in ihrem späteren Leben noch eine Rolle spielen sollten.

Die Verwandten werden zwar alle einmal in den Romanen erwähnt, leben zu der Zeit der erzählten Geschichten aber außer ihrem Neffen Raymond West schon nicht mehr. Sie war, obwohl sie mehrere Liebschaften hatte, auch nie verheiratet. Raymond West kümmert sich sehr um Miss Marple, unterstützt sie ab und zu finanziell und sorgt sich sehr um ihre Gesundheit, was sogar darin mündet, dass er ihr mehrere Urlaube spendiert. Miss Marple ist anfällig für Bronchitis, musste zweimal eine Lungenentzündung überstehen und gegen ihre nachlassende Sehkraft wurden ihr Augentropfen mit Atropinsulfat verschrieben. Ansonsten hält sie von Medikamenten nicht viel und schwört auf althergebrachte Hausmittel wie Leinsamenumschläge, Kampferöl bei Husten oder Kamillentee.

Miss Marple lebt in dem fiktiven kleinen Dorf St. Mary Mead, einem typischen englischen Örtchen in der ebenso fiktiven Grafschaft Downshire unweit der größeren zentralen Ortschaft Much Benham, in der auch die Kriminalpolizei residiert. Trotzdem ist das Dorf keineswegs ein verschlafenes Nest: In einem Zeitraum von etwa vierzig Jahren gab es sechzehn Morde – fünf durch Gift, zwei durch Schüsse, zwei durch Ertränken, zwei durch Erwürgen und fünf durch ungeklärte Ursachen. Hinzu kamen vier Mordversuche durch Gift, Ersticken und Schläge auf den Kopf, außerdem fünf Raubüberfälle, acht Unterschlagungen und zwei Serien von Erpressungen. Sie alle wurden von Miss Marple aufgeklärt.

In ihren ersten Kurzgeschichten war Miss Marple Mitglied im Dienstagabend-Klub (Tuesday Night Club), einer Diskussionsrunde in der Nähe von St. Mary Mead, die sich mit ungeklärten Verbrechen befasste. Weitere Mitglieder des Clubs waren Raymond West (Miss Marples Neffe und ein erfolgreicher Schriftsteller), dessen Verlobte Joyce Lempriere, eine Künstlerin, der Weltmann Sir Henry Clithering, der in früheren Jahren bei Scotland Yard als Kommissar angestellt war, der ältliche Dr. Pender, der kleine Rechtsanwalt Mr. Petherick, die rundliche Mrs. Dolly Bantry und ihr Mann Colonel Arthur Bantry, die etwas beschränkte Schauspielerin Jane Helier und der alles vom medizinischen Standpunkt betrachtende Dr. Lloyd. Es war jedoch immer Miss Marple, die die Lösung zu den Verbrechen fand.

Agatha Christie bedauerte später, ihre Lieblingsfigur als alte Dame erschaffen zu haben und die „besten Fälle“ deshalb dem „jüngeren“ Hercule Poirot überantworten zu müssen. In dem 1976 erschienenen Roman Ruhe unsanft tritt sie zum letzten Mal im Alter von ungefähr 81 Jahren auf. Aus dem Roman Bertrams Hotel erfahren wir, dass Miss Marple mit 14 Jahren schon einmal dieses Hotel besucht hat. Laut ihrer Aussage war das fast 60 Jahre her. Daher kann man ihr Alter beim Erscheinen von Bertrams Hotel auf ungefähr 74 Jahre schätzen.

Dem entgegen steht die Miss Marple aus den bekannten Filmen: eine liebenswert-schrullige alte Jungfer, die aber, wenn es um das Lösen von Rätseln geht, ihren scharfen, logischen Verstand beweist. In bester Krimitradition erstaunt sie dabei die örtlichen professionellen Gesetzeshüter, indem sie normalerweise Analogien zu früheren Ereignissen und Personen aus dem Dorfleben herstellt.

Bücher mit Miss Marple Romane 1930: The Murder at the Vicarage (dt.: Mord im Pfarrhaus) 1942: The Body in the Library (dt.: Die Tote in der Bibliothek) 1943: The Moving Finger (dt.: Die Schattenhand) 1950: A Murder is Announced (dt.: Ein Mord wird angekündigt) 1952: Murder With Mirrors / They Do It with Mirrors (dt.: Fata Morgana) 1953: A Pocket Full of Rye (dt.: Das Geheimnis der Goldmine, auch Das Geheimnis der Amseln) 1957: 4.50 from Paddington (dt.: 16 Uhr 50 ab Paddington) 1962: The Mirror Crack'd from Side to Side (dt.: Mord im Spiegel) 1964: A Caribbean Mystery (dt.: Karibische Affäre/Karibischer Sommer) 1965: At Bertram's Hotel (dt.: Bertrams Hotel)