mini|Victor Hehn Victor Hehn (auch Viktor Amadeus Hehn; * in Dorpat, Livland; † 21. März 1890 in Berlin) war ein deutsch-baltischer Kulturhistoriker und Bibliothekar.
Leben und Wirken Hehns Großvater, Johann Martin Hehn, war Pfarrer und estnischer Sprachforscher. Sein Vater, Gustav Heinrich Hehn, war Landgerichtssekretär und Advokat in Dorpat. Er besuchte eine Privatschule und anschließend das Gymnasium und studierte Klassische Philologie an der Kaiserlichen Universität Dorpat. Durch eine Hauslehrerstelle verdiente er sich das Geld für eine ausgedehnte Italienreise, die er erst 1838 nach Fortsetzung seiner Studien in Berlin antrat. In Dorpat hielt er 1848 eine vielbeachtete Reihe von Vorträgen Über Goethes Gedichte, aus der das 1911 postum erschienene gleichnamige Buch hervorging.Thomas Taterka: Goethe bei Victor Hehn. In: Gundega Grīnuma (Hrsg.): Gēte un Baltija = Goethe und die baltischen Länder. Herausgegeben im Auftrag der Latvijas Gētes biedrība (Goethe-Gesellschaft Riga). Nordik, Riga 2002, ISBN 9984-675-93-9, S. 305.
Wegen seiner Redaktionstätigkeit bei der Dorpater Wochenschrift Das Inland wurde Hehn von der Ochrana verhaftet und nach Tula verbannt. Durch Zar Alexander II. wurde die Verbannung aufgehoben. Hehn konnte nach Sankt Petersburg zurückkehren und wurde 1855 dort Oberbibliothekar der Kaiserlichen Bibliothek. Nach seiner Pensionierung 1873 lebte er als freier Autor in Berlin.
Hehn widmete sich insbesondere dem Werk Goethes. Er war ein überzeugter Anhänger Bismarcks und ein scharfer Zeitkritiker: „Könnte man sämmtliche deutsche Journalisten ausrotten, das Bildungs-Niveau der Nation würde sich in Jahresfrist merklich erhöhen“, schrieb er in einem Brief an Hermann Wichmann.Eberhard Köstler: Hymnus an das Leben. Katalog zur Stuttgarter Antiquariatsmesse Tutzing 2015, Angebot Nr. 126.
Hehn verfasste zahlreiche Reiseberichte und kulturhistorische Abhandlungen, etwa zur Geschichte der Kulturpflanzen. Von besonderem geschichtlichen Interesse ist sein Briefwechsel mit dem Komponisten und Schriftsteller Wichmann, einem Schüler von Louis Spohr und Felix Mendelssohn Bartholdy. Hehns Briefe an Wichmann wurden 1890 vom Empfänger selbst ediert und als Buch herausgegeben, die Gegenbriefe Wichmanns – über 400 Briefe und Karten – liegen in der Staatsbibliothek Berlin, Musikabteilung.
Hehns Briefe wurden von den Nachkommen Wichmanns im Jahre 2015 über ein Antiquariat zum Verkauf angeboten. Dabei wurde offenbar, dass Wichmann seinerzeit nicht unerhebliche Teile der Briefe ungedruckt ließ, was insbesondere die häufigen antisemitischen Ausfälle von Hehn betraf. Im Verkaufskatalog heißt es:
Hehns Antisemitismus war offenbar schon früher nicht unbeachtet geblieben. Die Germanistin Ella Mensch vermerkte im Jahr 1900 dazu in einem Beitrag über Goethe in Frankfurt in der Südwestdeutschen Rundschau Folgendes: Den von Hehn in seinen „Gedanken über Goethe“ geäußerten Befürchtungen eines überhand nehmenden jüdischen Einflusses, der dem Ansehen der Stadt Frankfurt zu schaden drohe, könne sie nicht beipflichten. Ella Mensch, "Im Jugendland Goethes", Südwestdeutsche Rundschau Nr. 1/Januar 1900, S. 17, https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglitData/tmp/pdf/suedwestdeutsche_rundschau1901__p0026-0029.pdf
Victor Hehn starb 1890 im Alter von 76 Jahren in Berlin und wurde auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Schöneberg beigesetzt. Das Grab ist nicht erhalten geblieben.Hans-Jürgen Mende: Lexikon Berliner Grabstätten. Haude & Spener, Berlin 2006, S. 303.
Seine Bücher, von denen viele erst postum herausgegeben worden waren, wurden in zahlreichen Nachdrucken und Neuausgaben bis weit in das 20. Jahrhundert verlegt.
Schriften (Auswahl) Italien. Ansichten und Streiflichter St. Petersburg, 1867; 2., stark vermehrte Auflage: Borntraeger, Berlin 1879. Kulturpflanzen und Hausthiere in ihrem Übergang aus Asien nach Griechenland und Italien sowie das übrige Europa. Historisch-linguistische Skizzen. Borntraeger, Berlin 1870, 5. Auflage ebenda 1887, 9. Auflage 1963 (Digitalisat der 8. Auflage von 1911). Das Salz. Eine kulturhistorische Studie. Insel-Verlag, Berlin und Frankfurt am Main 1873; Neuausgaben in der Insel-Bücherei (Band 286) und bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, Darmstadt 1964. Gedanken über Goethe. Borntraeger, Berlin 1887; Neuausgabe: Reichl, Darmstadt 1921.
Postum erschienen Briefe Victor Hehns, von 1876 bis zu seinem Tode 23. März 1890 an seinen Freund Hermann Wichmann. Herausgegeben von Herman Wichmann. Cotta, Stuttgart 1890. De moribus Ruthenorum. Zur Charakteristik der russischen Volksseele. Tagebuchblätter aus den Jahren 1857–1873. Herausgegeben von Theodor Schiemann. Cotta, Stuttgart 1892. Über Goethes Hermann und Dorothea. Cotta, Stuttgart 1893. Über die Physiognomie der italienischen Landschaft. Jonck & Poliewsky, Riga 1908. Über Goethes Gedichte. Herausgegeben von Eduard von der Hellen. Cotta, Stuttgart 1911. Goethe und das Publikum. Druck und Verlag Aktiengesellschaft (DUVAG), Bern 1946. Neuausgabe unter dem Titel Goethe und das Publikum. Eine Literaturgeschichte im Kleinen. Herausgegeben von Eugen Thurnher. Nicolai, Berlin 1988. Aus Victor Hehns Nachlass. Herausgegeben von Karl Deichgraeber. Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz 1951. Italien und Italiener. Drei Essays. Herausgegeben und eingeleitet von Eugen Thurnher. Pustet, Salzburg 1981.
Literatur
Michael Schwidtal: Victor Hehn – Kulturwissenschaft aus dem Geist der Philologie. Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2020, ISBN 978-3-8253-7279-8.
Weblinks
Hehn-Manuskripte in Bibliotheken und Archiven
Einzelnachweise
Kategorie:Kulturhistoriker Kategorie:Ehrendoktor der Kaiserlichen Universität Dorpat Kategorie:Deutsch-Balte Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1813 Kategorie:Gestorben 1890 Kategorie:Mann