mini|hochkant|Verlagseinband der Erstausgabe 1925

Der Process (auch Der Proceß oder Der Prozeß, Titel der Erstausgabe: Der Prozess) ist neben Der Verschollene (auch unter dem Titel Amerika bekannt) und Das Schloss einer von drei unvollendeten und postum erschienenen Romanen von Franz Kafka.

Entstehungsgeschichte mini|„Jemand musste Josef K. verläumdet haben …“ – Anfang des Manuskripts zu Der Process, 1914/15

Während der Entstehungszeit dieses unvollendeten Werkes – vom Sommer 1914 bis Januar 1915Alt, S. 388. – fanden prägnante Ereignisse im Leben des Autors statt. Diese kommen in einer an Produktionsbedingungen orientierten Interpretation des Romans zum Tragen: Im Juli 1914 fand die Auflösung der Verlobung mit Felice Bauer statt. Dieses Ereignis war für Kafka mit einem Gefühl des Angeklagt-Seins verbunden, eine abschließende Aussprache im Berliner Hotel Askanischer Hof in Anwesenheit von Felices Schwester Erna und Felices Freundin Grete Bloch, mit der Kafka einen verfänglichen Briefwechsel geführt hatte, empfand Kafka als „Gerichtshof“.Königs Erläuterungen Franz Kafka Der Proceß Volker Krischel S. 31. Kurz darauf begann Kafka mit der Arbeit am Process. Am 28. Juli, einen Monat nach dem Attentat von Sarajevo, erklärte die Monarchie Österreich-Ungarn Serbien den Krieg, worauf der Erste Weltkrieg folgte. Ab dem Herbst 1914 wohnte Kafka erstmals unabhängig von seinen Eltern in einem eigenen Zimmer.

Kafkas Arbeit am Process schritt zunächst zügig voran – in zwei Monaten entstanden rund 200 Manuskriptseiten –, kam aber alsbald zum Erliegen. Kafka beschäftigte sich nun u. a. mit der Erzählung In der Strafkolonie. Der Process entstand in nicht-linearer Abfolge. Es lässt sich nachweisen, dass Kafka zuerst das Eingangs- und das (von Max Brod an diese Stelle sortierte) Schlusskapitel niederschrieb und weiterhin an einzelnen Kapiteln parallel arbeitete. Kafka schrieb den Process in Hefte, die er auch für die Niederschrift anderer Texte verwendete. Die dem Process zugehörigen Blätter trennte er heraus und ordnete sie nach Kapiteln und Fragmenten, ohne dabei eine bestimmte Reihenfolge der Teile festzulegen.

Anfang 1915 unterbrach Kafka die Arbeit am Roman und nahm sie (bis auf einen kurzen Versuch im Jahr 1916) nicht wieder auf. Bereits im November 1914 schrieb Kafka: „Ich kann nicht mehr weiter schreiben. Ich bin an einer endgültigen Grenze, vor der ich vielleicht wieder jahrelang sitzen soll, um dann vielleicht wieder eine neue, wieder unfertig bleibende Geschichte anzufangen.“Königs Erläuterungen / Krischel S. 34.

Figuren Josef K. Josef K., 30 Jahre alt, ist Prokurist einer Bank. Er lebt allein, als menschliche Kontakte genügen ihm seine Geliebte Elsa und eine regelmäßige Stammtischrunde. K.s Vater ist bereits gestorben, seine Mutter taucht nur in einem Fragment auf. Eine Gefühlsbindung zu ihr besteht nicht. Die verhaftenden Personen Die Wächter, genannt Franz und Willem, teilen Josef K. seine Verhaftung mit und halten ihn zunächst in seinem Zimmer fest. Ein namenloser Aufseher weist K.s auflehnende Überlegungen schroff zurück. Drei ebenfalls anwesende Herren, untergeordnete Kollegen aus der Bank, in der K. arbeitet, namens Rabensteiner, Kaminer und Kullych, sind dazu bestimmt, K. nach der Verhaftung zur Arbeit zu begleiten. Fräulein Elsa Fräulein Elsa arbeitet als Kellnerin. Tagsüber empfängt sie Männerbesuch, K. geht einmal die Woche zu ihr. Sie wird später in dem ersten Gespräch mit Leni als K.s Geliebte bezeichnet. (Sie ist keine direkt handelnde Person im Rahmen des Romans, sondern wird von Josef K. nur erwähnt.) Frau Grubach Frau Grubach ist K.s und Fräulein Bürstners Vermieterin. Sie zieht K. den anderen Mietern vor, weil er ihr Geld geliehen hat und sie daher in seiner Schuld steht. Fräulein Bürstner Fräulein Bürstner ist erst seit kurzem Mieterin bei Frau Grubach und hat wenig Kontakt zu K. Er lauert ihr aber in der Nacht nach seiner Verhaftung vor ihrem Zimmer auf, um sich zu entschuldigen, dass die verhaftenden Personen und er in ihrem Zimmer waren und dort Unordnung gemacht haben. Sie interessiert sich für die Machenschaften des Gerichts, da sie in einigen Wochen selbst eine Stelle als Sekretärin in einer Kanzlei antreten wird. Fräulein Montag Fräulein Montag ist eine Freundin von Fräulein Bürstner. Sie wohnt ebenfalls bei Frau Grubach und zieht zu Fräulein Bürstner ins Zimmer. Während deren Abwesenheit fängt sie K. ab und es kommt zu einem Gespräch, aus dem klar wird, dass Fräulein Bürstner nach dem Kuss keinen Kontakt mehr zu ihm will. Die Frau des Gerichtsdieners Sie besitzt eine besondere erotische Ausstrahlung, sodass sowohl ein Jurastudent als auch der Untersuchungsrichter sie für Liebesdienste in Anspruch nehmen. Sie bietet sich auch Josef K. an und erzählt ihm einiges aus der skurrilen Welt des Gerichts, das in einem ärmlichen Mietshaus tagt. Advokat Huld Der Advokat Huld ist ein Bekannter von K.s Onkel und durch eine Krankheit körperlich geschwächt und bettlägerig. Seine Verteidigung betreibt er aus seinem Krankenbett. Seine Einlassungen sind quälend langwierig. K. entzieht ihm seine Verteidigung bald wieder. Leni Leni ist die Bedienstete des Advokaten, die sich während dessen Krankheit sehr hingebungsvoll um diesen kümmert. Sie erscheint sehr verspielt und gesellig. Leni lockt K. während seines ersten Besuches in ein Nachbarzimmer, um sich ihm zu nähern. Sie scheint über wichtige Informationen zum System des Gerichts zu verfügen. Onkel Albert K./Karl K. K.s Onkel lebt auf dem Lande. Als er von Josef K.s Prozess erfährt, reist er in die Stadt, um ihm zu helfen. Er stellt K. Advokat Huld vor. Sein Name ist nicht ganz klar: Am Anfang des Kapitels Der Onkel/Leni wird er Karl, später (vom Advokaten Huld) Albert genannt. Erna Erna ist die Cousine K.s und die Tochter des Onkels Albert (Karl). Sie hat ihrem Vater einen Brief geschrieben, in dem sie von K.s Prozess berichtet. (Sie ist keine direkt handelnde Person im Rahmen des Romans, sondern wird nur vom Onkel erwähnt.) Titorelli Titorelli ist als Gerichtsmaler in bestimmte Vorgänge des Gerichts eingeweiht. Durch seinen persönlichen Kontakt zu den Richtern könnte er zwischen K. und dem Gericht vermitteln. Doch Titorelli ist fest davon überzeugt, dass niemand – und somit auch nicht er selbst – das Gericht von der Unschuld eines Angeklagten überzeugen könne. Kaufmann Block Der Kaufmann Block ist ein kleiner, dürrer Mann mit Vollbart, dem ebenfalls ein Prozess gemacht wird. Block übernachtet im Hause des Advokaten Huld, um jederzeit für ein Gespräch mit dem Advokaten bereitzustehen, und demütigt sich vor dem Advokaten. Gefängniskaplan Der Gefängniskaplan erzählt K. die Parabel Vor dem Gesetz. Er versucht, K. zu erklären, dass es zwar verschiedene Auslegungen der Parabel gebe, er jedoch keiner beipflichte. Auch K. gibt sich mit den wenig eindeutigen Lösungsvorschlägen nicht zufrieden. Nach mehrmaliger Betonung, dass keine der Auslegungen wahr sein müsse, sondern es sich lediglich um unterschiedliche Interpretationen handele, verzichtet K. darauf, selbst eine Lösungsmöglichkeit zu finden. Der Kaplan weiß, dass es um K.s Prozess nicht gut steht und er ungünstig enden wird. Direktor-Stellvertreter Der Direktor-Stellvertreter hat als Vorgesetzter die Aufsicht über K.s Tätigkeit in der Bank und arbeitet eng mit ihm zusammen. Das Verhältnis zum stets überaus korrekt auftretenden Stellvertreter wird für K. zum Anlass zu Besorgnis, als ihn der Prozess stark belastet und er immer weniger Sorgfalt für seine tägliche Arbeit aufwenden kann. Direktor Der Direktor ist ein gütiger Mensch mit Überblick und Urteilsvermögen, der K. wohlwollend gegenübertritt und väterliche Ratschläge gibt. Staatsanwalt Hasterer Obwohl deutlich älter und resoluter als K., entwickelt sich eine enge Freundschaft zwischen den beiden. K. begleitet den Staatsanwalt regelmäßig nach dem Juristen-Stammtisch auf eine Stunde bei Schnaps und Zigarren nach Hause und wird von diesem protegiert. Der Prügler Ein Gerichtsangestellter, der die beiden Wächter verprügelt, da sich Josef K. bei seiner ersten Anhörung lautstark über sie beschwert hatte. Die Vollstrecker Zwei namenlose Herren, bleich, fett und mit „Cylinderhüten“, führen Josef K. zu einem Steinbruch und töten ihn mit einem Stich ins Herz.

Handlung Überblick Der Bankprokurist Josef K., der Protagonist des Romans, wird am Morgen seines 30. Geburtstages verhaftet, ohne sich einer Schuld bewusst zu sein. Trotz seiner Festnahme darf sich K. noch frei bewegen und weiter seiner Arbeit nachgehen. Vergeblich versucht er herauszufinden, weshalb er angeklagt wurde und wie er sich verteidigen könnte. Dabei stößt er auf ein für ihn nicht greifbares Gericht, dessen Kanzleien sich auf den Dachböden großer ärmlicher Mietskasernen befinden. Die Frauen, die mit der Gerichtswelt in Verbindung stehen und die K. als „Helferinnen“ zu werben versucht, üben eine erotische Anziehungskraft auf ihn aus.

Josef K. versucht verzweifelt, Zugang zum Gericht zu finden, doch auch dies gelingt ihm nicht. Er beschäftigt sich immer öfter mit seinem Prozess, obwohl er anfangs das Gegenteil beabsichtigte. Er gerät dabei immer weiter in ein albtraumhaftes Labyrinth einer surrealen Bürokratie. Immer tiefer dringt er in die Welt des Gerichts ein. Gleichzeitig dringt jedoch auch das Gericht immer mehr in Josef K.s Leben ein. Ob tatsächlich ein irgendwie gearteter Prozess heimlich voranschreitet, bleibt sowohl dem Leser als auch Josef K. verborgen. Gleiches gilt für das Urteil: K. erfährt es nicht, aber er empfindet selbst, dass seine Zeit abgelaufen ist. Josef K. fügt sich einem nicht greifbaren, mysteriösen Urteilsspruch, ohne jemals zu erfahren, weshalb er angeklagt war und ob es tatsächlich dazu das Urteil eines Gerichtes gibt. Am Vorabend seines 31. Geburtstages wird Josef K. von zwei Herren abgeholt und in einem Steinbruch „wie ein Hund“ erstochen.

Nach Kapiteln Nach der Anordnung von Malcolm Pasley:

Verhaftung Als Josef K. am Morgen seines 30. Geburtstags in seinem Zimmer aufwacht, bringt ihm die Köchin seiner Zimmervermieterin nicht wie üblich sein Frühstück. K. wird stattdessen von zwei Männern überrascht und festgehalten, die ihm in knappen Worten mitteilen, dass er von nun an verhaftet sei. Die beiden (Franz und Willem, „Wächter“ genannt) geben an, von einer Behörde zu kommen, und behaupten, sie könnten und dürften ihm nicht sagen, warum er verhaftet sei.

K. geht zunächst von einem üblen Scherz seiner Kollegen aus. Im Laufe der Zeit bemerkt er jedoch, dass dies nicht der Fall ist. Nähere Erklärung oder Verständnis erhofft er sich vom Aufseher, einem gebildeten Mann, der K. jedoch brüsk zurück in die Rolle des Verhafteten weist. Er gibt K. aber zu verstehen, dass diese Verhaftung seine gewöhnliche Lebensweise und seine Berufsausübung nicht beeinträchtigen werde. So ist K. zwar zunächst verärgert, das Verhaftetsein aber erscheint ihm schließlich als „nicht weiter schlimm“.

Schauplatz dieser Unterredung mit dem Aufseher ist nicht K.s Zimmer, sondern das der abwesenden jungen Nachbarin Fräulein Bürstner. Ebenfalls anwesend sind drei untergeordnete Mitarbeiter aus der Bank, in der K. arbeitet. Sie stöbern zunächst im Zimmer herum und begleiten K. schließlich in die Bank.

Gespräch mit Frau Grubach / Dann Fräulein Bürstner Josef K. geht nach der Arbeit wieder zurück in seine Pension, um sich bei seiner Vermieterin Frau Grubach und bei der Nachbarin Fräulein Bürstner für die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen, die durch seine Verhaftung entstanden sind: Die drei Mitarbeiter haben sichtbar in den Bildern von Fräulein Bürstner gewühlt. Fräulein Bürstner kommt erst sehr spät abends nach Hause. K. lauert ihr auf und überrascht sie im Flur.