Polizeilich unter dem Begriff Jugendkriminalität werden in Deutschland alle Straftaten von registrierten Tatverdächtigen im Altersbereich von 14 bis einschließlich 20 Jahren subsumiert. Ausgenommen hiervon sind Übertretungen im Bereich der Ordnungswidrigkeiten.
Definitionen Die Erklärung des Begriffs Jugendkriminalität ist weit gefasst. Bei genauer Betrachtung dieser Definition zeigt sich, dass außerdem die Kinder- und Heranwachsendenkriminalität gemeint sind.
Im deutschen Jugendstrafrecht werden Personen unter 14 Jahren (Alter zur Tatzeit) wegen Strafunmündigkeit strafrechtlich nicht zur Verantwortung gezogen. Personen zwischen dem 18. und einschließlich 20. Lebensjahr (sogenannte Heranwachsende) können unter das Erwachsenenstrafrecht oder unter das Jugendstrafrecht fallen. Das Jugendgerichtsgesetz und das Kinder- und Jugendhilfegesetz definieren nur Personen von 14 bis zu ihrer Volljährigkeit (ab dem 18. Geburtstag) als Jugendliche.
Ferner ist die polizeiliche Kriminalstatistik eine Hellfeld- und Tatverdächtigenstatistik. Tatverdächtig ist jede Person, die infolge einer polizeilichen Ermittlung hinreichend verdächtig ist, eine Straftat begangen zu haben. In Deutschland ist eine Person erst nach einem rechtskräftigen Richterspruch der Tat überführt. Deswegen kann auf der Ebene des Dunkelfeldes erst nach Verurteilung des tatverdächtigen Jugendlichen bzw. Heranwachsenden (Verurteiltenstatistik) von Kriminalität gesprochen werden.Bernd Dollinger, Michael Schabdach: Jugendkriminalität, S. 114, 115, Springer, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-531-17696-3
Jugendspezifische Delikte Altersspezifische Delikte können anhand unterschiedlicher statistischer Kriterien ermittelt werden. Neben dem rein formalen Kriterium der absoluten Häufigkeit in einer bestimmten Altersgruppe oder dem Kriterium der überdurchschnittlichen Zunahme über einen bestimmten Zeitraum bezeichnet man insbesondere solche Delikte als „jugendspezifisch“, die von Kindern und Jugendlichen im Verhältnis zu Erwachsenen überproportional häufig begangen werden.Wiebke Steffen: Bayerisches Landeskriminalamt München 1979, S. 17 ff. Bei Kindern beispielsweise zählen dazu in erster Linie Ladendiebstahl und Sachbeschädigung, aber auch Körperverletzung. Bei Jugendlichen stellen Körperverletzungen die am häufigsten begangenen Straftaten dar. In der Gruppe der Heranwachsenden spielen Rauschgiftdelikte im Vergleich zu den jüngeren Altersgruppen eine wesentlich größere Rolle.
Es existieren ferner hinsichtlich der Begehungsform und konkreten Tatumstände jugendspezifische Ausprägungen verschiedener Delikte, beispielsweise das „Abziehen“ (Raub oder Diebstahl von Markenartikeln) oder das Mobbing oder Bullying in der Schule und im Schulumfeld (Beleidigung, Nötigung, Erpressung, in etlichen Fällen auch Körperverletzung). Bei einigen dieser jugendspezifischen Straftaten bedienen sich die Täter zunehmend der modernen Kommunikationstechnologien, z. B. im Rahmen des Cyber-Bullying, bei dem das Opfer über das Internet beleidigt oder erpresst wird oder beim Happy Slapping, einem auf dem Handy gefilmten und anschließend über das Internet verbreiteten Angriff auf eine Person.Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.): Willst Du kriminell werden? Verschiedene Blicke auf das Thema Jugendkriminalität November 2009, S. 6/7
Die polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) beschränkt sich naturgemäß auf Angaben zum Hellfeld.Jugendlagebild 2012. Jugendkriminalität und Jugendgefährdung in Hamburg. Polizei Hamburg, April 2013, S. 7
Ursachen Die Kriminologie untersucht Entstehungs- und Erscheinungsformen der Jugendkriminalität. Zur Entstehung werden verschiedene theoretische Ansätze über die primär sozialen, kulturellen, psychologischen und psychopathologischen Faktoren diskutiert, die kriminelles Verhalten beeinflussen. Eine Vielzahl von Erklärungsansätzen geht auch bei Jugendlichen von der gesellschaftlichen Abhängigkeit der Kriminalität aus.Heribert Ostendorf: Ursachen von Kriminalität bpb, 27. April 2010 Kriminogene Faktoren liegen etwa in einer Störung des Sozialverhaltens sowie der Persönlichkeit des Betroffenen, seinem sozialen Umfeld (Schwierigkeiten in der Familie, Schule oder Gruppenzwang), Leistungsdruck, fehlender Frustrationstoleranz, Neugierverhalten der Jugendlichen und/oder schlechten Zukunftsperspektiven.Dagmar Huber, Dieter Wagner: Entwicklung im Jugendalter, Übung aus Pädagogischer Psychologie. Jugendliche und Devianz: Jugendkriminalität, Universität Linz 1997
Mehrjährige Längsschnittstudien aus den USA berichten Anfang/Mitte der 1990er Jahre, dass bis zu 50 % der Kinder als Teenager straffällig wurden, die als 6-Jährige „Unruhestifter“ waren, mit anderen Kindern nicht zurechtkamen und Eltern und Lehrern ständigen Widerstand entgegengesetzt haben.Dan Offort u. a.: Outcome, Prognosis, and Risk in a Longitudinal Follow-up Study, Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry, Band 31, 1992; zu ähnlichen Befunden kommt Richard Tremblay u. a.: Predicting Early Onset of Male Antisocial Behavior from Preschool Behavior, Archives of General Psychiatry, September 1994; Gerald R. Patterson: Orderly Change in a Stable World: The Antisocial Trait as Chimera, Journal of Clinical and Consulting Psychology, Band 62, 1993 Es gibt weiterhin neuere Hinweise dafür, dass Jugendliche mit einer Vorliebe für Rock, Heavy Metal, Gothic, Punk, Rhythm and Blues, Hip-Hop und Electronic in erhöhtem Maße straffällig werden. Pop, Klassik und Jazz-Vorlieben korrelieren mit unauffälliger oder erniedrigter Delinquenz.TFM ter Bogt, L Keijsers, WHJ Meeus. Early Adolescent Music Preferences and Minor Delinquency. Pediatrics. .
Jüngere Medienberichte diskutieren ebenso die erleichterte Rekrutierung für Auftragstaten durch soziale Medien und den Zusammenhang mit wirtschaftlicher Instabilität und sozialem Status.
Episodenhaftigkeit von Jugendkriminalität Für Jugendliche ist der Anpassungsprozess in die Gesellschaft nicht selten konfliktbehaftet. Diese Konflikte können einen Ausdruck in Verstößen gegen Rechtsnormen finden.
Verstöße gegen Rechtsnormen im Jugendalter sind im statistischen Sinne „normal“. Über 80 Prozent aller Befragten und im Schnitt über 90 Prozent der mit Befragungen erfassbaren Jungen und jungen Männer geben an, mindestens einmal in ihrem seitherigen Leben Handlungen begangen zu haben, die juristisch unter eine Strafnorm des Strafgesetzbuchs oder eines Gesetzes aus dem sog. Nebenstrafrecht subsumiert werden.Wolfgang Heinz: Jugendkriminalität in Deutschland, Kriminalstatistische und kriminologische Befunde, S. 70 (PDF; 524 kB)
Ausmaß der Jugendkriminalität in Deutschland mini|400px|Jugendkriminalität in Deutschland 2000 bis 2008 Im Jahr 2009 wurden 96.627 Kinder (2008: 101.387), 248.702 Jugendliche (2008: 265.771) und 227.847 Heranwachsende (2008: 237.190) in Deutschland als Tatverdächtige ermittelt. In Relation zu allen Straftaten verübten Kinder 4,4 %, Jugendliche 11,4 % und Heranwachsende 10,4 % aller Straftaten. Insgesamt wurden demnach 26,2 % aller Straftaten von unter 21-jährigen verübt. Die Statistik gibt keine Aussage über den Anteil der jeweiligen Altersgruppe an der Gesamtbevölkerung.
Das genaue Ausmaß der Jugendkriminalität lässt sich anhand von Statistiken (polizeiliche Kriminalstatistik, Verurteiltenstatistik usw.) jedoch nicht ermitteln.Website der Bundeszentrale für politische Bildung: „Ausländerkriminalität“ – statistische Daten und soziale Wirklichkeit abgerufen am 11. November 2015. Diese sind in Deutschland wegen unterschiedlicher Erfassungszeiträume/-daten und anderer Einflussfaktoren nicht vergleichbar. Die Wissenschaft bedient sich deshalb weiterer Methoden, um Aussagen zum Ausmaß der Jugendkriminalität machen zu können. Sogenannte Dunkelfeldstudien (empirische Täter- und Opferbefragungen) ergänzen das offizielle Hellfeld.
Mehrfach- bzw. Intensivtäter
Ein kleiner Teil (rund 3 bis 5 Prozent) der jugendlichen Tatverdächtigen fällt durch wiederholte Begehung von Straftaten auf. Jungen gehören öfter zu der Gruppe der „mehrfach Auffallenden“ jugendlichen Tatverdächtigen als Mädchen. Diese kleine Gruppe von Mehrfach- bzw. Intensivtätern begeht nach Untersuchungen der Landeskriminalämter darüber hinaus zwischen 30 und 60 % der für die Altersgruppe bekannt gewordenen Straftaten.
Jugendliche mit Migrationshintergrund 2005 waren 22,5 Prozent aller Tatverdächtigen keine Deutschen. Der Anteil von nichtdeutschen Jugendlichen an den Tatverdächtigen sank in den Jahren 1996 bis 2006 von 25,8 auf 17,5 %. Jugendliche mit Migrationshintergrund und deutscher Staatsangehörigkeit, wie z. B. Spätaussiedler, werden in der polizeilichen Kriminalstatistik als Deutsche erfasst. In Berlin hatten beispielsweise 2009 etwa 80 % der 550 polizeibekannten Intensivtäter einen Migrationshintergrund. 2013 war dieser Prozentsatz unverändert, die meisten Berliner Intensivtäter sind arabischer Herkunft (43 Prozent), 32 Prozent stammen aus der Türkei.tagesspiegel.de vom 4. März 2010
Jedoch sei hierbei angemerkt, dass dieses Fallbeispiel keineswegs auf Deutschland übertragbar ist. Die Anteile unter nach Herkunftsregionen unterschiedenen Migrantenjugendlichen betrugen im Jahr 2009 deutschlandweit für: das ehemalige Jugoslawien/Albanien sowie sonstiges Südeuropa jeweils 22 % die Türkei, Südamerika und Italien 20 % arabische Länder/Nordafrika sowie Nordamerika 19 % die ehemalige Sowjetunion und sonstiges Osteuropa 18 % sonstiges Afrika und Polen 17 % Nord-/Westeuropa 14 % sonstige asiatische Länder 11 %.Christian Walburg: Migration und Jugenddelinquenz – Mythen und Zusammenhänge Berlin 2014, S. 12
Zwar unterliegen Jugendliche aus Zuwanderfamilien einem erhöhten Kriminalisierungsrisiko, aber dies kann darauf zurückgeführt werden, dass diese in strittigen Situationen häufiger angezeigt werden als deutsche Jugendliche. Es kann sogar in die gegenteilige Richtung argumentiert werden, da Jugendliche mit Migrationshintergrund ein weniger risikoreiches Freizeitverhalten haben, da viele aus religiösen Gründen weniger Alkohol konsumieren. Alles in allem zeigt dies, dass das Thema der Jugendkriminalität mit Migrationshintergrund höchst kontrovers ist und je nach Ansicht und Quelle sehr verschieden ausgelegt werden kann.
Das 2010 erschienene Bestseller-Buch der Berliner Richterin Kirsten Heisig Das Ende der Geduld machte diese Probleme publik und stellte zahlreiche Zusammenhänge her zwischen Jugendkriminalität, Jugendgewalt, Parallelgesellschaften, Schulversagen, Problemvierteln („Ghettoisierung“, „Sozialer Brennpunkt“), Trägheit der Justiz, Versäumnissen von Schulen und Jugendämtern (zum Beispiel Ressortdenken und mangelndes Engagement).
Die Bezeichnung „Migrationshintergrund“ ist wenig trennscharf und aussagekräftig: Tatsächlich gibt es eine markante Häufung innerhalb bestimmter Ethnien, wie z. B. türkisch- und arabischstämmige Migranten, wohingegen manche andere Ethnien keinerlei Häufung aufweisen. Ursachen für die Kriminalität, insbesondere bei jugendlichen männlichen Migranten, sind, neben den bereits angeführten kriminogenen Faktoren, häufig innerfamiliäre Gewalterfahrungen, Bildungsprobleme und fehlende Schulabschlüsse.Tagesschau: Debatte über Jugendgewalt – „Härtere Strafen ändern nichts“ (tagesschau.de-Archiv)
Bei der Entwicklung aggressiven Verhaltens werden Frühstarter von Spätstartern unterschieden, wobei zur Unterscheidung das Alter von 14 Jahren als dem Eintritt der Strafmündigkeit zugrunde gelegt wird.Haci-Halil Uslucan: Familiale Einflussfaktoren auf delinquentes Verhalten Jugendlicher bpb, 29. November 2012 Defizite in der Sprachentwicklung können dazu führen, dass sich Kinder als Außenseiter erleben, Situationen als bedrohlich empfinden und bereits in Kindergarten oder Grundschule aggressiv darauf reagieren.Kai Biermann: Jugendkriminalität: Gewalt kommt nicht von ungefähr Die Zeit, 10. Januar 2008