Militärwissenschaft oder Wehrwissenschaft (), früher Kriegswissenschaft, ist die Wissenschaft zur Gewinnung von Erkenntnissen über den Charakter und die Gesetzmäßigkeiten des Krieges, insbesondere des bewaffneten Kampfes im Krieg, über die Vorbereitung der Streitkräfte und des Landes auf den Krieg und die Methoden der Kriegsführung.
Der Mehrzahlbegriff ‘Militärwissenschaften’ bzw. ‘Military Sciences’ findet zunehmend eine länderübergreifende, übernationale Anerkennung und Verwendung,Anders McDonald Sookermany: Handbook of Military Sciences. Year 2020. Englisch. (de – Handbuch der Militärwissenschaften). (Hrsg.) Staff & Defence College, Norwegian Defence University College, Oslo, Norway / Cham Switzerland (Springer International Publishing) 2020, um die militärischen Spezialisierungen oder auf das Militär bezogenen Teilgebiete aus dem Bereich der Gesellschafts-, der Natur- und der technischen Wissenschaften (z. B. Militärgeographie, Militärpädagogik oder Militärmedizin) zu verbinden. Ebenso wie die Definition sind die Teilgebiete der ‘Militärwissenschaften’ nicht abschließend festgelegt.
Die Militärwissenschaften werden auch angesehen als die Gesamtheit der wissenschaftlichen Erkenntnisse über das Militär, insbesondere über die Streitkräfte und ihren GebrauchAnmerkung: Carl v. Clausewitz (1780–1831) meidet den Begriff ‘Einsatz’, wenn er den Gebrauch der Streitkräfte durch die Politik, das heißt den ‘politischen Gebrauch’ im Blick hat. Dagegen wird in einer Definition bei Andreas Stupka (2010) vom ‘Einsatz’ gesprochen. Zit.: „Unter den Militärwissenschaften ist die Gesamtheit aller wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Verwendung und den „Einsatz“ von Streitkräften zu verstehen.“ In: Andreas Stupka: Militär Kritisch Denken – Wissenschaftsphilosophisch-theoretische Studien zu den Grundlagen der Militärwissenschaften. Dissertation, Universität Wien 2010, 407 S. Abruf am 6. August 2022, Zit. S. 375. (core.ac.uk) – im Frieden, bei Konflikt- und Krisenlagen und im bewaffneten Konflikt (Krieg) – über die daran teilnehmenden Kräfte und Mittel sowie über die Prinzipien, Formen und Methoden der Verhütung (Verhinderung, Prävention), der Vorbereitung, Führung und Durchführung des organisierten bewaffneten Kampfes (eines Krieges).
Die Lehre und Forschung zur Militärwissenschaft ist in mehr als zehn Staaten nachgewiesen.Andreas Thalhammer: Die Verwendung des Begriffs ‘Militärwissenschaften’ an ausgewählten ausländischen militärischen und zivilen Bildungseinrichtungen. In: Ders., Militärwissenschaften – Begriff, internationale Verwendung und Akzeptanz. der Landesverteidigungsakademie, Wien November 2012, 72 S.; darunter Tabelle 4.1, S. 61–65. Die Militärwissenschaft war in den Staaten des Warschauer Vertrages, darunter in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) eine staatlich anerkannte, selbstständige Wissenschaftsdisziplin.Rainer Böhme: Die Militärakademie in Dresden (1959–1990). Ein Rückblick – aus Anlass ihrer Gründung vor 60 Jahren. In: DGKSP-Diskussionspapiere, Dresden Dezember 2018 ISSN 2627-3470. 23 S.
Teilgebiete der Militärwissenschaften Übergreifende Wissenschaftsbereiche mini|Clausewitz’ Werk Vom Kriege, hrsg. Berlin 1957, Standort Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB)
Die Militärwissenschaften zeigen sich als Grenzwissenschaft. Sie vereinen in sich Disziplinen und Zweige aus dem Bereich der Gesellschafts-, Natur- und der Technikwissenschaften. Ebenso wie die Definition sind die Teilgebiete der Militärwissenschaften nicht abschließend festgelegt.
Oft werden bestimmte militärische Spezialisierungen eines Faches, wie zum Beispiel Wehrmedizin oder Militärgeographie, Teil der Militärwissenschaften.Eine tiefere Gliederung in: Andreas Stupka: Militär Kritisch Denken – Wissenschaftsphilosophisch-theoretische Studien zu den Grundlagen der Militärwissenschaften. Dissertation an der Universität Wien, Wien 2010, S. 376f. (utheses) Insbesondere gibt es große Schnittmengen: zu den Politikwissenschaften, darunter zu: Sicherheitspolitik, Militärpolitik, Strategische Studien, Friedens- und Konfliktforschung; zu anderen Gesellschaftswissenschaften, darunter zu: Militärgeschichte, Kriegskunst – Strategie (Militär), Operative Kunst und Taktik (Militär), Militärpädagogik, Militärpsychologie, Militärethik, Militärsoziologie, Polemologie, Militärgeographie; zu Naturwissenschaften, darunter zu Militärgeologie, Militärhydrographie, Militärmeteorologie, Militärhydrometeorologie; zur Mathematik, darunter zu: Ballistik und Schießtheorie, Militärkybernetik, Militärischer Informatik; zu technischen und ökonomischen Wissenschaften, darunter zu: Festungsbau, Militärtopographie, Militärgeodäsie, Militärkartographie, Militärphotogrammetrie, Militärische digitale Geoinformatik, Militär-/Wehrtechnik und Rüstung (Bewaffnung), Militärischer Elektronik, Militärökonomie, Militärischer Logistik. Einige militärische Spezialgebiete wie zum Beispiel Operations Research oder Logistik wurden im Laufe der Zeit weiterentwickelt und sind heute vornehmlich zivile Fachgebiete.Hans-Jürgen Zimmermann: Operations Research: Methoden und Modelle. Vieweg Verlag, Wiesbaden 2005, ISBN 3-528-03210-3, S. 6ff.Donald Bowersox u. a.: Logistical management: A systems integration of physical distribution, manufacturing support, and materials procurement. 3. Auflage. Macmillan, New York 1986, ISBN 0-02-313090-3. S. 6 ff.
Zweige der Militärwissenschaft in der DDR Die als selbstständige Wissenschaftsdisziplin anerkannte Militärwissenschaft unterzog sich 1990 einer kritischen BestandsaufnahmeZu den allgemeinen Grundlagen der Militärwissenschaft. Aus dem Protokoll der wissenschaftlichen Konferenz vom 26. April 1990 [an der Militärakademie in Dresden]. In: Schriften der Militärakademie ‘Friedrich Engels’, Heft 267, Dresden 1990, 70 S. Reprint 2022 in: DGKSP-Diskussionspapiere, Dresden Juli 2022, 67 S. Abruf am 6. August 2022. (slub.qucosa.de). vor einer anstehenden Militärreform und untergliederte sich bis dahin in die folgenden Wissenschaftszweige und Bestandteile: die allgemeine Theorie der Militärwissenschaft (auch: Allgemeine Grundlagen); die Theorie der Kriegskunst mit ihren Bestandteilen (Militär-)Strategie, Operative Kunst und Taktik; außerdem wurden die Militärgeografie, die Militärtopografie, die Geschichte der Kriegskunst hier bearbeitet; die Theorie des militärischen Aufbaus (des Streitkräfteaufbaus); die Theorie der militärischen Führung (auch: Truppenführung); die Theorie der militärischen Ausbildung und Erziehung; die Theorie der Militärökonomie und der Rückwärtigen Dienste; die Theorie der Ausrüstung und Bewaffnung (militärtechnischen Wissenschaften); die Theorien der Teilstreitkräfte.
Das militärtheoretische Denken in der DDR war von Anfang an, aufgrund der umfassenden politischen und militärischen Dominanz der UdSSR, durch die Gestaltung der sowjetischen (russländischen) Wissenschaftsdisziplin ‚Militärwissenschaft‘ (russisch – военная наука – Wojennaja Nauka) geprägt.Militärwissenschaft in der DDR 1949–1990. Ideengeschichtliche Grundlagen, Erkenntnisstand und kritische Wertung. In: Dresdener Studiengemeinschaft Sicherheitspolitik (DSS) e. V. (Hrsg.): DSS-Arbeitspapiere, Heft 5, Dresden 1992. ISSN 1436-6010. 106 S. Abruf am 4. August 2022. (slub.qucosa.de) Die Gebiete der Militärwissenschaft wurden meist aus zwei Perspektiven bearbeitet: aus der theoretischen und der angewandten Perspektive. Die nicht geringe Distanz zwischen beiden Teilen, wie zwischen Theorie und militärischer Praxis überhaupt, sollte durch eine effektive operativ-taktische Ausbildung verringert werden.
Geschichte der Militärwissenschaft Vorgeschichte Die Militärwissenschaft entwickelte sich in einem langen historischen Prozess im engen Zusammenhang mit der Militärpolitik der Völker, Staaten, Klassen, Nationen und Bündniskoalitionen, aber auch den Streitkräften, und den von ihnen geführten Kriegen, der Kriegskunst und dem militärtheoretischen Denken.
Elemente einer Militärwissenschaft entstanden wahrscheinlich bereits mit den Anfängen der Entwicklung menschlicher Gesellschaft weit vor der Antike. Der Militärhistoriker Abraham Malamat wies bereits 1975 mit mehreren Studien und in seinem Vortrag auf der internationalen Tagung in Teheran im Jahr 1976 begründet nach, dass in der Bibel nicht nur der Verlauf vielartiger Kriegsformen beschrieben ist, sondern dass dort klare theoretische Formulierungen einer ‚Kriegslehre‘ enthalten sind.Abraham Malamat: The Conquest of Canaan … In: Encyclopaedia Judaica, Yearbook 1975/76. S. 166–182. Sowie: Ders., The Conduct of Israelite Warfare in the Biblical Period. Konferenzvortrag am 9. Juli 1976. In: Acta, International Conference of Military History Teheran 1976, Bucharest 1978, S. 115–123. Beide in: Ders., Early Israelite Warfare and the Conquest of Canaan. The Fourth Sacks Lecture delivered on 21st June 1977. (Hrsg.) Oxford Centre for Postgraduate Hebrew Studies, Oxford 1978, 28 S. (ochjs.ac.uk)
Die ältesten europäischen schriftlichen Überlieferungen aus der Zeit des Trojanischen Krieges stammen von Homers Werk Ilias.
Nicht durch Dichtung, sondern auf der Basis mehrerer Tempelinschriften ist die Überlieferung der Schlacht bei Kadesch um 1274 v. Chr. zwischen dem altägyptischen Pharao Ramses II. und dem Hethiterkönig Muwattalli II. überliefert. Sie gilt als die beste dokumentierte Beschreibung eines Krieges und des Kriegswesens in der Antike bis zu diesem Zeitpunkt.Thomas Schneider: Lexikon der Pharaonen. Artemis & Winkler, München 1997, ISBN 3-7608-1102-7, S. 230.
Eine erste systematische Beschäftigung mit dem Kriegswesen an sich war das Buch Die Kunst des Krieges des chinesischen Generals Sunzi im 5. Jahrhundert vor Christus. Es gilt als das älteste erhaltene Werk über Strategie.
Insbesondere aus römischer Zeit sind viele theoretische Werke über das Militärwesen und den Festungsbau überliefert. Der Spätrömische Militärtheoretiker Flavius Vegetius Renatus verfasste mit Epitoma rei militaris ein Werk über das Militär und Kriegsführung im 4. Jahrhundert, das im Mittelalter und bis weit in die Neuzeit hinein als Standardwerk galt.Clifford J. Rogers: The Vegetian Science of Warfare in the Middle Ages. In: The Journal of Medieval Military History. Volume 1, 2003. Der byzantinischen Kaiser Leontos VI (866 – 912 n. Chr.) schrieb circa 900 n. Chr. die erste, heute bekannte Abhandlung über militärische Logistik im Rahmen seines Werkes Summarische Auseinandersetzung der Kriegskunst, das unter der Bezeichnung Leoninische militärische Institute bekannt geworden ist.
Entstehungs- und Begriffsgeschichte bis 1800 Zwischen 1519 und 1520 entstand die Abhandlung Dell’arte della guerra oder Die Kunst des Krieges von Niccolò Machiavelli, die hauptsächlich das Militärwesen beschreibt, und über Taktik, Strategie und Politik in der Feudalgesellschaft berichtet. Auch wenn das Frankreich Ludwig XIV. (1638–1715), die Heimat des Militärwesens (franz. militaire), auf der Höhe seiner Macht in Europa stand, tauchten in deutschen Buchtiteln die Wörter Militär/militärisch nicht auf.
In Deutschland erschien der Begriff Kriegs–Wissenschaft erstmals im Jahr 1699 in einem Buchtitel von Johann Sebastian Gruber. Dessen allgemeine Verwendung ist wohl erst mit der Herausgabe der Zeitschrift Kriegsbibliothek oder gesammelte Beiträge zur Kriegswissenschaft (1774–1781) durch Georg Dietrich von der Groeben markiert.mini|Fassade Unter den Linden 74, erbaut von Karl Friedrich Schinkel als Vereinigte Artillerie- u. Ingenieurschule|alternativtext= Bis ins 18. Jahrhundert wurde das Militärwesen und die Führung der Truppen oft als Kriegshandwerk oder Kunst und nicht als Wissenschaft verstanden. So wurden Offiziere in den Einheiten während des praktischen Dienstes ausgebildet. Eine wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Militär- und Kriegswesen bildete, bis auf Militärgeschichte, die Ausnahme.