Wanka oder Huanca-Ketschua ( „Wanka-Sprache“ oder Wanka Nunashimi, ) ist eine Varietät des zentralen Zweiges der Quechua-Sprachfamilie (Quechua I oder Waywash nach Alfredo Torero), die im südlichen Teil des peruanischen Departements Junín gesprochen wird. Es handelt sich um die Sprache des historischen Volks der Wanka.
Klassifikation Wanka unterscheidet sich besonders in der Aussprache, aber auch in der Grammatik so stark vom südlichen Quechua (Chanka, Qusqu-Qullaw), dass eine Verständigung nicht möglich ist. Auch zum verwandten Ancashino sind die phonologischen Unterschiede so stark, dass sich Sprecher beider Varianten nur mit Mühe gegenseitig verständlich machen können.
Wanka zerfällt in drei Dialekte (Waylla, Waycha, Shawsha), die ungefähr den drei historischen Reichen der Wanka (Hanan Huanca, Lulin Huanca, Hatun Xauxa) entsprechen. Der Dialekt von Shawsha, der sich phonetisch und lexikalisch von den anderen beiden stärker unterscheidet (genauer: ursprüngliche Quechua-Merkmale bewahrt hat), wird im Ethnologue von SIL International als eigene Quechua-Sprache geführt, M. Paul Lewis, Gary F. Simons, Charles D. Fennig (eds.): Quechua, Huaylla Wanca: a language of Peru. Ethnologue: Languages of the World. Seventeenth edition. SIL International, Dallas TX 2014. während Waycha-Wanka hier als Dialekt der Quechua-Sprache Waylla-Wanka zählt.Paul Lewis, Gary F. Simons, Charles D. Fennig (eds.): Quechua, Jauja Wanca: a language of Peru. Ethnologue: Languages of the World. Seventeenth edition. SIL International, Dallas TX 2014.
Phonologische Besonderheiten Wie andere Waywash-Mundarten und im Gegensatz zu Wampuy-Quechua kennt das Wanka jeweils drei lange (aa, ii, uu) und kurze Vokale (a, i, u). Mangels uvularem Plosiv gibt es keine Allophone [e] und [o]. Eine Besonderheit des Wanka (im Vergleich zu anderen Quechua-Varianten) ist, dass statt [r] fast immer [l] auftritt. Der ursprüngliche retroflexe Laut [ĉ] ("tr" bei Serafín Coronel Molina und Rodolfo Cerrón Palomino) hat sich (wie in nur relativ wenigen anderen Quechua-Varianten) erhalten, ebenso neben dem "sh" [š], wie es in allen zentralen und nördlichen Dialekten vorkommt, retroflexes [ŝ]. Ein Verständigungshindernis mit anderen Quechua-Sprechern besteht darin, dass im Waylla- und Waycha-Wanka das ursprüngliche [q] zu einem stimmlosen glottalen Plosiv (glottal stop) wird oder ganz verschwindet bzw. zu einer Verlängerung des Vokals führt (luuyay vs. südliches Quechua ruqyay „Lärm [machen]“). Im Shawsha-Quechua dagegen wird das ursprüngliche [q] wie [h] gesprochen, so dass es für andere Quechua-Sprecher leichter verständlich ist. Des Weiteren ist hier anlautendes [s] erhalten, das im Waylla- und Waycha-Wanka zu [h] geworden ist.
Verschriftlichung Lange Vokale werden seit der Regierung von Juan Velasco Alvarado (Wörterbuch und Grammatik Cerrón Palomino 1976) und bis heute Cieneguilla, (Lima) 2014. offiziell mit Vokalverdopplung (aa, ii, uu) geschrieben. Dies konkurriert mit Schreibweisen in SIL-Publikationen, Texten der Zeugen Jehovas und der Bibel, wo „ä, ï, ü“ geschrieben wird. Für die retroflexen Laute [ĉ] und [ŝ] wurde 2014 die Verwendung der Digraphen ćh und śh vereinbart. Serafín Coronel Molina und Rodolfo Cerrón Palomino geben in ihren Publikationen den retroflexen Laut [ĉ] mit „tr“ wieder, was allerdings bei spanischen Lehnwörtern (z. B. trabajay) zu Ungenauigkeiten führt. Wo in anderen Quechua-Varianten /q/ steht, also der stimmlose glottale Plosiv des Waylla-Wanka und [h] des Shawsha-Wanka, werden von Cerrón und Coronel auch „q“ geschrieben (z. B. luqyay statt luuyay bzw. SIL lüyay „Lärm [machen]“), so dass die Texte für andere Quechua-Sprecher leichter zu lesen sind. In neueren Publikationen des peruanischen Bildungsministeriums werden die hier beschriebenen Laute mit ĉ und ŝ vs. ch und sh wiedergegeben, der stimmlose glottale Plosiv dagegen wie bei Cerrón und Coronel und den 2014 beschlossenen Regeln mit q. Ministerio de Educación, Lima 2010. In anderen werden bereits die Digraphen ćh und śh verwendet. Ministerio de Educación, Lima 2010.
Grammatik Das Wanka teilt mit den anderen Waywash-Mundarten die typischen Endungen wie beispielsweise die Endvokalverlängerung für die 1. Person beim Verb und bei der Possessivendung, -l- (<*r) für das Gerundium, -ĉuu (-ĉaw) für „in, auf, an“, -pita für „von, aus“ und -ma- für „mich, mir“. Die Pluralformen des Verbs werden wie bei den Quechua-Varianten von Huánuco (z. B. Huallaga, aber im Gegensatz zum Ancash-Quechua) mit -paaku- gebildet. Das Anhängen von kaq („seiend“) an ein Nomen erfüllt die Funktion eines bestimmten Artikels.
Wortschatz Wanka-Quechua teilt einen großen Teil des Wortschatzes mit anderen Waywash-Varianten, so z. B. yalquy „herauskommen“, aqcha „Haar“, ashiy „suchen“. Bestimmte Wörter des Waylla-Wanka entsprechen jedoch dem Südlichen Quechua, als häufigste tawa „vier“ und liy „gehen“, die im Shawsha-Wanka wie im übrigen Waywash ĉusku bzw. ayway heißen. Unter den allein im Waylla-Wanka (unter Einschluss des Waycha-Wanka) vorkommenden Wörtern sticht das Personalpronomen yaqa (ya'a) „ich“ heraus, das in allen anderen Quechua-Varianten ñuqa (im Shawsha-Wanka ñuha) heißt, so dass solche auswärtigen Quechua-Sprecher von den Waylla-Wanka auch ñuka (Plural ñukakuna) genannt werden.
Vergleichende Untersuchungen von Alfredo Torero, ebenso wie von Rodolfo Cerrón Palomino und Serafín Coronel Molina, die beide Wanka-Quechua als Muttersprache sprechen, beweisen, dass das Quechua bereits Sprache der Wankas war, bevor es von den Inkas in Cuzco gesprochen wurde. Mario Vargas Llosa irrt sich also, wenn er in seinem Roman Tod in den Anden behauptet, die Inkas hätten den Wanka ihre Sprache aufgezwungen.Mario Vargas Llosa: Lituma en los Andes. (PDF; 825 kB; spanisch), S. 83. Allerdings haben sie Spuren in der Sprache in Form von Lehnwörtern hinterlassen, z. B. kari (Mann) oder irki (schwächliches Kind), bei denen q und r als k und r (statt l) auftreten. Wanka-Quechua gehört zum Quechua I (nach Torero), während die Inkas eine Variante von Quechua II (wie z. B. die heutigen Dialekte von Ayacucho und Cuzco) verwendeten. Diese Hauptzweige des Quechua hatten schon zur Inkazeit die Qualität verschiedener Sprachen, wie man auch an den so unterschiedlichen Quechua-Wörterbüchern von Domingo de Santo Tomás und Diego González Holguín aus dem 16. und 17. Jahrhundert erkennt.
Dokumentation Die linguistischen Unterschiede innerhalb der heute als Quechua bekannten Sprachfamilie waren den Gelehrten der katholischen Kirche seit den Anfängen der Kolonialzeit bekannt, und bereits in der Doctrina Christiana 1584 ist von „Barbarismen“ in den zentralperuanischen Mundarten der Lengua quichua die Rede. Juan de Figueredo veröffentlichte 1754 erstmals eine etwas ausführlichere Beschreibung des Quechua I (Waywash) oder der Lengua Chinchaysuyo,Juan de Figueredo: Lengua Chinchaysuyo, in: Diego de Torres Rubio: Arte y Vocabulario de la lengua quichua. Imprenta de la plazuela de San Christoval, Lima 1754. ohne dabei jedoch auf die Besonderheiten der in der Region der Huanca gesprochenen Mundarten im Vergleich zu anderen Waywash-Varietäten einzugehen. Die Waywash-Mundarten waren gegenüber dem Quechua der Region Lima bzw. später dem Cusco-Quechua stigmatisiert, so dass es in diesen Varianten kaum koloniale Literatur gibt.Alfredo Torero: Acerca de la lengua chinchaysuyo. In: César Itier (ed.): Del Siglo de Oro al Siglo de las Luces. Lenguaje y Sociedad en los Andes del siglo XVIII. Estudios y Debates Regionales Andinos, 89. Centro de Estudios Regionales Andinos Bartolomé de Las Casas, Cusco 1995. S. 13–31. Eine erste besondere Berücksichtigung findet das Wanka-Quechua neben dem Ancash-Quechua und den südlichen Varianten Cusco-Quechua und Ayacucho-Quechua sowie dem Aymara in einem „Polyglotten Inka-Vokabular“ für katholische Priester im Jahre 1905.Vocabulario políglota incaico, comprende más de 12 000 voces castellanas y 100 000 de keshua del Cuzco, Ayacucho, Junín, Ancash y Aymará. Tipología del Colegio de propaganda fide del Perú, Lima 1905. Für den Teil auf Wanka- und Chanka-Quechua war der Priester José Francisco Ráez verantwortlich, der kurz darauf zwei Werke über das Wanka-Quechua herausbrachte: Vocabulario de Ayacucho y Junín (1905) und Gramática del quíchua-huanca o sea del Centro del Perú (1917).Rodolfo Cerrón Palomino: El franciscano Raez y la unificación del quechua. Anthropológica (1989), S. 203–246, hier S. 213.
José María Arguedas veröffentlichte 1953 einige von ihm gesammelte Erzählungen über den Condenado oder Asiaj (Wanka-Quechua asyaq, „stinkend“), die er im Mantaro-Tal im Departamento Junín aufgezeichnet hatte, allerdings in spanischer Sprache.José María Arguedas: Cuentos mágico realistas y canciones de fiesta tradicional del valle del Mantaro, Provincias de Jauja y Concepción – Archivo del Instituto de Estudios Etnológicos. In: Folklore Americano, Jahr 1, Nr. 1, Lima 1953, S. 169. En la creencia del vulgo los condenados son almas pecadoras que juzgadas por Dios, han sido sentenciadas a vivir en las Cordilleras. Son espíritus que salen a la hora del crepúcsculo o en ciertas horas de la noche y andan por los alrededores de la cordillera infundiendo susto a los caminantes.Elena Ortega de Orellana: El Asiaj, in: José María Arguedas: Cuentos mágico realistas y canciones de fiesta tradicional del valle del Mantaro, Provincias de Jauja y Concepción – Archivo del Instituto de Estudios Etnológicos. In: Folklore Americano, Jahr 1, Nr. 1, Lima 1953, S. 131. Erstmals wurden von Jorge Chacón Sihuay 1973 eine Reihe von gesammelten Erzählungen der mündlichen Tradition für den akademischen Gebrauch in phonetischer Umschrift veröffentlicht.Jorge Chacón Sihuay (Hrsg.): Quechua wanka: Pescuezo de gallo (cuento). El condenado (relato). La orquesta del condenado (relato). El gato jergón (cuento). El Juan Burro (fábula). Piculín (cuento). El zorro y la wuachwa (cuento). El ratón y el acaclluy (fábula). Arriero (relato). Mi enamorada (diálogo). La muerte de mi hijo (relato). El hombre que buscaba viveres (cuento). Los tres hermanos (cuento). Transcripción fonética, fonémica y grafémica de textos. Documento de trabajo no. 22, 23. Lima: Universidad Nacional Mayor de San Marcos, Centro de Investigación de Lingüística Aplicada. Lima 1973. Rodolfo Cerrón Palomino war es, der im Auftrag der Regierung Juan Velasco Alvarado als erster ein eigenes Wörterbuch und eine Grammatik für das Wanka-Quechua erarbeitete (beide veröffentlicht 1976). Bis heute ist allerdings die Produktion von Wanka-Texten im Vergleich zum südlichen Quechua, aber auch zum Ancash-Quechua, sehr spärlich. Einher geht dies mit dem Rückgang der Sprache in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Immerhin hat aber Santiago Vásquez de la Cruz 2006 ein neues Wörterbuch Wanka-Spanisch herausgegeben.
Soziolinguistische Situation Im Laufe der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist das Wanka-Quechua durch staatliche Politik der Hispanisierung (Castellanización) (z. B. Sprechverbot in der Schule) besonders im Mantaro-Tal durch das Spanische verdrängt wordenYalpatrakuy (Testimonio). In: Rodolfo Cerrón-Palomino: Lengua y sociedad en el Valle del Mantaro. Instituto de Estudios Peruanos, Lima 1989. und hält sich nur noch in Berggegenden als Alltagssprache. Für das Shawsha-Wanka gab Wroughton 1996 an, die Sprache nur noch in einem Dorf aus dem Munde jüngerer Menschen gehört zu haben. Untersuchungen von 2014 in Cochangara (Distrikt Ahuac, Provinz Chupaca) zeigen auch für das Waylla-Wanka, dass Eltern auf Grund der sozialen Stigmatisierung der Sprache diese nicht mehr an die Kinder weitergeben.Oscar Orihuela Millán & Yhon Deni León Chinchilla: Proceso de extinción y desprestigio del quechua-wanka. El caso del Centro Poblado de Cochangara, Ahuac-Chupaca. XV diálogo de estudiantes de lingüística, Pontificia Universidad Católica del Perú PUCP, Lima 2014.