Die altägyptische Knickpyramide ist die südliche der beiden großen Pyramiden in Dahschur und unterscheidet sich wegen ihrer (möglicherweise durch Bauprobleme verursachten) einzigartigen Form von allen anderen ägyptischen Pyramiden.

Sie wurde um 2650 v. Chr. unter Pharao Snofru, dem ersten König der 4. Dynastie, erbaut. Diese Pyramide ist das erste Bauwerk, das von Grund auf als echte Pyramide geplant und ausgeführt wurde, nachdem Snofru bereits bei der Meidum-Pyramide mit dem Bau eines Grabmals in Form einer Stufenpyramide beschäftigt war. Sie ist die viertgrößte ägyptische Pyramide. Im Gegensatz zu allen anderen Pyramiden ist die Außenverkleidung hier zu großen Teilen erhalten. Wahrscheinlich wurde diese Pyramide nicht zur Bestattung genutzt, sondern diente nur als Kenotaph oder Kultstätte, da mit der Roten Pyramide eine weitere, echte Pyramide als Grabmal für Snofru errichtet wurde.Mark Lehner: Geheimnis der Pyramiden. München 2004, S. 97ff.: Die ersten echten Pyramiden: Meidum und Dahschur.

Im Juli 2019 wurde die Knickpyramide erstmals seit 1965 wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.Ägypten öffnet Knickpyramide. Auf: tagesschau.de vom 14. Juli 2019, zuletzt abgerufen am 7. Januar 2021.

Erforschung mini|hochkant=1.1|Lageplan des Pyramidenfeldes von Dahschur auf der Karte von Lepsius (Norden ist rechts!)

Bereits im 17. Jahrhundert beschrieben europäische Ägyptenreisende wie Robert Huntington, Richard Melton und Richard Pococke die außergewöhnlich geformte Pyramide in ihren Reiseberichten. Der Pyramidenkomplex wurde erstmals systematisch durch John Shae Perring im September 1839 untersucht. Ebenso befassten sich im 19. Jahrhundert Karl Richard Lepsius und im frühen 20. Jahrhundert Flinders Petrie mit dem Bauwerk. Nach 1945 führten Abdel Salam Hussains und Alexandre Viarilles Forschungen durch, jedoch blieb die Dokumentation nicht erhalten. Eine grundlegende Untersuchung fand erst Anfang der 1950er Jahre unter Ahmed Fakhry statt. Später folgten Forschungen von Vito Maragioglio und Celeste Rinaldi, Josef Dorner und durch das Deutsche Archäologische Institut Kairo unter Leitung von Rainer Stadelmann um 1980.

Bauumstände Die Knickpyramide wurde von König Snofru im 15. Jahr seiner Regierung als ein zweites Grabmal nach der Fertigstellung seiner Stufenpyramide in Meidum begonnen. Als Standort wählte er eine neue Nekropole beim heutigen Ort Dahschur aus. Der Grund, warum er mit dem Bau einer zweiten Pyramide begann, ist nicht bekannt, hat aber möglicherweise mit der Verlegung der Hauptstadt zu tun. Das neue Bauwerk war die erste Pyramide, die von Anfang an als echte Pyramide geplant war, auch wenn es aufgrund von Bauproblemen nicht als solche fertiggestellt werden konnte.Miroslav Verner: Die Pyramiden. Reinbek bei Hamburg 1999, S. 201f.: Die Knickpyramide des Snofru.Alan Winston: The Pyramid of Snefru (Bent Pyramid) at Dahshur Auf: touregypt.net, zuletzt abgerufen am 7. Januar 2021.Mark Lehner: Geheimnis der Pyramiden. München 2004, S. 102: Die Knickpyramide – Wie die Pyramide zum Knick kam.Miroslav Verner: Die Pyramiden. Reinbek bei Hamburg 1999, S. 185 f.: Die Pyramide des Snofru in Meidum.Rainer Stadelmann: Die ägyptischen Pyramiden. Vom Ziegelbau zum Weltwunder. Mainz 1997, S. 87 ff.

Die Pyramide Der Standort des Bauwerks mit dem Namen Erscheinung des Snofru – Südpyramide ist ein Wüstenplateau, dessen Untergrund aus relativ brüchigen Tonschieferplatten besteht. Die Pyramide wurde in der bis dahin unbenutzten Gegend aus grob behauenen Blöcken erbaut, gebrochen aus dem örtlich vorkommenden Kalkstein. Lücken im Mauerwerk waren mit Geröll und Schutt und zum Teil auch mit Gipsmörtel verfüllt.

mini|Knickpyramide des Snofru mini|Bauphasen der Knickpyramide mini|Knickpyramide mit Nebenpyramide (links) – im Hintergrund die zwei Kilometer entfernte Rote Pyramide (rechts)

Erste Bauphase In der ersten Bauphase war eine steile Pyramide von 157 m Basislänge und einem Neigungswinkel von ungefähr 58° (möglicherweise sogar 60°) geplant. Wäre die Pyramide in dieser Form vollendet worden, hätte sie eine Höhe von etwa 125 m erreicht. Die Pyramide wurde in dieser Form in der bis dato in den Stufenpyramiden bewährten Technik der geneigten Schichten errichtet. Diese Schrägschichten waren in den geneigten Schalenwänden begründet, da die besonders exakt behauenen Schalensteine im Rechteckformat ausgeführt werden mussten; erst bei der Knickpyramide führte man den Trapezschnitt der Mantelsteine ein, sodass die beim Bau hinderliche Schrägbauweise nach und nach aufgegeben werden konnte. Inwieweit sie sich statisch auswirkte, ist nicht abschließend geklärt.

Das Bauwerk wurde in dieser Phase möglicherweise nur bis zur Hälfte hochgemauert, als Stabilitätsprobleme evident wurden. Da die nächste Bauphase aber noch umfangreicher als die erste war, ist statt statischen Problemen eher plausibel, dass es sich wie in den vorhergehenden Pyramiden (des Djoser und in Meydum) um eine Bauerweiterung handelte. Die verringerte Neigung ist vermutlich Ausdruck der Unsicherheit in der Experimentierphase dieser ersten Schrägpyramide. Diese erste Bauphase ist aufgrund des guten Gesamterhaltungsgrads der Pyramide nur indirekt durch Versatzstellen etwa 12,70 m vom Eingang im unteren absteigenden Gang und bei etwa 11,60 m im oberen absteigenden Gang nachweisbar.

Zweite Bauphase In dieser Phase reduzierten die Baumeister den Neigungswinkel auf 54,27°, um die Stabilität zu verbessern oder aus geometrischen Gründen, weil der Rampenbau an der Pyramidenspitze zu Platzproblemen zunimmt und hierfür keine Vorbilder vorlagen. Dafür wurde ein etwa 15,70 m breiter Gürtel um die Pyramide der ersten Bauphase errichtet. Damit wuchs die Basislänge auf 188 m. Auch hier wurde wieder mit geneigten Mauerschichten gearbeitet. Wäre der Böschungswinkel von 54,27° auf gesamter Höhe eingehalten worden, hätte sie eine Höhe von 129,4 m und ein Volumen von etwa 1.524.000 Kubikmeter erreicht. Die Knickpyramide wäre damit die dritthöchste Pyramide der Welt geworden, würde aber mit dem Volumen immer noch hinter der Roten Pyramide (1.694.000 Kubikmeter) liegen, sodass sie auch dann nur die viertgrößte Pyramide Ägyptens wäre. Entweder als Reaktion auf aufgetretene Bauprobleme oder aus anderen, geometrischen oder gestalterischen Gründen (auch die Sonnentempel von Abū Sīr und die späteren Obelisken hatten die Knickform, und da die Knickpyramide die erste Schrägpyramide war, ist es möglich, dass die Gestaltfindung noch nicht abgeschlossen war), wurde der Bau bei einer Höhe von 49 m modifiziert. Das Mauerwerk dieser und der nächsten Phase ist mit feinem Tura-Kalkstein verkleidet.

Dritte Bauphase In der dritten Bauphase wurde der Winkel auf 43° reduziert und das Mauerwerk wurde, ebenso wie in der Roten Pyramide, in horizontalen Schichten verlegt, was zu einer Druckentlastung im Inneren führte. Dadurch entstand der einzigartige Knick, der sich bei keiner anderen Pyramide wiederfindet. Durch den geringeren Neigungswinkel des oberen Teils reduzierte sich die Gesamthöhe auf 105 m. Das Gesamtvolumen betrug 1.440.808 Kubikmeter.Mark Lehner: Geheimnis der Pyramiden. München 2004, S. 17 Statistische Angaben zu den wichtigsten Pyramiden. Ein Zusammenhang zwischen der Neigungsänderung, die zum Knick führte, zu den beobachteten Baumängeln ist hypothetisch, eine andere Hypothese sieht die Gründe im Rampenbau. Dass eine Reduktion des Gewichts bei einem Bauwerk, das aus nahezu geschlossener Masse besteht, ein relevantes Kriterium gewesen sein soll, ist eher zweifelhaft. Auch die frühe Abkehr von den anfangs anvisierten 60° Neigung spricht eher dafür, dass geometrische Aspekte bei den Änderungen im Neigungswinkel den Ausschlag gaben. Geht man von bis zu 10° geneigten Baurampen in Tangentialbauweise als der einfachsten Rampenform aus, wurde bei zunehmender Höhe die Kantenlänge geringer, es wurde also zunehmend schwieriger, den Neigungswinkel niedrig zu halten. Dies konnte durch Reduktion der Rampenbreite auf etwa 3 m, was ausreichend für paarige Zugmannschaften war, zwar aufgefangen werden, aber selbst für solch schmale Rampen fehlte bei größerem Gefälle aus geometrischen Gründen der Platz. Modelle und Berechnungen solcher abstrakten Fälle waren aber nicht möglich. Daher muss den Bauleitern auf halber Höhe klar geworden (oder von Anfang an klar gewesen) sein, dass ein Beibehalten des Gefälles durch Rampenbauwerke nicht zu beliefern wäre. Tatsächlich hatten alle vollendeten Pyramiden (zunächst die Rote, dann die Cheops-Pyramide) die (durch die frühen Stufenpyramiden vorgegebene) Maximalneigung von 52° nie mehr überschritten.Tom Leiermann: The Building of the Pyramids: Reconstruction of the Ramps. In: Global Journal of Archaeology and Anthropology. Band 12, Nr. 4, 2023, .

Bauprobleme Die Pyramide wurde auf einem weichen Tonschieferuntergrund errichtet, nicht wie die meisten anderen auf einem festen Felsuntergrund. Dies geschah vermutlich, um die Arbeiten an der Substruktur zu erleichtern, da der Tonschiefer einfacher auszuhauen war. Allerdings bot der Untergrund nur ungenügend Halt für die Steinmassen der Pyramide, und es kam zu Absenkungen, die sich durch Risse im Mauerwerk der Pyramide und im Speziellen der Gänge und Kammern zeigten. Dies führte möglicherweise dazu, dass Zweifel an der Stabilität aufkamen. Es wurde zunächst versucht, Risse in den Wänden der Gänge mit Gipsmörtel zu kaschieren, später wurden Holzbalken als Stützen in den Kammern angebracht. Edwards argumentierte dagegen, die bauzeitlichen Zedernbalken könnten keine statische Funktion gehabt haben, da sie teilweise im Mörtel aufliegen, sie könnten als Katafalk oder Begräbnisgerüst gedient haben.I. E. S. Edwards: Die ägyptischen Pyramiden. Harrassowitz, Wiesbaden 1967, S. 93

Tatsächlich ist überall in den Innenräume brüchiges Mauerwerk erkennbar, das sowohl die Optik wie die Statik der Wandflächen beeinträchtigte. Eine statische Gefährdung für das gesamte Bauwerk geht aber daraus nicht zwangsläufig hervor. Diese müsste Verformungen verursacht haben, die aber selbst mit moderner Messtechnik nicht erkennbar sind. Außerdem wurden nach dem Neigungswechsel weiterhin etwa 350.000 m³ verbaut, bei einem Verzicht auf den Wechsel wären es „nur“ etwa 200.000 m³ mehr gewesen. Hätte tatsächlich eine statische Gefährdung des Bauwerks vorgelegen, wäre es leichtsinnig gewesen, eine solche Baumasse hinzuzufügen.

Möglicherweise genügte die Qualität des Bauwerks nicht für eine Bestattung des Königs, was vermutlich dazu führte, dass er etwas weiter nördlich mit der Roten Pyramide ein weiteres Monument in Auftrag gab. Gleichzeitig dazu betrieb er den Umbau der Meidum-Pyramide zu einer echten Pyramide. Die Knickpyramide selbst wurde mit reduziertem Tempelprogramm fertiggestellt und übernahm vermutlich die Funktion einer Kultpyramide für die nördlich gelegene Rote Pyramide.Rainer Stadelmann: Die ägyptischen Pyramiden. Vom Ziegelbau zum Weltwunder. Mainz 1997, S. 98. Allerdings gilt für diese Baumaßnahmen Stadelmanns Beobachtung, dass Snofru (wie schon Djoser) seine Bauprojekte ausweitete, weil seine Lebenszeit das erlaubte.

Die Substruktur Die Innenbauten der Knickpyramide sind insofern einmalig, als hier zwei Zugänge zu zwei separaten Grabkammern angelegt wurden, die miteinander durch einen nachträglich angelegten Gang verbunden sind.Mark Lehner: Geheimnis der Pyramiden. München 2004, S. 103: Die Knickpyramide – Das Pyramideninnere.

mini|zentriert|600px|Die beiden Kammersysteme der Knickpyramide

Unteres Kammersystem mini|links|hochkant|Eingang der Pyramide mini|hochkant|Detailansicht der Kammern des unteren Gangsystems