Die Sommerlinde (Tilia platyphyllos), Sommer-Linde, auch Großblättrige Linde genannt, ist eine Pflanzenart aus der Gattung der Linden (Tilia) innerhalb der Familie der Malvengewächse (Malvaceae).

Beschreibung mini|Großblättrige Linde (Sommerlinde), Illustration ausKarl Rothe, Ferdinand Frank, Josef Steigl: Naturgeschichte für Bürgerschulen. I. Verlag von A. Pichler's Witwe & Sohn, Wien 1895.a. Zweigeb: Blütec: Staubblätterd: Stempele: Früchtef,g: Samen mini|Illustration von Jacob Sturm mini|Illustration in Kohl 1895, Tafel 52

Vegetative Merkmale Die Sommerlinde ist ein sommergrüner Baum, der Wuchshöhen von 30, selten bis zu 40 Metern und einen Stammumfang von über 9 Metern erreichen kann. Die Baumkrone ist hoch mit ziemlich steil ansteigenden Ästen. Als junger Baum hat die Sommerlinde meist eine mehr halbkugelige Krone. Die Borke ist längsrissig und blättert alljährlich ab. Die Rinde junger Zweige ist rötlich-grün und deutlich behaart.

Die kahlen Knospen besitzen Knospenschuppen, die auf der dem Licht zugewandten Seite glänzend rot und auf der dem Licht abgewandten Seite gelblich-grün bis olivfarben sind. Die End- und Seitenknospen sind schmal bis breit eiförmig. Die Endknospen sind etwas zusammengedrückt und nicht größer als die Seitenknospen. Die Seitenknospen sind seitlich zusammengedrückt und vom Zweig abstehend.

Die wechselständig an den Zweigen angeordneten Laubblätter sind in Blattstiel und -spreite gegliedert. Der behaarte Blattstiel ist 2 bis 5 Zentimeter lang. Die einfache Blattspreite ist sehr variabel, zwischen 2 und 18 Zentimeter (Länge wie Breite) und eiförmig mit schiefer, mehr oder weniger herzförmiger Basis und rundlichem bis bespitztem oberen Ende. Der Blattrand ist mehr oder weniger scharf-kerbig gesägt. Die Blattoberseite ist dunkelgrün und behaart, die Blattunterseite gleichfarbig oder heller und vor allem auf den Blattadern dicht behaart mit weißlichen Bärtchen in den Nervenwinkeln.

Generative Merkmale Die Sommerlinde blüht im Juni und ist damit in Mitteleuropa die am frühesten blühende Lindenart. Meist drei oder vier (zwei bis fünf, manchmal bis zu sechs) gestielte Blüten befinden sich in einem hängenden trugdoldigen Blütenstand. Der Hauptstiel jedes Blütenstandes ist mit einem flügelartigen, 14 bis 18 Millimeter breitem und bis zu 8 Zentimeter langem, weißlich-grünem Hochblatt verwachsen.

Die zwittrigen Blüten sind bei einem Durchmesser von etwa 12 Millimetern radiärsymmetrisch und fünfzählig mit doppelter Blütenhülle. Die fünf gelblich-grünen Kelchblätter sind 4 bis 6 Millimeter lang. Die fünf gelblich-weißen Kronblätter sind länglich-eiförmig und 6 bis 8 Millimeter lang. Die etwa 30 Staubblätter sind etwas länger als die Blütenkrone. Der behaarte Fruchtknoten ist oberständig.

Die dickwandige, dicht behaarte Frucht ist bei einem Durchmesser von 7 bis 10 Millimetern kugel- bis birnenförmig mit vier oder fünf vortretenden Längsrippen. Die Frucht enthält meist einen, selten zwei Samen.

Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 82.

Unterschied zwischen Sommer- und Winterlinde

Systematik Taxonomie Die Erstveröffentlichung von Tilia platyphyllos erfolgte 1772 durch Giovanni Antonio Scopoli in Flora Carniolica, 2. Auflage, Band 1, S. 373. Synonyme für Tilia platyphyllos nom. cons. sind 2017: Tilia braunii , Tilia cordifolia , Tilia corylifolia , Tilia flava , Tilia grandifolia , Tilia praecox , Tilia pyramidalis , Tilia rubra , Tilia sitnensis , Tilia platyphyllos subsp. braunii , Tilia platyphyllos subsp. cordifolia , Tilia platyphyllos subsp. pseudorubra , Tilia officinarum subsp. rubra , Tilia platyphyllos subsp. sitnensis .

Neben der Sommerlinde kommen aus der Gattung Linden (Tilia) in Mitteleuropa noch die Winterlinde und der Hybrid aus der Sommer- und der Winterlinde, die Holländische Linde vor. Die Silber-Linde ist in Südosteuropa verbreitet.

Botanische Geschichte Je nach Autor gibt es mehrere Unterarten, die auch als eigenständige Arten oder Synonyme aufgefasst werden: Herzblättrige Sommer-Linde (Tilia platyphyllos subsp. cordifolia ) Großblättrige Linde (Tilia platyphyllos subsp. grandifolia , Syn.: Tilia grandifolia ) Gewöhnliche Sommer-Linde (Tilia platyphyllos subsp. platyphyllos) Tilia platyphyllos subsp. pseudorubra Tilia platyphyllos subsp. corinthiaca : Diese Neukombination erfolgte 2002.

Die Unterart Tilia platyphyllos subsp. caucasica wird bei einigen Autoren als Unterart Tilia dasystyla subsp. caucasica zur Kaukasischen Linde (Tilia dasystyla ) gestellt.

Vorkommen mini|300px|Verbreitung der Sommerlinde X Isolierte Populationen▲ Eingeführte und verwilderte Vorkommen (synanthropisch) Die Sommerlinde ist in Mittel- und Südeuropa heimisch, kommt aber relativ selten wild vor. Es gibt Fundortangaben für Deutschland, Österreich, Liechtenstein, die Schweiz, Italien, Sizilien, Malta, Korsika, Frankreich, Andorra, Spanien, Bosnien und Herzegowina, Bulgarien, Albanien, Kroatien, Tschechien, Griechenland, Ungarn, Luxemburg, Belgien, die Niederlande, Montenegro, Nordmazedonien, Rumänien, Serbien, Slowakei, Slowenien, Norwegen, Polen, Dänemark, Schweden, das Vereinigte Königreich, die Ukraine und die Türkei. Die Wildbestände gehen seit 2000 Jahren zurück.

An schuttreichen Hangstandorten vermag sie sich aufgrund ihrer hohen Austriebskraft gegenüber anderen Baumarten durchzusetzen. Sie ist daher häufig in Hangschuttwäldern und Schluchtwäldern vertreten. Sie ist eine Charakterart des Verbands Tilio-Acerion, kommt aber auch in Gesellschaften des Verbands Fagion vor. Sie gilt als Baum der mittleren Gebirgslagen. Im Freistand entwickelt sie eine mächtige Krone, ist jedoch empfindlich gegen Spätfröste. Die Sommerlinde steigt in den Nordalpen meist bis auf 1000 m, in den Südalpen auch höher.Ulrich Hecker: Bäume und Sträucher. München 2006, S. 263. In den Allgäuer Alpen steigt sie in Bayern am Gleitweg im Oytal in Strauchform bis zu einer Höhenlage von 1450 Metern auf. Im Berner Oberland steigt sie bis 1290 Meter, im Wallis am Dent de Morcles bis 1790 Meter auf.

Von den in Mitteleuropa autochthonen Linden ist die Sommerlinde die am weitesten verbreitete Art.

Die ökologischen Zeigerwerte nach Landolt et al. 2010 sind in der Schweiz: Feuchtezahl F = 3 (mäßig feucht), Lichtzahl L = 2 (schattig), Reaktionszahl R = 4 (neutral bis basisch), Temperaturzahl T = 4 (kollin), Nährstoffzahl N = 3 (mäßig nährstoffarm bis mäßig nährstoffreich), Kontinentalitätszahl K = 2 (subozeanisch).

Ökologie

mini|Blätter mit Horngallen der Lindengallmilbe (Eriophyes tiliae) Linden werden häufig sehr alt (bis zu 1000 Jahre), was viele Baumdenkmäler in Deutschland zeigen. Der Volksmund behauptet, dass Linden „dreihundert Jahre kommen, dreihundert Jahre stehen und dreihundert Jahre vergehen“. Selbst uralte, hohle Linden entwickeln manchmal noch eine erstaunliche Vitalität. Das Geheimnis ihrer Langlebigkeit sind neue Innenwurzeln, die vom greisen Stamm aus in Richtung Boden wachsen, sich dort verankern und eine junge Krone bilden, wenn der alte Baum abstirbt. Die Linde verjüngt sich also sozusagen von innen heraus.

Die im Juni und Juli lebenden Raupen des Linden-Blütenspanners ernähren sich von den Stempeln und Staubgefäßen der Sommerlinde, seltener von deren Blütenblättern.Schmetterlingsfutterpflanze Tilia platyphyllos Scop., nom. cons., Sommer-Linde auf FloraWeb.

Nutzung Forstwirtschaft Die Sommerlinde spielt in Forstkulturen Mitteleuropas eine untergeordnete Rolle. Die Sommerlinde gehört zu den Baumarten mit der besten Austriebsfähigkeit. Diese schnellwüchsige Baumart wurde als Unterholz in Mittelwäldern herangezogen. Ihr Holz wurde, trotz des relativ geringen Brennwerts, daher als Brennholz genutzt.

Zierpflanze Als Park- und Alleebaum wird die Sommerlinde jedoch häufig verwendet.

Ausleseformen Aurea: Die Rinde der Jahrestriebe ist frisch hellgrün, wodurch diese Form im Winter sehr auffallend wirkt. Laciniata: Diese Form wird bis etwa 16 Meter hoch. Die Blätter sind kleiner als beim Typ (5 bis 6 cm lang). Die Blattspreite ist tief eingeschnitten und oft gekräuselt.

Imkerei Die Blüten der Sommerlinde sind in der Imkerei eine recht gute Bienenweide aufgrund des hohen Zuckergehalts ihres Nektars (bis zu 94 %) und seines hohen Zuckerwerts (bis zu 7,7 mg Zucker/Tag je Blüte).Helmut Horn, Cord Lüllmann: Das große Honigbuch. 3. Auflage, Kosmos, Stuttgart 2006, ISBN 3-440-10838-4, S. 31. Honigerträge von rund 0,8 kg pro Blühsaison und Baum sind möglich.Josef Lipp et al.: Handbuch der Bienenkunde. Der Honig. 3., neubearb. Auflage, Ulmer, Stuttgart 1994, ISBN 3-8001-7417-0, S. 39.

Kulinarisch Die jungen, noch weichen Lindenblätter sind essbar und eignen sich wegen ihres ausgesprochen milden Geschmacks gut für Salat.

Pflanzenheilkunde In der Pflanzenheilkunde werden hauptsächlich die Blüten der Linde genutzt. Diese bestehen aus den getrockneten Blütenständen der Sommer- oder der Winterlinde. Der Droge wird eine antitussive, adstringierende, diaphoretische, diuretische, sedierende und analgetische Wirkung zugeschrieben, die bisher kaum durch experimentelle Daten gestützt ist. Anwendungsgebiete sind Katarrhe der Atemwege und trockener Reizhusten. Weiter werden Lindenblüten als Diaphoretikum bei fiebrigen Erkältungs- und Infektionskrankheiten genutzt, bei denen eine Schwitzkur gewünscht ist. Für die therapeuthische Verwendung bei Erkältungskrankheiten und trockenem Reizhusten liegt eine Positiv-Monographie der Kommission E (1990) vor.Jänicke, Grünwald, Brendler: Handbuch Phytotherapie. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH Stuttgart 2003, S. 329–330, ISBN 3-8047-1950-3 Ihre Wirksamkeit wird zudem durch die Erfahrung in der Hausmedizin belegt.

Ein Extrakt der Sommer-Linde hat in vitro eine hemmende Wirkung auf die Pankreaslipase des Schweins gezeigt.Petra Slanc, Bojan Doljak, Samo Kreft, Mojca Lunder, Damjan Janeš, Borut Štrukelj: Screening of selected food and medicinal plant extracts for pancreatic lipase inhibition. Phytotherapy Research 23 (2009), S. 874–877.

Leonhart Fuchs erwähnt in seinem Kräuterbuch von 1543 verschiedene Anwendungen der Blätter und der Rinde sowie eine Zubereitung aus Lindenblüten („auß Linden blůst ein Conserua/oder zucker“). (Nachdruck nach dem kolorierten Exemplar der Stadtbibliothek Ulm: Taschen, Köln usw. 2001, ISBN 3-8228-1297-8. – Digitalisat des unkolorierten Exemplars der TU Braunschweig.) Erst im 17. Jahrhundert entdeckte man offenbar die schweißtreibende Wirkung des Lindenblütentees, der als Heilmittel eingesetzt wird. Zuvor schon soll der unmittelbare Blütenduft genutzt worden sein.

Verwendung des Holzes

Das Holz der Sommer-Linde unterscheidet sich nicht vom Holz der Winter-Linde und der Holländischen Linde. Bei der Verwendung des Holzes wird daher nicht zwischen diesen Arten unterschieden. Die Hauptnutzung des Lindenholzes liegt in der Bildhauerei, der Schnitzerei und Drechslerei. Vor allem die berühmten Werke der Spätgotik, so von Tilman Riemenschneider oder Veit Stoß, wurden häufig aus Lindenholz hergestellt. Für Schnitzarbeiten wird jedoch häufiger das leichter beschaffbare Holz der Weymouths-Kiefer (Pinus strobus) eingesetzt. Das Lindenholz bzw. dessen Kohle wurde früher wie die Rinde (Bast bzw. Periderm) auch in der Heilkunde eingesetzt.Gundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 418 (zu lindenkol und lindenrinde).

Kulturelle Bedeutung Die Dorflinde, die Tanzlinde, die Gerichtslinde