mini|Postkarte aus Stephansort, welche noch die 1901 aufgegebenen Tabakpflanzungen zeigt. Stephansort war eine im August 1888 gegründete, bedeutende Handelsstation der von privaten Investoren getragenen Neuguinea-Kompagnie. Der nach dem Staatssekretär des Reichspostamts Heinrich von Stephan (1831–1897) benannte OrtMaximilian Krieger: Über die Handelsunternehmungen unserer Südsee-Kolonien. In: A. Seidel (Hrsg.): Beiträge zur Kolonialpolitik und Kolonialwirtschaft. Wilhelm Süsserott, Berlin 1899–1900. S. 37–38. wurde im deutschen Schutzgebiet Kaiser-Wilhelms-Land auf Neuguinea errichtet und befand sich in der Astrolabe-Bai. Das zentral gelegene Stephansort war von 1891 bis 1892 Hauptverwaltungssitz des Kaiserlichen Regierungskommissars und blieb über diese Zeit hinaus Wohnort des Generaldirektors der Kompanie.Wilhelm Sievers, Willy Kükenthal: Australien, Ozeanien und Polarländer (Allgemeine Länderkunde), Bibliographisches Institut, Leipzig/Wien 1902. S. 284. Ab 1899 wurde die Siedlung mit dem gesamten bisherigen Schutzgebiet Teil des deutschen Kolonialbesitzes im Bismarck-Archipel. Bis zum Ende der Kolonie blieb Stephansort eine der Hauptstationen des Landes. Heute existiert dieser Ort nicht mehr.

Lage und Klima Das in der Astrolabe-Ebene gelegene Stephansort zeichnete sich für die europäischen Kolonisatoren insbesondere durch den hervorragend zu kultivierenden Boden aus, der unter einem Urwald mit bis zu 50 Meter hohen Bäumen lag. Durchbrochen wurde dieser Hochwald durch Lichtungen mit mannshohen Gräsern und durch Flussläufe, in deren Geröllflächen unter anderem wildes Zuckerrohr wuchs. Auf den sumpfigen Flächen wuchsen Rattan- und Sagopalmen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts dauerte der Nordwestmonsun von November bis April, doch verging kaum eine Woche, in der es nicht regnete, sodass eine jährliche Niederschlagsmenge von 2500 bis 3000 mm gemessen wurde. 1896 galt als ungewöhnlich regenarmes Jahr in Stephansort; damals dauerte dort die Trockenperiode 21 Tage. Als mittlere Jahrestemperatur wurden 26 bis 27 Grad gemessen.Karl Lauterbach: Die geographischen Ergebnisse der Kaiser Wilhelms-Land-Expedition. In: Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin. W. H. Kühl, Berlin 1898. S. 144–145.

Geschichte mini|Stellvertretend für viele Opfer der Malaria in Stephansort steht der ungarische Forscher Sámuel Fenichel. Am 14. Dezember 1889 fand die Gründung einer Postagentur in Stephansort statt. Neben Briefsendungen konnten dort Postpakete bis fünf Kilogramm befördert werden.Einrichtung einer Postagentur in Stephansort (Neu-Guinea). In: Chemiker-Zeitung, 14. Jahrgang (1890), S. 500; Hermann Joseph Hiery: Die deutsche Südsee 1884-1914. Ein Handbuch. Schöningh Paderborn 2001, ISBN 3506739123, S. 178. Nach einer großen Malaria-Epidemie, bei der auch der Generaldirektor der Kompagnie den Tod fand, wurde 1891 der bisherige Hauptort Finschhafen vorübergehend aufgegeben. Wegen des für Europäer angeblich günstigeren Klimas und der vielfältigen Anbaumöglichkeiten wechselte der kaiserliche Regierungskommissar Friedrich Rose 1891 mit seinem Stab nach Stephansort, das unweit des Dorfes Karegulan lag. Vom 19. bis 20. Februar 1892 lag der Kleine Kreuzer Sperber auf seiner Rundreise durch die deutschen Südsee-Schutzgebiete im Hafen der Station. Wie im Deutschen Kolonialblatt berichtet wurde, waren damals die Gesundheitszustände in der Astrolabe Bay zufriedenstellend.Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes (Hrsg.): Deutsches Kolonialblatt. Amtsblatt des Reichskolonialamt, Band 3. Verlag von Ernst Siegfried Mittler & Sohn, Berlin 1892. S. 331. Der nach einer Überholung von Auckland im Mai desselben Jahres nach Stephansort abgehende Kleine Kreuzer Bussard nahm nach seiner Ankunft den Regierungskommissar Rose mit Teilen der Polizeitruppe auf, um auf eine Strafexpedition gegen Papuaner zu gehen.Hans H. Hildebrand, Albert Röhr, Hans-Otto Steinmetz: Die deutschen Kriegsschiffe. Biographien. Ein Spiegel der Marinegeschichte von 1815 bis zur Gegenwart. Band 1. Mundus Verlag, Essen 1993. S. 179. Diese hatten im Sommer 1891 in Hatzfeldhafen drei deutsche Missionare und eingeborene Arbeiter erschlagen.

Bereits am 17. September 1892 fand die Landesverwaltung mit dem kaiserlichen Regierungskommissar im etwa 23 Kilometer nördlich gelegenen und erst 1891 gegründeten Friedrich-Wilhelms-HafenMaximilian Krieger (Hrsg.): Neu-Guinea. (Reihe: Bibliothek der Länderkunde.) Alfred Schall, Berlin 1899. S. 238. – erneut für kurze ZeitKarl Lauterbach: Die geographischen Ergebnisse der Kaiser Wilhelms-Land-Expedition. In: Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin. W. H. Kühl, Berlin 1898. S. 143. (heute Madang) – ihren Sitz, während der Generaldirektor der Neuguinea-Kompagnie in Stephansort ein großes Verwaltungsgebäude bezog. Ab 1891 arbeitete der ungarische Ethnograph und Zoologe Sámuel Fenichel in der Astrolabe Bai. Während der Planung an einer Expedition in das Landesinnere verstarb er am 12. März 1893 in Stephansort an der Malaria.Carl August Schmitz: Historische Probleme in Nordost-Neuguinea. Steiner, Wiesbaden 1960, S. 14. Einige Jahre lang wurde Stephansort von der Astrolabe-Kompanie übernommen; diese Gesellschaft verband sich 1896 mit der Neuguinea-Kompagnie.

Zwischen 1895 und 1896 nahmen mehrere deutsche Kriegsschiffe, darunter die Bussard und die Sperber, an Vermessungen in den Schutzgebieten teil. Dabei erkrankten neben etlichen Matrosen besonders viele Landvermesser – insgesamt 295 Mann. Als Herkunftsorte der Krankheit konnten unter anderem Stephansort und Friedrich-Wilhelms-Hafen ausgemacht werden, die nun auch als recht ungesunde Plätze bezeichnet wurden.Centralblatt für Bakteriologie, Parasitenkunde und Infektionskrankheiten. Band 25. Gustav Fischer Verlag, Jena 1899. S. 673. Allerdings bestand unter den zeitgenössischen Besuchern von Stephansort der Eindruck eines relativ gesunden und angenehmen Klimas auch weiterhin.Karl Lauterbach: Die geographischen Ergebnisse der Kaiser Wilhelms-Land-Expedition. In: Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin. W. H. Kühl, Berlin 1898. S. 148.

Aufsehen erregte die desaströse Expedition des Reiseschriftstellers Otto Ehrenfried Ehlers im Jahr 1895. Als den Teilnehmern die Lebensmittel ausgingen, entbrannte ein Streit über das weitere Vorgehen. Dabei erschossen auf den Salomon-Inseln angeheuerte einheimische Polizeisoldaten den Schriftsteller, einen deutschen Polizeimeister und andere einheimische Polizeisoldaten aus Neu-Mecklenburg. 1897 konnten Ranga und Upia, die beiden Rädelsführer, verhaftet und am 4. Juli desselben Jahres in Stephansort eingesperrt werden. Doch den beiden gelang am 13. Juli die Flucht. Bei dem Raubmord an einem chinesischen Händler erbeuteten sie Gewehre. Bei der Verfolgung wurde der damalige Landeshauptmann der Neuguinea-Kompagnie, Curt von Hagen am 14. August 1897 durch Ranga aus dem Hinterhalt erschossen. Wenige Tage später töteten Tomul-Krieger die beiden Mörder und stellten ihre Köpfe zur Abschreckung in Stephansort auf.Thomas Morlang: Askari und Fitafita. „Farbige“ Söldner in den deutschen Kolonien. Ch. Links Verlag, Berlin 2008. ISBN 3861534762. S. 99.Simon Haberberger: Kolonialismus und Kannibalismus. Fälle aus Deutsch-Neuguinea und Britisch-Neuguinea 1884-1914. Otto Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2007. ISBN 3447055782. S. 93.

Neben den von westlichen Gesellschaften und Museen geschickten Wissenschaftlern sammelten auch Privatpersonen in kleinem und großen Stil völkerkundliche Objekte der Insulaner. So wurden der in leitender administrativer Funktion um 1900 in Stephansort tätige Karl Bernhard Müller (1877–1917) gemeinsam mit seiner Frau Emmy Müller-Knabe zu wichtigen Sammlern. Erstmals im Oktober 1904 übergaben sie dem Museum in Weimar, der Heimatstadt Müllers, 287 Objekte. Eine weitere Übergabe fand im Juli 1911 statt. Ein letztes Mal gab Emmy Müller-Knabe im Jahr 1924 nochmals 26 Stücke an das Museum. Alle Gegenstände sind mit den Namenskürzeln der Ehepartner gekennzeichnet.Marion Melk-Koch: Wie die Südsee nach Thüringen kam … Ethnographika aus dem Pazifik und aus Australien in Thüringen. In: Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien. Band 136/137, 2007, S. 203–224; hier: S. 213.

Für die Zeit vor 1893 liegt ein kritischer Bericht über den Betrieb der Neuguinea-Kompagnie vor, damals machte Stephansort „jetzt einen sehr stattlichen Eindruck: schöne praktische Tropenhäuser sind entstanden; gut gepflegte Landstraßen sind innerhalb der Pflanzung angelegt.“Woldemar von Hanneken: „Eine Kolonie in der Wirklichkeit: Illusionsfreie Betrachtungen eines ehemaligen Stationsvorstehers im Schutzgebiet der Neu-Guinea-Compagnie“. In: Die Nation 10 (1896), S. 154–157; hier S. 157. (Wiederabdruck in Ulrike Keller (Hrsg.): Reisende in der Südsee seit 1520. Promedia, Wien 2004. ISBN 3-85371-224-X. S. 112–131.) Um 1900 verfügte Stephansort über Wirtschaftsanlagen, Verwaltungsgebäude, Beamten-Wohnhäuser,Rudolf Fitzner: Deutsches Kolonial-Handbuch, Band 2. Verlag H. Paetel, Berlin 1901. S. 63. ein auf Anregung von Curt von Hagen gegründetes großes Klubhaus, einen chinesisch geführten Kaufladen, Wohnhäuser, Arbeiterunterkünfte, einen großen Stationsladen, der die Europäer mit Lebensmitteln versorgte, Stallungen für Pferde, Zugochsen und Kühe, eine Apotheke sowie ein an einem See gelegenes Krankenhaus für Europäer. Daneben gab es ab 1892 auch ein Krankenhaus für Eingeborene.Margrit Davies: Public health and colonialism. Otto Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2002. ISBN 3447046007. S. 107. Im Jahr 1899 wird in der Illustrierten Beilage zur Deutschen Kolonialzeitung fast euphorisch über Stephansort berichtet. Von Bogadjim kommend, passierte man im Einspänner als „zunächst das zur rechten Hand liegende, stattliche, erst vor kurzem erbaute Haus der Rheinischen Mission, eine kleine Strecke weiter liegen an der linken Seite des Hauptweges die für eine Tropen-Kolonie wirklich großartigen Hospitalanlagen. Diese umfassen zunächst das Krankenhaus für Europäer mit einem Saal, vier Zimmern und Veranda, der Apotheke nebst Frauenkrankensaal und Nebenräumen, sodann je ein Haus für einen Krankenpfleger, für ansteckende Kranke, für Diarrhöekranke, Rekonvaleszenten und Neulinge. Da alle diese Gebäude ganz nahe an der See und zugleich an einem parkähnlichen Wäldchen liegen, so ist für gute Luft hinreichend gesorgt.“ Als Nächstes folgte rechten Hand und ein gutes Stück weiter ein chinesischer Kaufladen, der von einem Chinesen mit Unterstützung der Verwaltung unterhalten wurde, sowie ein malaiischer Laden. Auf „stattlichem Wege“ gelangten Besucher dann zu der aus zwei Zimmern und einer großen Veranda bestehenden Arztwohnung, zu der auch einige Nebengebäude zählten. Anschließend kam man zu einem gepflegten, großen Rondel, an dem das „imposante Hauptgebäude von Stephansort, die Wohnung des Generaldirektors der Neu-Guinea-Kompagnie, in dem sich gleichzeitig im Erdgeschoß die Bureauräume befinden. Außerdem haben wir auf Stephansort ein großes Klubhaus mit Billard“ … „Seine hübsche Lage im Park und unmittelbar an der See laden schon an sich den Vorüberwandelnden zum Niederlassen auf der Veranda ein. In der Nähe davon befindet sich ein Schießstand der Europäer. An weiteren Wohngebäuden für Europäer sind vorhanden ein Administratorenhaus, neun Häuser für Assistenten, ein Aufseherhaus, zwanzig Arbeiterhäuser für Javanen, Chinesen und Melanesen und vier Chinesen-Kongsies für je vierzig Mann, von denen jedes zwei Arbeiterhäuser von je zwanzig Mann, ein Aufseherhäuschen und eine Küche erhält. Außer den Gebäuden für den Tabak (drei Fermentier- und zwölf Trockenscheunen) sind mehrere Stallungen, Schuppen und Wagenhallen für die Feldbahn vorhanden.“Über Kaiser-Wilhelmsland In: Illustrierte Beilage zur Deutschen Kolonialzeitung 27, 16. Jahrgang (1899), S. 245.